Der Konjunktiv des Massenmords

Geschrieben am 5. Dezember 2007 von Wowik in Gesellschaft.
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Aufarbeiten, Erinnern, Lernen, das sind die Worte der Moralisten wenn sie auf die Geschichte im Allgemeinen und auf deutsche Geschichte im Besonderen blicken, das sind die Worte der – guten Demokraten. Der große Fehler meiner Generation: Sie beschäftigt sich mit den Geschichten ihrer Großväter und Urgroßväter, Geschichten an die man sich längst schon erinnert hat, die längst aufgearbeitet worden sind und aus denen dennoch niemand gelernt hat. Wer Hermann Hesses Siddartha gelesen hat wird wissen, dass Väter ihre Söhne nicht davon abhalten können die Fehler zu begehen die sie selbst einst begingen. Jede Generation muss ihre Fehler begehen und jede Generation wird ihre Fehler begehen. Ein Jeder glaubt besser gewesen zu sein als sein Vorgänger, zumeist Unterscheiden sich diese Generationenfehler nur oberflächlich.

Meine Generation ist noch im Kommen, über ihre Fehler wird man in ein paar Jahrzehnten Urteilen können. Warum man mit dem Aufarbeitungswillen und der Erinnerungswut so beharrlich an den Jahren 1933 – 1945 kleben bleibt? Aus Angst man könnte durchblicken, aus Furcht jemand könnte Parallelen ziehen.

Freilich ist das nur die halbe Wahrheit, schließlich arbeitet man auch die DDR Diktatur auf, der Schurkenstaat im Osten der politische Häftlinge folterte und seine freiheitsliebenden Bürger erschoss. Ich bin so satt von dieser Geschichtsverklärung. Man muss nur übrig bleiben, Böse finden sich immer. Natürlich waren die Mauertoten eine Tragödie. Aber war dies der Konflikt der Zeit? Wohl kaum!

Ein System das sich selbst zum Allerheiligsten, zum göttlichen Heilmittel für die Menschheit erhebt ist mir zuwider, es war erfahrungsgemäß immer das tödlichste Gift. Was es heute aufzuarbeiten gibt? Man hat 40 Jahre der gesamten Menschheit eine Waffe an die Schläfe gehalten und war bereit den Abzug zu drücken. Das ist der große Konflikt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der der Aufarbeitung bedürfte. Das dies nur einseitig geschieht ist auf ein Phänomen zurückzuführen das ich bereits mehrfach angesprochen habe: Der Sieg heiligt die Mittel. Wir haben den Krieg selbstverständlich nicht im militärischen Sinn gewonnen, aber unser System ist dasjenige, das übrig geblieben ist. Das zu einem Konflikt immer zwei Parteien gehören, ist klar. Warum denkt man das Ganze nicht weiter? Das wahre Gesicht, oder sollte ich sagen die Fratze, zeigt sich im Bedrohungszustand. Die Kernwaffen der Atommächte hatten Mitte der achtziger Jahre die Sprengkraft von ungefähr 6000 zweiten Weltkriegen. Heute ist diese Zahl etwas niedriger, ungefähr 2500 zweite Weltkriege was umgerechnet 7.500.000.000t TNT entspricht. Also mehr als 1000 Kg TNT für jeden Erdenbürger. So lässt es sich sterben. Es geht hier allerdings nur indirekt um das Zerstörungspotenzial des Atomwaffenarsenals.

Meine Frage: Wie viel Tote rechtfertigen das Überleben eines Systems? Die Doppelmoral der demokratischen Herrschaft: Wasser predigen und Wein trinken, Frieden preisen und Kriege führen, Recht fordern und Freiheit nehmen. Warum arbeitet man dies nicht auf? Warum kein Mahnmal für die Inkaufnahme der Möglichkeit eines Weltuntergangs zur Erhaltung einer Idee, eines Systems. Ist es nicht besser unter sowjetischer Herrschaft zu leben als gar nicht zu leben? Untergang? Für das System? Die große, Generationen übergreifende Krankheit ist es Dinge, Werte, Systeme, Religionen über sich zu heben und zu erwarten das andere Menschen sich dieselbe Krone aufsetzen.

Übelkeit, Übelkeit die mich befällt wenn ich „gute Demokraten“ von Weltdemokratie sprechen höre – ich wünschte mich befiele Taubheit. Demokratie! Man spricht davon wie von einer Reliquie, wie von einem Heiligtum, wie von einem – Götzen. Lobte ich etwas am Nationalsozialismus oder gar am Stalinismus würde man mich, vielleicht zu recht, darauf hinweisen, dass ich die Opfer, die Kriege, die „moralischen Verwerflichkeiten“ mit bedenken müsste. Gut. Muss ich dann nicht, wenn ich die Demokratie lobe zugleich an den Koreakrieg, an Vietnam, an die Invasion Grenadas, an die Golfkriege, sowie an das atomare Weltzerstörungspotenzial denken? Einige Flachköpfe werden jetzt einwenden: „Ja, aber die Sowjetunion hatte doch auch Atomwaffen, die Kommunisten in Nordkorea bzw. Nordvietnam waren böse und Saddam Hussein sowieso ein Psychopath und Mörder. Ich würde Antworten: Mag sein, betrifft mich aber nicht, ich lebe in einer Demokratie, die Sowjetunion gibt es nicht mehr, Saddam Hussein auch nicht, die Wahl zwischen den Kommunisten in Vietnam oder dem korrupten südvietnamesischen Regime, ist die Wahl zwischen Pest und Cholera und Nordkorea ist nicht gefährlicher als Deutschlands Verbündete. Damit ich bloß nicht falsch verstanden werde: Ich erhebe keinen moralischen Zeigefinger, es ist nicht mein eigenes moralisches Dilemma das ich versuche aufzuzeigen, sondern das der „guten Demokraten“.

