Der Stein
Seit tausend Jahren liegt ein Stein
in brauner Erdenkruste
Schlief starr und still wie ein Stein,
dass niemand von ihm wusste
An Sonnentagen ist ihm heiß,
in klaren Nächten kalt
Im Winter überzieht das Eis
die raue Felsgestalt
Die Sonne strahlt hoch über ihm
und teilt mit ihm das Licht
Selbst ein Liedchen singt sie ihm,
doch ewig hält dies nicht
Er sah die Sonne untergehen
und mit ihr eine Welt
Er sah das Leben fortbestehen
unter blauem Himmelszelt
Er sah Winde vorwärts wehen
und Träume jäh verglühen
Sah Totgeglaubte auferstehen
und zarte Blumen blühen
Und wie die Jahre so vergehen,
wäscht ihn der Regen rund
Er muss verweilen ungesehen,
wie wird das Herz ihm wund
Es hebt ihn auf des Schicksals Hand
und schleudert ihn hinfort
durch die Luft und übers Land,
an einen feuchten Ort
In kalte Fluten sinkt er ein,
hinab in finstere Tiefe
Starr und still scheint er zu sein
fast so als ob er schliefe
Es winkt ein heller Sonnenstrahl
mit wärmster Freundlichkeit
Und grüßt den Stein ein letztes Mal -
getrennt für alle Zeit

Beide deiner Gedichte haben mir sehr gut gefallen. Eine große Bereicherung der Endlosrekursion!
Das Gedicht ist inhaltlich banal und muskalisch wirklich schmerzhaft. Noch einmal: wenn du Kreuzreime und romantische Erzählweise als Stilmittel verwendest, dann müssen Metrik und Rythmik stimmen oder zumindest so überschritten werden, dass sie sich in eine übergreifende Harmonikalität einfügen. Zu den Metaphern: Einen Stein mit einer Steinmetapher zu charakterisieren ist in sich schon unpassend, aber wenn die Worte im selben Vers durch zu viele Betonungssilben noch polternd in der Kehle steckenbleiben, dann wird es unerträglich. Die folgenden Strophen sind inhaltlich banale Kinderreime (die sonne scheint und singt ein lied, mal ist es heiß, mal kalt), das “dies” in Strophe drei Vers 4 und der gesamte Vers 4 iin Strophe 4 sind wieder solche Stolpersteine. “Er sah DIE Winde…” wäre musikalisch besser, Strophe 5 ist die beste und leider einzig gute Passage des Gedichtsa auch wenn die Blumenreferenz kitschtechnisch grenzwertig ist. Der Rest ist inhaltlich uninteressant und formal brav, “Starr und still” wieder schmerzhaft dissonant. Fazit: unauthentisch.
Ich bin bezüglich deines Kommentars etwas zwiegespalten, zum einen bin ich dir dafür dankbar dass du dir das Gedicht durchgelesen und dich an einer „konstruktiven“ Kritik versucht hast, was beides sehr löblich ist.
Zum anderen weiß ich nicht was schmerzhafter ist: Mein Gedicht oder Dein Kommentar.
Ich bin für Verbesserungsvorschläge stets offen, besonders wenn derjenige der sie vorschlägt Ahnung von dem hat was er erzählt.
„Harmonikalität“, freilich, so für sich ist dieses Wort einfach unangenehm, im Satzzusammenhang wird es derart peinlich, dass man schon wieder darüber lachen kann. Handelt es sich bei dem Wort „Harmonikalität“ (abgeleitet von Harmonika nehme ich an?) um einen privaten Neologismus oder ist es lediglich eine unbedarfte Mundart aus dem bildungsbürgerlichen Milieu? Sei es wie es will, manchmal hilft der Duden.
Normalerweise würde ich mich nicht an solchen formalen Schwächen aufhängen aber wer einen hohen Anspruch an andere hat der sollte diesen bei sich selbst nicht herabsetzen. Wenn dir meine Gedichte nicht „harmonikalisch“ genug sind, bist du vielleicht in einem Konzert besser aufgehoben.
Der Inhalt ist sicherlich Geschmackssache, dass Metaphorik verwirren sollte ist jedoch ein zeitgenössisches Dogma.
Duden:
har|mo|ni|kal : den (festen) Gesetzen der Harmonie folgend, entsprechend (Mus.).
Ich erlaubte mir eine Substantivierung. Es ist in der Tat sinnvoll den Duden zu konsultieren, da hast du wohl recht.
