Alle Artikel des Autors " Raphael"

Das Ich als Feinstaubplakette

Geschrieben am 6. April 2009 von Raphael in Gesellschaft, Kultur.

Ich zu sein ist in Zeiten der fortschreitenden Reflexion auf selbes keine einfache Sache mehr. Durch Beschreibung entsteht Erwartung. Es reicht nicht mehr nach überstandener Reifeprüfung “der Starke”, “der Mutige” oder “der Kluge” genannt zu werden und somit zu sein. Vielleicht hat dies nie gereicht und meine Vorstellungen von dem Ich früherer Tage sind zu sehr von Karl May und Star Wars Romanen geprägt.

Jedenfalls wird mir jeden Frühling, wenn der graue Schleiher des auf sich gesinnten und darin gefangenen Verstandes durch die ersten kräftigen Sonnenstrahlen verscheucht wird, bewusst, wie unbewusst doch das vonstatten geht, was ich “Ich” zu nennen versuche, wann immer mir klare Gedanken zuteil werden. Reflexion nach Maß war einst im goldenen Zeitalter die Zusammenführung zweier Tugenden: Maß zu halten und klug zu handeln.

Doch heute ist das Selbst nicht mehr an solche Tugenden gebunden, führen sie doch in einem System, das die Tugendhaftigkeit ständig bestraft, zum Widerspruch mit sich selbst. Klugheit wird von der Habgier eingenommen und das Maß wird durch den Konsum ersetzt. Widersprüche werden mit niedlichen Umschreibungen tief im Selbst verankert: das Leben ist kein Ponyhof und erst recht keine Polly Pocket Insel.

Leckt mich am Arsch. Das Leben ist noch immer existenziell bedrohend, ganz egal ob mein Toaster jetzt auch Internetzugang hat und mein Kühlschrank durch diesen immer mit dem befüllt werden wird, was ich eben gerne nach Ansicht eines Algorithmus mag. Unser Krieg ist kein spiritueller, unser Krieg ist gegen uns selbst gerichtet. Ständig müssen wir uns selbst optimieren, um in etwa dem zu entsprechen, wie wir uns selbst vorstellen. “Werde, der du bist” ist der nihilistische Fluch einer Reflexionsform, die nicht auf sich sondern gegen sich selbst gerichtet ist. Prozac und andere Psychodrogen sind die chirurgischen Eingriffe ins Selbst, die Botoxspritzen für den Charakter, der einwirft bis er aufgibt und endlich der ist, der es schon immer sein wollte. Nur Chuck Norris bleibt er selbst.

Modern ist die Zerstörung des Ich durch die Konfrontation seines Selbst mit der materiellen sowie psychologischen Wirklichkeit. Die pragmatische Freiheit wird dem Selbst ständig durch Konsumanreiz und Verheißung des Paradieses auf Erden korumpiert. Die Aufklärung ist zur Hure ihrer eigenen Ideale geworden. Die Welt geht vor die Hunde, wie sie es immer schon getan hat, nur sind wir auf einmal schuld daran. Folgen sind aber nicht eine Reflexion vom Selbst weg hin zu einer handlungsfähigen Gesellschaft, sondern grüner Ablasshandel mit Biojoghurt und Bionade. Bloß keine Lebensqualität verlieren, sonst ist es aus mit uns.

Mich kotzt mein Selbst als Teil dieser Gesellschaft so sehr an, dass ich es ausbrechen möchte, um als naiver Idealist wiedergeboren werden zu können, der Yoga ebensowenig abgeneigt ist, wie dem Gang zur Wahl alle vier Jahre um sich einzubringen in eine Welt, die unser aller Verantwortung braucht, weil sie sonst vor die Hunde geht, wie sonst auch. Nur anders.

Ein anderer sein zu wollen ist das, was das Selbst in diesen Zeiten wohl am besten beschreibt und was bitte bleibt vom Ich, wenn es nicht mehr sein möchte. Uhren, Schmuck, das richtige Handy und der verdammt nochmal prestigeträchtige Job haben vernichtet, was vielleicht nie vorhanden war. Über Generationen hinweg hat sich unsere Gesellschaft in der Bedürfnisspyramide nach oben gearbeitet und das nur, um festzustellen, dass ganz oben das Nichts wartet, dass nicht nur intellektuell nichtet, sondern uns anschreit, was wir verfickt nochmal kaufen sollen. Dass unfreiwillig komische Typen dann “sein statt haben” brüllen, geht unter in der Werbung, die Bretter unserer Welt bedeutet.

