Der Vorleser / Film

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Geschrieben am 26. Februar 2009 von Raphael in Gesellschaft.

Ich war heute in dem Film “Der Vorleser” und bin immer noch berührt von ihm. Nicht gerührt, aber ergriffen. Wurde noch nicht losgelassen von den Fragen die der Film aufwirft, aber nicht beantwortet. Wie so viele Filme die sich mit den Tätern, Opfern und Mitwissern des 3. Reiches zu beschäftigen versuchen. Denn beim Versuch muss es bleiben. Nicht, weil man fragend vor diesem Gräuel steht wie der Konfirmand dem Teufel irgendwann gegenüberstehen wird, sondern wie jemand, der sich vorstellen kann, was da passiert ist, ohne sich wirklich vorstellen zu können, warum das passiert ist. Die Distanz zwischen uns und den Tätern wird ebenso eingerissen, wie die Distanz zu den Opfern. Doch wir bauen die Mauern schnell wieder auf.

Der Vorleser reißt die Mauer des nicht wahr haben Wollens grundlegend ein, weil er uns mit der Täterin mitfühlen lässt, bei allem Ekel und Abstand,d en wir ihr gegenüber schnell errichten wollen. Aber dasselbe Gefühl, was uns zum Abstand zwingt, zwingt uns zur Nähe, zum zerrissenen Mensch-sein, das nicht in gut und böse, schuldig und unschuldig aufgeteilt werden kann. Aber schon hier hängt uns die Nähe zur Selektion nach, die immer als so unvorstellbar dargestellt wird. Hannah Schmitz rechtfertigt ihr Tun mit der Verantwortung für ihre Arbeit und auch wenn uns diese perverse Missachtung des Mitgefühls und seine Verklärung als Verantwortung gallig aufstößt, schwingt doch dieser Zweifel an der Wahrheit, die diesem Biegen der uns bekannten Definition anhängt, mit und lässt uns den Film über nicht mehr los. Verantwortung ist immer auch Verdinglichung, Absetzung. Es gibt immer jemanden für den wir Verantwortung übernehmen, übernehmen sollen und wer das ist, suchen wir uns selten selbst aus.

Doch wählen können wir, so glauben wir und errichten mit dem Verlassen des Kinosaals die Mauer wieder. Es ist eine wohl jedem bekannte und in der Schule gerne gestellte Frage: was hättet ihr getan? Ich hatte all diesen Leuten, die mit Inbrunst geantwortet haben, dass sie dagegen etwas unternehmen würden, dass sie nicht zu Tätern würden, nie etwas sprachliches entgegenzusetzen, aber ich wusste immer, dass ich mich in schlimmen Zeiten auf diese Beteuerungen nicht verlassen würde und mich das schleichende Gefühl nie losgelassen hat, dass diejenigen wohl am ehesten die Täter sind, die gar keine Täter sein wollen.

Zerrissenes zeigt der Film in zweierlei Geschichten, die nicht zufällig miteinander verwoben sind. Zwei Generationen, die sich Fragen stellen mussten, die sie sich nie stellen wollten. Diese Fragen brachen aber so existenziell in ihr Leben, dass sie ihnen nur mit Mauern begegnen konnten. Aber Mauern und Stacheldraht haben die peinliche Eigenart, dass es immer jemanden gibt, der auf der anderen Seite steht. Heute, wie damals.

Meine Generation stellt sich diese Fragen nicht mehr als existenzielle Begebenheiten, sondern als Geschichten in Büchern, Filmen und abstrakten Denkfiguren, doch wir sollten tunlichst vermeiden daraus eine Mauer zu errichten und von einer Zeitenwende auszugehen. Die Menschen damals und die Menschen heute mag kaum noch etwas verbinden, aber das Mensch-sein wird sich weiterführen, so wie das Zerissen-sein die Seinsform darstellt, die zwischen allen Schritten mitschleicht, denn sie wandert selbst durch Minenfelder und Stacheldraht kann sie nicht verletzen. Mauern bauen wir uns gegen die Vergangenheit. Aber ob wir alles richtige auf unsere Seite geholt haben, oder ob wir auf der falschen Seite stehen, wissen wir nicht.

Der Vorleser kann es uns nicht beantworten, aber das war auch gar nicht sein Ziel.

Eine filmnähere Rezension findet ihr bei meinem Bruder: Der Vorleser.

Blutschuld II – Die Maschine

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Geschrieben am 18. Februar 2009 von Wowik in Blog.