Entweder – Oder.

Entweder man hört auf Ideen, Systeme, Götzenbilder über sich zu stellen und stellt diese auch über keinen anderen Menschen oder man stellt willkürlich auserwählte Götzen über sich. Dann darf aber nicht erwartet werden das andere Menschen, andere Völker nicht auch andere Götzen über sich erheben, dann ist es verfehlt, Angriffskriege der Vergangenheit oder der Gegenwart moralisch zu tadeln, selbst geführte Kriege dagegen mit der demokratischen Endlösung zu salben. Das Problem mit der Geschichte: Man hat nichts, aber auch rein gar nichts gelernt. Alte Tafeln und Werte wurden zerbrochen, alte Fahnen verbrannt, alte Könige und Herrscher von Ihrem Thron gestoßen. Und? Neue Werte wurden in Tafeln gemeißelt, neue Fahnen gehisst, neue Könige und Herrscher in ihren Thron gehievt. Alles ist beim Alten geblieben.

 

10 Kommentare

  • Zunächst einmal gratuliere ich dir zu diesem Artikel, er regt zum Denken und zum Hinterfragen der eigenen Position an. Deine Polemik gegen die Demokratie, bzw. gegen die “guten Demokraten” enthällt viele Kritikpunkte, die man beantworten müsste um weiterhin Demokrat sein zu können. Ich denke allerdings, dass man deine kritischen Fragen beantworten kann, wenn auch vielleicht nicht immer vollkommen hinreichend.

    Zunächst will ich dabei eine Differenzierung des Demokratiebegriffs vornehmen. Als erstes muss natürlich eine Unterscheidung zwischen real gelebter Demokratie und der Theorie dahinter unternommen werden. Viele deiner Angriffe treffen zwar die praktizierte Demokratie, nicht aber die Theorie und ich könnte mich darauf zurückziehen, dass all diese Kritikpunkte nicht die Demokratie treffen, sondern nur die Menschen, die sich der Demokratie bedienen um gegenläufige Vorstellungen durchzusetzen. Aber das wäre zu einfach, ist doch die Demokratie eine Staatsform, die dem Bürger gerade mit in die Pflicht nimmt über seine “Herrscher” zu urteilen und so größtmögliche Mitverantwortung für deren Fehler und Verdienste zu übernehmen.

    Zunächst stelle ich fest, dass mir keine Staatsform bekannt ist, die Fehler kategorisch ausschließen kann. Das muss aber nicht zwangsläufig an der Form liegen, sondern vielmehr am Menschen, dem diese Form dient und an den sie sich anpassen muss. Menschen machen Fehler egal ob sie in hohen Machtpositionen sind oder in niedrigen. Demokraten werden nie ganz demokratisch handeln können, weil sie Fehler machen und es doch ein wenig zu zufällig wäre, wenn ihre Fehler auch immer der demokratischen Grundhaltung entsprechen würden.

    Aber was können wir daraus schließen? Fehler sind menschlich, und ein System muss darauf vorbereitet sein. Es muss dynamisch auf Fehler eingehen können und sie gegebenenfalls korrigieren. Die Demokratie ist darauf aufgebaut. Wenn eine demokratisch gewählte Führung Fehler begeht, die so gravierend sind, dass sie nicht von der Mehrheit verantwortlich mitgetragen werden kann, dann müssen diese Führer durch andere ersetzt werden, denen man zutraut diese Fehler zu korrigieren. In der Demokrate ist dies möglich und eben auch Gang und Gebe. Popper hat in seinem Buch “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” formuliert, dass die Freiheit und Verantwortung jedes einzelnen dann am größten ist, wenn er zum einen seine Staatsführung bestimmen kann und vor allem wenn er sie unblutig wieder loswerden kann. Das ist in einer Demokratie gegeben. In der Theorie.

    In der Praxis sind wir sicherlich eingeschränkter, denn es gibt soetwas wie Politikerklassen, Poltikerkasten, eine Politikerschicht, wie auch immer man das nennen möchte. Will ich eine Partei für ihre Führungsfehler abstrafen und sie absetzen, dann sehe ich mich gezwungen eine andere Partei zu wählen, der ich eventuell auch nicht zutraue die Fehler zu lösen. Ich stehe vor einem Dilemma und sobald dieses Dilemma eine große Masse erreicht hat, funktioniert Demokratie erstmal nicht mehr. Doch deshalb ist nicht nur die Freiheit ein Grundpfeiler der Demokratie, sondern auch die Verantwortung. Die unzufriedene Masse darf nicht darin verharren unzufrieden zu sein, sondern muss Gegenpositionen erarbeiten und auch repräsentieren. Neue Parteien oder neue Politiker müssen entstehen, ansonsten ist Demokratie nicht möglich.

    Wenn dann aber Demokratie nicht mehr möglich ist, dann liegt dies nicht an der zu geringen Freiheit, sondern an der nicht vollzogenen Verantwortung, die Freiheit erst ermöglicht. “Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave” schreibt Aristoteles und meint damit, dass Verantwortung der Freiheit zugrunde liegen muss.

