Blutschuld II – Die Maschine
In spiralförmigen Linien, scheinbar desorientiert, bahnte sich eine gewöhnliche Stubenfliege ihren mühevollen Weg durch die bleierne, schon von vielen Lungen geatmete Luft, die zäh und schmierig, einem unsichtbaren Pudding ähnelnd, die Räumlichkeiten erfüllte. Die Räume erstreckten sich ins Unendliche, war das Ende eines Raumes endlich erreicht, führte eine metallene Tür sogleich in den nächsten Raum, der die Ausmaße des vorherigen zumeist noch übertraf, dies hatte zumindest die bisherige Erfahrung der Fliege gezeigt und weil der nun vor ihr liegende Korridor derart lang war, dass man die Tür am Ende nur als einen winzigen grauen Punkt, der sich kaum von der weißen Wand abhob, wahrnehmen konnte, entschloss sich das Insekt auf einem quaderförmigen, blechernen Kasten, der ein leises, unregelmäßiges Brummen und Quietschen von sich gab, zu landen.
Die Fliege hätte selbstverständlich auch auf dem Boden, an der Wand, an nahezu jedem beliebigen Platz landen können, doch dieser vibrierende Blechquader, der überhaupt der erste Einrichtungsgegenstand war, den die Fliege, seit sie in diesen Gebäudekomplex geraten ist, zu Gesicht bekommen hatte, strahlte eine eigenartige, geradezu geheimnisvolle Anziehung aus. Jedenfalls konnte eine Rast, eine Pause, womöglich gar ein kleines Schläfchen, zum jetzigen Zeitpunkt nicht falsch sein; weit und breit waren keine Feinde in Sicht, außerdem konnte die Fliege nicht wissen, wie lange sie noch umherfliegen müsste, um einen Ausgang, einen Lüftungsschacht, eine offene Tür oder ein angekipptes Fenster zu finden, das sie aus den Räumen führte.
Die Fliege berührte die Oberseite des Quaders mit all ihren sechs behaarten Beinchen gleichzeitig und war überrascht, wie warm der metallische Untergrund doch war. Sie tastete sich weiter vorwärts; auf der Suche nach einem geschützten Platz, einer Nische im Verborgenen, bemerkte sie, dass Spalten, längliche Öffnungen den Boden unterbrachen; erst nach genauerer Untersuchung erkannte die Fliege, dass es sich offensichtlich um Lüftungsschlitze handelte, die ins Innere des Quaders führten.
Sie hätte den Luftzug, der aus den Öffnungen strömte, eigentlich spüren müssen, ein bedrohlicher, heißer Wind, der jedem die Warnung ins Gesicht blies: ‚Ein Ventilator arbeitet hinter dem Schutzgitter, seine Rotorblätter sind scharf wie Messer und schneiden stets im Schatten, man sieht sie nicht von außen, aber man kann sie wohl hören.’
Die Fliege kroch an die Öffnung heran, steckte den Kopf hinein und sah nichts; in ihrer unvorsichtigen Neugier zwängte sie auch den Rest ihres Körpers durch das Lüftungsgitter.
Die Rotorblätter des Ventilators drehten sich zu schell, als dass der primitive Organismus der Fliege noch irgendwie hätte registrieren können, dass ihr Leib im Begriff war durch eine gewaltige, unnachgiebige Kraft zerschmettert zu werden; sie spürte nichts davon; und war sie noch vor einigen Hundertstelsekunden, ein aus der Nähe betrachtet, zwar hässliches, aber zugleich sehr lebhaftes Geschöpf, so war sie jetzt lediglich ein gelblicher Brei, der sowohl an den Rotorblättern, als auch an den Innenseiten des Ventilatorengehäuses klebte, und der in den nächsten Stunden einfach , wie ein Tropfen Wasser, hinweg trocknen würde.