In spiralförmigen Linien, scheinbar desorientiert, bahnte sich eine gewöhnliche Stubenfliege ihren mühevollen Weg durch die bleierne, schon von vielen Lungen geatmete Luft, die zäh und schmierig, einem unsichtbaren Pudding ähnelnd, die Räumlichkeiten erfüllte. Die Räume erstreckten sich ins Unendliche, war das Ende eines Raumes endlich erreicht, führte eine metallene Tür sogleich in den nächsten Raum, der die Ausmaße des vorherigen zumeist noch übertraf, dies hatte zumindest die bisherige Erfahrung der Fliege gezeigt und weil der nun vor ihr liegende Korridor derart lang war, dass man die Tür am Ende nur als einen winzigen grauen Punkt, der sich kaum von der weißen Wand abhob, wahrnehmen konnte, entschloss sich das Insekt auf einem quaderförmigen, blechernen Kasten, der ein leises, unregelmäßiges Brummen und Quietschen von sich gab, zu landen.

Die Fliege hätte selbstverständlich auch auf dem Boden, an der Wand, an nahezu jedem beliebigen Platz landen können, doch dieser vibrierende Blechquader, der überhaupt der erste Einrichtungsgegenstand war, den die Fliege, seit sie in diesen Gebäudekomplex geraten ist, zu Gesicht bekommen hatte, strahlte eine eigenartige, geradezu geheimnisvolle Anziehung aus. Jedenfalls konnte eine Rast, eine Pause, womöglich gar ein kleines Schläfchen, zum jetzigen Zeitpunkt nicht falsch sein; weit und breit waren keine Feinde in Sicht, außerdem konnte die Fliege nicht wissen, wie lange sie noch umherfliegen müsste, um einen Ausgang, einen Lüftungsschacht, eine offene Tür oder ein angekipptes Fenster zu finden, das sie aus den Räumen führte.

Die Fliege berührte die Oberseite des Quaders mit all ihren sechs behaarten Beinchen gleichzeitig und war überrascht, wie warm der metallische Untergrund doch war. Sie tastete sich weiter vorwärts; auf der Suche nach einem geschützten Platz, einer Nische im Verborgenen, bemerkte sie, dass Spalten, längliche Öffnungen den Boden unterbrachen; erst nach genauerer Untersuchung erkannte die Fliege, dass es sich offensichtlich um Lüftungsschlitze handelte, die ins Innere des Quaders führten.

Sie hätte den Luftzug, der aus den Öffnungen strömte, eigentlich spüren müssen, ein bedrohlicher, heißer Wind, der jedem die Warnung ins Gesicht blies: ‚Ein Ventilator arbeitet hinter dem Schutzgitter, seine Rotorblätter sind scharf wie Messer und schneiden stets im Schatten, man sieht sie nicht von außen, aber man kann sie wohl hören.’

Die Fliege kroch an die Öffnung heran, steckte den Kopf hinein und sah nichts; in ihrer unvorsichtigen Neugier zwängte sie auch den Rest ihres Körpers durch das Lüftungsgitter.

Die Rotorblätter des Ventilators drehten sich zu schell, als dass der primitive Organismus der Fliege noch irgendwie hätte registrieren können, dass ihr Leib im Begriff war durch eine gewaltige, unnachgiebige Kraft zerschmettert zu werden; sie spürte nichts davon; und war sie noch vor einigen Hundertstelsekunden, ein aus der Nähe betrachtet, zwar hässliches, aber zugleich sehr lebhaftes Geschöpf, so war sie jetzt lediglich ein gelblicher Brei, der sowohl an den Rotorblättern, als auch an den Innenseiten des Ventilatorengehäuses klebte, und der in den nächsten Stunden einfach , wie ein Tropfen Wasser, hinweg trocknen würde.

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Die Säuberung; oder: Blutschuld I (Die Jagd)

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Geschrieben am 10. Februar 2009 von Wowik in Blog, Kultur, Philosophie.

Unerträglich ist es, wie psychisch Degenerierte und auch sonst verdächtige Subjekte, anhand ihrer durchaus belanglosen Alltagserfahrung, zeigen, wie das moralisch Beliebige und tatsächlich Zufällige mit persönlicher Einfalt harmoniert. Wenn die ewig gleichen “Menschheitsverbrechen” und “moralischen Verfehlungen” herhalten müssen, damit intellektuelle Popel-Esser sich selbst und der Welt beweisen können, wie “aufgeklärt”, wie fortschrittlich und fort-geschritten sie sind, dann ist es Zeit für einen gründlichen Frühjahrsputz.