    Was aber hat das alles mit deinen Kritikpunkten gegen die Demokratie zu tun? Demokratie als theoretisches Modell setzt eine große Verantwortung der Bevölkerung vorraus. Doch real ist diese Verantwortung in deinen Beispielen zu oft nicht stark genug ausgeprägt gewesen. Angst, Unwissen und Misstrauen haben dazu geführt, dass ein undemokratischer Kurs demokratisch legitimiert wurde und so scheinbar die Demokratie sich selbst widerspricht und auch pervertiert. Aber nicht, weil die Demokratie zwangsläufig darauf hinauslaufen muss und so der Theorie “Demokratie” Widersprüchlichkeit unterstellt werden kann, sondern weil Vorraussetzungen für Demokratie von den Menschen nicht erfüllt wurden.

    Wenn du es genau nimmst, ziehe ich mich wie eingangs beschrieben auf die Trennung von Theorie und Praxis zurück, aber mit dem Hinweis, dass eine demokratische Praxis mir dies überhaupt erst ermöglicht. In einer Diktatur kann ich diese Freiheit erst gar nicht wahrnehmen. Eine Diktatur muss alternatives Denken und staatliche Selbstreflektion unterbinden, denn diese wird zu ihrem Untergang führen. Die Demokratie schafft einen Rahmen um darüber nachzudenken, ob es wirklich richtig ist Demokratie zu haben. Das ist ein wesentlicher Unterschied und diesen würde ich auch nicht zu gering ansetzen. Ein System muss sich auch daran messen können, inwieweit es sich selbst hinterfragen kann.

    Worauf will ich also hinaus? Die demokratische Praxis ist voller Fehler, auch voller widersprüchlicher Praxen. Aber das ist die Grundlage der Demokratie und widerspricht ihr nicht. Die demokratische Praxis misst sich an ihrem Freiheitswert, der wiederum an der Verantwortlichkeit seiner Teilnehmer gemessen werden muss. Die Frage lautet also, habe ich, haben wir genug Verantwortung übernommen um mehr Freiheit fordern zu können?

    Zeig mir ein System, dass Freiheit ohne Verantwortung garantiert, oder zeig mir ein System wo die Verantwortung sich besser in Freiheit umsetzen lässt. Dabei aber darf nicht nur deine Freiheit und Verantwortung bedacht werden, sondern auch die aller anderen Teilnehmer. Demokratie leistet dies meines Wissens nach am Besten, aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.

  • @wowik, ich glaube, daß deine Gedanken meist tiefer und breiter sind, als sie hier im Wort erscheinen. Deswegen, wenn du magst, zu deinem ersten Absatz. Alle Fehler werden wiederholt. Aber bei 60 Millionen Tote im 2. Weltkrieg ist das ja nicht gleich einem Falschparken. Da ist ja schon mal ein Nachschauen respektabel.

  • Ein paar Thesen:

    1. Hier werden im Wesentlichen dinge miteinander verglichen, die gar nicht auf der gleichen Ebene liegen: Auf der einen Seite konkrete geschichtliche Verhältnisse (die DDR, der deutsche Faschismus) auf der anderen Seite ein Konzept (die Demokratie). Wenn man auf der Demokratie-Seite das Konzept durch konkrete historische Fakten und Verhältnisse ersetzt, wird man sehr schnell feststellen, dass es auch dort Aufarbeitung gibt. Natürlich wird der Vietnam-Krieg aufgearbeitet, und auch der kalte Krieg mit dem Wettrüsten ist Gegenstand historischer Forschung.

    2. Vergangenheits-Aufarbeitung hat immer (wenn auch implizit) das Ziel, Handlungsorientierung zu geben. Der Bedarf danach entspringt aus Verunsicherungen über Handlungsoptionen. Diese Verunsicherung wird durch Totalitarismus -Realisierungen in Europa stärker verursacht als durch nur mögliche oder weit entfernte Katastrophen – deshalb ist das historische Interesse an ersteren auch größer.

    3. Historische Forschung beginnt mit einer Segmentierung, sie will abgeschlossenes untersuchen, was aber noch wirksam ist. Schon deshalb ist die Gegenstandsbestimmung z.B. der historischen Untersuchung des amerikanischen Vormachtstrebens schwierig. Hier setzt sich der Historiker sofort dem Ideologie-Vorwurf aus – das Thema ist eher ein Politikwissenschaftliches.

    4. Natürlich ist historische Forschung immer interessengeleitet. Sie wird finanziert aus öffentlichen Mitteln, die Entscheidungen werden politisch getroffen, die Forschung soll auch politische Handlungsorientierung liefern. Auch daraus ergibt sich eine Betonung von tatsächlich vergangenem, gegen aktuelle Politik klar abgrenzbarem. Davon unabhängig ist es aber jedem erlaubt, seinen eignen Interessen zu folgen – so teuer ist historische Forschung nicht, dass nicht auch unabhängige Wissenschaft möglich wäre.

  • @Achim:

    Ich bin etwas überrascht, dachte ich doch immer, dass meine Texte sich tiefer anhören als der Gedanke der hinter diesen steht in Wirklichkeit ist. Es wäre schön wenn du diesbezüglich etwas konkreter werden könntest denn es scheint ja ein Problem des Stils zu sein, dass mein Ausdruck dem Gedanken nicht gerecht wird. Sollte ich die Gedanken vielleicht genauer ausführen, sodass klarer wird worauf ich hinaus will?

