Alle Artikel der Kategorie "Gesellschaft"

Ich find dir scheiße, Alta!

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Geschrieben am 2. November 2010 von Raphael in Gesellschaft.

Tabubrüche und inhaltliche Blutgrätschen sind ja jetzt höchstselbst von unserem gehegten und gesellschaftlich gepflegten Käseblatt endlich wieder salonfähig gemacht worden und auch wenn dieser Salon eher die Spießerkneipe und die nach Pisse riechende Pommesbude von Nebenan entspricht, so  ist das doch jetzt hoffentlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

deutschland

Und da wir ja jetzt dürfen, ledern wir doch Mal los. Gegen alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist, da wo die alle hingehören. Schmarotzer, Arbeitsplatzwegnehmer und Drogenbarone, die mit ihrer ganzen verkommenen Lebensweise, die sich in Form von Hakennasen und Kopftüchern tiefschwarz in ihre Haut eingebrannt hat, unsere Deutsche Kultur zerstören und wir gedissten deutschen Opfer so sehr leiden, dass wir endlich mit gutem  Grund unsere Kinder auf Privatschulen und sonstige innerdeutsche Zirkel schicken können. Weit weg von allem, was unsere Mitte angreift mit Dönerspießen und fremdklingenden Gebeten, die so gar nicht in unsere allmächtige Litanei passen wollen. Wir werden nicht weglaufen, nicht in unserem eigenen Land. Und wenn es uns zu bunt wird, dann besorgen wir uns eben wieder einen Führer. Nur damit ihr es wisst. Pack.

Wir finden euch nämlich scheiße. Wir verstehen euch nämlich nicht, haben Angst und haben noch mehr Angst davor, einfach zu sagen, wir hätten Angst oder verstünden etwas nicht oder würden euch einfach nur scheiße finden.

So erfinden wir Paradigmen und Dogmen, Statistiken und Rassen. Wir können das, wir sind nämlich schlau. Nicht so verwilderte Analphabeten wie ihr es seid. Weshalb ihr uns auch all die tollen Arbeitsplätze wegnehmen, die wir statt diesem fremden, von auswärts imperialistisch an unsere Mitte eingebrachten Yoga, ausüben wollen. Müllmann als Ausgleich zur hochwissenschaftlichen Intelligenzelite, die die ganze Welt beherrscht mit Banken, Nato und Exporten.

Wir brauchen euch nicht, wann versteht ihr das endlich. Geht, geht in Gottes Namen. Aber unsere Gottes, eurer ist nur ein späterer Ableger und außerdem nicht der echte. Jahwe, der Führer unseres Schwertes gegen alles Ungläubige. Schwerter zu Pflugscharen war gestern, Krieg ist, auch wenn keiner hingeht, das ist die Zukunft. Worte als Waffen, Zeitungen als Bomben und der Alltag als Präventionsterror, dem ihr euch nicht entziehen könnt.

Ihr habt keine Chance, denn wir sagen euch nicht wie scheiße wir euch finden. Wir sind gut, wir lassen euch das selber denken. Keiner sagt es, nur ihr, ihr Opfer. Und ich, Prophet der deutschen Wahrheit, die der Welt die Augen öffnet, sodass ihr ausziehen werden, wie Moses aus Ägypten.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Heinrich Heine

Wir Deutschen sind so armselig in unserem Ringen nach Werten, nach der Mitte, nach Identität nach dem Unsagbaren, dass wir nicht Mal unterscheiden können zwischen uns, den anderen, Gefühlen und Verallgemeinerungen, Statistiken und Polemik. Wir verarschen uns so dermaßen selbst, dass mir nicht mehr viel einfällt als sarkastisches Gegenschreien.

Wo ist denn unser Hirn geblieben, liebe Mitbürger? Ich find dir scheiße, Deutschland. So bin ich lieber Kanacke, Missgeburt der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Heimatlos und deshalb unverbunden mit all den kruden Vermutungen und Spekulationen, die in ihrer wirrend Geisteshaltung nur eines wiederspiegeln: wenn es drauf ankommt, haben wir ebensowenig aus der Geschichte gelernt, wie wir darauf pochen, dass es ganz wichtig sei, aus ebendieser zu lernen.

Waldmannsheil Thilo.

Vertrauen als Basis des Politischen?

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Geschrieben am 16. Juli 2009 von Raphael in Gesellschaft, Politik.

