Inger Christensens Lyrik. Hilfe zur Entdeckung des Schönen im Gedicht.
Dieser Text geht um Lyrik. Kein besonders populäres Thema in der Blogwelt, ich weiß. Es gilt sogar: Es ist kein besonders populäres Thema überhaupt. Schade eigentlich, denn bei Lyrik ist es so: Wenn man erst einen Zugang gefunden hat, ist sie unheimlich spannend und herausfordernd, ohne jemals langweilig zu sein. Die Schwierigkeit liegt immer darin diesen verdammten Zugang zu finden. Dabei sind sich Literaturwissenschaftler, Hermeneutiker und Dichter überhaupt nicht einig, worin dieser Zugang besteht. Novalis (und die Dichterin, um die es im Folgenden gehen wird) spricht von einem „Geheimniszustand“. Ich werde in diesem Text versuchen ein paar Gedichte „zu vermitteln“. Diese Vermittlung ist bestimmter Art: Ich will, dass ihr vielleicht merkt, warum das Gedicht, das ich besprechen werde, schön ist. Ich will also nicht zunächst, dass ihr es „versteht“, sondern das ihr es ästhetisch genießen könnt.
Mein Text hat aber auch eine traurige Ursache: Am 2. Januar starb die dänische Dichterin Inger Christensen. Liest man die Nekrologe der deutschen Zeitungen merkt man, welche Achtung Christensen im deutschsprachigen Raum erhielt. 1994 wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und 1995 mit dem Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie ausgezeichnet; 2006 erhielt sie den Siegfried Unseld-Preis. Sie war zudem Mitglied der Europäischen Akademie für Poesie und seit 2001 der Akademie der Künste in Berlin.
Inger Christensen ist nicht leicht zu lesen und ich möchte deshalb ein paar Überlegungen zu ihrer Lyrik aufstellen, die beim Lesen vielleicht eine Hilfe sein können. Dabei geht es mir, wie gesagt, nicht in erster Linie darum Anleitungen zu geben, wie die Texte verstanden werden können. Es geht mir eher darum Hinweise zu geben, wie man diese Texte ästhetisch erfahren kann – dazu gehört natürlich auch Verstehen. Eine ästhetische Erfahrung ist aber exemplarisch: Man kann sie nur selbst machen. Dieser Text ist deshalb nur ein Vorschlag, wie man an die Texte herangehen kann, so dass man ihren ästhetischen Wert entdeckt. Entdecken muss man ihn jedoch selbst.
Meine Überlegungen betreffen Christensens Dichtung im Allgemeinen, aber beziehen sich auf den Gedichtband „Alphabet“ aus dem ich auch zitieren werde (damit ihr die Gedichte lesen könnt).
Inger Christensen schreibt meistens ihre Gedichte nach einem System bzw. in einem oder als eins. Für diejenige, die ihre Gedichte gar nicht kennen, skizziere ich jetzt kurz die Systematik von „Alphabet“ und dem „Schmetterlingstal: Ein Requiem“.
Alphabet ist durch zwei Systematiken bestimmt: Erstens ist die Zeilenzahl jedes Gedichts durch die Fibonacci-Reihe bestimmt, eine nach dem italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci benannte Zahlenreihe, bei der sich jedes Glied der Reihe aus der Summe der beiden vorangehenden Zahlen errechnet (also: 1, 2, 3, 5, 8, 13…). Das erste Gedicht hat demnach eine Zeile, das zweite zwei, das dritte drei, das vierte fünf etc. Die Summe steigt exponentiell, so dass das neunte Gedicht schon 55 Zeilen hat. Zweitens ist jedes Gedicht durch einen Buchstaben bestimmt, alphabetisch geordnet, so dass das erste Gedicht den Buchstaben a, das zweite den Buchstaben b etc. als eine Art Leitbuchstabe hat. Dies ist natürlich nur sehr begrenzt in der deutschen Übersetzung erhalten. Hier die ersten paar Gedichte aus Alphabet:
die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es
die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren
und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff
die zikaden gibt es; wegwarte, chrom
und zitronenbäume gibt es; die zikaden gibt es;
die zikaden, zeder, zypresse, cerebellum
die tauben gibt es; die träumer, die puppen
die töter gibt es; die tauben, die tauben;
dunst, dioxin und die tage; die tage
gibt es; die tage den tod; und die gedichte
gibt es; die gedichte, die tage, den tod
Im Dänischen haben beispielsweise die Wörter Farne und Wasserstoff den Anfangsbuchstaben b, so wie Zikade, Zitrone, Zeder und Zypress den Anfangsbuchstaben c und Taube, Traum, Puppe, Gedicht, Tag und Tod den Anfangsbuchstaben d haben. Das Gedicht hört bei n auf (die Menge aller natürlichen Zahlen wird in der Mathematik mit n bezeichnet). Es wäre übrigens beinahe unmöglich der Fibonacci-Reihe bis zum Ende des dänischen Alphabets zu verfolgen – damit hätte allein das letzte Gedicht (Nr. 28 nach dem dänischen Alphabet) 514.229 Zeilen und die Zeilenzahl des gesamten Gedichts wäre absolut unüberschaubar.
