Bildung – ein Rohstoff?

Die Blumen des Bösen stehen in Blüte. Jemand muss sie zertreten bevor sie sich ausbreiten. Die Blumen, das sind blumige Worte, die anlässlich der jüngst veröffentlichen Pisa-Studie wie Pilze aus dem Boden schießen. So wird die Wissenschaftsministerin Annette Schavan nicht müde, das Bild einer aufstrebenden „Bildungsnation“ zu beschwören. Von klassischer Bildung oder Allgemeinbildung ist dabei freilich nicht die Rede. Was für eine Vorstellung von Bildung ist es, die die Hoffnung unseres Landes sein soll? Es ist ein besonders arroganter Witz, dass die unglückselige Verdinglichung, die ihr zu Grunde liegt, ganz unverhohlen ausgesprochen und ins Positive gewendet wird. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete die Bildung einst als „wichtigsten Rohstoff unseres Landes“. Er formuliert damit ein Vorurteil, das keineswegs neu ist, in diesen Tagen jedoch zunehmend absurdere Früchte trägt: Bildung sei ein im wörtlichen Sinne herstellbares Gut.

Der großmäulige und kurzbeinige Wunschtraum eines unversiegbaren, ja quasi unbegrenzt steigerbaren Rohstoffvorkommens ist sicher verlockend. Er nährt nicht nur die Hoffnung auf nationalen Wohlstand, sondern verspricht vor allem auch dem Individuum, seine eigene Bildungsbiographie – und damit die Fahrkarte zu gesellschaftlicher Anerkennung und wirtschaftlicher Prosperität – selbst in der Hand zu haben. (Gleichzeitig aber gibt er hinterrücks einem jeden „Ungebildeten“ selbst die Schuld für sein Versagen.)

Um jedoch das Perpetuum Mobile sozialen Wohlstands in Gang zu bringen, muss, so folgern wir mit kaufmännischer Bauernschläue (und auf der Basis des zu Grunde gelegten Produktionsvokabulars vollkommen korrekt) zunächst einmal Geld investiert werden. Mehr Output erfordert mehr Input. Hier liegt der Grund dafür, dass bildungspolitische Gegner, sobald es ums Geld geht, urplötzlich ins selbe Horn stoßen. Es geht weder um soziale Gerechtigkeit noch um wissenschaftliche Konkurrenzfähigkeit: empörte Eltern wie auch die Präsidenten vermeidlicher Elite-Universitäten glauben gleichermaßen, dass eine notwendige Korrelation zwischen zusätzlichen Aufwendungen und „mehr Bildung“ besteht. Dass dies nicht der Fall ist zeigt die Erfahrung. Es ist nicht so, als hätten sich die Mittel für Bildung im Laufe der Jahrzehnte nicht vervielfacht. Die Zahl der Analphabeten ist deswegen jedoch kaum geringer geworden.

Eine verdinglichende Vorstellung von Bildung besagt nicht zuletzt, dass das sich-bilden etwas ist, das sich gegenüber dem Lernenden rein äußerlich verhält. Der Mensch ist ein Mängelwesen, ein „von Natur aus“  ungebildetes Subjekt, dem man die hohe Weihe der Bildung angedeihen lassen muss. Er verfügt weder über den Willen, noch über die Mittel, um sich aus freien Stücken heraus Bildung anzueignen. Der Mensch ist ein Subjekt, das beschult werden muss. Die Bologna-Reformen sind kein bürokratisches Missverständnis. Sie sind die Manifestation eines kollektiven Willens zu Beschulung. Die Kritiker von Bologna, die zum Teil medienwirksam auf sich aufmerksam machten, bleiben in dieser Vorstellung verhaftet und bestärken sie gar. Sie fordern keine Nicht-Beschulung, sondern ein besseres und breiteres Beschulungsangebot. Sie stellen die Idee von Bildung als herstellbares Gut nicht in Frage, sondern fordern – oh süße Dialektik! – einen Übergang von der verschulten „Planwirtschaft“ zur „freien Wirtschaft“. Sie krakeelen, Bildung sei keine Ware, und träumen von einer Universität, die nichts anderes ist als ein großes, alternatives Bildungskaufhaus.

Wenn der Mensch als beschulbares Subjekt ein Teil der Bildungsmaschinerie ist, scheint er seinerseits zum formbaren Material zu werden. So frohlockte eine studentische Vertreterin der Universität Heidelberg im Zuge der Exzellenz-Initiative, dass „aus exzellentem Menschenmaterial [Hervorhebung von mir] unter exzellenten Bedingungen exzellentes geschaffen wurde“. Auch, wenn es mir in diesem Zusammenhang keine Freude bereitet recht zu behalten, muss ich den eventuellen Einwand zurückweisen, hierbei handle es sich um einen willkürlich herausgegriffenen Einzelfall oder eine polemische Überspitzung. Die Auffassung, dass der Mensch eine rein kontingente Beziehung zu einem Ding namens „Bildung“ habe, hinterlässt in der Bildungspolitik tiefe Spuren. Wenn Annette Schavan fordert, Schüler aufgrund eines (de facto nicht vorhandenem) wirtschaftlichen Bedarfs zu technischen Fächern „hinzuführen“, so ist dies – nicht im juristischen, negativen, wohl aber im positiven Sinne ein unverhohlener Anschlag auf das Grundrecht auf Berufswahl.

Eine solche „Bildungsnation“ ist kein  Land der Dichter und Denker. Sie ist eine Industrienation mit anderen Mitteln, denn sie steht nicht im Zeichen der Ideen, sondern der Massenproduktion. Sie ist eine Leistungsgesellschaft, die ihre Zwänge nicht mehr durch den Druck zur Subsistenzsicherung auferlegt bekommt, sondern sie aus freien Stücken verinnerlicht hat. Sie ist ein Land, in dem die Neurosen blühen und die Stilblüten Wurzeln schlagen. Ein Land, in dem der Geist im wahrsten Sinne des Wortes verroht.