Der Blechquader war in Wirklichkeit keiner, lediglich die dünnen Verkleidungen waren so mit einander befestigt, dass sie ein kubisches, regelmäßiges Objekt, mit glatter Oberfläche ergaben, welche den Zweck hatte, das chaotische Gewirr von schlecht isolierten Kabeln, unsauberen Lötstellen, herausstehenden Schrauben, ineinander greifenden Zahnrädchen und halb gefüllten Betriebsstoffbehältern, aus dem die Maschine im Wesentlichen bestand, sorgsam zu verdecken.
Ungestört von äußeren Einflüssen arbeitete die Maschine Tag und Nacht, Woche für Woche, ohne dass die Angestellten, die während der Geschäftszeiten zielstrebig durch die Korridore eilten, Notiz von diesem Vorgang nahmen. Nur das beständig den Flur erfüllende elektrische Summen, die Wärmeabstrahlung, die ein jeder bemerkte, der sich in der Nähe der Maschine aufhielt, sowie das Rattern der Mechanik, machte die Umwelt auf die Existenz der Maschine aufmerksam.
Plötzlich stand die Maschine still; es war seit dem tödlichen Vorfall mit der Fliege, noch nicht so viel Zeit vergangen, um ausschließen zu können, dass der Tod der Fliege nicht auch auf irgendeine wundersame Weise den Stillstand der Maschine verursacht haben könnte. Ebenso gut könnten andere, zeitnahe Geschehnisse die Ursache gewesen sein: Auf der Stadtautobahn, die sich in nur einigen hundert Metern Entfernung durch die Stadt schlängelte, hatte sich ein schwerer Verkehrsunfall ereignet; bei regennasser Fahrbahn führte ein geplatzter Vorderreifen dazu, dass der Lastwagen, zudem dieser Reifen gehörte, ins Schleudern geriet und einen Mittelklassewagen an der Leitplanke zermalmte. Das tote Kind auf der Rückbank und die Leiche des Vaters, die mit einigen Rippenbrüchen und schweren Kopfverletzungen auf dem Fahrersitz eingeschlafen war, sind von der Feuerwehr noch nicht geborgen worden, da man sich zunächst damit beschäftigte, die Mutter auf dem Beifahrersitz aus dem verformten Innenraum zu schneiden, indessen saßen unzählige Reisende und Pendler im Stau, der sich infolge der Straßensperrung gebildet hatte, fest, und warteten ungeduldig darauf, sich weiter ihren jeweiligen Bestimmungsorten nähern zu können.
Ein Obsthändler stieg mit Sodbrennen aus seinem Bett, schaltete das Licht in der Küche an und öffnete den Kühlschrank um eine Flasche Milch zu entnehmen. Als er das Trinkglas erfolgreich gefüllt hatte und es zu seinen Lippen führen wollte, rutsche ihm das Trinkgefäß aus der Hand; die Milch, die nicht wusste wie ihr geschah – da sie soeben erst aus ihrem Kälteschlaf geweckt worden ist – berührte noch vor dem Glas selbst, den gefliesten Fußboden und während das Glas zersplitterte, floss die weiße, unschuldige Milch, in die Fugen, nur um im darauf folgenden Augenblick von einem modrig riechenden Küchenlappen aufgesogen zu werden. Der Obsthändler schnitt sich an einer Scherbe, ein Blutstropfen lief seitlich am Finger herab, fiel zu Boden, umarmte die Reste der fremden, kühlen, weißen Flüssigkeit auf dem Fußboden und verlieh ihr einen rosafarbenen Ton.
Obwohl diese Ereignisse wahrscheinlich nicht in direkter Verbindung mit dem Stillstand der Maschine standen, war es nicht auszuschließen, dass all dies in Abhängigkeit voneinander geschah.
