Die Versöhnung des Unversöhnlichen

Geschrieben am 18. November 2007 von le simplicissimus in Kultur.
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Kant setzte den verzweifelten Versuchen, den Widerspruch, der sich aus dem Vorhandensein von Übel und Bösem in der Welt sowie dem Glauben an einen allwissenden, allmächtigen und vor allem allgütigen Gott ergibt, aufzulösen, ein jähes Ende. Die Vernunft und das mit ihr verbundene menschliche Erkenntnisvermögen, die alleine Licht in das Dunkel jener Sache hätten bringen können, wurden entschieden in ihre Schranken verwiesen. Der Aufschwung zu solchen Aussagen überschreite ihren Zuständigkeitsbereich. Sie stießen unerbittlich an ihre Grenzen. Im Glauben versunken blieb dem Menschen vorkantischer Zeit nichts anderes übrig, als das ihm widerfahrene Leid geduldig zu ertragen, in der festen Überzeugung, hierfür gäbe es nachvollziehbare Ursachen – wenn auch schwer ergründbare. Dieses Dulden des mittlerweile Unduldbaren hatte dem emporsteigenden kantischen Subjekt in der Loslösung jeglicher feudaler Fesseln zu weichen. Im Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit wich die vermeintliche Ohnmacht jedes Einzelnen dem Bewusstsein seiner selbst, der eigenen Verfügbarkeit: der Macht über das eigene Leben.

Nicht in den unergründlichen Wegen Gottes muss folglich der Ursprung jedweden weltlichen Leides zu suchen sein. Dessen Ursachen werden vielmehr vom Jenseitigen ins Diesseitige verlagert. Die verzweifelte Metaphysik, die sich in den religiösen Rechtfertigungsversuchen eines Augustinus oder Leibniz ausdrückt, sollte eine unumstößliche und für jedermann ersichtliche Versöhnung mit einer offensichtlich unversöhnbaren Welt ermöglichen. Aus ihr sprach jedoch nur die trostlose Sehnsucht nach ausgleichender Gerechtigkeit. In Anbetracht der historischen Wirklichkeit gleichen sie alle schlechten Entschuldigungen. Die Verantwortung, das diesseitige Leid auszumerzen fällt nun unweigerlich dem Menschen zu. Gott hat ausgedient.

Einem Handeln, welches nur auf Aussöhnung mit dieser Welt abzielt, sind Blindheit gegenüber den tatsächlichen Verhältnissen sowie das verzweifelte Bedürfnis, irgendetwas unternehmen zu müssen, wesentlich. Es entspringt einem verdinglichten Bewusstsein. Richtungsweisend ist der bloße Wunsch, die unbefleckte Sehnsucht. Die uneingestandene Ohnmacht verkehrt sich jedoch ins Gegenteilige. Sie läuft Amok. Niederschläge solchen Handelns scheinen in einer Zeit, in der das bloße Wecken medialer Aufmerksamkeit, der alleinige Fingerzeig auf das Leid, mit dessen Heilung gleichgesetzt wird, allgegenwärtig zu sein. Live Aid, Live 8 und Live Earth sind Schauplätze einer sich selbst entfremdeten Zuversicht. Bob Geldorf, Bono Vox und Al Gore: sie alle sind Hauptdarsteller einer zur allegorischen Formel verkommenden Hoffnung. „Heal the world“ untermalt jegliche Katastrophe. Jeder stimmt in dem festen Glauben, etwas bewirken zu können, in der unverrückbaren Gewissheit der Wirkungsmacht seines Handelns willfährig in den Chor ein. Man habe schließlich ein Zeichen gesetzt. Gebetsgleich wird die Bestürzung über die gegenwärtige Lage der Welt vor den Kameras geäußert, während man sich vom vielen Tanzen und Mitsingen schweißdurchnässt ein kühles Bier gönnt. Untergang ist ein Event.

Es verwundert nicht, dass auf den großen Live Aid und Live Eight Bühnen mahnend große Banner mit den Aufschriften „Feed the world“ sowie „Deine Stimme gegen Armut“ angebracht sind. Diese Aufforderungen scheinen bei Weitem nicht nur an die Führenden der G-8 Staaten adressiert zu sein. Vielmehr meint man darin die ständige Vergegenwärtigung des Motivs dieser Zusammenkunft zu erkennen: In all dem Spaß möge man doch den eigentlichen Grund dieser Veranstaltung nicht vergessen, während man sich doch unlängst eingestehen musste, dass das Uneigentliche niemals hätte weichen sollen.