Nun ist Putzen allerdings weiblich. Das Weib aber ist schwach, weil das Fleisch schwach ist und das Weib nichts als Fleisch ist. (Das sage nicht ich, sondern das sagt Gott, deshalb lässt es sich von “Menschen” auch nicht widerlegen; 1. Mose 2,22: Und Gott der HERR baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm,…) Um anständig aufzuräumen braucht man Kraft und Stärke. Jedenfalls ist der Zweck des folgenden Textes eher als Säuberung, denn als Putz zu verstehen – eine ästhetische Säuberung. Das “Wovon” der Säuberung sind jene Bazillen die vor allem in der winterlichen Jahreszeit das Denken “einfacher” Gemüter verunreinigen und verschmutzen. Schmutz, besonders wenn er den Gedanken anhaftet, macht krank. Man muss nicht verzweifeln, auch wenn man in letzter Zeit sehr viel Kot gedacht hat, denn ich bin ein Mediziner des Geistes, ein Priester des Lichts, der euch verderbte Seelen auf den Pfad der Wahrheit zurückführen wird. Medizin ist zuweilen bitter und je bitterer sie ist, desto besser hilft sie. Erhört nun also die Worte der Heilung:

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Gehorsam

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Geschrieben am 1. Februar 2009 von Menachem in Blog.

Seit etwas über einem Jahr sammele ich in loser Form Daten, Fakten und Meinungen zu: `Wie konnte das geschehen?` und meine damit, den Holocaust.

Grund ist, so glaube ich, dass auf die Menschen, die die Handlungen ausführten, oftmals die ganze Abscheu übertragen wird – in  Pauschaldiskussionen, die weder den Menschen, dem Werdegang, noch dem, was wir daraus Lernen sollen, gerecht wird.

Den anderen Grund kenne ich noch nicht, der, was hat das alles mit mir zu tun?

Ich weiß aber auch, das andere, und diesmal junge Menschen, ein ähnliches Thema sehr beschäftigt. Unrecht in der ehemaligen DDR und die Fragen, was und wie weit ist mein Vater, sind meine Eltern, Teil dieser speziellen Geschichte.

Wir, die in der ehemaligen BRD gelebt haben, sind fein raus, können unsere Hände in Unschuld waschen. Keine Dämonen in Elterngestalten, die uns nachts im Traum besuchen. Das ist auch gut so; denn je weniger es darin aufzuarbeiten gibt, je weniger Menschen mussten leiden. Doch wollte ich noch mal in Erinnerung bringen, dass lediglich eine Distanz von 2 km so unterschiedliche Staatengeschichte, und dem Leben damit und danach, hervorbringen kann.

Zurück zu mir. Zwei Überlegungen möchte ich heute meinen bisherigen Gedanken hinzufügen:

In der Verhaltensforschung wurde die Tötungshemmung erforscht, z.B. weist im Kampf bei Hunden der Unterlegene dem Stärkeren seine empfindlichste Stelle hin. Mit einem leichten drehen des Kopfes bietet er seine Halsschlagader dem Stärkeren an. Ein einfacher Biss – und der Unterlegener wäre tot. Das geschieht jedoch nicht, denn der Stärkere lässt den Verlierer nach dieser Geste leben. Derselbe Mechanismus ist aus dem Sprichwort bekannt. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Das hat Lorenz untersucht und beim Menschen die gleiche, allerdings nicht so deutlich ausgeprägte Eigenschaft beschrieben, wenn es um Schutzbedürftigkeit geht. Babys, Kinder, Kranke, Ältere sind durch diesen Mechanismus geschützt (im Allgemeinen und vereinfacht).

Hier verlässt Konrad Lorenz in seinem Beitrag „Moralanaloges Verhalten geselliger Tiere“ das Thema, um das es hier geht. Mitscherlisch beschreibt das in einem anderen Zusammenhang etwas enger: “Die Tötungshemmung existiert nur in der eigenen Art. “

Daraus ergibt sich sinngemäß: Werden Menschen, ob als faule Sklaven, weltverschwörende Juden, als gelbe Gefahr oder brutale Frauenschänder von der Propaganda definiert, suggeriert das, das diese Menschen dann nicht mehr zur eigenen Art – sondern zu einer anderen, einer Unterart, gehören.

Ich schließe daraus, das es ein, oder das Ziel der Rassenpropaganda ist, die Tötungshemmung zu unterlaufen.

Ich möchte das einfach mal so stehen lassen, und zu dem 2. Gedanken kommen:

Alexander Mitscherlisch geht über das vorgenannte hinaus, und beschreibt in seiner Radiosendung von 1960 noch die Erscheinung der „autoritären Person“. Damit werden die Ausführenden bezeichnet, die Befehle erhalten, sie blind ausführen, und dabei Macht und Gewalt nach unten durchreichen. Auf dem hierarschichen Weg nach unter wird dieser Prozess allerdings immer exzessiver.

