Warum ich politikverdrossen bin ohne es zu sein

Ich habe in einem melancholischen Anfall von Schreibmüdigkeit einen Beitrag im Onezblog verfasst, der versucht auszudrücken, warum ich nicht mehr Blogge, wie ich mal gebloggt habe. Dort schreibe ich, dass mir Politik gerade am Allerwertesten vorbei geht und Claudia hat darauf regiert und fragt mich bissig:

Wie seltsam, dass dir ausgerechnet in diesen Zeiten Politik so uninteressant erscheint! Ich finde, so spannend wie derzeit war es lange nicht: die Finanz- und Wirtschaftskrise berührt viele Menschen ganz persönlich, es wird wieder “die Systemfrage” gestellt, man überlegt, wie man das Finanz-Casino regeln kann und die Prognosen, was noch in nächster Zeit auf uns zukommt, sind ausgesprochen katastrophal. Lebst du in einem so sicheren Elfenbeinturm, dass dich das alles nicht tangiert?

Ich bin froh, dass mich Claudia so angegangen ist, kann ich doch so versuchen zu erklären, was in der Überschrift dieses Artikels als Paradoxon ausgedrückt wird. Ich möchte hinten anfangen und versichern, dass ich mich allerdings sicher genug in meinem Elfenbeinturm fühle und froh bin, dies auch sein zu können. Dabei steht weniger meine finanzielle oder perspektivische Zukunft im Vordergrund, sonder vielmehr eine Geisteshaltung, die ich im allgemeinen vermisse und die Ursache meine schreibenden Politikabstinenz ist. Ich halte die momentane Krise nur deshalb für eine wirkliche Krise, weil sich Hinz und Kunz dazu aufgerufen fühlt bei jeder Meldung die nicht den absoluten Aufschwung prognostiziert, ganz lauthals “Krise” zu brüllen. Die “Krise” ist überall, jeder nutzt sie um das zu tun, was ja angeblich die Krise hervorgebracht hat: sich hervorzutun. All die ganzen Spinner, die jetzt an die Oberfläche gespült werden, die es ja schon immer gewusst haben und sich jetzt bestätig zu allem berufen fühlen. Kennt ihr den Film “Fletchers Visionen” mit Mel Gibson und Julia Roberts? Dort produziert Jerry pausenlos Verschwörungstheorien und wir eines Tages wirklich von der CIA entführt und soll ausbreiten, woher er sein “Wissen” hat und an wen er es weitergegeben hat. Da ihm aber nicht gesagt wird, welche seiner Theorien hier gerade abgefragt wird, kann er einfach nicht antworten. Er weiß einfach nicht, welche seiner tausenden Verschwörungstheorien sich denn jetzt bewahrheitet hat. Ein Blindes Huhn finden auch mal ein Korn, trifft es wohl ganz gut.

Ich kann und will mich in Anbetracht einer solchen Grundhaltung nicht zu Vorgängen äußern, die ich ganz und gar nicht für eine Krise halte, sondern vielmehr für das funktionieren einer Ordnung, die sehr lange überstrapaziert wurde. Überstrapaziert aber nicht allein von den jetzt marginalisierten teuflisch egoistischen Managern und korrupten Politikern, sondern von jedem Einzelnen in der westlichen Welt lebenden Menschen, der sich nie über eine Struktur aufgeregt hat, die ihn befördert hat. Jetzt brechen die Teile weg, die schon lange eine riesen Seifenblase waren. Was daran ist so dramatisch?

Aber ich will das gar nicht in concreto diskutieren, weil mir sonst wieder all die armen Menschen um die Ohren gehauen werden, die viel Geld, ihren Job und was weiß ich noch alles verloren haben. Dass soll nicht das Schicksal Einzelner verklären, aber es hat sich dennoch niemand beschwert, solange alles funktioniert hat.