Wenn irgendwann einmal das Lügenverbot nicht selbst nur Lüge war, so wird es in unserer Zeit ad absurdum geführt durch Versprechen, die gar nicht einzuhalten sind, aber demokratisch legitimiert sind. Dem irgendetwas entgenzuwerfen ist nur dem Sarkastiker möglich, der sich selbst schon so oft ausgekotzt hat, dass der zwischen sich und seinem Erbrochenem gar keinen Unterschied mehr machen kann und der sich selbst nur noch durch die krative Art und Weise seiner derben Ausdrucksweise bejahen kann, weil da die regulativen Ideen nicht ganz versagen.

Die welt ist nicht scheiße, sondern das Ich, dass sich selbst pervertierend ständig das Gegenteil behauptet. Wir brauchen eine neue Wende, und scheiß auf Kopernikus, aber keiner weiß, wo er hingehen soll, wenn er sich ständig um die eigene Achse dreht, nur um auf keinen Fall die Titten in der Bild oder den Tatort am Sonntag zu verpassen.

Wir sind uns zu nah gekommen, als dass wir noch etwas mit uns anfangen könnten. Es ist wohl zeit für die atomare Apokalypse, ich habe keine Lust auf die nächste Sinnflut zu warten.

Wer jetzt meint sich beim Lesen einem Kulturpessimisten aufgesessen zu sein, irrt zwar nicht gewaltig, hat aber auch nicht die Radikalität eines Ichs, dass sich selbst nicht mehr wahrnimmt verstanden, denn gut ist dann gar nichts mehr.

Mal angenommen, dass Ich war mal Katalysator des Selbsts, dann ist es nun nicht vielmehr als seine Feinstaubplakette. Ein Aufkleber. Plakativ und doch sinnlos, eingeführt mit guten Gründen, aufgelöst durch diese selbst.

Gottesbeweise*

15 Kommentare    /
Geschrieben am 6. März 2009 von Raphael in Philosophie.

Ich stehe gerade vor dem motivationstechnischen Scherbenhaufen eine Hausarbeit über Gottesbeweise schreiben zu müssen und habe da ebenso viel Lust drauf, wie mach ein Kicker über einen solchen zu latschen, um den Teamgeist zu stärken. Sicher ist mir bewusst, dass solche Argumentationsübungen sein müssen, will man irgendwann professionell die Eulen der Minerva nach Athen tragen, und doch, der Unwille bleibt. Denn so viel zu Gottesbeweisen geschrieben wurde, so große Namen sich auch damit befasst haben, der Sinn, diese Frage nach der Beweisbarkeit Gottes überhaupt zu stellen, leuchtet mir einfach nicht ein. Denn was würden denn alle diese Gläubigen tun, wenn einer dieser vielzähligen Beweise denn wirklich Mal hinhauen würde? Nicht mehr glauben? Dann hätten sie doch das Spiel des Lebens verloren, sieht das doch vor, dass man ganz lange und ganz doll an Gott glaubt und dann noch viel länger und doller dafür belohnt wird. Mit frei zu erfindenden Paradiesen, dem unendlichen Leben und vor allem der Ruhe vor den ganzen Ungläubigen, die den Gläubigen das Leben erst vermiesen, indem sie ihnen in die Ursuppe spucken.

Aus diesem Grund ist mir auch allein die Pascalsche Wette irgendwie sympathisch, so falsch sie auch sein mag. Aber hier wird vieles offenbar, was sonst hinter großen Worten und noch größeren Riten versteckt wird. Dass man glaubt, so irgendwie mehr von der eigenen Existenz zu haben und wenn man auch damit bis nach dem leben warten muss. Dabei soll gar nicht bestritten werden, dass der Glauben an irgendeinen Gott, der immer hilft, an den man alle seine Probleme heften kann und der auch sonst noch so manchen Trick parat hat, nicht zu einem besseren Leben führen kann, als dem nackten Dasein ohne Sinn und Ziel in seinen vermoderten Rachen schauen zu müssen. Alles eine Frage der Perspektive. Aber manche mögen’s heißt, ihr wisst schon.