Nun kommt man nicht als “autoritäre Person” auf die Welt. Man ist das Ergebnis seiner Erziehung, und hier im speziellen geprägt aus dem: Gehorsam.

Gehorsam. Darüber brauche und möchte ich in all seinen verheerenden Wirkungen nicht schreiben. Doch soviel: das Menschen in diesem Erziehungssystem nie ein eigenes Ich finden können, `grenzt an` oder `ist` Misshandlung.

Mit “Gehorsam” und „Ehre“ will ich nicht Schuld in alte Kaisers Zeiten rücken, sondern aufzeigen, wie weit ein Blick nach hinten zum weiteren Verständnis beitragen kann, in welchem vielleicht schon der Grundstock für all das Schreckliche gelegt wurde, dessen Entladung noch immer unerklärbar ist.

Gehorsam im obigen Sinne, so meine und hoffe ich zumindest, gehört zum großen Teil in unserer deutschen Gesellschaft nicht mehr zu den großen Erziehungsidealen. Allerdings ich, ich wurde noch in dieser alten Tradition erzogen.

Inger Christensens Lyrik. Hilfe zur Entdeckung des Schönen im Gedicht.

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Geschrieben am 24. Januar 2009 von Abc in Blog.

Dieser Text geht um Lyrik. Kein besonders populäres Thema in der Blogwelt, ich weiß. Es gilt sogar: Es ist kein besonders populäres Thema überhaupt. Schade eigentlich, denn bei Lyrik ist es so: Wenn man erst einen Zugang gefunden hat, ist sie unheimlich spannend und herausfordernd, ohne jemals langweilig zu sein. Die Schwierigkeit liegt immer darin diesen verdammten Zugang zu finden. Dabei sind sich Literaturwissenschaftler, Hermeneutiker und Dichter überhaupt nicht einig, worin dieser Zugang besteht. Novalis (und die Dichterin, um die es im Folgenden gehen wird) spricht von einem „Geheimniszustand“. Ich werde in diesem Text versuchen ein paar Gedichte „zu vermitteln“. Diese Vermittlung ist bestimmter Art: Ich will, dass ihr vielleicht merkt, warum das Gedicht, das ich besprechen werde, schön ist. Ich will also nicht zunächst, dass ihr es „versteht“, sondern das ihr es ästhetisch genießen könnt.

Mein Text hat aber auch eine traurige Ursache: Am 2. Januar starb die dänische Dichterin Inger Christensen. Liest man die Nekrologe der deutschen Zeitungen merkt man, welche Achtung Christensen im deutschsprachigen Raum erhielt. 1994 wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und 1995 mit dem Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie ausgezeichnet; 2006 erhielt sie den Siegfried Unseld-Preis. Sie war zudem Mitglied der Europäischen Akademie für Poesie und seit 2001 der Akademie der Künste in Berlin.

Inger Christensen ist nicht leicht zu lesen und ich möchte deshalb ein paar Überlegungen zu ihrer Lyrik aufstellen, die beim Lesen vielleicht eine Hilfe sein können. Dabei geht es mir, wie gesagt, nicht in erster Linie darum Anleitungen zu geben, wie die Texte verstanden werden können. Es geht mir eher darum Hinweise zu geben, wie man diese Texte ästhetisch erfahren kann – dazu gehört natürlich auch Verstehen. Eine ästhetische Erfahrung ist aber exemplarisch: Man kann sie nur selbst machen. Dieser Text ist deshalb nur ein Vorschlag, wie man an die Texte herangehen kann, so dass man ihren ästhetischen Wert entdeckt. Entdecken muss man ihn jedoch selbst.

Meine Überlegungen betreffen Christensens Dichtung im Allgemeinen, aber beziehen sich auf den Gedichtband „Alphabet“ aus dem ich auch zitieren werde (damit ihr die Gedichte lesen könnt).

Inger Christensen schreibt meistens ihre Gedichte nach einem System bzw. in einem oder als eins. Für diejenige, die ihre Gedichte gar nicht kennen, skizziere ich jetzt kurz die Systematik von „Alphabet“ und dem „Schmetterlingstal: Ein Requiem“.

