Nichtigkeiten I
Damit mal wieder etwas Leben in die Bude hier kommt gibt es im Folgenden eine Kurzgeschichte aus der Reihe “Nichtigkeiten” zu lesen. Zerstörerische und erbauliche Kritiken sind gleichermaßen willkommen. Kleine Rechtschreibfehler dürften sich finden lassen.
Nichtigkeiten – Die Kerze
Die Kerzenflamme zuckte ein wenig, als ob jemand von der Seite mit zu schwachem Atem dagegen gepustet hätte, jedoch befand sich niemand in der Nähe dessen Lungen diesen Luftstoß hätten hervorbringen können, sodass man, aus einem Mangel an anderen, ersichtlichen Ursachen, die augenblickliche Unruhe der Flamme, auf undichte Fenster, eine offene Tür oder – was am wahrscheinlichsten schien – auf eine zufällige Verwirbelung der Raumluft zurückführen musste, welche nur einen Moment lang, die ruhige Gleichmäßigkeit, mit der die Flamme ihren feurigen Tanz aufzuführen pflegte, gestört hat; der mysteriöse Windzug verschwand ebenso plötzlich wie er aus der Tiefe des Zimmers herbei gestürmt war.
Stolz und aufrecht, geradezu majestätisch reckte sich die gelbe Flammenspitze in die Höhe, wie ein Pfeil des Lichts der in der frühabendlichen Dunkelheit steckte, indessen hielt sich der bläuliche Unterleib der Flamme an dem gekrümmten, schwarz-verkohlten Docht fest und verhinderte, dass sich Feuer und Kerze verlieren konnten. Trotz aller Mühsal: das Zimmer war zu groß, die Decke zu hoch, die Dunkelheit zu gefräßig, als dass eine einzelne Kerze den Raum hätte erhellen können, die Kraft des weichen Lichts, welches in unmittelbarer Nähe der Kerze, die hölzerne, nackte Tischplatte bedeckte, reichte kaum aus, um das mächtige, ovale Möbelstück gänzlich auszuleuchten. Sitzgelegenheiten die rund um den Tisch angeordnet waren, erfasste das Auge nur als schattenhafte Schemen, deren Ausmaße man abschätzen konnte ohne allerdings die exakte Beschaffenheit zu erkennen. Anhand der Form der Umrisse ließ sich wohl sagen, dass es sich mindestens um einen Sessel handeln musste, der dort am Ende des Tisches stand. Alles, was sich hinter diesen Umrissen, die gerade noch vom spärlichen Kerzenlicht in einen dunklen Grauton gehüllt wurden, befand, blieb dem menschlichen Auge verborgen; die riesenhaften Eichenschränke welche im Hintergrund an der Wand lehnten, waren die stillen, unsichtbaren und zudem einzigen Beobachter des überaus bescheidenen Lichtspektakels.
Wo sind sie hin? Die lebendigen Zuschauer, die andächtig, wenigstens aber schweigend um den Tisch versammelt sitzen sollten, um mit den Augen, die schlangenhaften Bewegungen der Flamme zu verfolgen. Die Sitzgelegenheiten waren leer.
Wozu hat man sie entzündet? Wer hat das Rädchen am Gasfeuerzeug gedreht, das die Kerze zur Pflicht rief, sie aus dem Tiefschlaf weckte; wessen Hand hat den zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmten Streichholz geführt, dessen pechschwarzer Kopf, sanft den Docht küsste und der Kerze Licht schenkte.
Das Weihnachtsfest? Ein Adventssonntag? Aber die Kerze stand nicht gemeinsam mit ihren drei Schwestern im Adventskranz, noch war sie auf Tannennadeln gebettet, sie stand für sich allein, auf einen eisernen Kerzenständer gespießt, von Nacht und Nichts umgeben.
Kaffee und Kuchen. Hat man die Kerze entzündet, um Sahnetorten und Streuselkuchen in einen mattgelben Glanz zu tauchen oder etwa, damit sie ein geselliges Beisammensein mit ihrem gold-schimmernden Schein begleitet? Doch wo waren die leeren Teller, die halb gefüllten Kuchenplatten, die dampfenden Tee- und Kaffeetassen, wo waren die zerknüllten, die zusammengefalteten und unter den Tellerrand gesteckten Servietten, wo war die Dose mit dem Zucker? Der Tisch war längst abgeräumt, keine Kuchenkrümel, keine Kaffeeflecken konnten Auskunft über die Ereignisse der letzten Stunden geben.
