Hi Quality!?
Über Geschmack lässt sich streiten. Und was ist mit Qualität? Nach dem nun Marcel Reich-Ranicki die Qualitätsfrage im Fernsehen stellte und damit einen „Eklat“ auslöste wird über die Qualität im Fernsehen gestritten, denn die fehlt nach Reich-Ranicki so ganz. Neben den nächtlichen Abzock-mit-mach-plus-ausziehen-und-Nippel-zeigen-Sendungen ist auch das Programm am Mittag, Nachmittag sowie am frühen und späten Abend nicht gerade auf Sartre Leser zugeschnitten. Meistens beobachtet man Menschen mit niedrigem Einkommen und niedriger Bildung wie sie sich im Fernsehen selbst der Lächerlichkeit preisgeben und dem Spott anderer aussetzen. Denn wenn man ehrlich ist wird keiner sagen, dass den Personen, die bei „Super Nanny“ oder „Raus aus den Schulden“ mitmachen wirklich geholfen wird. Jedenfalls ist das nicht die Intention, wenn der ganzen Nation gezeigt wird wie eine allein erziehende Mutter von ihrem 5-jährigen Sohn verprügelt wird. Nein, es soll den Menschen, die sich diesen Sozialzoo anschauen gezeigt werden: Es gibt noch größere Assis als euch. Und das beruhigt. Klar könnte man seine eigene Situation hinterfragen und aus seiner entstehenden Unzufriedenheit versuchen diese Situation zu ändern, aufzusteigen oder wenigstens das Recht aufzusteigen in Anspruch nehmen. Kritisieren, dass man am gesellschaftlichen Rand lebt und keinen Job hat. Aber wieso? So lange mein Sohn mich nicht schlägt und das mehrere Millionen Menschen am Bildschirm verfolgen bin ich doch in einer ganz guten Lage.
Moralisch ist man diesen Opfern des privaten Fernsehens sowieso überlegen. Man braucht sich nur mal die Hartz-IV Abzocker anzuschauen. Auch die werden im Fernsehen gnadenlos entlarvt. So kann sich ein Angestellter, der in der Stunde 3,50€ verdient ruhigen Gewissens anschauen, wer daran Schuld ist, dass der Staat kein Geld hat. Er könnte sich natürlich auch darüber aufregen, dass Deutschland eines der wenigen Länder in Europa ist, das keinen Mindestlohn hat und fragen warum das so ist, aber es gibt halt keine Sendungen in denen die gnadenlosen Abzockpolitiker oder die Abzockmanager entlarvt werden. Man schaut nicht in die Wohnungen der Politiker oder Manager und zeigt den Menschen in welch großzügigen Verhältnissen die Menschen leben, die ihnen sagen, wie sie eine Wurst teilen können, um so zwei Tage etwas zu Essen zu haben. Stattdessen wird ihnen aus dem Leben der Superreichen berichtet; Hollywoodstars, russische Ölmagnaten, Musiker. So hat man was zum träumen. Dass einige Politiker in Aufsichtsräten sitzen und ebenfalls ein Einkommen haben, das sich mit dem der ‚Stars’ messen kann, ist seltener Teil der Berichterstattung.
Das Programm muss aber auch überschaubar sein. Also reichen Sendungen über Asoziale, abzockende Hartz-IV Empfänger, Superstars und nächtlicher Erotik bei der man auch noch Geld gewinnen kann, wenn man ein Wort mit ‚S’ errät. Die Frage die man nun an Reich-Ranicki stellen sollte ist doch: Wie viel Qualität verträgt der Zuschauer? und Ist das Fernsehen überhaupt ein Medium, das für Qualität stehen sollte? Wer sich nicht für Bücher interessiert wird sich auch keine Sendungen über Bücher ansehen. Wer sich nicht für das Leben der Indios in Lateinamerika interessiert wird sich darüber auch keine Sendungen ansehen. Wenn die Qualität im Fernsehen bemängelt wird, so ist das Problem viel weitreichender und mit mehr Literatursendungen nicht zu lösen.
Das ein riesiges Problem in Deutschland nun mit dem Fernsehen verknüpft wird ist bezeichnend. Viele Menschen haben keinen Zugang zu Bildung und Kultur. Diese sind einfach nicht finanzierbar, heißt es dann. Wenn ein Wirtschaftsprofessor den Hartz-IV Satz weiter kürzen will und vorrechnet wie man mit 132€ locker über die Runden kommt, dann kann man doch nicht noch die Kultur bezahlen, oder?
Ich frage mich, ob die Leute wirklich einsehen, was das eigentliche Problem ist, das sich nur zufällig(?) in der Qualitätsdebatte über das Fernsehen äußert. Es geht um Lebensqualität; und von der können die meisten leider zurzeit nur träumen.
Die Endlosrekursion
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