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Warum ich politikverdrossen bin ohne es zu sein

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Geschrieben am 24. Januar 2009 von Raphael in Gesellschaft.

Ich habe in einem melancholischen Anfall von Schreibmüdigkeit einen Beitrag im Onezblog verfasst, der versucht auszudrücken, warum ich nicht mehr Blogge, wie ich mal gebloggt habe. Dort schreibe ich, dass mir Politik gerade am Allerwertesten vorbei geht und Claudia hat darauf regiert und fragt mich bissig:

Wie seltsam, dass dir ausgerechnet in diesen Zeiten Politik so uninteressant erscheint! Ich finde, so spannend wie derzeit war es lange nicht: die Finanz- und Wirtschaftskrise berührt viele Menschen ganz persönlich, es wird wieder “die Systemfrage” gestellt, man überlegt, wie man das Finanz-Casino regeln kann und die Prognosen, was noch in nächster Zeit auf uns zukommt, sind ausgesprochen katastrophal. Lebst du in einem so sicheren Elfenbeinturm, dass dich das alles nicht tangiert?

Ich bin froh, dass mich Claudia so angegangen ist, kann ich doch so versuchen zu erklären, was in der Überschrift dieses Artikels als Paradoxon ausgedrückt wird. Ich möchte hinten anfangen und versichern, dass ich mich allerdings sicher genug in meinem Elfenbeinturm fühle und froh bin, dies auch sein zu können. Dabei steht weniger meine finanzielle oder perspektivische Zukunft im Vordergrund, sonder vielmehr eine Geisteshaltung, die ich im allgemeinen vermisse und die Ursache meine schreibenden Politikabstinenz ist. Ich halte die momentane Krise nur deshalb für eine wirkliche Krise, weil sich Hinz und Kunz dazu aufgerufen fühlt bei jeder Meldung die nicht den absoluten Aufschwung prognostiziert, ganz lauthals “Krise” zu brüllen. Die “Krise” ist überall, jeder nutzt sie um das zu tun, was ja angeblich die Krise hervorgebracht hat: sich hervorzutun. All die ganzen Spinner, die jetzt an die Oberfläche gespült werden, die es ja schon immer gewusst haben und sich jetzt bestätig zu allem berufen fühlen. Kennt ihr den Film “Fletchers Visionen” mit Mel Gibson und Julia Roberts? Dort produziert Jerry pausenlos Verschwörungstheorien und wir eines Tages wirklich von der CIA entführt und soll ausbreiten, woher er sein “Wissen” hat und an wen er es weitergegeben hat. Da ihm aber nicht gesagt wird, welche seiner Theorien hier gerade abgefragt wird, kann er einfach nicht antworten. Er weiß einfach nicht, welche seiner tausenden Verschwörungstheorien sich denn jetzt bewahrheitet hat. Ein Blindes Huhn finden auch mal ein Korn, trifft es wohl ganz gut.

Ich kann und will mich in Anbetracht einer solchen Grundhaltung nicht zu Vorgängen äußern, die ich ganz und gar nicht für eine Krise halte, sondern vielmehr für das funktionieren einer Ordnung, die sehr lange überstrapaziert wurde. Überstrapaziert aber nicht allein von den jetzt marginalisierten teuflisch egoistischen Managern und korrupten Politikern, sondern von jedem Einzelnen in der westlichen Welt lebenden Menschen, der sich nie über eine Struktur aufgeregt hat, die ihn befördert hat. Jetzt brechen die Teile weg, die schon lange eine riesen Seifenblase waren. Was daran ist so dramatisch?

Aber ich will das gar nicht in concreto diskutieren, weil mir sonst wieder all die armen Menschen um die Ohren gehauen werden, die viel Geld, ihren Job und was weiß ich noch alles verloren haben. Dass soll nicht das Schicksal Einzelner verklären, aber es hat sich dennoch niemand beschwert, solange alles funktioniert hat.