Die Sitzpolster waren noch warm. Ist der Strom ausgefallen? Hatten Arbeiter mit einer Baumaschine ein elektrisches Kabel im Erdboden gekappt? Hat ein Sturm die filigranen Gerippe der Strommasten umgeworfen und die Hochspannungsleitungen zerfetzt? Nichts dergleichen; man hörte ja die Elektrizität deutlich durch die Leitungen fließen. Hat man die Kerze umsonst angezündet? Man sagt, offene Flammen sollte man niemals unbeaufsichtigt lassen.
Sie brannte und niemand sah sie brennen, entzündet und vergessen. Sie war unter ihresgleichen als man sie aus der Pappschachtel zog. Warum sie? Sie lag obenauf, ansonsten war es reiner Zufall, eine Kerze war so gut wie die andere, wenn sie nur ihren Zweck erfüllte; dass sie brennen konnte machte sie austauschbar, beliebig. Ein Obelisk aus Wachs; als der Docht noch weiß war, verjüngte sich die schlanke, satt-rote Kerze nach oben hin, sodass eine Spitze, einer Krone gleichend, auf ihrem Kopf saß. Die Hitze der Flamme ließ diese Spitze verdampfen und stumpfte die Oberseite der Kerze ab. Der Docht ragte nun aus einem See von geschmolzenem Wachs, winzige, schwarze Rußpartikel schwammen darin, auch die Ränder, die die Flüssigkeit umschlossen und wie kleine Staudämme ein Auslaufen des flüssigen Wachses verhinderten, wurden weicher und weicher; sie gaben nicht nach – noch nicht.
Die Kerze wusste, dass sich der Sinn ihres Daseins in der Lichtspende erfüllte; aber ach, es war niemand da, der die Hand aufhielt um ihre Gaben zu empfangen, wem wollte man seine Geschenke überreichen, wenn keiner etwas nehmen mochte? Weil sich im Lebenslicht das über ihrem Kopf loderte, nicht nur ihr Sinn erfüllte, sondern auch ihr Ende beschlossen war; weil sie geschaffen wurde um zu dienen, ihr jedoch keine Aufgabe zukam und sie sich also einsam verzehren musste, wurde sie trübselig, sodass schon bald die noch stabilen Begrenzungsränder, welche das flüssig gewordene Wachs, das sich um den Docht herum, in bedrohlicher Menge sammelte, am überschwappen hinderten, von dieser Trübseeligkeit angesteckt wurden, auf die Knie fielen und sich schließlich im Fluss des Wachses auflösten, eins damit wurden.
Dicke Wachstropfen lösten sich aus der warmen Gemeinschaft ihrer Flüssigkeit; ob es sich dabei um Schweißperlen oder Tränen der Kerze handelte, war nicht auszumachen. Der erste Tropfen stürzte sich eilig an der glatten Kerzenflanke hinunter, verlangsamte sein Tempo, blickte hinter sich, war verdutzt, dass ihm seine Kameraden nicht folgten, wurde in seinen Bewegungen allmählich zaghaft und hielt letztlich inne; noch einige wenige Zentimeter trennten ihn vom Erdboden; er blickte nach oben, von wo er gekommen war, sah die weißliche Spur die er auf dem Rot der Kerze hinterlassen hatte und erwartete sehnsüchtig, dass ihm der ein oder andere Artgenosse verspätet folgen würde.
Fast hatte er jegliche Hoffnung aufgegeben, als drei, vier, fünf weitere Tropfen furchtlos über den Kerzenrand sprangen; jetzt wusste er, dass alles seine Ordnung hatte, dass alles gut würde, wenn man bloß zusammen unten ankäme, daher holte er einigen Schwung, um den Rest des Weges geschwind herab zu fließen, wie vorhin, doch – vergeblich, er war hart geworden und rührte sich keinen Millimeter von der Stelle. So erging es manchen Tropfen, zumeist jenen ängstlichen und zögerlichen Naturen, die mitten auf dem Weg anhielten, zurückblickten, abwarteten; sie machten die glatte, jugendliche Haut der Kerze runzelig und ließen sie dadurch vorschnell altern.