Man liest immer wieder von Politikern jeder Coleur die in inhaltslosen Interviews oder redebeiträgen fordern, die Politik müsse die Akzeptanz des Politischen bei Bürger festigen und Vertrauen schaffen. Messbarometer dieser Akzeptanz und Vertrauens bzw. fehlendem Vertrauens ist die Politikverdrossenheit ausgedrückt in der Wahlbeteiligung. Da in nahezu allen diesen Äußerungen Akzeptanz und Vertrauen in einem Atemzug mit Wählermobilisierung und zielgruppenorientierten Wahlkampf fällt, können die großen Worte der Wortnehmer des Politischen getrost nicht ernst genommen werden. Aber den allein zweckorientierten Parteisöldnern steht das Heer der Verdrossenen in nicht nach. Der kleine Mann, der sich permanent und zu jeder Zeit als Opfer der da oben sieht, kann Politik auch kaum denken ohne an Steuern und seinen Geldbeutel zu denken.

Meine Überspitzung weist auf ein Problem hin, dass momentan als Zyklus dieses Denken durchbricht: Rechte und Pflichten werden sich gerne gegenseitig in einem ungleichen Verhältnis zugeschoben und das Verhältnis dieser beiden staatstragenden Grundfesten werden dabei wenig reflektiert.

Doch ab und an kommen die Grundfesten, die Grundrechte und die Verantwortung von Politik, Gesellschaft und System in den Blick. Dies geschieht im Moment, auch wenn Opel und der Geldbeutel sich schon wieder positionieren, um diese unangenehme Diskussion zu verdrängen. Gemeint ist die Diskussion um Bürgerrechte und Zensur, den ich enorm verärgert schon im letzten Beitrag thematisiert habe.

Ich habe so reagiert, wie derjenige, der seinem Geldbeutel zu verteidigen sucht, ohne nachzudenken. Denn die Vorstöße unserer Regierung in einen Bereich, in dem sie auf diese Art meiner Meinung nach nichts zu suchen hat, können auch anders betrachtet werden. Positiv und als staats- und demokratiefördernde Strukturen, die das Vertrauen schaffen und nicht untergraben. Man muss sich als Bürger nicht verraten fühlen und darauf schimpfen,d ass Deutschland immer mehr zur Diktatur verkommt, sich nicht von China unterscheidet und der Bürger immer weiter entmündigt wird.

Unser Staat ist nämlich ein entschieden stabileres System verschiedener Mach- und Kontrollinstanzen, als eine solch negative Darstellung suggeriert.  People in motion hat darauf schon in der Diskussion um Onlinedurchsuchungen hingewiesen und eine differenzierte Darstellung und Diskussion eingefordert. Dies möchte ich im Folgenden auch ind er Diskussion um die Zensur im Internet tun. Weiterlesen »

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Geschrieben am 7. April 2009 von Raphael in Gesellschaft, Kultur, Medien, Recht.

Es rollt gerade eine Diskussion um das Mitmachen auf die Blogosphäre zu. Ix, Alexander und Cem haben sich zu Wort gemeldet und Kommentare werden noch viele folgen. Dass das auch auf diesen Gemeinschaftsblog zutrifft, ist schon fast müßig zu erwähnen. Ich war auch Mal sauer, so viel Arbeit hier rein gesteckt zu haben, die sich nur sehr bedingt gelohnt hat. Für mich. Von Relevanz zu reden habe ich schon vor längerer Zeit aufgegeben, es sei denn es lässt sich damit Geld verdienen, dann ist meinetwegen alles Relevant, wenn dir jemand zustimmt. Definitionen helfen da auch nicht weiter.Aber Ärger verfliegt und es bleibt dann etwas, dass man Entscheidung nennt, was aber irre führt, das es nur zwei Auswege suggeriert. Man hat derer aber viele. Man kann professionalisieren, sich noch mehr Amateure suchen, es alleine machen, gar nicht mehr machen oder was auch immer. Wen soll das denn bitte interessieren? Warum müssen wir immer so tun, als ginge die Welt unter, wenn doch nur einer der eignen Träume gerade zerplatzt ist.