Jetzt, in einer aufgeheizten Stimmung, wo die hochtrabende Idee wieder mehr zählt, als das kühle Argument, habe ich keine Lust mich über Systemfragen mit Leuten zu unterhalten, die solange die Fresse nicht aufgemacht haben, wie sie das System unterstützt hat, aber die ersten sind, die einfordern, was sie nie gegeben haben. Das ist Opportunismus in Reinform. Was mir vorgeworfen werden kann und soll, ist dass ich hier genauso verallgemeinere und vielen damit nicht gerecht werde. Weil ich eben merke, dass mich die Stimmung auch nicht kalt lässt. Aber über Verbesserungen und notwendige Reformen oder sogar grundsätzliche Änderungen diskutiert man nicht in Rage. Jedenfalls nicht, wenn man annimmt, dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt, Menschen aber auch nicht vollkommen anders handeln, nur weil sie achtzig Jahre später leben.

Ich könnte hier jetzt noch seitenlange rhetorisch wie argumentative Bomben aufschreiben, warum die “Krise” zwar keine tolle Situation ist, warum ich auch einiges notwendig zu verändern halte, was ich verändern würde etc. Interessant ist dies aber nicht aufgrund der “Krise”, sondern lediglich in einer prinzipiellen Hinsicht. Der Aktionismus, der in Teilen zwar gerechtfertigt sein mag, ist doch Teil dessen, was jetzt überall verteufelt wird. Neu Anfangen kann man nicht in Krisenzeiten, da gibt es nur Umbrüche, die einen mir suspekten Hang zur schwarz-weißen Metaphorik haben, sondern in Zeiten, wo man nicht zur Reaktion gezwungen ist. Das mögen Ansichten aus dem Elfenbeinturm sein, der weniger mit den momentanen Krisen und dafür besser mit den prinzipiellen Problemen umzugehen weiß, aber diese Haltung werde ich nicht verloren gehen lassen, nur weil es verbreitete Meinung ist, es sei erste Bürgerpflicht jetzt das “richtige” zu meinen, zu tun und zu denken.

Ich werde mich nicht von einer Hysterie anstecken lassen, die weit größere und gefährlichere Auswirkungen haben kann als eine Rezession.

Das Versagen der internationalen Gemeinschaft

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Geschrieben am 7. Dezember 2008 von Raphael in Gesellschaft.

Einige von uns, vielleicht eher die älteren, werden sich sicher noch an den Genozid in Ruanda erinnern. 500.000 bis eine Millionen Tutsi sind damals in einem geplanten Akt der Hutu-Regierung mit Hilfe der mehrheitlich aus Hutu bestehenden Bevölkerung getötet worden, ob ihrer Ethnie. Die Straßen des Landes waren mit Leichen gesäumt und die UN-Friedens-Mission hatte nichts besseres zu tun, als 2000 ihrer 2500 in Ruanda stationierten Blauhelmsoldaten abzuziehen. Natürlich erst, nachdem sie alle westlichen Bürger evakuiert hatte.

Man befand, dass das Töten wohl am besten durch Appelle und Verurteilung des Vökermordes zu beenden sei. Völkermord wurde es selbstredend erst genannt, als dieser längst vorbei war und man so durch diese Wortwahl nicht aufgrund der internationalen Agenda der UN zum Eingreifen gezwungen gewesen wäre.

Filme wie “Hotel Ruanda” oder “Shake hands with the devil”, UN-Protokolle und Reports des leitenden Generals der Friedensmission in Ruanda Dallaire zeigen und beweisen eindrucksvoll, dass die internationale Gemeinschaft sehr wohl vom Genozid informiert gewesen ist und nicht reagiert hat.

Es gibt einige Erklärungsansätze, warum die einzelnen Akteure nicht gehandelt haben. So saß beispielsweise den USA wohl noch der Schreck Somalias im Nacken und sie ließen sie den Brechtschen Aphorismus “Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.” zur grausamen Realität werden. Dallaire hat mehrfach um eine Aufstockung gebeten und die Lage so eingeschätzt, dass mit einer Aufstockung der Blauhelmtruppen auf 5000 Soldaten, der Genozid zu verhindern gewesen wäre. Er konnte mit seiner verbliebenen Rumpftruppe etwa 30.000 Menschen das Leben retten. Eine massive Präsenz hätte den Massenmord erst gar nicht entstehen lassen.

Geschichte wiederholt sich und es ist bezeichnend, dass das Versagen der UN zu dem Konflikt führte, bzw. ihn stark beeinflusst, in dem sich die UN anschickt ihre Fehler zu wiederholen.