Die ersten Wachstropfen die am Fuße der Kerze angelangten, versammelten sich auf dem vorspringenden Podest des Kerzenständers und verfestigten sich dort. Die Kerze schrumpfte gemächlich aber unaufhaltsam, immer neue Tropfen rollten an ihr herab und zeichneten Narben auf ihre Oberfläche. Der kleine Teller des Kerzenständers auf welchem die Kerze steckte und der die Aufgabe hatte, tropfendes Wachs davon abzuhalten, die Tischplatte zu beschmutzen, war bereits unter angetrockneten Wachsmassen begraben, sodass er unfähig war, seinen Dienst weiter auszuüben und ohnmächtig mit ansehen musste, wie der nächste Wachstropfen, der an der Kerze herunter raste, über seine verhärteten Genossen hinweg, auf den Tisch zu fallen drohte.
Und tatsächlich, der Tropfen purzelte bis zum äußersten Rand des Tellers und zerplatzte Wimpernschläge später, nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, als hätte er sich aus Furcht vor dem Aufprall gegen den Absprung entschieden, auf der blanken, kühlen Tischplatte, auf der er sich sogleich zu einem starren Schlaf bettete.
Jemand hatte vergessen eine Tischdecke oder zumindest einen Teller unter den Kerzenständer zu stellen, um das edle, empfindliche Holz vor den heißen Flüchtlingen zu schützen. Viele schafften es nicht, nur wenige, vielleicht ein halbes Duzend Wachstropfen erreichten die Tischoberfläche.
Man konnte von Glück sagen, dass die Kerze so alleine auf ihrem Ständer brannte, denn würde sie inmitten eines Adventskranzes gebrannt haben, so hätten sich bald die ersten, trocknen Tannennadeln an ihr entzündet. In Windeseile hätte sich das Feuer auf den toten Zweigen ausgebreitet, schon hätte Brandgeruch das Zimmer erfüllt und die Plastikverzierungen begännen zu Schmelzen und um kurz darauf von grünlichen Flammen verzehrt zu werden. Vielleicht wäre der Kranz einfach abgebrannt, man hätte Tags darauf die verkohlten Zweige gefunden, die Tischplatte wäre von den Flammen geschwärzt worden, man würde sich erschrocken haben, sich geschworen haben, künftig besser auf offene Flammen acht zugeben, hätte endlich den Tisch zum Frühstück gedeckt und bereits beim Abpellen der Eierschalen das nächtliche Feuer vergessen.
Möglicherweise hätte sich aber auch der Tisch durch die starke Hitzeentwicklung entzündet, womöglich würde auf dem Tisch ausgebreitetes Geschenkpapier dem Feuer bei seinem Raubzug geholfen haben. Zuerst hätte der Tisch in hellen, rauschenden Flammen gestanden, dann die Sessel, die Gardinen, die Schränke, der Weihnachtsbaum, das Zimmer, die gesamte Etage. Die Fenster wären aus den Rahmen geplatzt, die frische Luft ließe das Feuer wilder und wilder werden. Dicker, beißender Rauch hätte sich auf Zehenspitzen durch die Räume geschlichen, durch Schlüssellöcher und Türspalten gezwängt, wäre ohne anzuklopfen, auf leisen Sohlen, in die friedlichen, vom Mondlicht erfüllten Schlafzimmer gedrungen, hätte sich seinen Weg durch die halb geöffneten Münder und Nasenlöcher, in die Lungen der Schlafenden gebahnt und – um sie vor dem grausamen Feuertod zu retten – in einen ewigen, ozeanisch tiefen Schlaf gewiegt.
Jedenfalls war heute nicht Weihnachten, weshalb die Kerzenflamme vergeblich nach trockenen Tannenzweigen um sich griff. Die Kerze hatte merklich an Größe und Fülle verloren, ihre gerade, gesunde Statur, hatte sich in einen verkrüppelten, greisenhaften Körper verwandelt; eine Seite hing nach unten, sodass das Wachs ungebremst wie aus einer Wunde, aus ihr heraus lief, die Substanz des kümmerlichen Kerzenrestes war weich und musste jede Sekunde endgültig zusammenfallen, den Docht unter Wachsmassen begraben und sich auf diese Weise ihr eigenes Licht auslöschen.
Sie war ganz unten angekommen; die Flamme richtete sich letztmalig auf, hoch auf; der verbliebene Rest an Energie wurde mühevoll mobilisiert. nicht nur größer wurde die Flamme sondern auch heller, beinahe hätte man das Muster der Sesselbezüge erkennen können, doch schon waren die Kräfte verbraucht, die Kerze war zerflossen, die Flamme wurde von Fluten flüssigen Wachses ersäuft – es wurde dunkel.