Jetzt, in einer aufgeheizten Stimmung, wo die hochtrabende Idee wieder mehr zählt, als das kühle Argument, habe ich keine Lust mich über Systemfragen mit Leuten zu unterhalten, die solange die Fresse nicht aufgemacht haben, wie sie das System unterstützt hat, aber die ersten sind, die einfordern, was sie nie gegeben haben. Das ist Opportunismus in Reinform. Was mir vorgeworfen werden kann und soll, ist dass ich hier genauso verallgemeinere und vielen damit nicht gerecht werde. Weil ich eben merke, dass mich die Stimmung auch nicht kalt lässt. Aber über Verbesserungen und notwendige Reformen oder sogar grundsätzliche Änderungen diskutiert man nicht in Rage. Jedenfalls nicht, wenn man annimmt, dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt, Menschen aber auch nicht vollkommen anders handeln, nur weil sie achtzig Jahre später leben.

Ich könnte hier jetzt noch seitenlange rhetorisch wie argumentative Bomben aufschreiben, warum die “Krise” zwar keine tolle Situation ist, warum ich auch einiges notwendig zu verändern halte, was ich verändern würde etc. Interessant ist dies aber nicht aufgrund der “Krise”, sondern lediglich in einer prinzipiellen Hinsicht. Der Aktionismus, der in Teilen zwar gerechtfertigt sein mag, ist doch Teil dessen, was jetzt überall verteufelt wird. Neu Anfangen kann man nicht in Krisenzeiten, da gibt es nur Umbrüche, die einen mir suspekten Hang zur schwarz-weißen Metaphorik haben, sondern in Zeiten, wo man nicht zur Reaktion gezwungen ist. Das mögen Ansichten aus dem Elfenbeinturm sein, der weniger mit den momentanen Krisen und dafür besser mit den prinzipiellen Problemen umzugehen weiß, aber diese Haltung werde ich nicht verloren gehen lassen, nur weil es verbreitete Meinung ist, es sei erste Bürgerpflicht jetzt das “richtige” zu meinen, zu tun und zu denken.

Ich werde mich nicht von einer Hysterie anstecken lassen, die weit größere und gefährlichere Auswirkungen haben kann als eine Rezession.

Raphael 4 Kommentare Kategorie: Gesellschaft Samstag, der 24. Januar 2009

Die Blogbibliothek

Heute erreichte mich eine Anfrage des neuen Projekts Blogbibliothek, die uns Autoren hier auf der Endlosrekursion bittet einige unserer Artikel dort listen zu lassen. Es gäbe schon einige Empfehlungen unserer Texte. Die Blogbibliothek hat sich zum Auftrag gemacht, die besten Blogtexte im deutschsprachigen Raum zu sammeln. Ohne kommerzielle Ansprüche und mit dem Ziel die Textperlen der kleineren Blog einem größeren Publikum zu präsentieren.

Ich habe mich wirklich gefreut, dass diese Wahl der Blogperlen auch die Endlosrekursion getroffen hat und halte überhauptd as Projekt von Kurt Steuble, Roman Hanhart und Caro Nadler für ein sinnvolles. Aber die Art und Weise der Umsetzung des Projekts birgt einige Probleme, die ich in diesem Artikel gerne darstellen möchte und hoffe, so zu einem sinnvollen gelingen der Blogbibliothek beitragen zu können. Denn unter gegebenen Umständen würde ich meine Artikel nicht freigeben und auch niemandem empfehlen diese freizugeben.

Alles fängt an mit der Technik. Ich versuche mich, wie sicherlich einige aus leidvollen Gesprächen schon wissen, als Suchmaschinenoptimierer. Ein solcher versucht seine Internetprojekte so gut es geht für Suchmschinen wie Google aufzubereiten, dass diese möglichst gute Rankings, also Plätze in den Suchergebnissen, erreichen. Und genau daher rührt auch mein Einwand.

Es ist ein alter Hut in der Suchmaschinenoptimierung, dass Google nur eine Seite im Index führt, wenn zwei Seiten mit dem selben Inhalt aufzufinden sind. Ganz sicher, welche Seite Google listet, kann man sich nie sein, Google wartet da durchaus ab und an mit Überraschungen auf. Im großen und ganzen kann man aber sicher sagen, dass die Seite, die “stärker” ist, den Inhalt in den Index drücken wird.

Nun ist allerdings aufgrund der wirklich guten Idee von der Blogbibliothek zu erwarten, dass diese eine starke Seite sein wird. Blogger berichten und Linken. Links sind das wichtigste Kriterium für die Stärke einer Seite. DIe Blogbibliothek wird also stärker sein, als die meisten Blogs, aus denen sie Beiträge vorstellt.