Horst Köhler hat vor knapp einem Monat versucht eine Diskussion über eine Truppenaufstockung im Kongo anzustoßen. Der mediale und gesellschaftliche Effekt war gering. Er war damals auch gering Dagobert hielt Deutschland in Atem und die internationale Gemeinschaft konzentrierte sich auf das auseinanderbrechende Jugoslawien.

Der Kongo steht kurz vor der Schwelle zu einem erneuten Genozid in dieser Region. Die Warnsignale sind vorhanden und selbst ohne den schlimmsten anzunehmenden Fall hat der undurchsichtige Krieg in diesem Land bereits über 8 Millionen Menschen das Leben gekostet. Es ist der verlustreichste Krieg seit dem zweiten Weltkrieg. Aufgrund der undurchsichtigen Einmischung vieler afrikanischer Länder wird dieser Krieg auch häufig als der afrikanische Weltkrieg bezeichnet.

Dennoch interessiert uns Afghanistan und der Irak. Ich will hier keinen Vergleich der Opferzahlen anstellen und so das missachten, was es meiner Meinung nach durch solche Missionen zu schützen gilt: die Menschenwürde. Dennoch ist es mir unverständlich, wie die internationale Gemeinschaft und somit auch Deutschland die Konflikte in Afrika so konsequent ignorieren kann.

Um den Verschwörungstheoretiker ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen sei noch angemerkt, dass der Kongo ein an Bodenschätzen und Ressourcen weitaus reicheres Land als bspw. der Irak ist und somit das Argument nicht zählt, dass die UN nur dort interveniert, wo es auch etwas zu holen gibt. Zudem sei auch gesagt, dass mit der MORUC momentan die zahlenmäßig größte Friedensmission im Kongo aktiv sind. Doch die Experten vor Ort warnen seit Monaten davor, dass selbst die große Zahl von 27.000 Blauhelmen nicht ausreicht, um einen Genozid zu verhindern. Vor allem, da die Mission ungemein schlecht versorgt und ausgebildet ist.

Es kann nicht sein, dass die UN zwei Mal den selben Fehler begeht und die Menschen in der Region der großen Seen zweimal die Mitleidsbekundungen und Appelle der tatenlosen internationalen Gemeinschaft ertragen muss, die den vielzitierten Papiertiger UN  eher als desinteressierten Seelenverkäufer erscheinen lässt.

Dieser Artikel hat bewusst auf den Aspekt Mitleid verzichtet und möchte dennoch Aufmerksamkeit auf einen Konflikt lenken, den Europa mit initialisiert hat. Einmal durch seine koloniale Vergangenheit, die viele ethnische Konflikte überhaupt erst erschaffen hat und und des weiteren durch das bis heute nicht wirklich eingestandene Versagen 1994 in Ruanda. Die damaligen Flüchtlingsströme sind einer der entscheidenden Auslöser der heutigen Konflikte. 2004 zur zehnjährigen Trauerfeier in Ruanda haben alle größeren Staaten Abgesandte geschickt. Heute braucht es behelmte Abgesandte, die schützen können und so eine Trauerfeier 2018 obsolet werden zu lassen.

Es geht in diesem, wie in vielen anderen Konflikten, nicht nur um die Glaubwürdigkeit der internationalen Gemeinschaft, sondern auch um Realitätssinn. Nationale Politik muss scheitern, weil die Strukturen des Lebens nicht mehr vor dem Nationalstaat halt machen. Wenn sie dies überhaupt irgendwann getan haben. Ein Bewusstsein für dies zu schaffen wird nicht gelingen, wenn man sich geopolitisch wie medial nur den Konflikten zuwendet, in denen eigene Interessen jeglicher Art ihren Kontext wahren. Es ist naiv anzunehmen, dass sich allein im Nahen Osten mit dem für Deutschland hoch brisantem Akteur Israel allein die Welt zum Guten wendet.

Diesem Scheuklappendenken ist man schon im Kalten Krieg aufgesessen, dachte man doch, alle Probleme dieser Welt seien mit einem Mal gelöst, wenn der Vorhang fällt. Die heutige Weltlage belehrt uns eines besseren und daraus keine Konsequenzen zu ziehen, wäre nicht nur gegen unsere Grundsätze, es wäre vor allem auch fatal für die Möglichkeiten der UN weiterhin als Akteur wahrgenommen zu werden.