Eine Welle zur Kraftübertragung – gefertigt aus einer speziellen Legierung, und, verglichen mit den übrigen Bauteilen, in unnötig schwerer Ausführung – die zwar nicht das einzige wichtige Maschinenteil war, aber doch eines der wenigen, deren Defekt, den Ausfall der gesamten Maschine nach sich zog, war gebrochen. Von allen Teilen, die unter Verschleiß litten, die sich drehten, oder in irgendeiner Form bewegten, hätte man eine solche Schwäche von der Welle wohl am wenigsten erwartet. Freilich, man hätte den ganzen Vorfall gründlich untersuchen können, denn es schien sich entweder um Materialermüdung zu handeln oder um einen Produktionsfehler, somit hätte man also die Welle an die Herstellerfirma schicken müssen, damit die Untersuchungsabteilung dieser Firma den Fehler finden könnte und gegebenenfalls Abläufe in der Produktion oder die Materialzusammensetzung zu ändern, sodass sich solche Schäden in der Zukunft nicht wiederholten.
Die Schwierigkeit lag allein darin, dass die Untersuchungsabteilung keinen Fehler gefunden hätte. Die Ingenieure würden verwundert und zudem etwas ratlos vor dem kaputten Objekt gestanden haben, sie würden es nochmals mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln geprüft haben, und doch hätten sich keinerlei Unregelmäßigkeiten angefunden. Die Ingenieure würden in einem Halbkreis vor einem Tisch gestanden haben, auf welchem die zwei Hälften der entzwei gebrochenen Welle gelegen hätten, sie hätten sich das Kinn gerieben, wären sich mit der Hand nervös durch das teils lichte Haar gefahren und hätten still in sich hinein überlegt, solange bis einer der Dienstältesten das Schweigen gebrochen hätte und zu den Kollegen gesprochen haben würde: „Also meine Herren, wir haben hier ein durchaus ungewöhnliches Phänomen vor uns und ich denke, dass alle bisherigen Untersuchungen und Messungen bereits mit der gewöhnlichen Gewissenhaftigkeit durchgeführt wurden, sodass ein dritter Untersuchungszyklus nichts neues zu Tage förderte. Wir müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen und dürfen uns nicht von persönlichem Wunschdenken verblenden lassen. Unter Berücksichtigung aller Ergebnisse kann sowohl Materialermüdung als auch ein Mangel in der Produktion ausgeschlossen werden, ein Konstruktionsfehler liegt ebenfalls nicht vor; demnach folgere ich: diese Welle hätte nicht brechen dürfen. Sehen sie, meine Herren, man sagt beizeiten: ‚dieses oder jenes hätte nicht geschehen dürfen’, und meint damit lediglich, dass etwas passiert sei, das sich unter keinen Umständen wiederholen dürfe, doch ich meine das wortwörtlich: Diese Welle konnte nicht brechen. Das gesamte Vorkommnis ist völlig unmöglich, ich meine deshalb, dass es am vernünftigsten wäre, die Welle als intakt zu betrachten und sie auch so zu behandeln. Wir sollten sie weiterverwenden, schließlich wäre es eine Verschwendung ein vollständig überholtes, makelloses Bauteil in einem Ersatzteillager rosten zu lassen.“
Nach dieser kleinen Ansprache, hätten die anderen Ingenieure zuerst misstrauisch ihre Blicke kreisen lassen, wären dann dazu übergegangen, verhalten aber aus Überzeugung mit dem Kopf zu nicken und hätten letztlich, als ihnen die Genialität des Einfalls allmählich verständlich wurde, begeistert in die Hände geklatscht; allerdings kam es zu alledem nicht, weil es niemand für nötig hielt, das intakte, aber gebrochene Bauteil an den Hersteller zurückzuschicken.
Eine unbekannte Zeitspanne stand die Maschine nun schon still, als eines Mittags, der Haustechniker, welcher soeben seine Mittagspause beendet hatte, in seine kleine Werkstatt trat – es war in Wahrheit keine richtige Werkstatt, sondern ein altes, schlecht beleuchtetes Bürozimmer, das von allen Akten befreit, mit allerlei defekten Geräten voll gestellt war – und sich hinter den Schreibtisch setzte, der zugleich als Werkbank diente. Er schlug sein Notizbüchlein auf, in dem alle Arbeiten, die noch zu erledigen waren, säuberlich und nach einer Ordnung, die sich nur dem Haustechniker selbst erschloss, aufgelistet waren.
