Alle Artikel der Kategorie "Kultur"

Eine Tüte Deutsch bitte!

Geschrieben am 22. Oktober 2011 von Raphael in Gesellschaft, Kultur, Politik.

Miro Jennerjahn erklärt in dem oben stehenden Video der NPD im Sächsischen Landtag die deutsche Sprache und es ist nicht nur unterhaltsam, sondern entlarvt durch eine unprätentiöse Geschichte der deutschen Sprache die geistige Sackgasse nationaler Gesinnung. Das was wir uns bisweilen als Kultur, Nation oder Sprachraum zusammenschustern ist natürlich nicht einfach nur Blödsinn. Aber wenn diese Zufälligkeiten als Argument für was auch immer gewählt werden, dann wird es nicht nur schief, sondern eben vor allem recht dämlich.

Sicherlich braucht man in verschiedenen Kontexten diese Hybridzuschreibungen und kann damit völlig unproblematisch umgehen, aber wenn sie als Wert für sich selbst gelten sollen, dann bricht das Eis und man landet im Ozean der schmalen Bretter. Flachborer dieser Art begegnen einem aber nicht nur bei NPD-Mitgliedern, sondern sind so verbreitet in unserer Gesellschaft, dass sich jeder, der dieses Video gut findet, richtig, wichtig und endlich mal den Nazis auf die Fresse, fragen muss, ob solche Konglomerate der nicht argumentierenden Argumente nicht auch in seinem Köcher des alltäglichen Miteinander einen Stammplatz haben.

Ganze Generationenkonflikte entäußern ihren Sinn in solchen Sprachspielen, die den Streit heraufbeschwören wie eine Partie Mensch ärgere dich nicht. Papa sagt, sach nicht geil, das macht man nicht, Sohn sagt, ist doch aber geil. Das ist dieselbe Suppe, die die Nazis da jetzt auszulöffeln versuchen. Sprache verändert sich nicht nur, sie ist Veränderung selbst. Eine starre Sprache ist keine Sprache mehr. Ein starrer Geist ist eben auch kein geist mehr, weshalb man von Nazis auch immer nur den selben Mist in immer gleicher Form hört. Das ist langweilig und eigentlich sogar recht uninteressant. Auch die immer wiederkehrenden Nörgeleien über Jugendsprache Verrohung der Werte, unserer Gesellschaft und diesem Internet sind nicht neu. Man sagt ja, selbst Sokrates hätte sich schon über die Jugend echauffiert.

Sicherlich ist es nicht ganz einfach für bestimmte Sachverhalte gute Argumente zu finden, zumal wenn sie bestimmte Handlungsvorschriften nach sich ziehen sollen. Erschwert wird das durch die Argumentationslosigkeit ind er Politik, die Argumente bisweilen wie Nebelkerzen erscheinen lässt. Auch ein alter Trick übrigens. Aber Werte erschleicht man sich nicht. Und Sprache legt man nicht in Parlamenten fest. Nicht mal im Orwellschen 1984. Das versucht man nur und dieser Versuch allein reicht aus um mehr Komplexität der Sprache zu erschaffen, als dass diese wieder sprachlich reduziert werden kann. Wenn man spricht, schafft man neues und sei es, wenn man flammende Reden gegen das Neue schafft. Das lässt sich nicht abschaffen. Außer durch Schweigen. Und das sollte man vielleicht öfter mal, frei nach Wittgenstein.

Oder den Dünnpfiff eben einfach als solchen kennzeichnen, denn dann wird es wieder zum sinnvollen Sprachspiel. Nazis verstehen sich ja auch untereinander, die verstehen nur sonst nichts. Und damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt angelangt.

Angeregt hat diesen Artikel übrigens der Sprachblog.

Bildung – ein Rohstoff?

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Geschrieben am 13. Dezember 2010 von Johannes Factotum in Gesellschaft, Kultur, Politik.

Die Blumen des Bösen stehen in Blüte. Jemand muss sie zertreten bevor sie sich ausbreiten. Die Blumen, das sind blumige Worte, die anlässlich der jüngst veröffentlichen Pisa-Studie wie Pilze aus dem Boden schießen. So wird die Wissenschaftsministerin Annette Schavan nicht müde, das Bild einer aufstrebenden „Bildungsnation“ zu beschwören. Von klassischer Bildung oder Allgemeinbildung ist dabei freilich nicht die Rede. Was für eine Vorstellung von Bildung ist es, die die Hoffnung unseres Landes sein soll? Es ist ein besonders arroganter Witz, dass die unglückselige Verdinglichung, die ihr zu Grunde liegt, ganz unverhohlen ausgesprochen und ins Positive gewendet wird. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete die Bildung einst als „wichtigsten Rohstoff unseres Landes“. Er formuliert damit ein Vorurteil, das keineswegs neu ist, in diesen Tagen jedoch zunehmend absurdere Früchte trägt: Bildung sei ein im wörtlichen Sinne herstellbares Gut.