Aber die Hölle ist nunmal abgeschafft und da bleibt uns Glaubensversagern nur noch das unendliche Nichts. Es wird also offiziell nicht mehr die Angst der Menschen im Sinne Pascals berufen, sondern an das moderne Ego appelliert. Wer wäre heute im Zeitalter der Superhelden nicht gerne unsterblich. Jesus Christ Superstar also als moderne Actionfigur, die singend und hüpfend das Dogma seiner Herrlichkeit den Kids wieder näher bringen soll.

Aber eigentlich sollte es darum gar nicht gehen. Stringenz ist also meine Stärke auch nicht. Vielleicht sollte ich die Seite wechseln und flammende Pamphlete für die Existenz der Herren halten, denn für einen entscheiden könnte ich mich nicht. Früher konnte ich mich an Fasching auch nie entscheiden, als welcher Held ich denn gehen sollte.

Gottesbeweise also. Im Grunde laufen die doch alle den selben langweiligen Weg und begehen den einen groben Schnitzer. Da werden ellenlange Beweisskizzen erstellt, zigfach die Evidenz angerufen, um am Ende dann doch nur etwas vorzufinden, dass man nicht erklären kann und deshalb Gott nennt, weil Gott unerklärlich ist. Bibelzitate werden da ebenso wie Aminosäuren aufgetischt und das ganze riesen Tamtam soll nur verschleiern, dass das Etwas, was entweder Ursache, das Höchste, das Gute oder sonstwas Unbeschreibliches ist, eben nicht damit automatisch ihr Gott ist, um den sie sich so bemühen, sondern Etwas bleibt.

Denn mit der Existenz von Etwas, das man dann natürlich benennen kann wie man möchte und somit gerne auch Gott preisen kann, ist erstens genau nichts bewiesen, außer, dass irgendwo genau vor diesem Etwas die Grenze unserer Erkenntnismöglichkeit und somit Beweisbarkeit, Erkennbarkeit und Aussagbarkeit endet und zweitens jede Übereinstimmung mit real existierenden Büchern rein zufällig ist. Und dann kann mir die Evidenz dieser Flaschengeister noch so dermaßen etwas anderes sagen. Nur weil einige hier aufgeführten Eigenschaften auch in diesem veralteten Büchern stehen, ist nichts über den Gehalt dieser ausgesagt, sondern nur, dass man allein mit Säufern…äh…Täufern eben kein Weltreich errichten kann.

Den Beweis allein ins Metaphysische zu drücken und etwas von Beweger, Verursacher und immer wieder Liebe zu faseln reicht nicht, wenn Butter bei die Fische Not tut. Und die Fischer führen uns immer hinter den brennenden Dornenbusch zur Offenbarung. Denn die allein macht glücklich und in dem Fall stimmt das auf mich bezogen sogar, wenn all diese, die vom Lichte des Granatapfels genascht habe bei ihrer Offenbarung auch blieben und ihren Glauben eben nicht mit Wissen verwechseln würden. Und ich somit diese Hausarbeit nicht schreiben müsste. Amen.

Dann würde ich gemütlich an diesem Freitagabend auf der Couch liegen, mit meinem imaginären Freund zusammen das Spiel Schalke gegen Köln kommentieren und sie bei der selben Beschäftigung ihrem imaginären Freund ehrfürchtig nach jedem Tor für die richtige Mannschaft danken, wie gütig er doch ist und wie sehr sie ihn lieben.

*Wer nach der Überschrift auf eine ausgewogene Abwägung aller Argumente und eine differenziertere Betrachtung gehofft hat, der sei darauf verwiesen, dass Ironie und bellender Sarkasmus schon immer ein Mittel der Ebenbilder Gottes gewesen ist, um ihrer tristen Umwelt auch ohne Drogen etwas abzugewinnen. Und da ich meine, dass Thomas von Aquin aus einem ähnlichen Anreiz heraus diese plumpen fünf Wege zur Existenz Gottes aufgeschrieben hat, werde ich wohl mit dem Unverständnis der Leser ebenso wie der gute alte Thomas leben und sterben müssen.