Morgen wird man einige Umstände haben, der Kerzenständer muss von der zerlaufenen Kerze, die seinen zylinderförmigen Körper mit ihren roten, gebrechlichen Armen umspannte, befreit werden. Der unter Wachsbergen verschüttete Metalldorn auf dem Teller des Kerzenständers muss freigelegt werden. Die vereinzelten Wachstropfen müssen von der Tischplatte gekratzt werden, vorsichtig, damit das Holz nicht beschädigt wird. In der Pappkiste liegt eine neue Kerze bereit, den Platz der alten einzunehmen, groß, schlank und von strahlender roter Farbe ist sie; ein schneeweißer, langer Docht ziert ihr Haupt – sie steht ihrer Vorgängerin in nichts nach.


Menachem (Webseite)
Als absoluter Laie meine Meinung:
Die Grundidee mir ihren Metaphern gefällt mir sehr gut.
Auch viele Redewendungen gefallen mir sehr gut und ich meine darin sogar ein Talent zu erkennen. Allerdings fallen im Lesefluß einige Sätze in ihrer Formulierung so ab, dass ich den Eindruck habe, dass diese nur mit viel Arbeit an das gute bis hohe Niveau angepasst werden können.
somit würde ich sagen:
Nichtigkeit I wäre im Endstadium eine Erzählung, gewachsen aus Talent und viel Arbeit.
Wowik (Webseite)
Hallo Menachem,
schön, dass du dir die geschichte durchgelesen hast. Könntest Du mir einige derjenigen Sätze nennen über die du gestolpert bist, bzw. die dich besonders gestört haben?
Mich stören besipielsweise die vielen Wiederholungen der Wörter “Wachs” und “Flüssigkeit” so etwa in der Mitte. Naja, ich werde sämtliche Schwächen ausmerzen.
Menachem (Webseite)
Hallo Wowik,
ich hätte dir gern diesen Kommentar direkt geschickt, aber ich hatte keine mail-adresse von dir gefunden, dann bleibt es also hier, ohne, so hoffe ich, eine Geschmacksdiskussion auszulösen.
Beim wiederholten Lesen fällt mir nochmals der wirklich schöne Stil auf, der absatzweise meine Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehlt, als der Inhalt. Mein Kompliment, wobei ich dich ja nur aus diesem blog kenne und niemals gedacht hätte, das so etwas aus deiner Feder stammen könnte.
Auch wenn es immer klar ist, dass die Geschichte in jeder Zeit, also auch im Gestern, anzusiedeln ist, assoziere ich doch in dem gesamten Stil eine etwas vergangene Epoche, die Ruhe austrahlt, und zu der Internet und Fernseh`n nicht passt.
Daher sind die nachfolgenden Beispiele für sich stehend o.K., nur im Lesefluß werde ich aus dem Abgleiten in den Stil und die Zeit deiner Geschichte wieder in die Gegenwart geholt, so wie ein zwicken, aufwachen.
auf eine zufällige Verwirbelung der Raumluft
das Rädchen am Gasfeuerzeug
Ist der Strom ausgefallen? Hatten Arbeiter mit einer Baumaschine ein elektrisches Kabel im Erdboden gekappt?
..und die Hochspannungsleitungen zerfetzt?
die Plastikverzierungen
Vielleicht kannst du auch noch den einen oder anderen sehr langen Schachtelsatz geschmeidiger in die gewünschte Richtung fomulieren oder ihn halbieren. Im übrigen dachte ich, verliert die Erzählung nach meinem Dafürhalten nichts, wenn du die von mir angemerkten Stolpersteine einfach löschst.
Das was dir aufgefallen war, ist mir z.B. beim wiederholten Lesen garnicht aufgefallen.
Wirklich, Wowik, mit dieser schönen Erzählung hast du mich sehr, im angenehmen Sinne, verblüfft.
Zufalls_Gast (Webseite)
Wirklich schön geschrieben. Ein gewisses Talent kann ich dir bezeugen! Gerade eine solche “Nichtigkeit” so intensiv und ausführlich darzustellen und vor allem so, dass es noch Spaß macht zu lesen, bedarf schon eines großen Maßes an Eloquenz! Beneidenswert!
Lars (Webseite)
Auch von mir ein großes Lob, ist wirklich gut und unterhaltsam geschrieben!