Das Unverständliche, das solchen Ereignissen innewohnt, drängt sich einem jeden wachen Bewusstsein unweigerlich auf: Indem das Leiden in dieser Welt mit dem Feeling eines Rockfestivals in Einklang gebracht werden soll, grundsätzlich Unvereinbares mit aller Gewalt zu vereinigen gesucht wird, verliert jenes seine Wirklichkeit. Leid ist unlängst konsumierbar geworden. Die Versöhnung jedoch, sie muss versagt bleiben.

5 Kommentare

  • Das aus diesen Überlegungen resultierende Problem ist doch aber folgendes? Was tun? Was soll ich tun? Und schon wieder stehen wir hinter dem großen Kant und lugen vorsichtig über dessen breite Schultern, in der Hoffnung in seinem Manuskript einen Ausweg zu entdecken. Was ist denn die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass Unvereinbares nicht mireinander zu vereinen ist? Gedankenlos naiver Konsum im Rausch des Drogenspaßes oder bußetuhender Habenichts mit ultra-religiösem Realitätsschleudertrauma?

    Was sollen wir tun, wenn sich nicht verbinden, alle Verbindung verwerflich und wir selbst uns immer fremder sind? Image ist alles, du bist dein Bild nach außen gilt nicht nur für die Bonos, Geldorfs und Vittelflaschen dieser Welt, sondern genauso für uns und das leben was wir zu leben haben. Verkaufen, die nächste Rezession wink schon, bald ist wieder schwarzer Freitag.

    Meine verbale Entgleisung soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Frage nach deinem Artikel im Raum stehen bleibt. Unvereinbar, aber auch unversöhnlich?

    Was soll ich tun?

  • Wer in seinen Überlegungen zur Ethik bei Kant stehen bleibt, wird kaum eine Chance haben, mit den heutigen Problemen zurecht zu kommen. Das philosophische Denken ist inzwischen auch etwas weiter gekommen, ich denke, eine Diskussion sollte dann auch bei den aktuellen Beiträgen ansetzen. Ich empfehle da z.B. John Leslie Mackie: “Ethik – Die Erfindung des moralisch richtigen und Falschen”. Er analysiert, um die Frage “Was soll ich tun?” beantworten zu können, erst einmal die “Bedeutung der wichtigsten moralischen Wörter” (Seite 60f) um dann den Satz “A soll X tun” umzuschreiben in “Es gibt einen Grund, dass A X tut”. Auf einer solchen Basis kann man dann auch eine Moral entwickeln, die unseren heutigen Problemen (die Kant sich nicht hat träumen lassen) angemessen ist.

  • Du hast sicherlich recht, dass es nicht förderlich wäre bei kant stehen zu bleiben. ich wollte damit vor allem den Schalk des Textes aufnehmen und auf die grundlegende Problematik hinweisen.

    Ich habe von Mackie noch nichts gelesen, deshalb frage ich jetzt einfach mal nach. Was unterscheidet denn die Frage nach dem Grund dafür, dass A X tut von der kantischen Frage nach der Art des Willens, also wie der Wille auf eine gute Art und Weise wollen kann? Die von dir angesprochene spachliche Analyse der wichtigsten moralischen Wörter kann doch nicht die alleinige Neuerung darstellen, oder?

  • Ich denke, der Unterschied liegt in der Verschiedenheit des Ansatzes: hier das metaphysisch-ontologische Denken der kontinentalen Nach-Kantianer, dort der sprachanlytische Ansatz der angesächsischen Nach-Wittgensteinianer. Erstere wollen immer wieder zu einer Wesens-Definition der Begriffe, aus der sie klare Ableitungen für die Kant’schen Grundfragen zu gewinnen hoffen, letztere hoffen, aus dem Gebrauch der Begriffe (Auf)lösungen für die philosophischen Probleme gewinnen zu können.

    Das beantwortet sicher nicht deine Frage, aber jede bessere Antwort kann ich jetzt hier nicht leisten.

  • [...] Die gegenwärtig häufigste ist vielleicht: Was kann ich tun? auch wenn sie aus Tradition in der Kantischen Verkleidung daherkommt. Ich kann aber ebenso fragen, was ich wissen soll, was ich wissen darf, was ich hoffen [...]

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