Körper als Verhängnis
Das Leben kreist um das Unmittelbare. Das Unmittelbare umfasst das Augenscheinliche. Das Augenscheinliche verweist auf den Anderen. Nur er vermag als einziger ganzheitlich von dem alle Sinnesorgane Anführenden wahrgenommen zu werden. Das, was dem Auge erscheint, ist alles, was ist. Newtons Worte sind selbst dreihundert Jahre nach der Veröffentlichung der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica laut und deutlich zu vernehmen. Alles was zählt, sei Erscheinung. Im Zeitalter von Magazinen, Fernseher und Computer wurde sie zum Architekten der ganzen Welt.
Die Metaphysik ist beerdigt worden. Newton, ihr spottender Grabredner. Seine Worte müssen als Epizentrum verstanden werden. Die industrielle Revolution sowie die industrielle Tötung von Millionen knüpfen als Schlussformel nahtlos an seine Ansprache an. Technik musste den Körper erst ersetzen um ihn anschließend kalkuliert auslöschen zu können. Das Unmittelbare, das vermittels des Anderen auf uns selbst verweist, wurde unverrückbar in den Mittelpunkt des menschlichen Lebens verankert. Alles was ist, ist fortan Körper. Wissenschaft, Angst und Tod: dessen grobe Geburtshelfer.
Wollte man den Sisyphos der Postmoderne suchen, so fände man ihn in einem jeden Fitnesscenter. Als Verhasstes, Getretenes und dennoch Begehrtes versammeln sich im menschlichen Körper gleichermaßen ein schmerzhaftes Heilsversprechen sowie ein heilsversprechender Schmerz. Der Körper raubte der Erlösung jegliche Transzendenz. In ihm verschlang das Diesseits das Jenseits.
Nur durch die ihm beharrlich zugefügte Gewalt wird er zu dem, was er zu sein hat. Glaubte Marcuse streng der marxistisch-materialistischen Tradition folgend, die psychische Struktur müsse als ein Abbild der sozialen betrachtet werden, so müsste Letztere heute auch den Körper bespucken. Unweigerlich ist er zur Topographie des Gesellschaftlichen geworden. Leib und Seele schienen noch nie zuvor eine solch bruchlose Einheit zu bilden. Platons Hass auf alles Körperliche, auf alles Diesseitige verlor unwiderruflich seine Gültigkeit. Sie ist nun mehr ein bloß historisches Artefakte. Seine sich in der reinen Vernunft ausdrückende Weltabgewandheit musste sich dem Unmittelbaren, dem trügerischen Feind wehrlos ergeben.
Das Ersehnte jedoch bewegt sich im stählernen Feld des Unerreichbaren. Obgleich jeder sich der technischen Eingriffe in den medial vermittelten Körper bewusst ist, wird dieser dennoch zu dem Bestimmenden erhoben. Photoshop wird zum gern gesehenen Lügner. Sprach Aristoteles noch von einer schöpferischen Verbindung zwischen Vermögen und Verwirklichung, so zerrissen jegliche Bildbearbeitungsprogramme diese durch maßlose Überdehnung. Das zu Verwirklichende ist mittlerweile ein Unmögliches. Beziehungslos liegt das dem Vermögen nach Seiende neben dem der Verwirklichung nach Seienden. Ontologie ist ein zersägter Torso. Und dennoch: Der Körper triumphiert. Als Sehnsucht und Verhängnis.


Jörg Friedrich (Webseite)
Könnte es sein, dass nicht die Ontologie ein zersägter Torso ist, sondern der Text selbst? Oder dass er aus zwei zersägten Torsi besteht, die wieder zusammengestückelt wurden? “Orakelnde Philosophen” nannte Karl Popper diejenigen, die in der Hegelschen Tradition solche Texte verfassten.
soeren onez (Webseite)
Darüber habe ich gestern auch mit dem Autor le simplicissimus diskutiert und vielleicht können wir das dann doch auch noch hier tun. Ich denke zwar, dass mit einigem Aufwand der Text zu verstehen ist und so orakelnd nicht ist, wie die Texte in der hegelschen Tradition, die du hier meinst, aber gebe dir Recht, dass dieser Text um einiges verständlicher sein könnte. Die Idee, der Gedanke des Textes wäre es wert, von mehr Menschen verstanden zu werden!