Das Bild ist von Perconte und wurde von mir bearbeitet. Es steht unter dieser Creative Commons Lizenz.

Betrachtung der Betrachter

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Geschrieben am 30. November 2008 von people in motion in Gesellschaft.

Das für neunfachen Mord verurteilte frühere RAF Mitglied Christian Klar wird im Januar 2009 nach 26 Jahren aus der Haft auf Bewährung entlassen. So hat vergangene Woche das Oberlandesgericht Stuttgart entschieden. Seitdem wurde rege über die Gefühle der Angehörigen der Opfer, die juristische Korrektheit des Urteils und die Person Christian Klar diskutiert. Insbesondere ein Detail der bekannten Tatsachen sorgte dabei für erregte Gemüter. Christian Klar bereut seine Taten bis heute nicht. Hat so ein gefühlskalter Massenmörder überhaupt eine zweite Chance verdient, ist der Betrachter geneigt sich zu empören. Doch „die Erscheinung ist vom Betrachter nicht losgelöst, vielmehr in die Individualität desselben verschlungen und verwickelt“, wie Goethe richtig schrieb. Aber wie ist unsere Individualität mit der Haftentlassung Christian Klars verschlungen und verwickelt? Wäre dem moralischen Gleichgewicht des rechtschaffenen und gesetzestreuen Durchschnittsbürgers tatsächlich damit geholfen, hätte er Reue gezeigt? Oder erfüllen solche Fälle vielleicht eine notwendige Funktion in unserer Gesellschaft? Eine, meiner Meinung nach, hilfreiche Erörterung liefert der einflussreiche Soziologe Emile Durkheim (1858 – 1917).

Durkheim unterscheidet zwischen mechanischen Gesellschaften, die einen hohen Grad an Gleichheit im Verhalten der Menschen aufweisen, und organischen Gesellschaften, für die große Unterschiede in der Lebensweise charakteristisch sind. Jede tatsächliche Gesellschaft ist eine Mischform, da auf der einen Seite die Bürger von Natur aus unterschiedlich sind und auf der anderen Seite der Bestand einer Gemeinschaft ein Minimum an Einheitlichkeit bedarf. In dem Maße, in dem eine Gesellschaft mechanischen Charakter hat, bezieht sie ihren sozialen Zusammenhalt, aus dem Druck auf Uniformität gegen andersartige Meinungen und Handlungen. Die große Masse der Gesellschaft bezieht ihre Motivation, den Regeln der Gesellschaft mit ihren unvermeidlichen persönlichen Opfern zu folgen, aus dem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den moralisch oder weitergehend strafrechtlich verurteilten Abweichlern. Laut Durkheim ist Verbrechen also nicht nur unvermeidlich, sondern erfüllt gar eine wichtige gesellschaftliche Funktion, da sich die Mitglieder erst in der Opposition zum Außenseiter für ihre Bemühung zur Einheitlichkeit belohnt fühlen.

„Let us make no mistake. To classify crime among the phenomena of normal sociology is not merely to say that it is an inevitable, although regrettable phenomenon, due to the incorrigible wickedness of men; it is to affirm, that it is a factor in public health, an integral part of all societes.” (Emile Durkheim, “Rules”, p. 67)

Durkheims theoretische Kriminologie ist zwar längst nicht frei von Fehlschlüssen, doch scheint er mit dieser Psychologisierung des Betrachters von Kriminalität und dessen Funktion in der Gesellschaft zumindest eine von mehreren Seiten der Problematik korrekt benannt zu haben. Ein reuiger Christian Klar, der sich mit Tränen in den Augen bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt und inständig um eine zweite Chance bittet, bekommt seine Würze erst dadurch, dass es gespielt sein könnte. Das große Bedürfnis moralischer Selbstbeweihräucherung im Angesicht des Kriminellen legt nahe, dass unsere Gesellschaft zu einem großen Teil auf dem Druck zur Einheitlichkeit basiert. Demnach kann man das Spektakel um die Haftentlassung von Christian Klar als Entschädigung für den Unmut sehen, der aus den persönlichen Einschränkungen resultiert. Dazu bedarf es jedoch ein wenig Scheinheiligkeit und Selbsttäuschung.