Dass damit Engagement nicht gewürdigt wird, ist doch Blödsinn. Es kommen viele, weil es sie interessiert und wen das nicht freut, der hat vielleicht ein wenig zu viel erwartet. Glaubt ihr denn wirklich, nur weil es jetzt digital ist, ändert der Mensch, ändern Gesellschaften ihre Handlungsmuster und -strukturen von Grund auf? Mitmachen ist so eine Sache. Kann man nämlich nur begrenzt im Leben. Während ich hier so einen Scheiß schreibe könnte ich mir den Hegel nochmal gründlich vornehmen und so meine Welt erweitern, könnte neben meiner Freundin im Bett liegen und meinen morgigen Tag erweitern, könnte endlich Mal mit dem Buch anfangen, dass ich seit einem Jahr als Idee mit mir herumtrage und mein Leben verändern, könnte people in motion anrufen und mich erweitern, könnte, könnte, könnte. Dass das Argument keine Zeit zu haben, immer auch ein wenig mit weniger Lust zusammenhängt, liegt in der Natur der begrenzten Zeit. Man kann nicht auf jeder Hochzeit tanzen und manche Bräute sind eben netter anzuschauen als andere. Der eine mag es üppig, der andere eher gemütlich, der nächste ist politisch und der, der da am Eingang steht, dem ist alles eher egal.

Was soll diese Diskussion bringen, außer noch mehr Ärger? Was soll es bringen mal in die Runde zu fragen, woran es liegt? Das funktioniert nicht beim Bloggen und funktioniert auch nicht beim Fußball. Jedes Mal, wenn wir mit der 2. Mannschaft wieder Mal ne Klatsche kriegen, fragt irgendwer in die Runde und nicht selten bin ich das. Was bringt es aber? Vielleicht etwas für mich? Sich Gedanken zu machen, ist meine Art, wird die Art derjenigen sein, die die Diskussion um das Mitmachweb anstoßen. Ob das Sinn macht, weiß man immer erst später. Manchmal geht was, manchmal eben nicht. Aber wie schon erwähnt, die Welt geht nicht unter, mit ein wenig Abstand nicht einmal die eigene. 6:2 verloren, 9:0 auf den Sack bekommen, wieder ein Monat ohne einen Artikel hier, wieder nicht angerufen. Mit ein wenig Selbstreflexion erklärt sich alles, was dahinter steckt. Nicht immer ist es die Trägheit der Masse, nicht immer ist es die Angst vorm System oder die Politikverdrossenheit. Manchmal hat man einfach was besseres vor. Manchmal haben eben viele was besseres vor.

Ich ziehe meinen Hut vor Leuten, die dennoch weiter machen, neue Ideen entwickeln und nach vorne schauen, wenn es Mal nicht so gelaufen ist. Aber ich ziehe ihn auch vor denen, die sagen, dass sie dann vielleicht doch nicht unbedingt jeden Sonntag auf dem Platz ihren Kindern die gemeinsame Zeit stehlen wollen und das eben dann auch so sagen. Nervig sind nur die, die sagen, dass sie kommen und dann ne halbe Stunde später anrufen, dass doch irgendein besserer Scheiß dazwischen gekommen ist. Die gehen mir auf den Sack, weil sie mir mit ihren Entscheidungen keine eigene Entscheidung mehr erlauben.

Es ist doch irgendwie ganz schön, dass jetzt nicht alles anders ist. Die Fußballvereine stöhnen, dass die Kids jetzt lieber Online zocken und die Onlinecommunities stöhnen, dass bei gutem Wetter dann doch viele nicht kommen.

Ich will jetzt nicht in eine Relativitätstheorie der Relevant abrutschen, aber manchmal muss man doch auch drauf hinweisen dürfen, dass der Enthusiasmus so nicht geteilt wird, ohne dass es so aufgefasst wird, als würde man alles schlecht reden oder alles scheiße finden. Und die Berufsnörgler sind in Deutschland eben nicht nur Lehrer oder am Stammtisch zu Hause. Ob jetzt das Wlan nicht so toll oder ob die ganze re:publica uniteressant war, ist doch selbst nur soweit interessant, wie es einen selbst interessiert. Genauso ist das Desinteresse an der Endlosrekursion auch nur soweit interessant, wie es mich ärgert und ich uneingelöstes Interesse an dieser zeige. Das mag sich zu sehr nach Aufgeben anhören, aber das wäre wieder nur die Entscheidung in eingeschränkter Sicht. Ich würde hier gerne mehr lesen und nicht selbst alle paar Pfingsten Mal einen Pseudobeitrag ins Blau feuern.