Diese Geste, nach der Mittagspause in das Büchlein zu schauen, war symbolisch, denn der Haustechniker hätte, da er sich bereits morgens, alle anstehenden Erledigung einzuprägen pflegte, auch aus dem Gedächtnis gewusst, was jetzt im Folgenden zu tun wäre. Umso größer war seine Verwunderung, als er einen Eintrag bemerkte, der an jenem Morgen noch nicht vorhanden war und allem Anschein nach auch nicht später von ihm selbst eingeschrieben worden ist. In einer charakterlosen, schwer lesbaren Handschrift, war alles Notwendige aufgelistet: Art des Schadens, Ort des Schadens usw.
‚HF-20A defekt’ stand unter der Spalte ‚Betreff’ geschrieben. Jemand musste sich, während der Mittagspause in die Werkstatt geschlichen haben, und diesen Eintrag eigenmächtig hinzu gefügt haben; da es sich dabei um einem Scherz handeln konnte, hätte der Haustechniker diesen unbefugten Eintrag für gewöhnlich ignoriert, allerdings kannte er sich im Gebäude gut aus, sodass ihm schnell einfiel, worum es sich bei ‚HF-20A’ handelte.
Wenige Minuten später kniete er vor dem Blechwürfel, löste einige Muttern, nahm die Verkleidung ab und erkannte schnell, weshalb die Maschine nicht arbeitete; die Welle war gebrochen. Ein Laie hätte dies auf Anhieb nicht gesehen, da der Riss sehr fein war, der Haustechniker besaß jedoch ein geschultes Auge, sodass er nicht lange nach dem Fehler suchen musste. Die Reparatur vollzog sich verhältnismäßig zügig und unkompliziert, wenn man bedenkt, dass diese Welle ein Kernstück der Maschine darstellt. Eine Verzögerung entstand nur dadurch, dass der Haustechniker zurück in seine Werkstatt gehen musste um nach einer baugleichen Ersatzwelle zu suchen. Als diese gefunden war, benötigte er für den Einbau der neuen Welle knappe zehn Minuten, befestigte schließlich das Verkleidungsblech und ging, in der Gewissheit, dass die Maschine bald wieder selbstständig zu arbeiten anfinge, in den ersehnten Feierabend.
In der Maschine regte und bewegte sich alles in aufgeregter, ungewohnter Weise, nachdem die Bauteile, über einen Zeitraum, der ihnen wie eine Ewigkeit erschienen ist, in äußerster Spannung und Ungewissheit verharren mussten. Zahnräder, Platinen, Kabel, drängten sich, so gut es eben ging, aneinander, um den Neuankömmling zu begrüßen, um ihm nah zu sein. Den alten Bauteilen war etwas unbehaglich zumute, denn die neue Welle sah aus als wäre sie soeben aus der Fabrik gekommen und passte daher nicht recht unter die verschlissenen, teils rostigen, teils öligen Teile. Endlich überwand ein Zahnrad, dem einige Zähne fehlten und das auch sonst ein schlechtes Gebiss hatte, die allgemeine Zurückhaltung und sprach stellvertretend für die die übrigen, dort versammelten Bauteile: „Guten Tag und Willkommen, ich denke, ich spreche auch für alle Anwesenden, wenn ich sage, dass wir froh sind dich endlich begrüßen zu dürfen. Du kannst dir sicherlich vorstellen wie unangenehm es ist, still stehen zu müssen, wenn man für die Bewegung geschaffen wurde. Die Tage der Untätigkeit waren von nicht unerheblicher Anzahl, allerdings waren wir davon überzeugt, dass es sich nur um einen vorübergehenden Zustand handeln könne, hier ist durchaus niemand in Verzweifelung geraten, wiewohl einige von uns – und ich zähle mich zu denjenigen – verwundert, ich will nicht sagen entsetzt, darüber waren, wie viel Zeit der Reparaturvorgang in Anspruch genommen hat. Wir haben es als große Rücksichtslosigkeit empfunden, dass die alte Welle ihrer Schwäche so sehr nachgegeben hat und sind froh, dass wir sie los sind. Es muss Lieferschwierigkeiten bei den Ersatzteilen gegeben haben, dass man gezwungen war, derart lange mit dem Austausch der Welle zu warten?“
Die neue Welle entgegnete freundlich: „Lieferschwierigkeiten? Nein, nein, da liegt ein Missverständnis vor, ich bin – auch wenn ich auf den ersten Blick fabrikneu erscheine – nicht viel jünger als ihr. Ich lag seit einigen Jahren in einer alten Holzkiste in der Werkstatt ohne gebraucht zu werden und der Grund warum die Reparatur nicht schneller durchgeführt wurde ist ein einfacher – man hat den Schaden nicht bemerkt.“
Es wurde ein wenig unruhig im Inneren der Maschine, die Teile redeten durcheinander, rieben aneinander und erzeugten metallische Quietschgeräusche, erst als das Zahnrad versuchte dieser Unruhe mit Worten Ausdruck zu verleihen, herrschte Stille.