Henne oder Ei

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Geschrieben am 1. September 2008 von Menachem in Gesellschaft.

Eine oft gestellte Frage, die sich auch auf vieles andere übertragen lässt. Dabei habe ich den Eindruck, das nicht eine wirkliche Antwort erwartet wird, sondern eher, eine eigene Positionierung. Ein ähnlicher Sachverhalt ist:

5000 – 10000 Jahre vor Adam und Eva begann die Aufspaltung zwischen Jägern und Sammlern auf der einen Seite, und als Folge der Landwirtschaft die Sesshaftigkeit der Menschen auf der anderen Seite. Die Landwirtschaft war durch ihre größeren Erträge in der Lage, mehr Menschen zu ernähren. Und somit:

Wuchs nun die Bevölkerung, weil immer mehr Nahrung durch die Landwirtschaft vorhanden war, oder wuchs die Landwirtschaft, weil es immer mehr Menschen zu ernähren galt?

Der Autor Jared Diamond, der sich in seinem Buch „Arm und Reich“ u.a. auch mit dieser Frage beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass wohl beides zutrifft und es sich um eine gegenseitige Rückkopplung handelt. Diesen Vorgang bezeichnet er als „autokatalytisch“. Ein Prozess, der aus sich heraus an ständiger Eigendynamik zunimmt.

Dieser Mechanismus hat mich jetzt bei der Frage des „coaching“ beschäftigt, dem Trend, dem sich scheinbar immer mehr Menschen anschließen – vielfach, aus Gründen der beruflichen Karriere. Punktuell und zielgerichtet.

Dabei glaube ich, das „coaching“ nicht erst der Beginn einer solchen Entwicklung ist, sondern bereits ein Produkt des bereits eingesetzten Rückkopplungssystems. Auch wenn ich aufgrund meines Alters nicht mehr so sehr davon betroffen bin, so stellt sich mir doch die Frage, wohin dieser Weg führt? Der Einzelne mag das als persönlichen Vorteil nutzen wollen, aber wollen wir dies auch als Gesellschaft? Was gewinnen wir dabei, was verlieren wir dabei? Erzeugt das alles nicht noch mehr Leistungsdruck und vor allem: SELEKTION?

Ob ich jetzt schwarz male, weiß ich nicht, jedoch sehe ich in diesen Kettenreaktionen das große Problem, sie anzuhalten, wenn sich andere Erkenntnisse ergeben. Da kann, wie in Tschernobyl, das Ganze unter noch so viel Beton begraben werden, es frisst sich immer wieder durch.

Tausend und eine These über das Internet

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Geschrieben am 7. August 2008 von Raphael in Gesellschaft.

Das Internet als Meinungsnetz, als Verbraucherplattform und als Austauschbasis derjenigen, die sonst nicht gehört werden, ist eine oft vertretene Perspektive, die sicherlich einen guten Zugang zu dem bietet, was wir am Internet immer mehr zu schätzen lernen. Die These hat viele Stärken, allen voran die demokratisch-ökonomische Aussage, dass es nicht nur wichtig, sondern für den demokratischen Prozess innerhalb einer immer anonymer werdenden Ökonomie unverzichtbar ist, dass Verbraucher, Wähler, Kunden und Arbeitnehmer sich vernetzen und das Internet die Möglichkeit dazu bietet. Ob dies so auch genutzt wird, wissen wir nicht und müssen uns mit Beispielen behelfen.

Doch wann immer Beispiele und keine fundierten und ausgewiesene Statistiken zur Hand sind, das Themenfeld sich aber nicht einfach theoretisch abhandeln lässt, finden sich auch Gegenbeispiele, die selbst starke Thesen abschwächen.

Ein solches Beispiel möchte ich hier mit euch diskutieren. Blogs und Foren sind wohl die Kommunikationsformen, die am Ehesten zu Rate gezogen werden müssen, möchte man das Internet als Meinungs- und Austauschnetz beschreiben.

Ich habe vor mittlerweile 2 Jahren mal einen Artikel auf meinem Onezblog geschrieben, den ich mit “Wahre Liebe ist eine Entscheidung” übertitelt habe. Die Überschrift sagt alles über den Artikel aus, ich möchte auch gerade nicht primär den Inhalt diskutieren, sondern exemplarisch einen Kommentar zu diesem Artikel behandeln, der mich eine Schwäche in der oben beschriebenen These aufzeigen lässt. Gestern schrieb ein mir unbekannter Mathias folgenden Kommentar zu dem Artikel:

Die liebe sucht sich ihre protagonisten, und nicht umgekehrt, und deswegen ist wahre liebe keine entscheidung, sondern eine berufung.