Musik hat sich von der Poesie emanzipiert, denn Lyrik kommt wie du vermutlich weißt von Lyra. D.h. Musik kann auch für sich bestehen, Lyrik hingegen nicht, denn oblgleich sie doch auch etwas Eigenes ist, ist sie auch ganz wesentlich Musik und Noch-Nicht-Musik zugleich, niemals aber Nicht-Musik. Es ist eine durchaus fruchtbare Denkbewegung dem harmonikalen Zusammenklang der Worte, der sich im Übrigen auch muskalisch beschreiben läßt, wachsam horchend nachzugehen. Da gibt es Gedichte, deren Ungesagtes sich wie eine feine Melodie schwingend auffangen, im Lied explizieren lässt, wobei das sprachliche Element weiterhin für sich bestehen kann, sogar in hohe Symbiose gehen kann mit der ihm zugeordneten Musik (lies mal Heines Doppelgänger für sich und hör dir dann Schuberts Vertonung an – unglaublich!), sich in ihr überhaupt erst zu voller Größe erhebt. Und da ist noch solche Dichtung, die wie dichtes Leben alles in unendlich schöner Einfachheit in sich beschließt, die in ihrer dichten Stille auf einem solchen Fels des Ungesagten fußt, das sie das Unendliche berührt. Sie ist wortreich jenseits von Worten und ist ganz Symphonie geworden. Musik kann sich ihr nicht mehr anschmiegen, solche Dichtung ist wie reine Musik, deren Melodie unaufhörlich in sich selbst zurückfließt. Wirkliche Dichtung ist Andacht.
Nimm zum Beispiel Rilkes Panther. Ein Meisterwerk, vor dem ich mich bei jedem erneuten Lesen tief verneigen muss. Wie er mit unendlich behutsamer Intonation klanglich die weichen und doch schweren Tatzen auf den Boden des Gefängnisses nachzeichnet, jede Silbe bedacht und zärtlich von unbeugsamen Geschmack gesetzt, voller Scheu vor dem Schicksal dieses Tieres dieses in betroffener Schau, doch nie aus der Verneigung und in plumpe Melodramitk fallend, ihm begegnet ohne Anspruch, in voller, tiefer Liebe umfängt. Kein Wort mehr als notwendig – größter Dichte, größte Begegnung.
niedlich
“solche Dichtung ist wie reine Musik, deren Melodie unaufhörlich in sich selbst zurückfließt.”
Dem kann ich jetzt nicht mehr folgen. Was willst du damit sagen?
Betrachte zum Beispiel den Knaben im Moor der Droste. “Voran, voran, nun immer den Lauf/ Voran als wollt es ihn holen./Vor seinen Füßen brodelt es auf,/ Es pfeift ihm unter den Sohlen./Wie eine gespenstische Melodei,/ Das ist der Geigenmann ungetreu,/ Der den Hochzeitsheller gestohlen.” Hier hast du eine vorwärts drängende, rasend pochende Metrik, eine Melodik, die sich rastlos ausfaltet, ja ihre Ausfaltung selber IST. Der Knabe will raus aus diesem Moor, die Ereignisse überschlagen sich, es ist wie eine packende, preschende, dichte Erzählung. Sie beginnt unkend unheilvoll (Oh schaurig ists übers Moor zu gehen..), vollzieht metrisch-melodisch den sich beschleunigenden Lauf des Knaben und endet in in leiser, metrisch-langsamer Erlösung (Allmählich lichtet der Boden sich…). Solche Dichtung ist sich ausfaltende, melodische Lyrik. Sie ist so sehr beinahe Musik, als trennte sie nur noch ein dünnes Band.
Der Panther dagegen zwingt unaufhörlich in die Einheit der Schau des Dichters, zwingt mit jedem Wort zum Innehalten. Die Vision faltet sich mit jeder Silbe aus und kehrt mit jeder Silbe in dichteste Packung zurück. Sie entzieht sich dadurch der melodisch sich ausbreitenden Zeit und zwingt in eine kaum zu ertragene Dichte der Unmittelbarkeit und Andacht. Sie ist wie aufs Äußerste komprimierte Symphonie.
@ G:
Leute die für die Harmonikalität eines Gedichtes so erstaunlich empfindsam sind, aber keinerlei Sensibilität für ihre Mitmenschen besitzen, sind mir suspekt. Wenn es dir wirklich um die Vermittlung deiner in Andacht gewonnenen Einblicke in die Kunst geht, dann musst du noch viel lernen.