„Das ist nun wirklich Unsinn, wie könnte man den Schaden nicht bemerken, wenn infolge dessen, über etwas, das sich naturgemäß in stetiger, unermüdlicher Bewegung befindet, plötzlich ein kalter Wintersturm hereinbricht und all die beweglichen Teile, einem zufrierenden Dorfteich gleichend, zum Stillstand bringt. Unser Winter war eine gebrochene Welle, nicht mehr. Niemand von uns hat mit so etwas gerechnet und wir waren alle über den konstruktiven Mangel der Mechanik empört, der uns allzu abhängig von einem einzigen Bauteil macht. Es ist vielleicht Anmaßung dabei, aber man muss bedenken, dass wir viel Zeit zum nachdenken hatten, weshalb wir beschlossen haben, diesen Verbesserungsvorschlag, falls möglich an die Konstrukteure weiter zu geben. Wir haben die alte Welle um diesen Gefallen gebeten, da sie die Einzige ist die Vorzeitig nach draußen kann, allerdings ist es höchst ungewiss ob sie unserer Bitte nachkommen wird; man hat sich leider aufgrund eines heftigen Streites über ihre Schwäche, nicht im Guten trennen können.
Also nun, warum mussten wir so lange in Untätigkeit verweilen? Schäden bleiben nicht unentdeckt, d.h. wenn mir oder einem anderen Rad ein Zahn abbricht, wenn eine der Gummidichtungen spröde und undicht wird, wenn sich die ein oder andere Mutter zu lockern beginnt, so sind das gewissermaßen Schäden im Sinne von Unregelmäßigkeiten, die –erfahrungsgemäß – fast immer unbeachtet bleiben, was jedoch nur damit zusammenhängen kann, dass solcherlei Unregelmäßigkeiten den Fortlauf unserer Arbeit nicht weiter behindern, geschweige denn stoppen, obgleich immer die Gefahr gegeben ist, dass aus kleinen, unscheinbaren Defekten, weitreichende Ausfälle hervorgehen, die – in Einzelfällen – zum Totalverlust der kompletten Maschine führen können.
Obwohl es uns nichts angeht, interessiert uns doch – zumal das für die Umstände verantwortliche Bauteil, aus unseren Reihen stammte – welche Auswirkung der Ausfall unserer Anlage auf den Gesamtbetrieb hatte. Du kommst doch von draußen, du kannst uns bestimmt etwas sagen; musste die Produktion eingestellt werden? Waren die Endprodukte in irgendeiner Weise fehlerhaft?“
Verwirrt, noch unschlüssig wie sie antworten sollte, sprach die Welle letztlich: „Glauben müsst ihr mir natürlich gar nichts, dennoch kann ich, wenn ihr mich danach fragt, nur sagen, dass man den Schaden nicht bemerkt hat, ansonsten hätte man ihn gewiss früher behoben, an Ersatzteilen mangelte es nicht.“
Die Maschinenteile lauschten gespannt, in der Erwartung, die Welle würde ihre Rede fortsetzen; als dergleichen nicht geschah, da wiederholte das Zahnrad, seine letzte Frage: „Na und, nun sag schon, was ist mit der Produktion, mit den Erzeugnissen, hat unser Stillstand Umstände verursacht?“
Die Welle hatte die Frage bereits beim ersten Mal verstanden, aber zu ignorieren versucht, da sie nicht recht wusste, was sie darauf antworten sollte und zudem glaubte, dass es sich dabei um eine scherzhafte oder rhetorische Frage handelte.