    Ich verlange im ersten Abschnitt nicht das wir den Zweiten Weltkrieg, seine Vorgeschichte und seine Auswirkungen vergessen sollten, ich behaupte lediglich, dass das was an der Phase 1933-1945 eigentlich erinnernswert ist auch in der jüngeren Geschichte antreffen können die uns allen emotional möglicherweise näher liegt. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war voll von Kriegen an die wir uns erinnern könnten, daher wäre meine These, dass wir die Zeit von 1933-1945 als Mahnmal, als schlechtes Gewissen prinzipiell nicht mehr nötig haben. In diesen zwölf Jahren ist nichts passiert was es nicht schon gegeben hätte, industrielle Vernichtung von Menschen kannte man schon aus dem ersten Weltkrieg, Völker wurden auch zuvor reichlich abgeschlachtet, die Atombombe? Ja, die war vielleicht neu, aber die Atombombe ist eine Massenvernichtungswaffe (ABC-Waffe) und Giftgas wurde bereits 1915 zum ersten Mal im großen Stil eingesetzt.

    Ist meine Kritik so unverständlich? Wie gut kann ein System sein das Millionen Tote für sein Überleben in kauf nahm bzw. in kauf nimmt und Milliarden Tote für sein Überleben in kauf genommen hätte. Wobei dies meinerseits schon wieder eine Ungenauigkeit war. Es stand ja niemals ein Überleben zur Debatte, nach einem atomaren Schlagabtausch zwischen Ost und West ist es zweifelhaft ob etwas wie ein „System“ übrig geblieben wäre.
    Na, wenn das eigene System nicht überlebt, dann soll wenigstens das Andere auch ordentlich zu Grunde gehen. Eine Analogie zu Selbstmordattentätern wie mir scheint.
    Falls noch nicht ganz klar ist was mein Gedanke war, will ich es versuchen auf den Punkt zu bringen.

    Wo liegt der Unterschied zwischen einem Menschen, der im Versuch sich, von einer „Demokratie“ nach westlichem Bilde, frei zu halten, erschossen wurde und einem Menschen der im Kampf gegen den Nationalsozialismus ermordet wurde?
    Zeig ihn mir, ich glaube es liegt wirklich an mir, ich bin scheinbar blind für solche Unterschiede, für solche Kontraste.
    60 Millionen Tote im zweiten Weltkrieg sind kein Pappenstiel? Richtig.
    Aber: Koreakrieg : 4-5 Millionen Opfer
    Vietnamkrieg: Etwa 5 – 6 Millionen Opfer
    1. Golfkrieg: 1 Million Opfer

    Ich könnte jetzt sämtliche Kriege der Menschheitsgeschichte aufzählen, wohin sollte das führen? Ja, der zweite Weltkrieg hat die meisten Opfer gefordert – bis jetzt.
    Und? Ist er deshalb erinnernswerter als der 30 Jährige Krieg, als Korea, Vietnam oder die unzähligen Bürgerkriege in Afrika? Wie viele Tote müssen es sein bis ein Krieg lehrreich und erinnernswert wird? Bei wie viel Millionen Opfern hört der „gute Krieg“ auf?

    @soeren onez:

    Ich kritisiere selbstverständlich nur die gelebte, praktizierte Demokratie bzw. das was man so zu nennen pflegt. Ich stelle sie vornehmlich anderen praktizierten Systemen gegenüber, wodurch ich versuche die Demokratie von ihrem himmlischen Thron zu stoßen. Ich vergleiche jedoch nicht Praxis mit Theorie sondern lediglich Praxis mit Praxis.

    Du hast es erfasst. Menschen die keine Fehler machen gibt es nicht. Allerdings entsteht hier wieder Problem. Ich vermute du meinst „Fehler“ im Sinne von einer Abweichung der Theorie. Was ist nun aber wenn die Theorie selbst ein Fehler ist? Dann ist das richtige Handeln nach dieser zwar im genannten Sinne richtig doch letztlich würde dies nur bedeuten einen Fehler richtig zu begehen. Lösung: Man erfinde ein System das sich an den Menschen anpasst und nicht eines an das der Mensch angepasst werden muss. Frage: Wie viel System würde dann noch übrig bleiben. Oder: Wie viel System braucht der Mensch?
    Dies nur am Rande.
    Ich erwarte von nichts und niemandem Fehlerfrei zu sein, was auch immer dies bedeuten mag. Meine Kritik richtet sich vor allem an, das steht so auch im Text, die „guten Demokraten“. Also all jenen Menschen der Marke „Claudia“, die sich weigern die Praxis auch nur irgendwie zu hinterfragen oder gar in Frage zu stellen. Ich halte es für eine Selbstbeschneidung wenn der Horizont nicht über eine Demokratie (im praktischen Sinn) hinausgehen darf. Allzu oft ist das einzige Argument was „gute Demokraten“ für die Demokratie ins Feld führen können: „Na, es gibt eben nichts besseres.“

    Ich fordere ja keine Umgestaltung der Gesellschaft binnen der nächsten drei Tage oder einen sofortigen Umsturz, sondern lediglich dass auch über Alternativen zur Demokratie nachgedacht wird. Der Schwachpunkt der Demokratie ist genau dieser. Besser gesagt ist es nicht ihr Schwachpunkt selbst, sondern der Schwachpunkt im Verfahren mit der Demokratie. Sie wird als Einziges gesetzt, als – die Lösung.
    Man kennt das aus der Kunst. Eine Zeit lang wurden Gemälde bzw. deren Güte nur danach beurteilt wie viel italienische Malerei in ihnen steckt, die italienische Malerei als Maßstab aller Ästhetik.
    Heute wird jede neue Idee, jede Theorie oder jeder praktische Ansatz nur danach beurteilt wie viel demokratischer Grundsatz in ihr steckt. Die Demokratie als Maßstab aller Ethik.
    Wie reagiert ein System auf Menschen? Ich dachte immer das funktioniert nur umgekehrt.

