Nichtigkeiten I
Damit mal wieder etwas Leben in die Bude hier kommt gibt es im Folgenden eine Kurzgeschichte aus der Reihe “Nichtigkeiten” zu lesen. Zerstörerische und erbauliche Kritiken sind gleichermaßen willkommen. Kleine Rechtschreibfehler dürften sich finden lassen.
Nichtigkeiten – Die Kerze
Die Kerzenflamme zuckte ein wenig, als ob jemand von der Seite mit zu schwachem Atem dagegen gepustet hätte, jedoch befand sich niemand in der Nähe dessen Lungen diesen Luftstoß hätten hervorbringen können, sodass man, aus einem Mangel an anderen, ersichtlichen Ursachen, die augenblickliche Unruhe der Flamme, auf undichte Fenster, eine offene Tür oder – was am wahrscheinlichsten schien – auf eine zufällige Verwirbelung der Raumluft zurückführen musste, welche nur einen Moment lang, die ruhige Gleichmäßigkeit, mit der die Flamme ihren feurigen Tanz aufzuführen pflegte, gestört hat; der mysteriöse Windzug verschwand ebenso plötzlich wie er aus der Tiefe des Zimmers herbei gestürmt war.
Blutschuld II – Die Maschine
In spiralförmigen Linien, scheinbar desorientiert, bahnte sich eine gewöhnliche Stubenfliege ihren mühevollen Weg durch die bleierne, schon von vielen Lungen geatmete Luft, die zäh und schmierig, einem unsichtbaren Pudding ähnelnd, die Räumlichkeiten erfüllte. Die Räume erstreckten sich ins Unendliche, war das Ende eines Raumes endlich erreicht, führte eine metallene Tür sogleich in den nächsten Raum, der die Ausmaße des vorherigen zumeist noch übertraf, dies hatte zumindest die bisherige Erfahrung der Fliege gezeigt und weil der nun vor ihr liegende Korridor derart lang war, dass man die Tür am Ende nur als einen winzigen grauen Punkt, der sich kaum von der weißen Wand abhob, wahrnehmen konnte, entschloss sich das Insekt auf einem quaderförmigen, blechernen Kasten, der ein leises, unregelmäßiges Brummen und Quietschen von sich gab, zu landen.
Die Fliege hätte selbstverständlich auch auf dem Boden, an der Wand, an nahezu jedem beliebigen Platz landen können, doch dieser vibrierende Blechquader, der überhaupt der erste Einrichtungsgegenstand war, den die Fliege, seit sie in diesen Gebäudekomplex geraten ist, zu Gesicht bekommen hatte, strahlte eine eigenartige, geradezu geheimnisvolle Anziehung aus. Jedenfalls konnte eine Rast, eine Pause, womöglich gar ein kleines Schläfchen, zum jetzigen Zeitpunkt nicht falsch sein; weit und breit waren keine Feinde in Sicht, außerdem konnte die Fliege nicht wissen, wie lange sie noch umherfliegen müsste, um einen Ausgang, einen Lüftungsschacht, eine offene Tür oder ein angekipptes Fenster zu finden, das sie aus den Räumen führte.
Die Fliege berührte die Oberseite des Quaders mit all ihren sechs behaarten Beinchen gleichzeitig und war überrascht, wie warm der metallische Untergrund doch war. Sie tastete sich weiter vorwärts; auf der Suche nach einem geschützten Platz, einer Nische im Verborgenen, bemerkte sie, dass Spalten, längliche Öffnungen den Boden unterbrachen; erst nach genauerer Untersuchung erkannte die Fliege, dass es sich offensichtlich um Lüftungsschlitze handelte, die ins Innere des Quaders führten.
Sie hätte den Luftzug, der aus den Öffnungen strömte, eigentlich spüren müssen, ein bedrohlicher, heißer Wind, der jedem die Warnung ins Gesicht blies: ‚Ein Ventilator arbeitet hinter dem Schutzgitter, seine Rotorblätter sind scharf wie Messer und schneiden stets im Schatten, man sieht sie nicht von außen, aber man kann sie wohl hören.’
Die Fliege kroch an die Öffnung heran, steckte den Kopf hinein und sah nichts; in ihrer unvorsichtigen Neugier zwängte sie auch den Rest ihres Körpers durch das Lüftungsgitter.
Die Rotorblätter des Ventilators drehten sich zu schell, als dass der primitive Organismus der Fliege noch irgendwie hätte registrieren können, dass ihr Leib im Begriff war durch eine gewaltige, unnachgiebige Kraft zerschmettert zu werden; sie spürte nichts davon; und war sie noch vor einigen Hundertstelsekunden, ein aus der Nähe betrachtet, zwar hässliches, aber zugleich sehr lebhaftes Geschöpf, so war sie jetzt lediglich ein gelblicher Brei, der sowohl an den Rotorblättern, als auch an den Innenseiten des Ventilatorengehäuses klebte, und der in den nächsten Stunden einfach , wie ein Tropfen Wasser, hinweg trocknen würde.
Die Säuberung; oder: Blutschuld I (Die Jagd)
Unerträglich ist es, wie psychisch Degenerierte und auch sonst verdächtige Subjekte, anhand ihrer durchaus belanglosen Alltagserfahrung, zeigen, wie das moralisch Beliebige und tatsächlich Zufällige mit persönlicher Einfalt harmoniert. Wenn die ewig gleichen “Menschheitsverbrechen” und “moralischen Verfehlungen” herhalten müssen, damit intellektuelle Popel-Esser sich selbst und der Welt beweisen können, wie “aufgeklärt”, wie fortschrittlich und fort-geschritten sie sind, dann ist es Zeit für einen gründlichen Frühjahrsputz.