Ich finde Gs Beiträge interessant. Ich bin überrascht darüber wie empört alle wegen seiner Kritik reagieren. Wenn man ein Gedicht auf eine Diskussionseite stellt, dann sollte man darauf vorbereitet Kommentare zu kriegen, die nicht nur loben, sondern auch kritisieren. Lieber Wowik, ganz ehrlich gesagt: Persönlich fand ich dein Gedicht so schlecht, dass ich nicht mal eine konstruktive Kritik aus meiner Erfahrung mit ihm machen konnte. So geht es mir, glaube ich, immer noch, lieber möchte ich deine Reaktion auf Gs Kritik kritisieren. Ich war tatsächlich erstaunt darüber wie uninteressant, fast kindisch, du antwortest; es zeigt, glaube ich, dass dir eine gewisse Einstellung fehlt um für deine „Kunst“ Kritik zu kriegen (diese Einstellung ist kompliziert zu bestimmen, sie ist nicht nur eine Reife, sondern kann auch genauso einfach mit dem eigenen Verhältnis zur eigenen „Kunst“ zu tun haben). Deine Antwort ist deshalb so uninteressant und kindisch, weil du auf die Kritik nicht eingehst, sondern sie wie ein Kind beleidigt ignorierst. Das machst du indem du 1) statt über die Kritik zu reden irgendwie versuchst sie umzudrehen, was dir tatsächlich nicht gelingt 2) eine merkwürdige völlig überflüssigen Kritik an den Gebrauch vom Begriff Harmonikalität bringst (und somit wieder versuchst auf die Kritik nicht eingehen zu müssen) 3) beleidigt sagst „wenn du es nicht magst, dann geh doch anderswohin“ (ins Konzert), was überhaupt keine eigentliche Antwort auf Kritik ist 4) die Sache als Geschmackssache abschreibst, im Sinne von „darüber kann man nicht reden“ und 5) die Kritik, ohne darauf richtig einzugehen, ein Dogma nennst. Die zweite Antwort stellt nur noch einmal eindeutig dar, dass du beleidigt bist. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass du dich beleidigt fühlst, wenn dieses Gedicht eine persönliche Sache ist für dich. Nur, dann hättest du es vielleicht nicht auf eine Diskussionsseite stellen sollen. Oder: Wenn es nicht ein sehr persönliches Gedicht ist und du einfach davon überzeugt bist, dass es gut ist, dann solltest du auf die Kritik eingehen, sonst wirkt es tatsächlich ein bisschen als ob, du von deinem Gedicht nicht selber ganz überzeugt bist.
Nur zur Klarstellung: Ich habe nicht auf den Inhalt der Kritik oder das Kritisieren im Allgemeinen reagiert, sondern auf die zwischenmenschliche Botschaft, die sich darin ausdrückt.
Wer seine Kritik mit so harten Aussagen wie “das Gedicht ist inhaltlich banal und muskalisch wirklich schmerzhaft” beginnt, wird selten ein Gegenüber treffen, das dann freudig in eine offene, inhaltliche Auseinandersetzung tritt. Ich erdreiste mich der Vermutung, dass G weiß, wie seine Aussagen wirken und folglich auch garnicht darauf abzielt, mit Wowik über dessen Gedicht zu reden.
Ich bin freilich weder “empört” noch beleidigt, dafür ist die Sache mir zu unwichtig und, wie du richtig bemerkt hast abc, nur eine halbherzige Antwort wert. Ich finde es durchaus gut, möglicherweise sogar besser, kritisiert als gelobt zu werden, wenn dies etwas ruppig geschieht umso besser. Ich meine die Kritik Gs ist jedoch weder konstruktiv noch hilfreich, von “interessant” kann keine Rede sein.
Über die eingestreuten Hinweise bezüglich der formalen Aspekte bin ich dankbar, wenn sie mir auch größtenteils bekannt waren, die persönlichen Geschmacksurteile welche stellenweise durch eine Art bildungsbürgerlichen bis (halb)wissenschaftlichen Duktus verschleiert und verklärt werden halte ich für verzichtbar, zumindest solange sich noch nicht herausgestellt hat inwiefern derjenige dazu qualifiziert ist solche Urteile zu fällen, und die Verweise auf Rilke usw. sind abgehoben.
Mein Gedicht ist mir weder so heilig, dass ich es behüten müsste noch bin ich davon so überzeugt dass ich esfür notwendig “gut” erachte. Mich würde aber interessieren inwiefern G für derartige Urteile qualifiziert ist. Denn irgendjemand der sagt dieses und jenes das ich geschrieben habe sei “schlecht”, kann und soll dies so zur Sprache bringen, wie er es für angemessen hält, doch man kann nicht erwarten dass ich mich mit jeder Kritik gründlich und freundlich auseinander setze. Hierbei darf ich erwähnen, dass ich auch die positiven Kritiken nicht beantwortet, bzw. mich mit ihnen nicht ernsthaft befasst habe, da es eben nur Kritiken waren von Leuten (man nehme dies nicht persönlich) die im Zweifelsfall genauso ahnungslos wie ich waren. Sollte sich herausstellen, dass G. ein Mann vom Fach ist, so werde ich seine Kritik dankbarer zur Kenntnis als ich es zuvor tatnehmen, das obige Erzeugnis als “objektiv” schlecht betrachten und alles daran setzen um es beim nächsten Mal besser zu machen.