Das „Schmetterlingstal“ unterliegt einer genauso beeindruckenden Systematik – es ist ein Sonettenkranz. Der klassische Sonettenkranz besteht aus 15 Einzelsonetten, wobei das zweite Sonett mit der Schlusszeile des Ersten beginnt, das Dritte mit der Schlusszeile des Zweiten und so fort bis zum Vierzehnten. Das Fünfzehnte, auch Meister-Sonett genannt, fasst dann noch einmal alle 14 Schluss- bzw. Anfangszeilen in gleichbleibender Reihenfolge zusammen. Alle Sonette, das Meister-Sonett inklusiv, reimen und folgen einem bestimmten Versfuß.
Nun haben wir einen Einblick in einige Systematiken der Dichtung Inger Christensens erlangt und können zur Ästhetik übergehen. Für die ästhetische Erfahrung der Gedichte ist das Spiel zwischen den Mustern und Regeln der Dichtung und dem Bruch mit diesen Mustern und Regeln wichtig. Der Bruch ist kein Abbruch sondern eher die Entstehung neuer Mustern und Regeln. Die Muster und Regeln liegen in der Dichtung meines Erachtens im Feld zwischen der Form und dem Inhalt, womit ich in diesem Zusammenhang die besondere Bewegung der Dichtung zwischen Musik und These meine. Ein gutes Gedicht muss immer musikalisch sein, darf aber nie zum Lied werden. Ebenfalls muss es These sein ohne jemals wissenschaftlicher Text zu werden.
Um dieses Spiel bei Christensen zu erfahren sind drei ästhetische Reflexionsformen wichtig, die ich hier mit den Begriffen „das Ganze“, „der Tod“ und schließlich „das Gedicht“ benennen möchte. Mit Reflexionsform meine ich so etwas
Relevanz als Inszenierung
Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf oxenzeams Kommentar zur Relevanz der Endlosrekursion und zugleich eine Reflexion auf meinen eigenen Artikel Wer ist frei?
Vielleicht fand ich meine Ironie zu uninteressant oder zu hässlich um sie ordentlich zum Ausdruck zu bringen, da aber ihr Thema nun aufgegriffen worden und meinen Artikel dabei sogar angesprochen wird, möchte ich jetzt, obwohl die Peinlichkeit der Explikation ironischer Rede mir ästhetisch zuwider ist, eine Enthüllung der Ironie vollziehen; sie war zum Scheitern verurteilt und kann deshalb hier, ohne mein Beileid, sozusagen zur Strafe entblößt werden – niemand wird ihre Latenz vermissen oder der Verlust ihrer wackeligen Eleganz bedauern.
Relevanz ist eine Floskel. Mit dieser Aussage soll nicht, oh nein, gesagt werden, dass Floskeln a priori zu verurteilen sind, aber sie weist auf ein der Relevanz innewohnendes Problem hin: Floskeln sind grundsätzlich nicht relevant. Diese Irrelevanz der Relevanz zeigt sich überall in unserer (relevanten) Gegenwart, besonders deutlich bei dem Inbegriff der Relevanz, die Politik. Im gewöhnlichen regulären Parlamentarismus sind Opposition und Mehrheit kommensurabel, sie haben einen gemeinsamen Maßstab und bilden damit eine reguläre Beziehung, eine normierte Beziehung. Es gibt hier keine wirklich radikale Wahl: Die Entscheidung ist eine Frage der Nuance, des feinen Unterschieds.
Meinungsunterschiede werden deutlich und am Ende entscheidet eine kleine Gruppe, die mal das eine, mal das andere wählt, wie es dieses Mal läuft. Damit möchte ich gar nicht sagen, dass man sich für die gegenwärtige Politik nicht interessieren oder sich mit ihr nicht auseinandersetzen sollte, nur soll deutlich werden: Politik ist keine Ausnahme, keine Neuigkeit; sie ist viel eher eine Floskel, gewiss, keine schlechte, aber auch keine relevante. Das Besprechen von ihr wiederholt sich ins Unendliche, sowie sie selbst. Die Politik arbeitet über sehr lange Zeit mit denselben Problemen, sie schwankt zwischen kleinen Nuancen und kleinen Unterschieden. Politik ist in diesem Sinne zum großen Teil Konjunktur: Dies Jahr schwarz, nächstes rot, dieses Bundesland schwarz, nächstes rot. Jede Konjunktur ist sehr wichtig, aber sie ist nicht relevant, sie ändert sich nur um wieder sich dem Ausgangspunkt zuzuwenden. Vielleicht wird sich über lange Zeit etwas Grundsätzliches geändert haben, aber dann nicht wegen der Konjunktur sonder wegen der Entwicklung. Vieles hat sich in Deutschland seit dem Mauerfall geändert, aber in gewisser Hinsicht auch nichts. Die Änderungen, die stattgefunden haben, schienen kleine und vorhersehbare gewesen zu sein. Nicht die gegenwärtige Politik ist relevant, sondern alles das, was zu ihr geführt hat und was sich in ihr verbirgt. Anders gesagt: Richtig relevant ist die nächste Wahl nicht, sie wird in vielerlei Hinsicht genauso wenig verändern wie die letzte; relevant ist, wie es dazu kam, dass Wahlen heute so sind wie sie sind und wie man diese Art von Politik rechtfertigen und kritisieren kann. D.h. relevant ist nicht, ob schwarz oder rot dran ist, sondern das System, in dem sich schwarz und rot hin und her bewegen. Weiterlesen »
Wer ist frei?
