Zärtlichkeit Zwei.
Es gibt kaum mehr Musik, die zu berühren weiß. Noch seltener findet man welche, die sich nicht mit dem bloßen Antasten, mit einem flüchtigen Streifen, das dem kurzen, achtlosen Anrempeln eines gestressten Geschäftsmannes in einer Frankfurter S-Bahn zur Rushhour gleicht, zufrieden gibt.
Musik, die mehr verlangt, ist der Jude der Musikindustrie.
Die Sehnsucht nach dem gewohnten Fühlen wird auf mannigfaltige Weise gestillt. Das Sehnen nach der Sucht bedarf ebenso wie die Sucht nach dem Sehnen lediglich eines Knopfdruckes zur Befriedigung. Der Sender spielt keine Rolle. Die überall ertönenden Liebesbeteuerungen und Gefühlsbekundungen der Interpreten gleichen der maschinellen Fertigung von Bauklötzen. Und dennoch werden sie abgenommen. Angenommen. Aufgenommen.
Das Fühlen wird zur Phrase. Immer und überall anwendbar.
Glaubhaftigkeit wird als Gimmick mitgeliefert.
while the crowd is waiting for the final kiss
the one which allows them to sleep well
we’ll walk along our own path
the one which will lead us to our own bless
Gerade unter dem Eindruck eines solchen Rahmens erscheint die Musik des schwedischen Singer/Songwriters José González wie eine Erschütterung des sich in Salzsäure wohlig Badenden. Durch und durch einverleibend, vermag man sich ihrer Sogkraft nicht zu entziehen, ganz gleich, wie stark man sich dieser widersetzen möchte.
Leicht sagt man jenem Genre jugendliche Naivität und Wehleidigkeit nach. Von all diesem Ballast beraubt, führen González’ Stücke in das Dunkel des Empfindens. Ungewissheit und Unbestimmtheit sind hier Raum und Zeit. Niemand steht dem Zuhörenden wegweisend zur Seite; er wird zur bewussten Auseinandersetzung mit dem Aufkommenden, mit dem ihm Bedrängenden aufgefordert.
Anstrengung, Mühe, Tätigsein – eine Anmaßung in einer Zeit, in der Passivität das oberste Gebot ist.
but we need hints before we get tired
we need speed before we lose pace
we need a hint to know we’re on the right track
Das Verlangen nach dem Sovielmehr findet seine Erfüllung in der Eindringlichkeit seiner Worte, der Bedachtsamkeit seiner Komposition, der zärtlichen Ernüchterung in seiner Stimme. Doch ganzgleich wie offensichtlich die Richtung zu sein scheint, in die seine Werke weisen:
Die Hoffnungslosigkeit ist nur eine scheinbare.


mona lisa (Webseite)
“Musik, die mehr verlangt, ist der Jude der Musikindustrie.”
Bitte, was ist denn das für eine Formulierung, was soll der Satz bedeuten, wehalb diese Metapher?
le simplicissimus (Webseite)
Es ist ein Verweis auf einen großen Denker. Das Fremdwort ersetzte jedoch bei ihm die mehr verlangende Musik, Sprache die Musikindustrie. Ein kleines Rätsel zu solch später Stund’.
Dennoch bezeichnend, dass gerade diese Zeile als anstößig – oder zumindest: bedenklich – empfunden wurde. Business as usual.
mona lisa (Webseite)
Darf man wissen, auf welchen großen Denker mit diesem Satz verwiesen wird?
” Dennoch bezeichnend” für wen oder was? Ich mag Rätsel nicht, mir sind klare Sätze lieber.
le simplicissimus (Webseite)
Auf Adorno. Soweit ich mich entsinnen kann, ist dieser Satz in der Minima Moralia zu finden.
Bezeichnend für wen oder was? Für dich, für mich, für ihn, für sie, für diesen und jenen, für euch, für uns.
Ich mag Rätsel. Wollte ich klare Sätze haben, so ginge es in diesem Artikel um Robbie Williams.
Anonymous
Unmöglich, der Verweis mag geschrieben haben wer will, aber der Satz ist nicht als Zitat gekennzeichnet (was in einer anderen ebene kennzeichnend ist) und darüber hinaus wohl sehr aus dem Zusammenhang gerissen und damit verfäscht (sofern es Adorno war). Mit einer solchen Attitüde ist dieses Portal für mich gestorben, hierher komme ich nicht mehr.