Der großmäulige und kurzbeinige Wunschtraum eines unversiegbaren, ja quasi unbegrenzt steigerbaren Rohstoffvorkommens ist sicher verlockend. Er nährt nicht nur die Hoffnung auf nationalen Wohlstand, sondern verspricht vor allem auch dem Individuum, seine eigene Bildungsbiographie – und damit die Fahrkarte zu gesellschaftlicher Anerkennung und wirtschaftlicher Prosperität – selbst in der Hand zu haben. (Gleichzeitig aber gibt er hinterrücks einem jeden „Ungebildeten“ selbst die Schuld für sein Versagen.)

Um jedoch das Perpetuum Mobile sozialen Wohlstands in Gang zu bringen, muss, so folgern wir mit kaufmännischer Bauernschläue (und auf der Basis des zu Grunde gelegten Produktionsvokabulars vollkommen korrekt) zunächst einmal Geld investiert werden. Mehr Output erfordert mehr Input. Hier liegt der Grund dafür, dass bildungspolitische Gegner, sobald es ums Geld geht, urplötzlich ins selbe Horn stoßen. Es geht weder um soziale Gerechtigkeit noch um wissenschaftliche Konkurrenzfähigkeit: empörte Eltern wie auch die Präsidenten vermeidlicher Elite-Universitäten glauben gleichermaßen, dass eine notwendige Korrelation zwischen zusätzlichen Aufwendungen und „mehr Bildung“ besteht. Dass dies nicht der Fall ist zeigt die Erfahrung. Es ist nicht so, als hätten sich die Mittel für Bildung im Laufe der Jahrzehnte nicht vervielfacht. Die Zahl der Analphabeten ist deswegen jedoch kaum geringer geworden.

Eine verdinglichende Vorstellung von Bildung besagt nicht zuletzt, dass das sich-bilden etwas ist, das sich gegenüber dem Lernenden rein äußerlich verhält. Der Mensch ist ein Mängelwesen, ein „von Natur aus“  ungebildetes Subjekt, dem man die hohe Weihe der Bildung angedeihen lassen muss. Er verfügt weder über den Willen, noch über die Mittel, um sich aus freien Stücken heraus Bildung anzueignen. Der Mensch ist ein Subjekt, das beschult werden muss. Die Bologna-Reformen sind kein bürokratisches Missverständnis. Sie sind die Manifestation eines kollektiven Willens zu Beschulung. Die Kritiker von Bologna, die zum Teil medienwirksam auf sich aufmerksam machten, bleiben in dieser Vorstellung verhaftet und bestärken sie gar. Sie fordern keine Nicht-Beschulung, sondern ein besseres und breiteres Beschulungsangebot. Sie stellen die Idee von Bildung als herstellbares Gut nicht in Frage, sondern fordern – oh süße Dialektik! – einen Übergang von der verschulten „Planwirtschaft“ zur „freien Wirtschaft“. Sie krakeelen, Bildung sei keine Ware, und träumen von einer Universität, die nichts anderes ist als ein großes, alternatives Bildungskaufhaus.

Wenn der Mensch als beschulbares Subjekt ein Teil der Bildungsmaschinerie ist, scheint er seinerseits zum formbaren Material zu werden. So frohlockte eine studentische Vertreterin der Universität Heidelberg im Zuge der Exzellenz-Initiative, dass „aus exzellentem Menschenmaterial [Hervorhebung von mir] unter exzellenten Bedingungen exzellentes geschaffen wurde“. Auch, wenn es mir in diesem Zusammenhang keine Freude bereitet recht zu behalten, muss ich den eventuellen Einwand zurückweisen, hierbei handle es sich um einen willkürlich herausgegriffenen Einzelfall oder eine polemische Überspitzung. Die Auffassung, dass der Mensch eine rein kontingente Beziehung zu einem Ding namens „Bildung“ habe, hinterlässt in der Bildungspolitik tiefe Spuren. Wenn Annette Schavan fordert, Schüler aufgrund eines (de facto nicht vorhandenem) wirtschaftlichen Bedarfs zu technischen Fächern „hinzuführen“, so ist dies – nicht im juristischen, negativen, wohl aber im positiven Sinne ein unverhohlener Anschlag auf das Grundrecht auf Berufswahl.