„Ja, Produktion…“, die Welle stammelte, suchte nach Worten und fand schließlich welche, die ihr passend erschienen: „Was meint ihr damit, mit Produktion, mit Erzeugnissen und dergleichen? Wisst ihr denn nicht, dass ihr nichts produziert, nichts erzeugt? Deshalb hat man den Schaden nicht bemerkt, weil es für niemanden außer euch selbst einen Unterschied macht, ob ihr nun tätig oder untätig seid – es ist gleichgültig. Ich kann zwar nichts mit Bestimmtheit sagen, vermute aber, dass auch die Reparatur rein zufällig erfolgt ist, vielleicht aus einer Laune heraus.“
Schon während die Welle dies sprach, wurde ihr mulmig zumute und sie zweifelte ernsthaft darüber, ob sie die richtigen Worte gewählt hatte, denn die Bauteile waren nämlich noch Regungsloser als zuvor und verfolgten mit entsetzten Blicken, jede Mundbewegung der Welle, als formten ihre Lippen aus der ölgeschwängerten Luft, die Gestalt des Weltuntergangs.
Die Welle rechnete jeden Moment mit dem Ausbruch eines panikähnlichen Zustandes, die entsetzte Stille wurde allerdings nicht durch ein apokalyptisches Chaos, sondern durch die zittrige und unsichere Stimme des Zahnrades beendet: „Wir Produzieren nichts? Alle Mühe vergeblich? Jede Anstrengung umsonst? Bewegung ohne Fortschritt? Es ist nicht möglich…es ist unmöglich, du Lügst! Oder? Ist es möglich? Es ist möglich…
Wir bewirken nichts, Ach, was sollen wir tun, was in aller Welt sollen wir tun, es hilft ja alles nichts, wir können die Arbeit einstellen und vor uns hin rosten.“
Das totale Chaos das kurz zuvor, als die Welle es furchtsam erwartet hatte, ausgeblieben war, begann sich jetzt langsam, durch eine allgemeine Unordnung anzukündigen: Einige Teile riefen sich mit mechanischen Stimmen unverständliche Dinge zu, aus einer stählernen Leitung begann eine schwarze, dickflüssige Substanz zu tropfen, Zahnräder drehten sich in verschieden Richtungen, wodurch sie sich gegenseitig die Zähne abrissen, man hörte zu starke Ströme durch die Kabel fließen, so dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Kabel anfingen durchzubrennen.
Die Welle gab sich alle Mühe das Unheil, dass sie angerichtet hatte, ungeschehen zu machen, indem sie versuchte, das Zahnrad, das scheinbar eine Führungsposition inne hatte, mit einigen tröstlichen Worten zu beruhigen: „Warum zerstört ihr euer System? Ihr müsstet die Möglichkeit, dass ihr nichts außer euch erzeugt, doch wenigstens einmal erwogen haben. Die Überzeugung, dass ihr etwas produziert, dass ihr Jemandem nutzt, dass ihr euch als ein Teil in ein größeres System einfügt und dort euren Platz einnehmt, ist offensichtlich ziemlich willkürlich.
All die Jahre habt ihr euch von diesem Luftschloss motivieren lassen? Diese naive Vorstellung hat euch angetrieben?