Wer darüber hinaus meint, Klarheit habe nur platz im profanen, das höhere sei immer von einem rätselhaften Charakter geprägt, der erscheint recht überheblich.
Nunja, auf Nimmerwiedersehn.
soeren onez (Webseite)
Na das ist ja mal schade. Denn wer meint, hier einen wissenschaftlich gefertigten Artikel vor sich zu haben, dem das Gebot der Kennzeichnung zusteht, meint uns Autoren den Spaß am Rätseln durch den Vorwurf der Arroganz madig machen zu müssen und dann nicht mal die Eier hat, eine Emailadresse oder einen Namen mit seinem Gesabbel zu hinterlassen, der ist sicher gut beraten, andere, bessere Portale zu beehren.
Mona Lisa, was stört dich denn in dem Zusammenhang an dem Satz? Er ruft doch sicher genau die beabsichtige Assoziation hervor und steht deshalb zurecht dort, oder nicht? Ob man den Juden zumuten kann, als Methapher in einem solchen Text zu stehen, ist eine andere Sache, die ich aber auch gerne diskutieren würde, denn ich finde sie auch weniger gelungen. Warum? Nicht nur, weil dadurch Stereotypen wiederholt werden, sondern vor allem, weil dadurch eine ungewollte Ungenauigkeit entsteht. Der Verweis auf Adorno würde wenigstens die Ungenauigkeit beseitigen, hätte dann aber stärker sein müssen, hätte ich auch nicht erkannt.
Ein frohes neues Jahr noch auf diesem Wege!
le simplicissimus (Webseite)
Ich will es kurz halten (um mich nicht mit jeder stumpfsinnigen, kleinbürgerlichen Kritik allzu lange beschäftigen zu müssen):
Ein Zitat ist eine wörtlich übernommene Textstelle eines anderen Autors und als solche zu kennzeichnen. Der von mir angeführte Satz ist weder eine direkte noch indirekte Übernahme eines fremden Gedankens, sondern lediglich ein Verweis auf einen ebensolchen durch Abänderung des ursprünglich Gedachten. Deshalb bestand kein Bedarf, den Urheber zu nennen, da ich der Urheber des verfremdeten Gedankens bin.
Zum Thema
siehe:
Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 2003, S. 125
Wowik (Webseite)
Bezeichnend? Bezeichnend für Moralinjunkies die Allem und Jedem den Finger in den Po stecken und sich über den Gestank empören.
Wie klein muss ein Mensch sein um sich an einer solchen Metapher den Kopf zu stoßen. Unser eins steigt darüber hinweg und behandelt eine Metapher wie eine Metapher. Ich habe es oft gesagt und ich sage es wieder, Kleingeister die sobald irgendwo das Wort “Jude” fällt hitzig werden sind von gestern und müssen noch heute überwunden werden.
Nach Licht sehnt sich der Blinde, nach Klarheit der Verwirrte und Verirrte. Könnt ihr in diesen Tiefen nicht klar sehen, nicht scharf blicken, wie es ein Raubvogel in seinen luftigsten Höhen vermag? Noch seid ihr gefesselt an alte Gelübde, noch gilt euer Schwur einem alten König, noch seid ihr bedrückt durch die Mauern eurer “Werte”. Eure Taten sind Fehler, eure Worte sind Lügen und eure Klarheit ist – finster.
Klarheit ist der Anfang aller Überflüssigkeit, die Wurzel aller Nichtigkeit.
Wer Klares schätzt soll Kornbrand trinken.
Arroganz muss man sich leisten können.
soeren onez (Webseite)
Man wird sicher noch nachfragen dürfen, was der Autor mit dieser Metapher gemeint hat, oder? Denn wenn es in die Richtung stereotyper Nutzung des Juden geht, dann finde ich Vorsicht vor Unklarheit durchaus angebracht. Nicht jeder Mensch hat Zeit oder die Muse gehabt Adorno zu lesen. Und ein Mensch wird, wenn er es getan hat, dadurch auch nicht partout größer. Hitzig zu werden steht weder der kleinen Springmaus, noch dem spähenden Adler gut zu Gesicht, meinst du nicht auch:)
le simplicissimus (Webseite)
Wie man all diesen Reaktionen entnehmen konnte, löst die Bezeichnung “Jude” ein Gefühl von Unbehagen aus. Ich will fast sagen: Überforderung.