Eine solche „Bildungsnation“ ist kein  Land der Dichter und Denker. Sie ist eine Industrienation mit anderen Mitteln, denn sie steht nicht im Zeichen der Ideen, sondern der Massenproduktion. Sie ist eine Leistungsgesellschaft, die ihre Zwänge nicht mehr durch den Druck zur Subsistenzsicherung auferlegt bekommt, sondern sie aus freien Stücken verinnerlicht hat. Sie ist ein Land, in dem die Neurosen blühen und die Stilblüten Wurzeln schlagen. Ein Land, in dem der Geist im wahrsten Sinne des Wortes verroht.

Ausschnitte aus Nächten Teil 2

Geschrieben am 14. November 2010 von Max in Kultur.

Wenn man von hier runterfällt oder springt, dann bricht man sich vielleicht die Beine, denke ich als ich zwischen den Gitterstäben in die Lahn pisse. Ich wanke ein bisschen, aber schaffe es immer durch die gleiche Stelle zwischen den Stäben zu treffen.

Hinter meinem Rücken ist die Party in vollem Gange, aber ich hab auch nur noch ein halbes Bier, das unten an den Tischbeinen steht, an dem du auch stehst. Drinnen kommt ein zwei Meter großer Schwarzer auf mich zu, und sagt irgendwas und nennt mich dann “Baby”, er fasst mir durch die Haare und schenkt mir Wein ein, und ich guck einfach nur zu dir rüber wie du dich mit irgendeinem Typen unterhälst.

Der Schwarze hat aufgehört zu reden, aber nennt mich ab und an noch “Baby”, während er mich von der Seite anschaut. Jedenfalls trinke ich seinen Wein aus dem Pappbecher und guck mir deine großen, blauen Augen an. Du hast dir die Haare wie sonst auch immer zusammen gebunden, und trägst die Jacke so, wie man sie sich um die Schultern hängt, wenn es kalt ist.

Manchmal ist es wirklich beschissen, denk ich mir, als der schwarze Typ mir an den Arsch fasst, er fasst richtig kräftig zu, dann frag ich mich worüber du lachst und was der andere Typ wohl gesagt hat, dass du so schön lächelst. Mir kanns ja auch egal sein, ich hab noch Wein im Becher und such mein Bier an den Tischbeinen. Heute Abend schaust du nicht mehr zu mir rüber, und der Schwarze sagt nur “du bist ein Model, ein verfickets Model”. Der Rest Wein wippt über den Rand als ich ihn auf den Tisch stelle.

Ich geh noch ein bisschen raus, weil die Nacht eigentlich ganz schön ist, hoch zum Schloss, hab noch zwei Bier von der Party mitgenommen. Dann sitz ich oben auf der Mauer, und wenn man hier runterspringt dann bricht man sich bestimmt die Beine. Ich rede einfach in den Wind mit der Freundin, die vor einem Jahr gestorben is, garnich weit weg vom Schloss auf der Treppe. Ich rede in normaler Lautstärke, weil sowieso niemand kommt um 5 Uhr morgens. Der letzte Schluck aus der Bierdose landet im Busch, scheiß drauf, es ist ja keiner da, ausserdem bist du mit dem Typ von der Party abgezogen. Ich rufe eine gute Freundin an, hab einfach Lust heute neben ihr im Bett zu liegen und meinen Rausch auszuschlafen.

Ausschnitte aus Nächten Teil 1

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Geschrieben am 9. November 2010 von Max in Kultur.

Er ist ein kleines Stück größer als ich und ich glaube auch nicht ganz so besoffen, jedenfalls bietet er mir die halbe Zigarette an, die wir dann zusammen rauchen. Er ist Student, hier wo man eigentlich nicht studieren kann, es gibt etwas um die 500 Studenten auf 180.000 Einwohner, er macht Physik oder sowas in die Richtung, auch irgendwas mit Logistik. Wir haben mal in einer Jazz-Combo gespielt, er Bass und ich Gitarre und noch ein paar Leute, aber wir haben irgendwann aufgehört und er ging dann immer alleine nach Hause und eigentlich sehe ich ihn dann auch nur immer alleine an so Nächten wie heute in irgendwelchen Bars hocken.