Nun ist es nicht besonders tragisch, wenn ein Beitrag eben nicht mehr auf dem eigenen Blog, sondern bei der Blogbibliothek gefunden wird, weil diese jetzt mit dem Artikel im index ist. Denn darum geht es ja. Blogger zu unterstützen, die zwar gute Texte schreiben, aber aus vielerlei Gründen keinen starken Blog ahben und deshalb nur wenig Leser erreichen.

Allerdings kann die doppelte Inhalt für kleinere Blogs wirklich bedrohlich werden und mit etwas Pech zum Komplettausschluss von Google führen. Das ist zwar sicher der sprichwörtlich an die Wand gemalte Teufel und doch sehr unrealistisch, aber dennoch, helfen wird es den Blogs sicherlich nicht, es sei denn sie sind stärker als die Blogbibliothek.

Nun könnte man anmerken, dass man sich doch nicht von Google diktieren lassen sollte, wie man seine Projekte plant und durchführt. Allerdings ist Google der zuverlässigste Beschaffer von Lesern, wenn man wenigsten ein paar Links auf seine Seite gerichtet hat. Und diese Leser zu verlieren wird schwerer wiegen, als die Freude der Anerkennung durch die Aufnahme bei der Blogbibliothek.

Vor allem, weil all dieses durcheinander gar nicht sein muss. Google und alle mir bekannten anderen Suchmaschinen bieten eine Möglichkeit an, eben mit diesen doppelten Inhalten umzugehen. Es gibt die Möglichkeit Seiten direkt aus dem Index auszuschließen. Google ignoriert diese Seiten einfach, bzw. folgt, so gewünscht und angezeigt noch den Links aufd er Seite. Und genau das wäre ein Modell für die Blogbibliothek. Alle Übersichts-, Quellen- und Autorenseiten lässt man im Index und die Artikelseiten schließt man einfach aus. Das kann man über das Metatag “robots” mit “noindex,nofollow” wunderbar implementieren.

Das Projekt gewinnt, weil es seine sinnvolle Aufgabe voll wahrnehmen kann und die besten Texte aller deutschsprachigen Blog sammeln kann und so die Autoren dieser Texte unterstützen kann, ohne diese um ihre potentiellen Leser von Suchmaschinen zu bringen. Die Autoren gewinnen, weil sie neue Leser einerseits durch die Blogbibliothek direkt gewinnen und andererseits durch die Verlinkung der Blogbibliothek indirekt mehr Leser auf ihr Blog gebracht werden.

Ich hoffe, dieser Anstoß bringt euch weiter, denn ich würde euch sehr gerne erlaube einige meiner Texte in die Bibliothek aufzunehmen und das gesamte Projekt wachsen zu sehen.

Raphael 16 Kommentare Kategorie: Kultur Mittwoch, der 14. Januar 2009

3. Person Singular

Drei Wochen ohne Artikel haben die Endlosrekursion wieder dahin gebracht, wo sie seit jetzt fast einem Jahr steht: an den Abgrund. Man könnte darüber sauer sein, könnte sich verfluchen, so viel Zeit in ein Projekt gesteckt zu haben, dass keine irgendwie denkbare Zukunft zu haben scheint und sich mit den “sunk costs” abfinden, das Projekt zumachen und sich anderweitig orientieren.

Aber dafür gefällt mir die Idee mit anderen zusammen zu schreiben, zu denken und in diesem Denken voranzuschreiten, viel zu gut, als dass ich hier den schwarzen Vorhand der 503 Errormeldung aufziehen möchte. Dafür hatte ich hier zu viel Spaß, zu viel Diskussion und Kontroverse mit all den anderen Autoren der Endlosrekursion und den Lesern, die wir sicher so langsam alle vergrault haben mit unserem Scheitern.