Dies ist kein Auszug aus dem Kommentar, sondern er wurde genau so abgegeben. Seine These ist sicherlich zu stützen und sein Kommentar wäre sicherlich eine gute Einleitung zu einer Kritik an meinem Artikel. Nur, die Kritik fehlt. Was dort steht ist eine Meinung ohne ausgeführte Gründe. Ich unterstelle meinen Kommentatoren immer gute Gründe zu haben, auch wenn auf Nachfrage zu solchen Kommentaren selten Ausführungen kommen. Wohl weniger, weil die Ausführungen dem Kommentator nicht möglich sind, sondern, weil er meine Nachfrage wahrscheinlich nicht lesen wird.

Und diese Anonymität, die in der obigen These gerade zur Stärke ernannt wird, weil nur so ein Jeder seine Meinung sagen kann, ohne Repressionen zu fürchten oder von diesen Beeinflusst zu werden, so wird die Anonymität des Internets hier und in vielen weiteren Fällen zum Problem. Meinung wird verbreitet, Austausch findet dadurch aber nicht automatisch statt. Denn was bringt es mir diese Meinung zu lesen, wenn mir der Hintergrund vollkommen unbekannt ist, wenn die Gründe fehlen, wenn Nachfragen nicht beantwortet werden.

Meinung und Austausch in der oben genannten These sind nicht das Problem, denn das kann man ohne weiteres massenhaft im Internet finden. Doch ob die Bewertung dieses Meinungsaustauschs darf nicht so oberflächlich geschehen. Das Internet kann sicherlich in den demokratisch-ökonomischen Problembereich eingreifen und dort Veränderungen hervorrufen, doch ob dies schon geschieht, wie die immer wieder angeführten Beispiele zu bewerten sind, muss sich erst noch herausstellen. Sicherlich müssen wir zur Überprüfung solcher Thesen nicht warten, bis sie Geschichte geworden sind, aber wir sollten versuchen unseren Enthusiasmus oder auch unseren Pessimismus  soweit aus der Beschreibung des Internets herauszuhalten, dass nicht jede Beschreibung des Internets nur eine wissenschaftlich anmutende Zusammenfassung des eigenen Interesses am Internet darstellt.

Thesen über das Internet gibt es wohl so viele, wie es Leute gibt, die Thesen über das Internet aufstellen. Ich denke, es wird Zeit, dass sich die Wissenschaft nicht nur “zum Spaß” mit dem Internet beschäftigt. Denn die gesellschaftliche Relevanz des Internets lässt sich schon durch die Nutzungszahlen jedenfalls erahnen. Dabei ist es dann ganz egal, ob die Leute im Internet verdummen, endlich die ökonomische Ausgleichsfunktion zur Macht des Anbieters finden, nur auf subjektive Einzelmeinungen treffen oder eben die digitalen Klowände betrachten. Sobald mehr als die Hälfte einer Gesellschaft ins Internet geht, kann man sicher sein, dass sie sowohl das Internet verändern, als auch durch dieses verändert werden. Und diese Veränderung sollten wir nicht nur im Selbstexperiment versuchen darzustellen.

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Die Endlosrekursion

Die Endlosrekursion ist ein gemischter Gemeinschaftsblog mit den Themen Philosophie, Recht, Leben, Gedichte, Gesellschaft, Kultur, Medien und Fotografie. Die Endlosrekursion verfolgt kein klares Ziel, sondern stellt vielmehr ein Experiment des versuchten Schreibens mit Spaß, Anstrengung und Anspruch dar.

Letzte Kommentare

  • mona lisa: - klasse geschrieben! - waren die widerlichen Bananenstückchen zum Hause im Müsli? - muss es nicht heißen: sondern in einem so geprägten Tun zu leben?...
  • marion: gruppen gibt es viele...
  • ddflies: Wird mal wieder Zeit auszumisten, oder???. Also, die Mistgabeln stehen bereit. mfg....
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