Der Vorleser / Film

11 Kommentare    /
Geschrieben am 26. Februar 2009 von Raphael in Gesellschaft.

Ich war heute in dem Film “Der Vorleser” und bin immer noch berührt von ihm. Nicht gerührt, aber ergriffen. Wurde noch nicht losgelassen von den Fragen die der Film aufwirft, aber nicht beantwortet. Wie so viele Filme die sich mit den Tätern, Opfern und Mitwissern des 3. Reiches zu beschäftigen versuchen. Denn beim Versuch muss es bleiben. Nicht, weil man fragend vor diesem Gräuel steht wie der Konfirmand dem Teufel irgendwann gegenüberstehen wird, sondern wie jemand, der sich vorstellen kann, was da passiert ist, ohne sich wirklich vorstellen zu können, warum das passiert ist. Die Distanz zwischen uns und den Tätern wird ebenso eingerissen, wie die Distanz zu den Opfern. Doch wir bauen die Mauern schnell wieder auf.

Der Vorleser reißt die Mauer des nicht wahr haben Wollens grundlegend ein, weil er uns mit der Täterin mitfühlen lässt, bei allem Ekel und Abstand,d en wir ihr gegenüber schnell errichten wollen. Aber dasselbe Gefühl, was uns zum Abstand zwingt, zwingt uns zur Nähe, zum zerrissenen Mensch-sein, das nicht in gut und böse, schuldig und unschuldig aufgeteilt werden kann. Aber schon hier hängt uns die Nähe zur Selektion nach, die immer als so unvorstellbar dargestellt wird. Hannah Schmitz rechtfertigt ihr Tun mit der Verantwortung für ihre Arbeit und auch wenn uns diese perverse Missachtung des Mitgefühls und seine Verklärung als Verantwortung gallig aufstößt, schwingt doch dieser Zweifel an der Wahrheit, die diesem Biegen der uns bekannten Definition anhängt, mit und lässt uns den Film über nicht mehr los. Verantwortung ist immer auch Verdinglichung, Absetzung. Es gibt immer jemanden für den wir Verantwortung übernehmen, übernehmen sollen und wer das ist, suchen wir uns selten selbst aus.

Doch wählen können wir, so glauben wir und errichten mit dem Verlassen des Kinosaals die Mauer wieder. Es ist eine wohl jedem bekannte und in der Schule gerne gestellte Frage: was hättet ihr getan? Ich hatte all diesen Leuten, die mit Inbrunst geantwortet haben, dass sie dagegen etwas unternehmen würden, dass sie nicht zu Tätern würden, nie etwas sprachliches entgegenzusetzen, aber ich wusste immer, dass ich mich in schlimmen Zeiten auf diese Beteuerungen nicht verlassen würde und mich das schleichende Gefühl nie losgelassen hat, dass diejenigen wohl am ehesten die Täter sind, die gar keine Täter sein wollen.

Zerrissenes zeigt der Film in zweierlei Geschichten, die nicht zufällig miteinander verwoben sind. Zwei Generationen, die sich Fragen stellen mussten, die sie sich nie stellen wollten. Diese Fragen brachen aber so existenziell in ihr Leben, dass sie ihnen nur mit Mauern begegnen konnten. Aber Mauern und Stacheldraht haben die peinliche Eigenart, dass es immer jemanden gibt, der auf der anderen Seite steht. Heute, wie damals.

Meine Generation stellt sich diese Fragen nicht mehr als existenzielle Begebenheiten, sondern als Geschichten in Büchern, Filmen und abstrakten Denkfiguren, doch wir sollten tunlichst vermeiden daraus eine Mauer zu errichten und von einer Zeitenwende auszugehen. Die Menschen damals und die Menschen heute mag kaum noch etwas verbinden, aber das Mensch-sein wird sich weiterführen, so wie das Zerissen-sein die Seinsform darstellt, die zwischen allen Schritten mitschleicht, denn sie wandert selbst durch Minenfelder und Stacheldraht kann sie nicht verletzen. Mauern bauen wir uns gegen die Vergangenheit. Aber ob wir alles richtige auf unsere Seite geholt haben, oder ob wir auf der falschen Seite stehen, wissen wir nicht.