Ich würde jetzt gerne so einen nach Lebenserfahrung klingenden Spruch reinhauen, der irgendwie die eigenen Träume mit den eigenen Kindern vergleicht und und darauf verweist, dass man nur versuchen kann, sein Bestes zu geben, was daraus wird, steht einem nicht mehr zu. Aber das wäre vermessen, genauso wie es vermessen wäre ix oder Cem so einen Beitrag vor den Latz zu knallen, der ihnen sicher auch nicht weiter hilft, weil sie den Brei sicher schon mehr als einmal ausgelöffelt haben, um den ich hier so blumig herumschreibe.

Ich kann noch nicht Mal beurteilen, ob diese Konferenzen jetzt toll waren und ich mich da auch engagieren sollte oder nicht, weil ich da so gar nicht für bin. Auch wenn mir schon oft vorgenommen habe, mal da hin zu fahren. Aber eigentlich sitze ich eben lieber mit people in motion bei Wein oder Bier und quasssel ihn voll, wie ich mir das mit dem Internet zu vorstelle. Er hört mir zu und sagt mir was er für Kappes hält. Ohne Sessionbegrenzung, ohne hundert andere, die vielleicht auch was dazu zu sagen hätten. Ist eingeschränkt, weiß ich. Ist aber ebenso eine andere Form. Ob man weiter kommt, wie man weiterkommt, ob man überhaupt weiter will, muss man dann selber beschließen. Mit Wut im Bauch geht das aber nicht.

Deshalb schreibe ich hier ab und an ins Blaue und wenn jemand meint, er müsste das auch tun, dann freue ich mich. Bis der dann irgendwann auch nicht emrh so recht will. So ist das eben. Den Spaß am Schreiben nimmt es mir nur kurzfristig. Auf lange Sicht muss man eh machen, was man will, oder was Kohle bringt. So wird es im Internet auch noch kommen, wenn es nicht schon so ist.

*Überschrift habe ich weggelassen, keine Zeit mehr. Meine Freundin hat mich nämlich gerufen, ich solle ins Bett, ihr wäre kalt und ich müsse Morgen früh raus.

Das Ich als Feinstaubplakette

Geschrieben am 6. April 2009 von Raphael in Gesellschaft, Kultur.

Ich zu sein ist in Zeiten der fortschreitenden Reflexion auf selbes keine einfache Sache mehr. Durch Beschreibung entsteht Erwartung. Es reicht nicht mehr nach überstandener Reifeprüfung “der Starke”, “der Mutige” oder “der Kluge” genannt zu werden und somit zu sein. Vielleicht hat dies nie gereicht und meine Vorstellungen von dem Ich früherer Tage sind zu sehr von Karl May und Star Wars Romanen geprägt.

Jedenfalls wird mir jeden Frühling, wenn der graue Schleiher des auf sich gesinnten und darin gefangenen Verstandes durch die ersten kräftigen Sonnenstrahlen verscheucht wird, bewusst, wie unbewusst doch das vonstatten geht, was ich “Ich” zu nennen versuche, wann immer mir klare Gedanken zuteil werden. Reflexion nach Maß war einst im goldenen Zeitalter die Zusammenführung zweier Tugenden: Maß zu halten und klug zu handeln.

Doch heute ist das Selbst nicht mehr an solche Tugenden gebunden, führen sie doch in einem System, das die Tugendhaftigkeit ständig bestraft, zum Widerspruch mit sich selbst. Klugheit wird von der Habgier eingenommen und das Maß wird durch den Konsum ersetzt. Widersprüche werden mit niedlichen Umschreibungen tief im Selbst verankert: das Leben ist kein Ponyhof und erst recht keine Polly Pocket Insel.

Leckt mich am Arsch. Das Leben ist noch immer existenziell bedrohend, ganz egal ob mein Toaster jetzt auch Internetzugang hat und mein Kühlschrank durch diesen immer mit dem befüllt werden wird, was ich eben gerne nach Ansicht eines Algorithmus mag. Unser Krieg ist kein spiritueller, unser Krieg ist gegen uns selbst gerichtet. Ständig müssen wir uns selbst optimieren, um in etwa dem zu entsprechen, wie wir uns selbst vorstellen. “Werde, der du bist” ist der nihilistische Fluch einer Reflexionsform, die nicht auf sich sondern gegen sich selbst gerichtet ist. Prozac und andere Psychodrogen sind die chirurgischen Eingriffe ins Selbst, die Botoxspritzen für den Charakter, der einwirft bis er aufgibt und endlich der ist, der es schon immer sein wollte. Nur Chuck Norris bleibt er selbst.