    Ich hatte bisher noch nicht die „Freude“ Poppers offene Gesellschaft zu lesen. Mein Problem ist nicht die Führung sondern das System, man kann in einer Demokratie zwar die SPD gegen die CDU austauschen aber man kann die Demokratie selbst nicht abwählen. Sie wurde nicht nur über den Willen des Einzelnen sondern auch über den Willen der Vielen gestellt. Dabei wäre es doch nach demokratischer Logik nur konsequent, dass diese bei einer Wahlbeteiligung von z.B. 30 % sich selbst verneint. Wenn wir Wahlbeteiligungen von 40 – 50 % haben, von denen viele Demokratien nicht besonders weit entfernt sind, dann kann man das nach meiner Ansicht als eine Ablehnung der Demokratie verstehen. Oder als ein Mangel an Werbekampagnen für das Wählen, d.h. ein Mangel an Indoktrination.
    Du gehst davon aus, dass ein Problem innerhalb der Demokratie liegt, welches somit von Parteien gelöst werden kann. Ist das nicht die Herangehensweise eines Mathematikers? Der Mathematiker fragt: „Wo ist der Fehler im System?“ Die Frage des Philosophen, die ich von dir erwarte, lautet: „Ist nicht das System der Fehler, haben wir nicht einen Fehler zum System erhoben?“

    Parteien können ein Problem nur lösen sofern es ein Problem innerhalb der demokratischen Grenzen ist, nicht wenn es die Demokratie, das System selbst ist. Parteien müssten sich ansonsten selbst (auf)lösen können, schließlich sind sie ein Teil des Problems, Werkzeug und Nährstoff der Demokratie.

    Ein Grundpfeiler der Demokratie ist die Freiheit? Mag sein.
    Bedeutet das, dass ich nicht ohne Demokratie frei sein kann? Nein.
    Wozu trennst du die Freiheit vom Individuum? Es ist ein Irrglaube, dass erst ein System, ein Gott oder was auch immer, mir die Freiheit „schenkt“. Es besteht keine Notwendigkeit auf meine Freiheit zu verzichten um diese als Opfer meinen Göttern darzubringen und jene Götter dann zu lieben und anzubeten weil sie mir das wiedergeben was mir ohnehin schon längst gehört hat. Wer sich Freiheit nehmen kann der braucht nicht auf ein Geschenk von „höherer“ Instanz zu hoffen.
    Der Wille zum Verzicht ist der Wille zum System.
    Das System als Weihnachtsmann durch den ich mich selbst mit Dingen beschenke dir mir nie fehlten. So rechtfertigt man alles „Höhere“ – oder den Weihnachtsmann.

    „Aber nicht, weil die Demokratie zwangsläufig darauf hinauslaufen muss und so der Theorie “Demokratie” Widersprüchlichkeit unterstellt werden kann, sondern weil Vorraussetzungen für Demokratie von den Menschen nicht erfüllt wurden.“

    Vielleicht kann es nicht erfüllt werden, ich kann mich nur wiederholen: Das System an die Menschen anpassen, nicht umgekehrt.
    Was ist eine politische Theorie wert die nicht praktiziert werden kann. Kann Theorie überhaupt praktiziert werden? Praktiziert wird doch nur die Praxis und nicht die Theorie. Die Unzulänglichkeit der Praxis bzw. die Unerreichbarkeit der Theorie damit zu entschuldigen dass jeder Mensch „Fehler“ macht führt zu nichts. Aufgabe muss es sein eine Theorie zu entwickeln deren Praxis sich am Menschen orientiert. Mir ist das Problem hierbei bewusst, ich habe von „dem“ Menschen gesprochen. Und wenn ich es gegen „die Menschen“ austausche? Führt sich so nicht das System (Theorie + Praxis) selbst ad absurdum. Schließlich würde somit das Individuum/die Individuen über diesem stehen und es liegt nicht gerade in der Natur einer Ordnung, eines Gesetztes, eines Systems, dass ich es befehle, dass ich es bedinge, sondern dass es mich befiehlt, dass es mich bedingt.

    @ Jörg Friedrich:

    1) Ja, aber die Geschichte wird, so wie ich es auch sagte, zumeist einseitig aufgearbeitet. Ich Behaupte damit übrigens nicht, dass es keine Historiker-Spezialisten gibt die derartige Themen einigermaßen sachlich aufarbeiten. Ich sprach nicht von Demokratie als Konzept (Konzepte und Visionen mit denen man sich entschuldigen konnte gab es auch im Ostblock zur Genüge), ich sprach von angewandter Demokratie.
    Auf populärwissenschaftlicher Ebene (auf der ich mich bewege) und in Medien ist jedoch eher das Gegenteil einer sachlichen und ausgewogenen Aufarbeitung der Fall.

    Um nur ein Beispiel zu geben: Bei den deutschen Feldzügen, Polen 1939, Frankreich 1940 oder Russland 1941 – 45 wird stets von „Besetzung“ und „Überfall“ gesprochen. Ist dagegen die Rede von Alliierten Feldzügen, der Eroberung deutscher oder französischer Städte usw. dann benutzt man Wörter wie „Befreiung“.
    Der D-Day als „Befreiung“ Europas. Der 8. Mai als Tag der „Befreiung“. Ein alte Ordnung wurde zerstört und deine neue eingesetzt, inwiefern muss man sich da befreit fühlen?

    Klar, Nazis waren böse, Briten und Amerikaner waren gut. Aber wenn es um die Boshaftigkeit eines Systems geht könnte ich dann nicht auch beim deutschen Russlandfeldzug von Befreiung sprechen? Stalin war ein durchaus blutigerer Diktator als Hitler, also warum spricht man demnach nicht von der „Befreiung“ des Sowjetunion vom Bolschewismus?
    Oder mal anders. Warum spricht man nicht von Der Operation Bagration als „Befreiung“ Europas? Warum werden 90% der Leser keinen blassen Schimmer davon haben was die Operation Bagration war?