Der Vorleser kann es uns nicht beantworten, aber das war auch gar nicht sein Ziel.

Eine filmnähere Rezension findet ihr bei meinem Bruder: Der Vorleser.

Warum ich politikverdrossen bin ohne es zu sein

4 Kommentare    /
Geschrieben am 24. Januar 2009 von Raphael in Gesellschaft.

Ich habe in einem melancholischen Anfall von Schreibmüdigkeit einen Beitrag im Onezblog verfasst, der versucht auszudrücken, warum ich nicht mehr Blogge, wie ich mal gebloggt habe. Dort schreibe ich, dass mir Politik gerade am Allerwertesten vorbei geht und Claudia hat darauf regiert und fragt mich bissig:

Wie seltsam, dass dir ausgerechnet in diesen Zeiten Politik so uninteressant erscheint! Ich finde, so spannend wie derzeit war es lange nicht: die Finanz- und Wirtschaftskrise berührt viele Menschen ganz persönlich, es wird wieder “die Systemfrage” gestellt, man überlegt, wie man das Finanz-Casino regeln kann und die Prognosen, was noch in nächster Zeit auf uns zukommt, sind ausgesprochen katastrophal. Lebst du in einem so sicheren Elfenbeinturm, dass dich das alles nicht tangiert?

Ich bin froh, dass mich Claudia so angegangen ist, kann ich doch so versuchen zu erklären, was in der Überschrift dieses Artikels als Paradoxon ausgedrückt wird. Ich möchte hinten anfangen und versichern, dass ich mich allerdings sicher genug in meinem Elfenbeinturm fühle und froh bin, dies auch sein zu können. Dabei steht weniger meine finanzielle oder perspektivische Zukunft im Vordergrund, sonder vielmehr eine Geisteshaltung, die ich im allgemeinen vermisse und die Ursache meine schreibenden Politikabstinenz ist. Ich halte die momentane Krise nur deshalb für eine wirkliche Krise, weil sich Hinz und Kunz dazu aufgerufen fühlt bei jeder Meldung die nicht den absoluten Aufschwung prognostiziert, ganz lauthals “Krise” zu brüllen. Die “Krise” ist überall, jeder nutzt sie um das zu tun, was ja angeblich die Krise hervorgebracht hat: sich hervorzutun. All die ganzen Spinner, die jetzt an die Oberfläche gespült werden, die es ja schon immer gewusst haben und sich jetzt bestätig zu allem berufen fühlen. Kennt ihr den Film “Fletchers Visionen” mit Mel Gibson und Julia Roberts? Dort produziert Jerry pausenlos Verschwörungstheorien und wir eines Tages wirklich von der CIA entführt und soll ausbreiten, woher er sein “Wissen” hat und an wen er es weitergegeben hat. Da ihm aber nicht gesagt wird, welche seiner Theorien hier gerade abgefragt wird, kann er einfach nicht antworten. Er weiß einfach nicht, welche seiner tausenden Verschwörungstheorien sich denn jetzt bewahrheitet hat. Ein Blindes Huhn finden auch mal ein Korn, trifft es wohl ganz gut.

Ich kann und will mich in Anbetracht einer solchen Grundhaltung nicht zu Vorgängen äußern, die ich ganz und gar nicht für eine Krise halte, sondern vielmehr für das funktionieren einer Ordnung, die sehr lange überstrapaziert wurde. Überstrapaziert aber nicht allein von den jetzt marginalisierten teuflisch egoistischen Managern und korrupten Politikern, sondern von jedem Einzelnen in der westlichen Welt lebenden Menschen, der sich nie über eine Struktur aufgeregt hat, die ihn befördert hat. Jetzt brechen die Teile weg, die schon lange eine riesen Seifenblase waren. Was daran ist so dramatisch?

Aber ich will das gar nicht in concreto diskutieren, weil mir sonst wieder all die armen Menschen um die Ohren gehauen werden, die viel Geld, ihren Job und was weiß ich noch alles verloren haben. Dass soll nicht das Schicksal Einzelner verklären, aber es hat sich dennoch niemand beschwert, solange alles funktioniert hat.