Alphabet ist durch zwei Systematiken bestimmt: Erstens ist die Zeilenzahl jedes Gedichts durch die Fibonacci-Reihe bestimmt, eine nach dem italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci benannte Zahlenreihe, bei der sich jedes Glied der Reihe aus der Summe der beiden vorangehenden Zahlen errechnet (also: 1, 2, 3, 5, 8, 13…). Das erste Gedicht hat demnach eine Zeile, das zweite zwei, das dritte drei, das vierte fünf etc. Die Summe steigt exponentiell, so dass das neunte Gedicht schon 55 Zeilen hat. Zweitens ist jedes Gedicht durch einen Buchstaben bestimmt, alphabetisch geordnet, so dass das erste Gedicht den Buchstaben a, das zweite den Buchstaben b etc. als eine Art Leitbuchstabe hat. Dies ist natürlich nur sehr begrenzt in der deutschen Übersetzung erhalten. Hier die ersten paar Gedichte aus Alphabet:

die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es

die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren
und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff

die zikaden gibt es; wegwarte, chrom
und zitronenbäume gibt es; die zikaden gibt es;
die zikaden, zeder, zypresse, cerebellum

die tauben gibt es; die träumer, die puppen
die töter gibt es; die tauben, die tauben;
dunst, dioxin und die tage; die tage
gibt es; die tage den tod; und die gedichte
gibt es; die gedichte, die tage, den tod

Im Dänischen haben beispielsweise die Wörter Farne und Wasserstoff den Anfangsbuchstaben b, so wie Zikade, Zitrone, Zeder und Zypress den Anfangsbuchstaben c und Taube, Traum, Puppe, Gedicht, Tag und Tod den Anfangsbuchstaben d haben. Das Gedicht hört bei n auf (die Menge aller natürlichen Zahlen wird in der Mathematik mit n bezeichnet). Es wäre übrigens beinahe unmöglich der Fibonacci-Reihe bis zum Ende des dänischen Alphabets zu verfolgen – damit hätte allein das letzte Gedicht (Nr. 28 nach dem dänischen Alphabet) 514.229 Zeilen und die Zeilenzahl des gesamten Gedichts wäre absolut unüberschaubar.

Das „Schmetterlingstal“ unterliegt einer genauso beeindruckenden Systematik – es ist ein Sonettenkranz. Der klassische Sonettenkranz besteht aus 15 Einzelsonetten, wobei das zweite Sonett mit der Schlusszeile des Ersten beginnt, das Dritte mit der Schlusszeile des Zweiten und so fort bis zum Vierzehnten. Das Fünfzehnte, auch Meister-Sonett genannt, fasst dann noch einmal alle 14 Schluss- bzw. Anfangszeilen in gleichbleibender Reihenfolge zusammen. Alle Sonette, das Meister-Sonett inklusiv, reimen und folgen einem bestimmten Versfuß.

Nun haben wir einen Einblick in einige Systematiken der Dichtung Inger Christensens erlangt und können zur Ästhetik übergehen. Für die ästhetische Erfahrung der Gedichte ist das Spiel zwischen den Mustern und Regeln der Dichtung und dem Bruch mit diesen Mustern und Regeln wichtig. Der Bruch ist kein Abbruch sondern eher die Entstehung neuer Mustern und Regeln. Die Muster und Regeln liegen in der Dichtung meines Erachtens im Feld zwischen der Form und dem Inhalt, womit ich in diesem Zusammenhang die besondere Bewegung der Dichtung zwischen Musik und These meine. Ein gutes Gedicht muss immer musikalisch sein, darf aber nie zum Lied werden. Ebenfalls muss es These sein ohne jemals wissenschaftlicher Text zu werden.

Um dieses Spiel bei Christensen zu erfahren sind drei ästhetische Reflexionsformen wichtig, die ich hier mit den Begriffen „das Ganze“, „der Tod“ und schließlich „das Gedicht“ benennen möchte. Mit Reflexionsform meine ich so etwas

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Die Endlosrekursion

Die Endlosrekursion ist ein gemischter Gemeinschaftsblog mit den Themen Philosophie, Recht, Leben, Gedichte, Gesellschaft, Kultur, Medien und Fotografie. Die Endlosrekursion verfolgt kein klares Ziel, sondern stellt vielmehr ein Experiment des versuchten Schreibens mit Spaß, Anstrengung und Anspruch dar.

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  • mona lisa: - klasse geschrieben! - waren die widerlichen Bananenstückchen zum Hause im Müsli? - muss es nicht heißen: sondern in einem so geprägten Tun zu leben?...
  • marion: gruppen gibt es viele...
  • ddflies: Wird mal wieder Zeit auszumisten, oder???. Also, die Mistgabeln stehen bereit. mfg....
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