    Ich denke schon, dass Aufarbeitung der Geschichte äußerst einseitig erfolgt. Anders kann nämlich ich mir nicht erklären wie ein denkender und intelligenter Mensch darauf kommt, dass die Alliierten Krieg gegen Deutschland geführt hätten um den Völkermord an den Juden zu verhindern.

    2) Aha!? Mir kommt es so zuvor als wüsstest du selbst nicht so richtig was du sagen solltest. Ich finde die Formulierungen schwammig.
    Das Szenario eines Atomkriegs war zu Zeiten des Kalten Krieges alles andere als eine entfernte „Katastrophe“. Oder meinst du dass die Angst vor den Roten größer war als vor einem nuklearen Winter? Wenn dem so wäre warum hat man dann gezögert das rote Knöpfchen zu drücken? Selbsterhaltungstrieb?

    3) Erläutere das bitte.

    4) Demnach ist meine Kritik doch gerechtfertigt. Um frei zu forschen muss man sich erst einmal befreien um für die historische Forschung frei zu werden und von Dogmen und Fremdinteressen befreit zu werden.

  • Ich frage dich jetzt einmal ganz platt, was denn bitte Freiheit des Individuums bei dir bedeuten soll? Freiheit einfach so gegeben. Nicht von gott, nicht vom System, geschenkt. Aber einfach so, ohne Verantwortung? Der Mensch alleine, ohne Gesellschaft hat keine Freiheit im handlungspraktischen Sinne. Er muss seine “Freiheit” vollkommen dafür aufwenden sein Überleben zu sichern. Freiheit und Verantwortung entstehen doch immer erst im Miteinander. Das ist schon ein System und die Ausformulierung der Verantwortung und Freiheit ist immer im Zusammenhang des Induviduums zu anderen Individuen. Das ist schon ein System, egal ob gleich ein Staats-, Ethik- oder Religionssystem.

    Versteh bitte die Frage nicht polemisch, aber mit der einfachen Behauptung von Freiheit kann ich nichts anfangen, dass müsstes du mir erklären, dann gehe ich auch auf die anderen Punkte ein. Dabei musst du mir nicht die Problematik des “guten Demokraten” weiter erläutern, da gehe ich vollkommen konform mit dir. Aber diese Kritik kann nur in deinem Sinne fruchtbar werden, wenn dadurch auch weitergedacht wird. Ansonsten bist du der Mathematiker, der Fehler analysiert;)

  • zu 1: Du blendest einfach einen teil der historischen Forschung aus um dann zu behaupten dass es ihn nicht gibt und das dann zu beklagen. Z.B. die sehr stark diskutierten Werke meines verehrten Namensvettters (ich bins nicht) Jörg Friedrich wie “Der Brand” über die Angriffe der alliierten Bomber auf deutsche Städte. z.B. die ielteilige Dokumentation “Die entscheidende Front (Der unbekannte Krieg)” über die Ostfront.

    Was die Befreiung betrifft: Solche Formulierungen werden ja immer erst im Nachhinein geprägt, es sind politische und keine historischen Begriffe. Die meisten Historiker sprechen doch schlicht von der Niederlage Deutschlands.

    zu 2: Es ist nuneinmal so, dass es viele Menschen verunsichert, dass die eigene Großeltern-Generation noch in Massenmorde verstrickt war. Das verlangt am meisten nach Aufarbeitung, damit man für das eigene Handeln sicherere Fundamente gewinnt. Klarer?

    zu 3: Was noch nicht zu ende ist, lässt sich nunmal mit den Mitteln der historischen Forschung schwer bearbeiten. Die Vormacht-Politik der USA muss man politisch analysieren und bekämpfen, nicht historisch. Historiker beschränken sich, um überhaupt wissenschaftlich arbeiten zu können, auf Ereignisse oder Phasen, die als abgeschlossen gelten können, aber deren Auswirkungen heute noch zu spüren sind.

  • Danke, Wowik, und ich kann nunmehr deinen Gedanken gut folgen. Einiges habe ich bisher nicht so sehen können. Ich übernehme deine Ansichten als Erweiterung meines Horizonts, in dem ich mir versuche zu erklären: Wieso nimmt ein ganz gewöhnlicher Polizist seine Pistole, setzt sie am Nacken der Menschen an, und erschießt sie zu Dutzenden. Nach meinem Empfinden hast du absolut Recht, dass auch die Gegenwart dies alles aufweist.
    Ich denke aber zur Zeit z.B. viel über die Zeit 1920 – 45 nach, was ist da passiert, daß mein Vater in Ausschwitz seine ganze Familie verloren hat? Damit bin ich groß geworden, 57 Jahre sinds her. Das ist hautnah für mich, nicht anders, als würde vielleicht deine Schwester von einem besoffenen Arzt operiert und sie müsste im Krankenhaus sterben. Würdest du da keine Fragen stellen? In diesen, meinen Gedanken, habe ich deinen Beitrag gelesen. Sender und Empfänger waren vielleicht in anderen Welten.
    Ich mag deinen Still, wenn man nachfrägt, der sehr engagiert ist, der einen Standpunkt hat, der überlegt ist, den du erklärst und verteidigst und auch offen lässt.
    Und weil du es aus deiner Sicht ansprichtst: Was ich als Intellektueller Durchschnittsbürger von einem Philosph erwarte ist, daß er sich für mich verständlich ausdrückt. Wenn seine Erkenntnisse nicht für den “gemeinen Mensch” verfüg- und erklärbar gemacht werden, dann bezeichnet er sich als Philosoph, ist und lebt es aber nicht – oder was sehe ich da falsch? Ein kleines Mosaiksteinchen aus den Jahren 1933 ist, daß der intelektuelle Dünkel dieser Zeit so penedrant war, daß Hitler die Gleichberechtigung zwischen Geist und Arbeit als Wahlversprechen hatte. Von der intelektuellen Schicht ausgeschlossen zu werden, wozu auch ich gehöre, betrachte ich als Diskremminierung – das empfindet man ganz einfach so, wenn man darunter steht.
    Ich bin für alle Gedanken zu diesem Thema ein dankbarer Empfänger.