@ people im motion: Ich sehe keinen Bedarf für eine derartig falsche Behutsamkeit, es geht mir vielmehr um das Wer und nicht um das Wie.
@Herrn Prof. Dr. Abc: Du solltest dich mehr darauf konzentrieren was ich tatsächlich schreibe und nicht was ich gedacht haben könnte als ich etwas geschrieben habe. Nun, wenn ich beleidigt bin schreibe ich jedenfalls andere Texte als den obigen Kommentar. “Die Leiden des Jungen W.”, daraus spricht Beleidigung.
Mir geht es auch nur insoweit um das Wie, als es Aufschluss über das Warum gibt.
Was ich erreichen wollte habe ich erreicht. Man beginnt wieder über Gedichte nachzudenken. Gut so.
Mehr Strenge schärft die Urteilskraft, dann muss nicht mehr alles Gereimte pauschal gelobt werden, wie es überall auf der Endlosrekursion der Fall ist.
Ein Gedicht, dem man bei aller Einfachheit den Ernst und die Ehrlichkeit anmerkt, mit dem sich der Autor selbst entblößt ist niemals schlecht. Vor dem Ehrlichen habe ich immer Achtung, es ist immer gut, so wie es auch viele gute Musiker zu Zeiten von Beethoven und Mozart gab, die wirklich gute Sachen geschrieben haben, die für sich vollkommen bestehen und etwas ganz Eigenes und Unverwechselbares ausdrücken. Ein Mensch ist mir heilig, wo er er authentisch er selbst ist. Und: Jeder ganze Mensch ist Künstler. Es gibt nur ganz wenige, deren großes Talent einen über die Spießigkeit vieler ihrer Aussagen hinwegtragen kann (Schillers Kabale und Liebe als Paradebeispiel: eine so empörend BESCHISSENE Geschichte wie Emilia Galotti noch einmal aus dem Regal zu ziehen ist für sich genommen fast schon ein Verbrechen, aber die Dichtung, in die er das Ganze setzt ist souverän und von großer Geste), nur einen der Dünkel von tiefen Schmerz durchpulst zur Kunstform hat erheben können (Nietzsche).
Worum es mir geht ist das Echte, um tiefe Empfindung – sowohl bei den Künstlern als auch bei den Kunstliebhabern. Heutzutage herrscht eine bodenlos banale youcandoit-Mentalität, bei der alles zu bloßer Beliebigkeit verschwimmt. Alles ist gut, Ob Beethoven oder 50cent ist bloße Geschmackssache. Und es ist nicht so, dass die Menschen dadurch echter und unverwechselbarer würden, nein, sie büßen ihre Individualität ein und werden zu Abziehbildern einer bis ins Unkenntliche verzerrten Wirklichkeit. Politisch Korrekt DARF man streng genommen nicht kritisieren, wo man nicht AUCH lobt. (Merkwürdig übrigens, dass überall im Netz Beschimpfungen wüstester Art vorherrschen und sich die Menschen dabei ehrlich und aufrichtig vorkommen, ja sich freuen sich endlich des Höflichkeitsjochs endledigt zu haben. Die Schroffheit der Auseinandersetzung spiegelt nur die Wucht der Uneigentlichkeit menschlicher Begegnung im sogenannten “Alltag”.) Menschenliebe heißt nicht “alle liebhaben”, echte Menschenliebe richtet, sie ist streng und fordert den Menschen in seine Verantwortung, in sein authentisches Selbst.
Denn: “Nur die Höhe des Menschen ist der Mensch.” (Paracelsus)
Zu Nietzsches Kategorie muss noch unbedingt Sir Galahad gerechnet werden – vor allem das vierte Buch der Kegelschnitte Gottes, das an symphonischer Dichte seinesgleichen sucht und völlig für sich gelesen werden kann. Unerträglich grandios. Auch da großer Dünkel, rechtfertigt durch großes Genie und großen Schmerz.
Der berühmte Kommentar zuviel, noch gestern war unsicher wo in etwa ich dich einzuordnen habe, jetzt weiß ich es.
Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Kommentar.