42! (Webseite)
“Wie man all diesen Reaktionen entnehmen konnte, löst die Bezeichnung “Jude” ein Gefühl von Unbehagen aus. Ich will fast sagen: Überforderung.”
Abschweifend:
“Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen”
(Zwi Rex)
Und so ist es.
soeren onez (Webseite)
Hm, heißt das, wann immer ein jemand Jude sagt, es jemand kritisiert, wird dieser immunisierende Spruch kommen? Das kann es doch auch nicht sein. Mona Lisa hat eine ziemlich einfache Frage gestellt und ihr stellt euch an, als entlarve sie sich dadurch als das kleinbürgerliche Monstrum an sich. Ich verstehe eure Aufregung nicht, denn hier hat sich, außer einem anonymen Komiker, niemand aufgeregt. Aber Fragen nicht zu beantworten, erscheint mir nie sonderlich angebracht. Korrigiert mich, wenn ich etwas übersehen habe. Eine Methapher als immunisierendes Moment ist jedenfalls nicht das was ich dem großen Geist zustehen würde.
le simplicissimus (Webseite)
Und ich habe diese Frage bezüglich der Metapher hinlänglich beantwortet. Den Rückschluss glaube ich jedem zumuten zu können.
Im Übrigen: mit “kleinbürgerlich” war der sich anonym Äußernde, nicht Mona Lisa gemeint.
42! (Webseite)
Kleinbürgerlich ist eines meiner Lieblings-Schimpfwörter. Köstlich.
gravity
Die Musik als Ausdrucksform von Gefühlen für die Massen, wer sich bei Radiomusik über kitschige Themenwahl beschwert sollte eben kein Radio hören.
Denn auch das Finden von Musik, die zu einem passt, ist eine Aufgabe die man nicht den Moderatoren überlassen sollte. Bedenke doch, dass gerade dieses Medium dazu gebraucht wird um müde Arbeiter aufzumuntern, hektische Autofahrer zu beruhigen oder als Ventil für sonstigen täglichen Stress dient. Der Otto-Normal-Hörer, hat keine Zeit und Lust sich auf Tiefsinniges und Tragendes einzulassen, da ist Herbert Grönemeyer und Xavier Naidoo schon das Höchste der Gefühle. Wer Musik generell nach pädagogisch wertvollen Kriterien bewertet hat den ursprünglichen Sinn von Musik missverstanden.
Wer, der nicht schon mal vom Übermensch gehört hat, ist nicht geneigt sich selbst das Etikett des Intellektuellen zu geben und von diesem “neuen” Standpunkt aus seine alten Ängste in ein neues Gewand zu verpacken. Es gefällt sicherlich Mitmenschen zu unterstellen sie könnten sich nicht verzeihen und wären immer noch im deutschen Nachkriegs-Trauma gefangen, weil sie etwas daran auszusetzen haben, dass hier nicht z.B. der Mensch mit mosaischem Glaubensbekenntnis metaphorisiert wird, sondern das subjektive “Jude”, der nun mal einen unangenehmen historischen Nachgeschmack hat. Natürlich nennen alle Kleinbürger afro-deutsche Mitbürger auch nur nicht Neger oder Nigger weil sie Angst vor der Moralkeule haben und nicht weil ein negativ belasteter Begriff und ein gewisses Gespür für Mitgefühl sie davon abhält. Aber zum Glück sind unsere Großbürger über Mitgefühl und das Menschliche erhaben, und kuscheln sich in das Kissen des Übermenschlichen. Der Mensch muss nicht Moral überwinden, jedoch seine Ängste vor dem Nützlichen, Menschlichen, unaufhörlichen Fortschreiten, anstatt diese mit pessimistischen Begriffen zu belegen um sie zu verteufeln. Denn wie definiert sich eure Übermenschlichkeit wenn nicht durch die schaffenden Fähigkeiten des Menschen; wohl nicht durch Autokannibalismus . Ich mag eingestehen dass unmoralische Tendenzen essentiell für humoristische Stücke sind, aber nicht für eine Popmusikkritik.