  • @ Jörg Friedrich:

    zu 1.
    Genau, ich lasse gewisse Experten und Historiker die es vereinzelt geben mag beiseite. Dass es keinen Historiker gibt der sich versucht sachlich mit diesen Themen zu beschäftigen habe ich doch nie behauptet. Ich sagte und sage, dass ich mich auf einer allenfalls populärwissenschaftlichen Ebene bewege. Ich denke deine Bemerkung mindert die Durchschlagskraft meiner Kritik nicht. Aufarbeitung der Geschichte ist stets eine Sache der Vielen, der Gesellschaft und nicht nur Aufgabe von einigen wenigen Spezialisten.

    zu 2 & 3:
    Definiere „Phase“ genauer. Was sind die Kriterien für die Beendigung einer Phase? Regierungswechsel?
    Mir ist deine Unterscheidung zwischen Politik und Geschichte völlig unklar. Ist es unzulässig von abgeschlossen Phasen der Geschichte (Kriterium für Phase und die Abgrenzung dieser bitte angeben) Parallelen zur Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit zu ziehen?
    Mir scheint dies doch absolut notwendig und du sagst es ja selbst:

    „Es ist nun einmal so, dass es viele Menschen verunsichert, dass die eigene Großeltern-Generation noch in Massenmorde verstrickt war. Das verlangt am meisten nach Aufarbeitung, damit man für das eigene Handeln sicherere Fundamente gewinnt.“

    Schön, ich bin verunsichert das meine Eltern in einen potenziellen Weltuntergang verstrickt waren, das liegt doch näher.
    Viele in meinem Alter kennen ihre Groß – bzw. Urgroßeltern noch nicht einmal, wie könnte man sich da berührt fühlen?
    Ist das etwa die Wirkung der Geschichte in der Gegenwart?
    So richtig kann ich dir nicht folgen um ehrlich zu sein (vielleicht liegt das an mir), worin liegt denn genau die Kritik an meinem Artikel bzw. an meinem Kommentar.
    Was sind die Mittel der historischen Forschung und was sind die Grenzen dieser Mittel? Wie sieht das „sichere“ Fundament aus, welches ich aus dem Knochenmehl meiner Großeltern zusammenrühren darf?
    Demokratie im praktizierten Sinn? Eben dies habe ich ja kritisiert, dass die Demokratie wie sie praktiziert wird eben ein brüchiges, ein hohles Fundament ist.
    Demokratie als Konzept? Ich habe mehrmals gesagt dass meine Kritik an die derzeit praktizierte Demokratie gerichtet ist.
    Ist nicht die heutige Demokratie das Ergebnis eines geschichtlichen Gewordenseins? Geschichte und Politik sind höchst dynamische Vorgänge, eine eindeutige Abtrennung beider voneinander halte ich für schwierig. Aber ich bitte dich mich eines besseren zu belehren, ich bin schließlich kein Mann vom Fach.

    @ soeren onez:

    Ich weiß nicht ganz genau was du meinst.
    Ich vermute du beziehst dich auf diese Frage:

    „Wozu trennst du die Freiheit vom Individuum?“

    Hast du die Frage vielleicht im Sinne von „Wozu trennst du die Freiheit des Individuums?“, gelesen?
    Wie auch immer. Du benutzt selbst einen unklaren Freiheitsbegriff, bzw. hast du deinen ebenso wenig wie ich meinen erläutert.
    Ich habe nie bestritten, dass es Freiheit ohne Verantwortung geben könne.
    Im Gegenteil, für mich sind beide Begriffe derartig untrennbar voneinander, dass ich meine Zustimmung diesbezüglich nicht noch einmal ausdrücklich kundgetan habe.
    Verantwortung für seine Freiheit zu übernehmen bedeutet doch nichts Anderes, als dass auf jede meiner Handlungen auch Konsequenzen folgen mit denen ich mich arrangieren muss. Verantwortung ist meines Erachtens nicht annehmbar oder ablehnbar, sondern stets an die Freiheit gekoppelt.
    Es ging nicht eigentlich um den Inhalt des Freiheitsbegriffs den ich dem Individuum zuschreibe. Ich habe lediglich versucht zu zeigen, dass Freiheiten, die gemeinhin als „demokratische“ Freiheiten gepriesen werden nicht erst mit der Demokratie entstehen und auch ohne diese vorhanden sein können.
    Freizügigkeit ist nichts was mir die Demokratie schenkt, sondern ich erlange sie wenn ich sie mir nehme, wenn ich sie mir zu verschaffen und gegen fremde Gewalten zu behaupten weiß. Die Meinungsfreiheit ist ebenfalls kein Geschenk von „oben“.
    Die Freiheit des Individuums ist die Freiheit dich sich dieses Individuum zu nehmen bereit ist und deren Verantwortung zu tragen es gewillt ist.
    Ich bin beispielsweise nicht gewillt die Verantwortung für die von mir gewählte Partei und ihre Entscheidungen zu übernehmen (auch nicht über einen Teil davon) also verzichte auf die Freiheit des Wählens.

