Der Geruch der Geschichte
Das Stelenfeld ist schon beeindruckt wie es sich hinzieht, Zwergen an den Schultern von Riesen, hunderte Meter weit. Aus der Ferne sieht man einen einzelnen Sicherheitsmann seine Runde gehen, gelangweilt, bevor man in dem sorgsam geordneten Gewirr verloren geht. Man taucht hinab in die Formation, der Boden bewegt sich in heftigen Wellen auf und ab, die rissigen manchmal winzigen, manchmal riesigen Metallquader sorgen dafür, dass man friert, auch wenn es nicht kalt sein sollte. Die Hand gleitet über eine Speziallackierung der Degussa, gegen Schmierereien. Hier und da macht man den Gestank von Urin aus, feige verströmt er Unwürde.
Schaut man sich um, so verwandelt sich das Metall langsam, kaum merklich, in Menschen, wie sie stehen, sich stützen, sich bedrängen, in Warschau, in Hamburg, München, Wolfsburg, Kassel, Wien, Belgrad, Antwerpen, Lyon, Den Haag, Überall, laboratoire d’enfer. Sie warten auf den Zug. Auf ihren Zug.
Ist man einmal verschluckt, so bekommt man sehr rasch eine peinliche Ahnung von nackter Angst (kalt und schwer wie Eisen) – schaut man nach oben, so glaubt man klar zu sehen, was die vielen Menschen, wie sie wieder aus ihren Zügen stiegen, am Leben gehalten haben könnte. Der Himmel, sei er noch so finster, so fern, der Ausschnitt noch so klein, durch den man ihn erspäht (man ist begierig, ihn zu sehen), verspricht er eine erst bizarre Sehnsucht, den leidenschaftliche Wunsch zu Sein, das unbedingte Verlangen zu Leben.
Geben die Stelen einen wieder frei, so blickt man zurück, unerklärlich sind die vergangenen Erlebnisse, kurz verteilte die Kollektivschuld ihre Peitschenschläge, man schämt sich ob der Anmaßung. Doch schon jetzt passen sie nicht mehr in die Zeit, in deine Zeit. Zurückgestolpert in die Gegenwart.
Was man jetzt sieht, sind Menschen, wie sie lachend auf den Quadern hocken, stehen, springen, photographieren. Eisige Wut berührt die Schultern, wendet sich ab, weicht den Kindern aus, die voller Freude auf das Feld zulaufen. Das eine Kind aus Lodz, das andere von der Ostküste (Boston). Aufgesaugt von Metall spielen sie Verstecken in einer Geschichte, die nicht zu sehen und wohl auch nicht zu fassen ist.
Ich lächele.

Ein schöner Text. Die Eindrücke sind lebendig und glaubwürdig beschrieben auch wenn ich sie nicht teilen kann. Als ich dort war wusste ich jedenfalls nichts damit anzufangen, Betonklötzer die für irgendwelche Fremden stehen. Nicht nur die Zeit die zwischen mir und diesem Teil der Geschichte liegt sondern auch die größe des Leids welches darin liegt machen mir eine emotionale Beteiligung daran völlig unmöglich.
Für mich stellt dies ein Mahnmal des schlechten Gewissens und des schlechten Geschmacks dar. Ich kenne kein kollektives Gewissen das mich beißen könnte.
Menschen die ich nicht kannte, die von anderen Menschen die ich nicht kannte umgebracht wurden – Geschichte eben.
Ich würde den Text mögen, wenn darin statt “man” “ich” stünde.
Das Besondere dieses Mahnmals ist gerade die Kontingenz, mit dem es jedem einzelnen begegnet.
Und die lachenden, ausruhenden Menschen, und die spielenden Kinder, gehören zu dieser kontingenten Begegnung dazu wie mein Wissen über den grund des Mahnmals.
Du nennst es: – Geschichte eben. Und du kennst auch nicht die im Irak umgebrachten Menschen, auch die nicht, die sie umgebracht haben. Das heißt dann: – Gegenwart eben. Und da es im Irak geschieht, heißt es dann: – weit weg, eben. Und wenn es morgen auf der Straßenseite dir gegenüber passiert, wie heißt es dann?
Sorry, ich vergaß. Ich finde den Beitrag außerordentlich gut.
Dann heißt es – dumm gelaufen eben, zum Glück hat es ihn und nicht mich erwischt.
Wenn du an Zivilcourage, Weltpolizeien usw. glaubst dann steht es dir frei den Moralisten zu spielen und dich in die Schußbahn zu werfen.
Wenn zwei Betrunkene sich auf der Straße prügeln werde ich nicht versuchen sie auseinader zu halten. Ich vermute du wirst in diesem Falle ein Grundgesetz aus der Hosentasche zaubern und feierlich die Artikel verlesen während sich die zwei Streithähne nun weinend in den Armen liegen und sich gegenseitig um Verzeihung bitten wonach du glücklich und zufrieden dein Dasein als Weltverbesserer fristen kannst. Und wenn du nicht gestorben bist, verbesserst du noch heute. Nein, wie rührend.
Wenn die Herrscher eines Landes glauben ein anderes Land angreifen zu müssen, was soll ich dann tun? Auf die Straße gehen? Lieder singen? Wunderkerzen halten und Lichterketten bilden?
Es kommt nicht auf die Ziele an die hinter einem Krieg oder Massenmord stecken… lies doch mal meinen Beitrag “Der gute Krieg” dann verstehst du vielleicht was ich meine.
Gewalt als Mittel zur Lösung erkennen. Niederlage ist nur eine Folge fehlender Kraft, die kräftigere Gewalt siegt. (survival of the fittest)
Ich glaube diejenigen die am lautesten alte Moral verkünden sind die Ersten die diese auch wieder fallen lassen. Die Empörtesten, die gerne richten, die Mitläufer, Massen und Vergangene gerne an ihrer Moral messen und sie ohne zu zögern schuldig sprechen, sind diejenigen die am ehesten den Abzug drücken, sind die, deren Tun und Wollen, deren Ideal und Umsetzung am weitesten entfernt sind.
Man ist naiv wenn man glaubt das Eltern ihre Kinder vor dem bewahren könnten das sie selbst falsch gemacht haben.
Du glaubst wahrscheilich man hätte aus der Geschichte gerlernt, unsere Prüfung wäre das demokratische Paradies und unser Zeugnis das vereinte Europa und über 60 Jahre Frieden. Ich glaube irgendjemand hat die Einträge 40 Jahre kalter Krieg, Korea, Kuba, Vietnam, Afghanistan im Klassenbuch übersehen. Ich glaube nicht an Moral, an Paradiese oder an Gutes, sondern an Mich.