Also werde ich unserer Endlosrekursion das soziologische Paradox der dritten Person Singular verordnen und diese forthin als Beobachter sehen und beschreiben. Die Endlosrekursion also als digitales Experiment ansehen, als das sie gestartet ist. Mich der Frage widmen, warum das alles nicht klappt, klappt ebensowenig, wie das, was nicht klappt, weil ich eben einer derjenigen bin, die es nicht schaffen ein Gemeinschaftsprojekt regelmäßig und so für Besucher attraktiv zu führen.

Ab jetzt also nur noch Text auf der Endlosrekursion. Kein Herzblut, keine Aufregung. nur Text. Die Endlosrekursion als Drittes, nicht mehr Meines. Einer von allen, der sie befüllt. Mehr nicht.

Ein magazin braucht einen Chefredakteur, ein Blog nur jemand mit Lust am Schreiben. Wir werden sehen, wie groß die Lust am Schreiben ist in unserer Runde. Gemeinschaftsblog statt wöchentliches Onlinemagazin. Wieder Spaß statt Verpflichtung? Wir werden sehen, wie sich das Experiment Endlosrekursion entwickelt.

Egal wird es mir weiterhin nicht sein, so wie dem Beobachter auch nicht egal ist, was er beobachtet. Ich werde also beobachten was hier passiert. Ohne Konsequenzen. Der Beobachter greift nicht ein. Keine sozialen Experimente. Das Experiment lebt, wenn es fortbesteht. Erfolg ist nicht definierbar im sozialen Bereich. Es fehlen die Maßstäbe.

Denn erreicht haben wir viele, uns selbst und ein Scheitern brachte immer wieder etwas neues hervor. Alles fließt.

Raphael 7 Kommentare Kategorie: Blog Freitag, der 2. Januar 2009

Das Versagen der internationalen Gemeinschaft

Einige von uns, vielleicht eher die älteren, werden sich sicher noch an den Genozid in Ruanda erinnern. 500.000 bis eine Millionen Tutsi sind damals in einem geplanten Akt der Hutu-Regierung mit Hilfe der mehrheitlich aus Hutu bestehenden Bevölkerung getötet worden, ob ihrer Ethnie. Die Straßen des Landes waren mit Leichen gesäumt und die UN-Friedens-Mission hatte nichts besseres zu tun, als 2000 ihrer 2500 in Ruanda stationierten Blauhelmsoldaten abzuziehen. Natürlich erst, nachdem sie alle westlichen Bürger evakuiert hatte.

Man befand, dass das Töten wohl am besten durch Appelle und Verurteilung des Vökermordes zu beenden sei. Völkermord wurde es selbstredend erst genannt, als dieser längst vorbei war und man so durch diese Wortwahl nicht aufgrund der internationalen Agenda der UN zum Eingreifen gezwungen gewesen wäre.

Filme wie “Hotel Ruanda” oder “Shake hands with the devil”, UN-Protokolle und Reports des leitenden Generals der Friedensmission in Ruanda Dallaire zeigen und beweisen eindrucksvoll, dass die internationale Gemeinschaft sehr wohl vom Genozid informiert gewesen ist und nicht reagiert hat.

Es gibt einige Erklärungsansätze, warum die einzelnen Akteure nicht gehandelt haben. So saß beispielsweise den USA wohl noch der Schreck Somalias im Nacken und sie ließen sie den Brechtschen Aphorismus “Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.” zur grausamen Realität werden. Dallaire hat mehrfach um eine Aufstockung gebeten und die Lage so eingeschätzt, dass mit einer Aufstockung der Blauhelmtruppen auf 5000 Soldaten, der Genozid zu verhindern gewesen wäre. Er konnte mit seiner verbliebenen Rumpftruppe etwa 30.000 Menschen das Leben retten. Eine massive Präsenz hätte den Massenmord erst gar nicht entstehen lassen.

Geschichte wiederholt sich und es ist bezeichnend, dass das Versagen der UN zu dem Konflikt führte, bzw. ihn stark beeinflusst, in dem sich die UN anschickt ihre Fehler zu wiederholen.

Horst Köhler hat vor knapp einem Monat versucht eine Diskussion über eine Truppenaufstockung im Kongo anzustoßen. Der mediale und gesellschaftliche Effekt war gering. Er war damals auch gering Dagobert hielt Deutschland in Atem und die internationale Gemeinschaft konzentrierte sich auf das auseinanderbrechende Jugoslawien.