Wir treten ein Stück zusammen und er ist wirklich größer als ich und doch nicht viel weniger besoffen. Ich verpass ihm etwa zehn Dinger auf den Oberkörper und spühre seine Rippen unter meinen Fingerknöcheln, sein Oberkörper ist ziemlich hart, er atmet immer leicht aus, wenn ihn einer meiner Schläge auf die Arme trifft. Ich gucke ihm nicht mal richtig in die Augen, sehe nur die gekreuzten Arme vor mir auf die ich einprügele und frage mich wann er endlich schlägt. Dann bereue ich es sofort geraucht zu habe, denn mir geht schnell der Atem aus. Ich stolper ein paar Schritte zurück, und meine Sohlen kratzen auf dem Asphalt. Er kommt nicht sofort hinterher, heute macht er das zum ersten Mal, jedenfalls geh ich wieder auf ihn zu, versuch ihm wenigstens noch ein, zwei unter die Knochen zu schlagen, irgendwas auf die Leber, aber nichts trifft und er steckt auch alles locker weg. Sein erster Schlag trifft meine Faust und die dann meine Luftröhre, die zweite trifft mein Rückgrad und ich klapp sofort zusammen und lieg auf dem beschissenen feuchten Parkplatzboden hinter der Kneipe.

Es hat heute Nachmittag geregnet, als ich wach geworden bin, und die Steinchen sind noch nass, die sich in meine Wangen drücken. Ich muss schnell wieder aufstehen, weiß ich, nicht weil es peinlich ist auf dem Boden zu liegen, sondern weil der Kampf gelaufen ist und wenn man länger liegt und irgendwer kommt vorbei ist das immer auffällig, außerdem will ich ihn umarmen, denn für sein erstes Mal hat er ganz schön ordentlich zugelangt.

Ich steh auf und bin froh meine Beine sicherer als gedacht unter mir zuhaben, aber mein Rücken schmerzt wie die Hölle, er sagt sofort dass es ihm Leid tut, aber wundert sich auch wieso ich ihn so fröhlich anschaue. Er hat es sofort verstanden und sich nicht angestellt, wir haben auch vorher nicht viel geredet, das is viel wert. Dann nehme ich ihn in die Arme und sage, dass ihm nichts Leid tun brauch und er alles gut gemacht hat.

Ich bin froh, als wir auf dem Bordstein sitzen und noch eine rauchen, während die nächsten dran sind. Der Fettsack gegen einen großen, aber etwas schlacksigen, dürren Freund von mir. Die Runde ist schnell vorbei, weil der Fettsack einfach viel zu lahm ist und aufgibt, nachdem er sich krümmt. Ich nehm das Bierglas mit nach Hause, und die Nacht ist auch halb rum, auf dem Weg hab ich irgendwie das Gefühl, auch wenn mein Rücken immernoch schmerzt, dass ich trotzdem ganz zufrieden bin.

Nichtigkeiten I

5 Kommentare    /
Geschrieben am 14. August 2009 von Wowik in Blog, Kultur.

Damit mal wieder etwas Leben in die Bude hier kommt gibt es im Folgenden eine Kurzgeschichte aus der Reihe “Nichtigkeiten” zu lesen. Zerstörerische und erbauliche Kritiken sind gleichermaßen willkommen. Kleine Rechtschreibfehler dürften sich finden lassen.

Nichtigkeiten – Die Kerze

Die Kerzenflamme zuckte ein wenig, als ob jemand von der Seite mit zu schwachem Atem dagegen gepustet hätte, jedoch befand sich niemand in der Nähe dessen Lungen diesen Luftstoß hätten hervorbringen können, sodass man, aus einem Mangel an anderen, ersichtlichen Ursachen, die augenblickliche Unruhe der Flamme, auf undichte Fenster, eine offene Tür oder – was am wahrscheinlichsten schien – auf eine zufällige Verwirbelung der Raumluft zurückführen musste, welche nur einen Moment lang, die ruhige Gleichmäßigkeit, mit der die Flamme ihren feurigen Tanz aufzuführen pflegte, gestört hat; der mysteriöse Windzug verschwand ebenso plötzlich wie er aus der Tiefe des Zimmers herbei gestürmt war.

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Die Endlosrekursion

Die Endlosrekursion ist ein gemischter Gemeinschaftsblog mit den Themen Philosophie, Recht, Leben, Gedichte, Gesellschaft, Kultur, Medien und Fotografie. Die Endlosrekursion verfolgt kein klares Ziel, sondern stellt vielmehr ein Experiment des versuchten Schreibens mit Spaß, Anstrengung und Anspruch dar.

Letzte Kommentare

  • mona lisa: - klasse geschrieben! - waren die widerlichen Bananenstückchen zum Hause im Müsli? - muss es nicht heißen: sondern in einem so geprägten Tun zu leben?...
  • marion: gruppen gibt es viele...
  • ddflies: Wird mal wieder Zeit auszumisten, oder???. Also, die Mistgabeln stehen bereit. mfg....
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