    Ich kann doch nicht jemandem dafür dankbar sein, dass er mir nicht nimmt was meines ist, oder? Dies wäre das Einzige wofür man der Demokratie dankbar sein könnte.

    Noch etwas zu meinem Systembegriff. Zugegebenermaßen ist das Wort „System“ vielleicht etwas ungenau. Ich meinte nicht das es möglich sei jede Ordnung im Sinne eines Geordnet-seins zu vernichten sondern lediglich das es denkbar wäre sich von einer Ordnung im Sinne eines Geordnet-werdens zu lösen, sich von der Herrschaft einer Ordnung und Idee über sich selbst zu befreien. Ich meinte keineswegs ein völliges Unbedingtsein von jeglicher Umwelt bzw. Gesellschaft.
    Das Geordnet-sein/Sich-ordnen in einer Gesellschaft ist nicht mit einem Geordnet-werden in einem Staat vergleichbar. In der Gesellschaft befehle ich die Ordnung, in einem Staat befiehlt mich die Ordnung. Das Gesetz eines Staates befiehlt: Du sollst nicht töten!
    In einer Gesellschaft ohne Gesetz, ohne Richter, ohne Staat, befehle ich mir selbst: Ich will nicht töten!

    Diese Erklärung ist aus Zeitgründen etwas kurz geraten, wenn noch Unklarheit bestehen sollte kann ich das Ganze auch ausführlicher erläutern.

  • @ Menachem:

    Es freut mich sehr, dass dir mein Artikel gefallen hat und dass ich einige Anregungen geben konnte.
    Ich glaube deine Bemerkung, dass Sender und Empfänger in anderen Welten waren, bringt die Sache auf den Punkt.
    Die Wirkung die diese Tragödie für dich hat kann ich zwar rein verstandesmäßig nachvollziehen/nachdenken, nicht jedoch auf emotionaler Ebene nachempfinden. Du musst berücksichtigen das meiner Generation die Ereignisse zeitlich fast so fern sind wie es dir der Krieg von 1870/71 sein dürfte. Ich halte eine wirkliche Bestürzung oder Betroffenheit aus den Reihen meiner Generation oder auch meiner Vorgängergeneration für geheuchelt. Sofern man nicht einen emotional nahen und persönlichen Bezug zu den Ereignissen hat, kann man sie nur als Geschichte behandeln und diese sich bestenfalls durch Fakten und Daten erschließen.
    Von Jenen, denen jeder persönliche Bezug zu dieser Zeit fehlt, halte ich Empörung über die unzähligen jüngeren oder gegenwärtigen Konflikten und die indirekte oder direkte Teilnahme unseres Staates an diesen, für angebrachter und glaubwürdiger. Gerade weil man anhand dieser Gegenwart und jüngeren Vergangenheit sehr gut das beobachten kann, was schon unsere Vorfahren und deren Vorfahren plagte.
    Wenn meine Schwester durch eine Operation umkäme wäre ich betroffen, aber könnte ich diese Betroffenheit auch von meinen Kindern und Enkeln erwarten, die diese Person niemals kannten?
    Tja, das mit der Verständlichkeit und dem Philosophen ist so eine Sache. Es gibt sicher viele Philosophen die sich komplizierter ausgedrückt haben als sie sich hätten ausdrücken müssen. Ich denke aber nicht alles was die Philosophie behandelt kann man so verständlich machen, dass man es als Laie auf Anhieb versteht.
    Was die praktische Philosophie betrifft, die Ethik, eine philosophische Gesellschaftskritik oder einfach eine Reflexion aktueller Themen, halte ich Verständlichkeit für äußerst wichtig da die Anwendbarkeit und der Praxisbezug in diesen Disziplinen einen hohen Stellenwert haben.

  • “Aufarbeitung der Geschichte ist stets eine Sache der Vielen, der Gesellschaft und nicht nur Aufgabe von einigen wenigen Spezialisten.” Wenn das stimmt, gibt es gar keine Aufarbeitung der Geschichte. Aufarbeitung wird immer nur von wenigen geleistet, und auch wahrgenommen.

    Zur Abgrenzung von “Phasen”
    Die Segmentierung des Kontinuums der Ereignisse in abgeschlossene “Phasen” ist bereits eine Leistung des Historikers, sie gehört bereits zu seinem methodischen Vorgehen. Aber eine solche Segmentierung kommt er nicht aus. Die ist natürlich immer willkürlich, aber man ist sich weitgehend einig, dass z.B. der 2. Weltkrieg vorbei ist,und somit zum Gegenstand historischer Forschung werden kann, bei dem Phänomen “real existierender Sozialismus auf deutschem Boden” ist man da auch weitgehend einig, schon nicht mehr ganz so, die einigkeit schwindet weiter bei “kalter Krieg”. Bei “Hegemonialpolitik der USA” ist man wahrscheinlich fast einig, dass es sich nicht so sehr um ein historisches, sondern um ein aktuell-politisches Thema handelt. Historiker werden deshalb die Finger davon lassen, da sich das Phänomen, wenn man es so fasst, eben noch nicht mit den Mitteln der historischen Forschung anpacken kann. Historiker wollen sich nicht für aktuelle Politik vereinnahmen lassen, das unterscheidet sie löblich von den Klimaforschern, denn darunter leidet immer die Wissenschaftlichkeit.

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Die Endlosrekursion

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