Der Kongo steht kurz vor der Schwelle zu einem erneuten Genozid in dieser Region. Die Warnsignale sind vorhanden und selbst ohne den schlimmsten anzunehmenden Fall hat der undurchsichtige Krieg in diesem Land bereits über 8 Millionen Menschen das Leben gekostet. Es ist der verlustreichste Krieg seit dem zweiten Weltkrieg. Aufgrund der undurchsichtigen Einmischung vieler afrikanischer Länder wird dieser Krieg auch häufig als der afrikanische Weltkrieg bezeichnet.

Dennoch interessiert uns Afghanistan und der Irak. Ich will hier keinen Vergleich der Opferzahlen anstellen und so das missachten, was es meiner Meinung nach durch solche Missionen zu schützen gilt: die Menschenwürde. Dennoch ist es mir unverständlich, wie die internationale Gemeinschaft und somit auch Deutschland die Konflikte in Afrika so konsequent ignorieren kann.

Um den Verschwörungstheoretiker ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen sei noch angemerkt, dass der Kongo ein an Bodenschätzen und Ressourcen weitaus reicheres Land als bspw. der Irak ist und somit das Argument nicht zählt, dass die UN nur dort interveniert, wo es auch etwas zu holen gibt. Zudem sei auch gesagt, dass mit der MORUC momentan die zahlenmäßig größte Friedensmission im Kongo aktiv sind. Doch die Experten vor Ort warnen seit Monaten davor, dass selbst die große Zahl von 27.000 Blauhelmen nicht ausreicht, um einen Genozid zu verhindern. Vor allem, da die Mission ungemein schlecht versorgt und ausgebildet ist.

Es kann nicht sein, dass die UN zwei Mal den selben Fehler begeht und die Menschen in der Region der großen Seen zweimal die Mitleidsbekundungen und Appelle der tatenlosen internationalen Gemeinschaft ertragen muss, die den vielzitierten Papiertiger UN  eher als desinteressierten Seelenverkäufer erscheinen lässt.

Dieser Artikel hat bewusst auf den Aspekt Mitleid verzichtet und möchte dennoch Aufmerksamkeit auf einen Konflikt lenken, den Europa mit initialisiert hat. Einmal durch seine koloniale Vergangenheit, die viele ethnische Konflikte überhaupt erst erschaffen hat und und des weiteren durch das bis heute nicht wirklich eingestandene Versagen 1994 in Ruanda. Die damaligen Flüchtlingsströme sind einer der entscheidenden Auslöser der heutigen Konflikte. 2004 zur zehnjährigen Trauerfeier in Ruanda haben alle größeren Staaten Abgesandte geschickt. Heute braucht es behelmte Abgesandte, die schützen können und so eine Trauerfeier 2018 obsolet werden zu lassen.

Es geht in diesem, wie in vielen anderen Konflikten, nicht nur um die Glaubwürdigkeit der internationalen Gemeinschaft, sondern auch um Realitätssinn. Nationale Politik muss scheitern, weil die Strukturen des Lebens nicht mehr vor dem Nationalstaat halt machen. Wenn sie dies überhaupt irgendwann getan haben. Ein Bewusstsein für dies zu schaffen wird nicht gelingen, wenn man sich geopolitisch wie medial nur den Konflikten zuwendet, in denen eigene Interessen jeglicher Art ihren Kontext wahren. Es ist naiv anzunehmen, dass sich allein im Nahen Osten mit dem für Deutschland hoch brisantem Akteur Israel allein die Welt zum Guten wendet.

Diesem Scheuklappendenken ist man schon im Kalten Krieg aufgesessen, dachte man doch, alle Probleme dieser Welt seien mit einem Mal gelöst, wenn der Vorhang fällt. Die heutige Weltlage belehrt uns eines besseren und daraus keine Konsequenzen zu ziehen, wäre nicht nur gegen unsere Grundsätze, es wäre vor allem auch fatal für die Möglichkeiten der UN weiterhin als Akteur wahrgenommen zu werden.

Das Bild ist von Perconte und wurde von mir bearbeitet. Es steht unter dieser Creative Commons Lizenz.