Ich weiß nicht recht, wie ich die Einleitung zu diesem kompakten Beitrag (ich verspreche es, er ist nicht lang) „spannend“ machen soll ohne auf Floskeln zu rekurrieren; damit soll nicht, oh nein, gesagt werden, dass Floskeln a priori zu verurteilen sind, aber sie wecken bei klugen Lesern selten Interesse. Ich habe mich deshalb entschlossen stattdessen die Eitelkeit der klugen Leser anzusprechen und ein Quiz aus dem Ganzen zu machen: Frage (1) Wer von den klassischen deutschen Philosophen würde mir bei folgendem Frage-Antwort-Spiel zustimmen? Frage (2) Haben wir Recht?
Zum Gewinnen gibt es symbolisches Kapital.
Das Glaubensbekenntnis als Versuch
Du dachtest ein Atheist könne nicht über Gott reden und nichts zur Theologie beitragen? Ich bin einer und tue es jetzt trotzdem. Bitte schön: Eine kleine Reflexion zum Credo im religiösen Vollzug.
Die Ausfassung vom Glaubensbekenntnis als Versprechen ist problematisch
Das Glaubensbekenntnis zu sprechen ist, wie Sprechen überhaupt, eine Handlung. Die Frage danach, was für eine Handlung es ist bzw. was wir tun, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, hat sicherlich viele Antworten. Diese vielen Antworten deuten darauf hin, dass die Frage danach was wir tun, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, auch eine Frage danach ist, was wir tun wollen, wenn wir es sprechen.
Ich möchte in diesem Essay probieren, das Glaubensbekenntnis als einen Versuch zu verstehen, es als einen »Essai« zu interpretieren. Diese Interpretation ist ebenfalls ein Versuch bzw. ein Vorschlag und beansprucht deshalb nicht in irgendeinem Sinne wahr, richtig oder streng wissenschaftlich zu sein, sondern beansprucht lediglich, sinnvoll und interessant zu sein.
Konklusion zu Foucaults Argument
Dieser Beitrag ist der letzte Teil eines Artikels in drei Teilen.
Mit dieser Rekonstruktion ist es möglich den Begriff der Macht argumentativ einzuordnen. Man sieht, dass er ganz am Anfang der Methodenbegründung steht. Damit wird es verständlich, warum er eine so wichtige Rolle spielt: Untersucht man was im Hinblick auf das Subjekt vorausgesetzt werden darf, dann bleiben nur die Macht und die Historie übrig. Die Wissenschaften untersuchen keine unmittelbare Empirie, die im ontologischen Sinne in ihrer Bestimmung einfach vorhanden ist. Wählt man eine Wissenschaft, sei es die Biologie, die Physik oder die Soziologie, bestimmt man als Mensch eine Empirie. Diese Bestimmung der Empirie erfolgt aus den Zwecken, die der Mensch mit seiner Wissenschaft verfolgt. Diese Zwecke sind wiederum vom Willen des Menschen bestimmt. Die Bewegung vom Wissen hin zum Willen in der Foucaultschen Untersuchung des Subjekts erfolgt aus dieser Einsicht in die Zweckgebundenheit der Wissenschaften. Die Historie ist die Empirie, wie sie von der Foucaultschen Untersuchung bestimmt wird.
Nun stellt sich aber eine höchst wichtige Frage: Scheint diese Argumentation nicht anzudeuten, dass die Foucaultsche Untersuchung den Anspruch hat, selbst zweckfrei zu sein? Die Begründung war doch, dass weil die Wissenschaften vom Willen abhängen und in diesem Sinne nicht frei sind, wir den Willen, und das heißt die Macht, untersuchen müssen. Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil sie letztendlich auf die Frage nach dem Wahrheitsanspruch der Foucaultschen Untersuchung hinausläuft. In welchem Sinne ist Foucaults Antwort auf die Frage nach dem Subjekt wahr? Was sind seine Wahrheitskriterien? Weiterlesen »
Die Endlosrekursion
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