Modern ist die Zerstörung des Ich durch die Konfrontation seines Selbst mit der materiellen sowie psychologischen Wirklichkeit. Die pragmatische Freiheit wird dem Selbst ständig durch Konsumanreiz und Verheißung des Paradieses auf Erden korumpiert. Die Aufklärung ist zur Hure ihrer eigenen Ideale geworden. Die Welt geht vor die Hunde, wie sie es immer schon getan hat, nur sind wir auf einmal schuld daran. Folgen sind aber nicht eine Reflexion vom Selbst weg hin zu einer handlungsfähigen Gesellschaft, sondern grüner Ablasshandel mit Biojoghurt und Bionade. Bloß keine Lebensqualität verlieren, sonst ist es aus mit uns.

Mich kotzt mein Selbst als Teil dieser Gesellschaft so sehr an, dass ich es ausbrechen möchte, um als naiver Idealist wiedergeboren werden zu können, der Yoga ebensowenig abgeneigt ist, wie dem Gang zur Wahl alle vier Jahre um sich einzubringen in eine Welt, die unser aller Verantwortung braucht, weil sie sonst vor die Hunde geht, wie sonst auch. Nur anders.

Ein anderer sein zu wollen ist das, was das Selbst in diesen Zeiten wohl am besten beschreibt und was bitte bleibt vom Ich, wenn es nicht mehr sein möchte. Uhren, Schmuck, das richtige Handy und der verdammt nochmal prestigeträchtige Job haben vernichtet, was vielleicht nie vorhanden war. Über Generationen hinweg hat sich unsere Gesellschaft in der Bedürfnisspyramide nach oben gearbeitet und das nur, um festzustellen, dass ganz oben das Nichts wartet, dass nicht nur intellektuell nichtet, sondern uns anschreit, was wir verfickt nochmal kaufen sollen. Dass unfreiwillig komische Typen dann “sein statt haben” brüllen, geht unter in der Werbung, die Bretter unserer Welt bedeutet.

Wenn irgendwann einmal das Lügenverbot nicht selbst nur Lüge war, so wird es in unserer Zeit ad absurdum geführt durch Versprechen, die gar nicht einzuhalten sind, aber demokratisch legitimiert sind. Dem irgendetwas entgenzuwerfen ist nur dem Sarkastiker möglich, der sich selbst schon so oft ausgekotzt hat, dass der zwischen sich und seinem Erbrochenem gar keinen Unterschied mehr machen kann und der sich selbst nur noch durch die krative Art und Weise seiner derben Ausdrucksweise bejahen kann, weil da die regulativen Ideen nicht ganz versagen.

Die welt ist nicht scheiße, sondern das Ich, dass sich selbst pervertierend ständig das Gegenteil behauptet. Wir brauchen eine neue Wende, und scheiß auf Kopernikus, aber keiner weiß, wo er hingehen soll, wenn er sich ständig um die eigene Achse dreht, nur um auf keinen Fall die Titten in der Bild oder den Tatort am Sonntag zu verpassen.

Wir sind uns zu nah gekommen, als dass wir noch etwas mit uns anfangen könnten. Es ist wohl zeit für die atomare Apokalypse, ich habe keine Lust auf die nächste Sinnflut zu warten.

Wer jetzt meint sich beim Lesen einem Kulturpessimisten aufgesessen zu sein, irrt zwar nicht gewaltig, hat aber auch nicht die Radikalität eines Ichs, dass sich selbst nicht mehr wahrnimmt verstanden, denn gut ist dann gar nichts mehr.

Mal angenommen, dass Ich war mal Katalysator des Selbsts, dann ist es nun nicht vielmehr als seine Feinstaubplakette. Ein Aufkleber. Plakativ und doch sinnlos, eingeführt mit guten Gründen, aufgelöst durch diese selbst.

Der Vorleser / Film

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Geschrieben am 26. Februar 2009 von Raphael in Gesellschaft.

Ich war heute in dem Film “Der Vorleser” und bin immer noch berührt von ihm. Nicht gerührt, aber ergriffen. Wurde noch nicht losgelassen von den Fragen die der Film aufwirft, aber nicht beantwortet. Wie so viele Filme die sich mit den Tätern, Opfern und Mitwissern des 3. Reiches zu beschäftigen versuchen. Denn beim Versuch muss es bleiben. Nicht, weil man fragend vor diesem Gräuel steht wie der Konfirmand dem Teufel irgendwann gegenüberstehen wird, sondern wie jemand, der sich vorstellen kann, was da passiert ist, ohne sich wirklich vorstellen zu können, warum das passiert ist. Die Distanz zwischen uns und den Tätern wird ebenso eingerissen, wie die Distanz zu den Opfern. Doch wir bauen die Mauern schnell wieder auf.