Jetzt, in einer aufgeheizten Stimmung, wo die hochtrabende Idee wieder mehr zählt, als das kühle Argument, habe ich keine Lust mich über Systemfragen mit Leuten zu unterhalten, die solange die Fresse nicht aufgemacht haben, wie sie das System unterstützt hat, aber die ersten sind, die einfordern, was sie nie gegeben haben. Das ist Opportunismus in Reinform. Was mir vorgeworfen werden kann und soll, ist dass ich hier genauso verallgemeinere und vielen damit nicht gerecht werde. Weil ich eben merke, dass mich die Stimmung auch nicht kalt lässt. Aber über Verbesserungen und notwendige Reformen oder sogar grundsätzliche Änderungen diskutiert man nicht in Rage. Jedenfalls nicht, wenn man annimmt, dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt, Menschen aber auch nicht vollkommen anders handeln, nur weil sie achtzig Jahre später leben.

Ich könnte hier jetzt noch seitenlange rhetorisch wie argumentative Bomben aufschreiben, warum die “Krise” zwar keine tolle Situation ist, warum ich auch einiges notwendig zu verändern halte, was ich verändern würde etc. Interessant ist dies aber nicht aufgrund der “Krise”, sondern lediglich in einer prinzipiellen Hinsicht. Der Aktionismus, der in Teilen zwar gerechtfertigt sein mag, ist doch Teil dessen, was jetzt überall verteufelt wird. Neu Anfangen kann man nicht in Krisenzeiten, da gibt es nur Umbrüche, die einen mir suspekten Hang zur schwarz-weißen Metaphorik haben, sondern in Zeiten, wo man nicht zur Reaktion gezwungen ist. Das mögen Ansichten aus dem Elfenbeinturm sein, der weniger mit den momentanen Krisen und dafür besser mit den prinzipiellen Problemen umzugehen weiß, aber diese Haltung werde ich nicht verloren gehen lassen, nur weil es verbreitete Meinung ist, es sei erste Bürgerpflicht jetzt das “richtige” zu meinen, zu tun und zu denken.

Ich werde mich nicht von einer Hysterie anstecken lassen, die weit größere und gefährlichere Auswirkungen haben kann als eine Rezession.

Die Blogbibliothek

16 Kommentare    /
Geschrieben am 14. Januar 2009 von Raphael in Kultur.

Heute erreichte mich eine Anfrage des neuen Projekts Blogbibliothek, die uns Autoren hier auf der Endlosrekursion bittet einige unserer Artikel dort listen zu lassen. Es gäbe schon einige Empfehlungen unserer Texte. Die Blogbibliothek hat sich zum Auftrag gemacht, die besten Blogtexte im deutschsprachigen Raum zu sammeln. Ohne kommerzielle Ansprüche und mit dem Ziel die Textperlen der kleineren Blog einem größeren Publikum zu präsentieren.

Ich habe mich wirklich gefreut, dass diese Wahl der Blogperlen auch die Endlosrekursion getroffen hat und halte überhauptd as Projekt von Kurt Steuble, Roman Hanhart und Caro Nadler für ein sinnvolles. Aber die Art und Weise der Umsetzung des Projekts birgt einige Probleme, die ich in diesem Artikel gerne darstellen möchte und hoffe, so zu einem sinnvollen gelingen der Blogbibliothek beitragen zu können. Denn unter gegebenen Umständen würde ich meine Artikel nicht freigeben und auch niemandem empfehlen diese freizugeben.

Alles fängt an mit der Technik. Ich versuche mich, wie sicherlich einige aus leidvollen Gesprächen schon wissen, als Suchmaschinenoptimierer. Ein solcher versucht seine Internetprojekte so gut es geht für Suchmschinen wie Google aufzubereiten, dass diese möglichst gute Rankings, also Plätze in den Suchergebnissen, erreichen. Und genau daher rührt auch mein Einwand.