Raphael 6 Kommentare Kategorie: Gesellschaft Sonntag, der 7. Dezember 2008

Betrachtung der Betrachter

Das für neunfachen Mord verurteilte frühere RAF Mitglied Christian Klar wird im Januar 2009 nach 26 Jahren aus der Haft auf Bewährung entlassen. So hat vergangene Woche das Oberlandesgericht Stuttgart entschieden. Seitdem wurde rege über die Gefühle der Angehörigen der Opfer, die juristische Korrektheit des Urteils und die Person Christian Klar diskutiert. Insbesondere ein Detail der bekannten Tatsachen sorgte dabei für erregte Gemüter. Christian Klar bereut seine Taten bis heute nicht. Hat so ein gefühlskalter Massenmörder überhaupt eine zweite Chance verdient, ist der Betrachter geneigt sich zu empören. Doch „die Erscheinung ist vom Betrachter nicht losgelöst, vielmehr in die Individualität desselben verschlungen und verwickelt“, wie Goethe richtig schrieb. Aber wie ist unsere Individualität mit der Haftentlassung Christian Klars verschlungen und verwickelt? Wäre dem moralischen Gleichgewicht des rechtschaffenen und gesetzestreuen Durchschnittsbürgers tatsächlich damit geholfen, hätte er Reue gezeigt? Oder erfüllen solche Fälle vielleicht eine notwendige Funktion in unserer Gesellschaft? Eine, meiner Meinung nach, hilfreiche Erörterung liefert der einflussreiche Soziologe Emile Durkheim (1858 – 1917).

Durkheim unterscheidet zwischen mechanischen Gesellschaften, die einen hohen Grad an Gleichheit im Verhalten der Menschen aufweisen, und organischen Gesellschaften, für die große Unterschiede in der Lebensweise charakteristisch sind. Jede tatsächliche Gesellschaft ist eine Mischform, da auf der einen Seite die Bürger von Natur aus unterschiedlich sind und auf der anderen Seite der Bestand einer Gemeinschaft ein Minimum an Einheitlichkeit bedarf. In dem Maße, in dem eine Gesellschaft mechanischen Charakter hat, bezieht sie ihren sozialen Zusammenhalt, aus dem Druck auf Uniformität gegen andersartige Meinungen und Handlungen. Die große Masse der Gesellschaft bezieht ihre Motivation, den Regeln der Gesellschaft mit ihren unvermeidlichen persönlichen Opfern zu folgen, aus dem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den moralisch oder weitergehend strafrechtlich verurteilten Abweichlern. Laut Durkheim ist Verbrechen also nicht nur unvermeidlich, sondern erfüllt gar eine wichtige gesellschaftliche Funktion, da sich die Mitglieder erst in der Opposition zum Außenseiter für ihre Bemühung zur Einheitlichkeit belohnt fühlen.

„Let us make no mistake. To classify crime among the phenomena of normal sociology is not merely to say that it is an inevitable, although regrettable phenomenon, due to the incorrigible wickedness of men; it is to affirm, that it is a factor in public health, an integral part of all societes.” (Emile Durkheim, “Rules”, p. 67)

Durkheims theoretische Kriminologie ist zwar längst nicht frei von Fehlschlüssen, doch scheint er mit dieser Psychologisierung des Betrachters von Kriminalität und dessen Funktion in der Gesellschaft zumindest eine von mehreren Seiten der Problematik korrekt benannt zu haben. Ein reuiger Christian Klar, der sich mit Tränen in den Augen bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt und inständig um eine zweite Chance bittet, bekommt seine Würze erst dadurch, dass es gespielt sein könnte. Das große Bedürfnis moralischer Selbstbeweihräucherung im Angesicht des Kriminellen legt nahe, dass unsere Gesellschaft zu einem großen Teil auf dem Druck zur Einheitlichkeit basiert. Demnach kann man das Spektakel um die Haftentlassung von Christian Klar als Entschädigung für den Unmut sehen, der aus den persönlichen Einschränkungen resultiert. Dazu bedarf es jedoch ein wenig Scheinheiligkeit und Selbsttäuschung.

people in motion 4 Kommentare Kategorie: Gesellschaft Sonntag, der 30. November 2008
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