Der Vorleser reißt die Mauer des nicht wahr haben Wollens grundlegend ein, weil er uns mit der Täterin mitfühlen lässt, bei allem Ekel und Abstand,d en wir ihr gegenüber schnell errichten wollen. Aber dasselbe Gefühl, was uns zum Abstand zwingt, zwingt uns zur Nähe, zum zerrissenen Mensch-sein, das nicht in gut und böse, schuldig und unschuldig aufgeteilt werden kann. Aber schon hier hängt uns die Nähe zur Selektion nach, die immer als so unvorstellbar dargestellt wird. Hannah Schmitz rechtfertigt ihr Tun mit der Verantwortung für ihre Arbeit und auch wenn uns diese perverse Missachtung des Mitgefühls und seine Verklärung als Verantwortung gallig aufstößt, schwingt doch dieser Zweifel an der Wahrheit, die diesem Biegen der uns bekannten Definition anhängt, mit und lässt uns den Film über nicht mehr los. Verantwortung ist immer auch Verdinglichung, Absetzung. Es gibt immer jemanden für den wir Verantwortung übernehmen, übernehmen sollen und wer das ist, suchen wir uns selten selbst aus.

Doch wählen können wir, so glauben wir und errichten mit dem Verlassen des Kinosaals die Mauer wieder. Es ist eine wohl jedem bekannte und in der Schule gerne gestellte Frage: was hättet ihr getan? Ich hatte all diesen Leuten, die mit Inbrunst geantwortet haben, dass sie dagegen etwas unternehmen würden, dass sie nicht zu Tätern würden, nie etwas sprachliches entgegenzusetzen, aber ich wusste immer, dass ich mich in schlimmen Zeiten auf diese Beteuerungen nicht verlassen würde und mich das schleichende Gefühl nie losgelassen hat, dass diejenigen wohl am ehesten die Täter sind, die gar keine Täter sein wollen.

Zerrissenes zeigt der Film in zweierlei Geschichten, die nicht zufällig miteinander verwoben sind. Zwei Generationen, die sich Fragen stellen mussten, die sie sich nie stellen wollten. Diese Fragen brachen aber so existenziell in ihr Leben, dass sie ihnen nur mit Mauern begegnen konnten. Aber Mauern und Stacheldraht haben die peinliche Eigenart, dass es immer jemanden gibt, der auf der anderen Seite steht. Heute, wie damals.

Meine Generation stellt sich diese Fragen nicht mehr als existenzielle Begebenheiten, sondern als Geschichten in Büchern, Filmen und abstrakten Denkfiguren, doch wir sollten tunlichst vermeiden daraus eine Mauer zu errichten und von einer Zeitenwende auszugehen. Die Menschen damals und die Menschen heute mag kaum noch etwas verbinden, aber das Mensch-sein wird sich weiterführen, so wie das Zerissen-sein die Seinsform darstellt, die zwischen allen Schritten mitschleicht, denn sie wandert selbst durch Minenfelder und Stacheldraht kann sie nicht verletzen. Mauern bauen wir uns gegen die Vergangenheit. Aber ob wir alles richtige auf unsere Seite geholt haben, oder ob wir auf der falschen Seite stehen, wissen wir nicht.

Der Vorleser kann es uns nicht beantworten, aber das war auch gar nicht sein Ziel.

Eine filmnähere Rezension findet ihr bei meinem Bruder: Der Vorleser.

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Die Endlosrekursion

Die Endlosrekursion ist ein gemischter Gemeinschaftsblog mit den Themen Philosophie, Recht, Leben, Gedichte, Gesellschaft, Kultur, Medien und Fotografie. Die Endlosrekursion verfolgt kein klares Ziel, sondern stellt vielmehr ein Experiment des versuchten Schreibens mit Spaß, Anstrengung und Anspruch dar.

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  • mona lisa: - klasse geschrieben! - waren die widerlichen Bananenstückchen zum Hause im Müsli? - muss es nicht heißen: sondern in einem so geprägten Tun zu leben?...
  • marion: gruppen gibt es viele...
  • ddflies: Wird mal wieder Zeit auszumisten, oder???. Also, die Mistgabeln stehen bereit. mfg....
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