Es ist ein alter Hut in der Suchmaschinenoptimierung, dass Google nur eine Seite im Index führt, wenn zwei Seiten mit dem selben Inhalt aufzufinden sind. Ganz sicher, welche Seite Google listet, kann man sich nie sein, Google wartet da durchaus ab und an mit Überraschungen auf. Im großen und ganzen kann man aber sicher sagen, dass die Seite, die “stärker” ist, den Inhalt in den Index drücken wird.

Nun ist allerdings aufgrund der wirklich guten Idee von der Blogbibliothek zu erwarten, dass diese eine starke Seite sein wird. Blogger berichten und Linken. Links sind das wichtigste Kriterium für die Stärke einer Seite. DIe Blogbibliothek wird also stärker sein, als die meisten Blogs, aus denen sie Beiträge vorstellt.

Nun ist es nicht besonders tragisch, wenn ein Beitrag eben nicht mehr auf dem eigenen Blog, sondern bei der Blogbibliothek gefunden wird, weil diese jetzt mit dem Artikel im index ist. Denn darum geht es ja. Blogger zu unterstützen, die zwar gute Texte schreiben, aber aus vielerlei Gründen keinen starken Blog ahben und deshalb nur wenig Leser erreichen.

Allerdings kann die doppelte Inhalt für kleinere Blogs wirklich bedrohlich werden und mit etwas Pech zum Komplettausschluss von Google führen. Das ist zwar sicher der sprichwörtlich an die Wand gemalte Teufel und doch sehr unrealistisch, aber dennoch, helfen wird es den Blogs sicherlich nicht, es sei denn sie sind stärker als die Blogbibliothek.

Nun könnte man anmerken, dass man sich doch nicht von Google diktieren lassen sollte, wie man seine Projekte plant und durchführt. Allerdings ist Google der zuverlässigste Beschaffer von Lesern, wenn man wenigsten ein paar Links auf seine Seite gerichtet hat. Und diese Leser zu verlieren wird schwerer wiegen, als die Freude der Anerkennung durch die Aufnahme bei der Blogbibliothek.

Vor allem, weil all dieses durcheinander gar nicht sein muss. Google und alle mir bekannten anderen Suchmaschinen bieten eine Möglichkeit an, eben mit diesen doppelten Inhalten umzugehen. Es gibt die Möglichkeit Seiten direkt aus dem Index auszuschließen. Google ignoriert diese Seiten einfach, bzw. folgt, so gewünscht und angezeigt noch den Links aufd er Seite. Und genau das wäre ein Modell für die Blogbibliothek. Alle Übersichts-, Quellen- und Autorenseiten lässt man im Index und die Artikelseiten schließt man einfach aus. Das kann man über das Metatag “robots” mit “noindex,nofollow” wunderbar implementieren.

Das Projekt gewinnt, weil es seine sinnvolle Aufgabe voll wahrnehmen kann und die besten Texte aller deutschsprachigen Blog sammeln kann und so die Autoren dieser Texte unterstützen kann, ohne diese um ihre potentiellen Leser von Suchmaschinen zu bringen. Die Autoren gewinnen, weil sie neue Leser einerseits durch die Blogbibliothek direkt gewinnen und andererseits durch die Verlinkung der Blogbibliothek indirekt mehr Leser auf ihr Blog gebracht werden.

Ich hoffe, dieser Anstoß bringt euch weiter, denn ich würde euch sehr gerne erlaube einige meiner Texte in die Bibliothek aufzunehmen und das gesamte Projekt wachsen zu sehen.

Seiten:«1234567...17»

Die Endlosrekursion

Die Endlosrekursion ist ein gemischter Gemeinschaftsblog mit den Themen Philosophie, Recht, Leben, Gedichte, Gesellschaft, Kultur, Medien und Fotografie. Die Endlosrekursion verfolgt kein klares Ziel, sondern stellt vielmehr ein Experiment des versuchten Schreibens mit Spaß, Anstrengung und Anspruch dar.

Letzte Kommentare

  • mona lisa: - klasse geschrieben! - waren die widerlichen Bananenstückchen zum Hause im Müsli? - muss es nicht heißen: sondern in einem so geprägten Tun zu leben?...
  • marion: gruppen gibt es viele...
  • ddflies: Wird mal wieder Zeit auszumisten, oder???. Also, die Mistgabeln stehen bereit. mfg....
Endlosrekursion Posts RSS feed