Jetzt könnt ihr es nicht abwarten zu verfallen und zu vergehen, jetzt wo sich eure Wünsche und Hoffnungen, die ihr für Tatsachen hieltet, als Gegenstandslos erwiesen haben, jetzt wo das Heiligenbild eines höheren Zweckes durch einen garstigen Schauer von der Leinwand gewaschen wurde? Was wollt ihr denn mehr? Man hat euch repariert, ihr könnt weitermachen wie zuvor, ihr habt euch früher schon nur um eure eigene Achse gedreht, nur euch selbst angetrieben und nur euere Allernächsten berührt – und wart ihr nicht zufrieden?“
Der Welle war klar, dass sie den Auflösungsprozess nicht mehr aufhalten konnte – es war zu spät, das Zahnrad war kaum noch ansprechbar, die letzten verständlichen Sätze, die es hervorbrachte waren: „Ach, wie hätten wir damit rechnen sollen, wozu setzt jemand eine Maschine zusammen die nichts schafft; wie könnten wir dienen, wenn uns die Zwecke fehlen; wie könnten wir zur Ursache taugen, wenn wir nicht das geringste bewirken? Wer verhöhnt uns mit all den Kontrolllampen, deren flackern und leuchten nichts bedeutet?“
Dann wurde das Zahnrad in den Strudel der sich durcheinander werfenden Teile gezogen, und verschwand zwischen geborstenen Ölleitungen und einer halben Platine.
„Bitte beeilen sie sich meine Herren, die Zimmer müssen bis zum Nachmittag ausgeräumt sein. Sie! Was hat dieses Gerät hier noch auf dem Korridor zu suchen, das müsste doch längst auf die Lastwagen verladen worden sein.“
Einer der Arbeiter, der die Anweisungen des Direktors nur in Teilen verstanden hatte, preschte übereifrig näher an den Direktor heran und erkundigte sich dienstfertig: „Was bitte meinten Sie?“
Der Direktor antwortete ungehalten: „Na, hier, sehen Sie das denn nicht, warum steht dieser Klotz da noch herum?“
„Ach, ja, also, wir wussten nicht was damit geschehen soll, deshalb haben wir es zunächst stehen lassen.“
„Soso, was ist das überhaupt?“
„Ich dachte das könnten sie mir sagen.“
„Nein, woher soll ich das wissen, ich kann schließlich nicht jeden Einrichtungsgegenstand der Abteilung auswendig kennen. Sieht aber aus wie…Äh…wie…wie eine Maschine oder so etwas.“
„Ja, das kann es wohl sein. Da, an der Seite scheint sich eine Wartungsklappe zu befinden, vielleicht kann man in Erfahrung bringen um welche Art von Gerät es sich handelt, wenn man ins innere schaut.“
Ohne eine Antwort des Direktors abzuwarten, ging der Arbeiter auf das Gerät zu, versuchte mit flinken Handbewegungen den Öffnungsmechanismus der Wartungsklappe zu ergründen und öffnete dieselbige schließlich durch die zufällige Betätigung eines schwergängigen Hebels.
Neugierig fragte der Direktor: „Was ist es?“
„Tja…es ist nichts.“
„Wie meinen sie das?“
„Es ist nur die Verkleidung, das Innere ist vollkommen leer, keine Maschinenteile oder ähnliches. Sollen wir es aufladen?“
„Nein, das ist unnötig, bringen sie es zum übrigen Schrott, sie wissen schon wo.“


Menachem (Webseite)
Entstammt das deiner Feder, Wowik? Ich find`s gut. Warum heißt es Blutschuld?
Wowik (Webseite)
Ja, tut es. Bluschuld heißt es, weil es für einen Schreibwettbewerb zum Thema “Blutschuld” geschrieben wurde. Dass die Geschichte kaum zum Thema passt ist freilich ein kleiner Schönheitsfehler.
soeren onez (Webseite)
Die Überschrift ist wirklich unglücklich, denn beginnt man erstmal mit dem Text, lässt er einen nicht mehr los. Wirklich gut geschrieben Wowik!