Nun ist Putzen allerdings weiblich. Das Weib aber ist schwach, weil das Fleisch schwach ist und das Weib nichts als Fleisch ist. (Das sage nicht ich, sondern das sagt Gott, deshalb lässt es sich von “Menschen” auch nicht widerlegen; 1. Mose 2,22: Und Gott der HERR baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm,…) Um anständig aufzuräumen braucht man Kraft und Stärke. Jedenfalls ist der Zweck des folgenden Textes eher als Säuberung, denn als Putz zu verstehen – eine ästhetische Säuberung. Das “Wovon” der Säuberung sind jene Bazillen die vor allem in der winterlichen Jahreszeit das Denken “einfacher” Gemüter verunreinigen und verschmutzen. Schmutz, besonders wenn er den Gedanken anhaftet, macht krank. Man muss nicht verzweifeln, auch wenn man in letzter Zeit sehr viel Kot gedacht hat, denn ich bin ein Mediziner des Geistes, ein Priester des Lichts, der euch verderbte Seelen auf den Pfad der Wahrheit zurückführen wird. Medizin ist zuweilen bitter und je bitterer sie ist, desto besser hilft sie. Erhört nun also die Worte der Heilung:
Die Reinkarnation des Gedankens im Kunstwerk
Bevor der potenzielle Leser, durch die Textmassen abgeschreckt, einen wert- und geistlosen Kommentar “oxenzeams” liest anstatt sich an dem folgenden Text intellektuell zu erbauen und über die Erhabenheit des Stils zu frohlocken, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass der Leser sich mit solch einer vorzeitigen Flucht um den womöglich intensivsten Lesegenuss seines Lebens brächte.
“Diese Worte können gewiss keiner irdischen Feder entsprungen sein!”, rief einer von den Wenigen, die das Werk bisher zu Gesicht bekamen und er sprach weiter: “Wahrlich, der Urheber dieser Gedanken muss von himmlischem Geiste, von reinster Seele, von göttlicher Natur sein.”* Man könnte wohl sagen diese Worte wären übertrieben, doch ich sage, sie geben nur einen Schatten der visionären Idee wieder, die hier dargelegt ist.
Es handelt sich um eine Arbeit welche in einer Zeit entstanden ist als die Tage noch kurz und die Nächte lang waren. Im Nebel eines Wintermorgens, an welchem engelsgleiche Stimmen mich aus dem dogmatischen Schlummer der vorkritischen Ära weckten, wurde sie, unter Krämpfen und Qualen einer Geburt, zu Papier gebracht. O meine Freunde, das Vollkommene wird immer im Untergang seines Schöpfers geboren!
Die Arbeit ist ferner für ein Seminar in Kunstgeschichte verfasst worden, wobei bemerkt werden muss, dass mir die zuständige Instanz ein weltliches Urteil über “das Werk” bisher schuldig geblieben ist. Wohlan, auf himmlischen Reisen mag mich weder irdischer Fluch noch Segen scheren!
Jedem interessierten Leser, der sich eifrig durch diese neun Seiten arbeitet, verspreche ich, dass er die Beiträge von people in motion, soeren onez, le simplicissimus, abc und kandelaber nur noch als menschlich und abgeschmackt betrachten können wird.
* Dergleichen ereignete sich an einer Bushaltestelle in Berlin.
Die Leiden des jungen W.
oder
“Wie man mit dem Mähdrescher schwadroniert”
Und was kümmert mich denn die Schwerkraft wenn ich in der Schwerelosigkeit eines Gedankens schweben darf, wirklich schwer ist bloß Gedankenlosigkeit.
„Ei, ihr Stil ist mir nicht genehm, ich verstehe ihre Gedanken nicht…“, also sprach ein Meister der Durchschnittlichkeit, ein Prediger des ewigen Mittelmaßes. Der gesamte Bildungsanspruch, zumindest des 21. Jahrhunderts, doch ich prophezeie, des gesamten 3. Jahrtausends, wird in der Mittelmäßigkeit liegen. Dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts „Intellektuelle“ wie Max Frisch oder Günther Grass hervorgebracht hat, hätte uns doch aufrütteln müssen und waren nicht die Bilder Mondrians schon ein böses Omen? Die Flucht in völlige Formlosigkeit und Unfassbarkeit, denn Ungegenständlichkeit gehört fast schon zum guten Ton, ist eine Demokratisierung der Kunst, jeder darf kosten, jeder darf abschmecken, jeder darf mitmischen – viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Die Demokratie ist hierbei eine Lehre des Maßes? Welchen Maßes? Ja freilich, des Mittelmaßes.
Dort wo die Philosophie sich als sich selbst verwirklichen könnte, dort wo sie ihren wissenschaftlichen Irrweg verlassen könnte, überlässt sie das Feld einem plappernden und schmierenden Haufen Minderbemittelter. Philosophie, nicht Philosophie der Kunst, sondern Philosophie als Kunst muss die Vision des 4. Jahrtausend sein, Kunst als Disziplin die sich noch, oder wieder echten Größenwahn erlauben darf. Weiterlesen »
Die Endlosrekursion
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