Gehorsam
Seit etwas über einem Jahr sammele ich in loser Form Daten, Fakten und Meinungen zu: `Wie konnte das geschehen?` und meine damit, den Holocaust.
Grund ist, so glaube ich, dass auf die Menschen, die die Handlungen ausführten, oftmals die ganze Abscheu übertragen wird – in Pauschaldiskussionen, die weder den Menschen, dem Werdegang, noch dem, was wir daraus Lernen sollen, gerecht wird.
Den anderen Grund kenne ich noch nicht, der, was hat das alles mit mir zu tun?
Ich weiß aber auch, das andere, und diesmal junge Menschen, ein ähnliches Thema sehr beschäftigt. Unrecht in der ehemaligen DDR und die Fragen, was und wie weit ist mein Vater, sind meine Eltern, Teil dieser speziellen Geschichte.
Wir, die in der ehemaligen BRD gelebt haben, sind fein raus, können unsere Hände in Unschuld waschen. Keine Dämonen in Elterngestalten, die uns nachts im Traum besuchen. Das ist auch gut so; denn je weniger es darin aufzuarbeiten gibt, je weniger Menschen mussten leiden. Doch wollte ich noch mal in Erinnerung bringen, dass lediglich eine Distanz von 2 km so unterschiedliche Staatengeschichte, und dem Leben damit und danach, hervorbringen kann.
Zurück zu mir. Zwei Überlegungen möchte ich heute meinen bisherigen Gedanken hinzufügen:
In der Verhaltensforschung wurde die Tötungshemmung erforscht, z.B. weist im Kampf bei Hunden der Unterlegene dem Stärkeren seine empfindlichste Stelle hin. Mit einem leichten drehen des Kopfes bietet er seine Halsschlagader dem Stärkeren an. Ein einfacher Biss – und der Unterlegener wäre tot. Das geschieht jedoch nicht, denn der Stärkere lässt den Verlierer nach dieser Geste leben. Derselbe Mechanismus ist aus dem Sprichwort bekannt. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.
Das hat Lorenz untersucht und beim Menschen die gleiche, allerdings nicht so deutlich ausgeprägte Eigenschaft beschrieben, wenn es um Schutzbedürftigkeit geht. Babys, Kinder, Kranke, Ältere sind durch diesen Mechanismus geschützt (im Allgemeinen und vereinfacht).
Hier verlässt Konrad Lorenz in seinem Beitrag „Moralanaloges Verhalten geselliger Tiere“ das Thema, um das es hier geht. Mitscherlisch beschreibt das in einem anderen Zusammenhang etwas enger: “Die Tötungshemmung existiert nur in der eigenen Art. “
Daraus ergibt sich sinngemäß: Werden Menschen, ob als faule Sklaven, weltverschwörende Juden, als gelbe Gefahr oder brutale Frauenschänder von der Propaganda definiert, suggeriert das, das diese Menschen dann nicht mehr zur eigenen Art – sondern zu einer anderen, einer Unterart, gehören.
Ich schließe daraus, das es ein, oder das Ziel der Rassenpropaganda ist, die Tötungshemmung zu unterlaufen.
Ich möchte das einfach mal so stehen lassen, und zu dem 2. Gedanken kommen:
Alexander Mitscherlisch geht über das vorgenannte hinaus, und beschreibt in seiner Radiosendung von 1960 noch die Erscheinung der „autoritären Person“. Damit werden die Ausführenden bezeichnet, die Befehle erhalten, sie blind ausführen, und dabei Macht und Gewalt nach unten durchreichen. Auf dem hierarschichen Weg nach unter wird dieser Prozess allerdings immer exzessiver.
Nun kommt man nicht als “autoritäre Person” auf die Welt. Man ist das Ergebnis seiner Erziehung, und hier im speziellen geprägt aus dem: Gehorsam.
Gehorsam. Darüber brauche und möchte ich in all seinen verheerenden Wirkungen nicht schreiben. Doch soviel: das Menschen in diesem Erziehungssystem nie ein eigenes Ich finden können, `grenzt an` oder `ist` Misshandlung.
Mit “Gehorsam” und „Ehre“ will ich nicht Schuld in alte Kaisers Zeiten rücken, sondern aufzeigen, wie weit ein Blick nach hinten zum weiteren Verständnis beitragen kann, in welchem vielleicht schon der Grundstock für all das Schreckliche gelegt wurde, dessen Entladung noch immer unerklärbar ist.
Gehorsam im obigen Sinne, so meine und hoffe ich zumindest, gehört zum großen Teil in unserer deutschen Gesellschaft nicht mehr zu den großen Erziehungsidealen. Allerdings ich, ich wurde noch in dieser alten Tradition erzogen.


Marco (Webseite)
Also ich denke, dass der Gehorsam, der blinde Gehorsam, vielleicht der größte Fehler des Menschen ist, der ihm damals “anerzogen oder antrainiert” wurde. Gehorsam ist sicher richtig und gut, aber nur dann, wenn man weiß, dass das, worauf man hört, richtig ist, wenn man es hinterfragt hat. Der blinde Gehorsam, ohne jedes Hinterfragen der gestellten “Aufgaben” hingegen wird früher oder später das Ende der Menschheit bedeuten, so meine Meinung.
Gehorsam « Gemeinsamleben Weblog (Webseite)
[...] einer Rechnung, die damit bezahlt werden muss, habe ich auf der endlosrekursion [...]
Wowik (Webseite)
Das ist der Unterschied zwischen einem Mann und einem Hund: Der Mann schätzt den Kampf höher als das Leben; der Hund unterwirft sich.
Sonnenschutzfolie
Ich sehe in unserer Gesellschaft eher das Problem das zu wenig Respeckt vorhanden ist, Gehorsam ist eher vorhanden als Respekt. Normalerweise geschieht Babys, älteren Menschen und Kranken nichts, aber wie wir immer wieder aus den Medien entnehmen können, gibt es nicht immer diesen Schutz.
Ich finde im Übrigen den Kommentar von Wowik sehr passend und gut.
Menachem (Webseite)
@Marco, die Frage ist auch, wie kommt die Kuh vom Eis?
Dazu fällt mir noch ein Nachtrag von Mitscherlisch ein:
Ehemals sah es so aus, als würde die Republik in zwei Teile zerfallen. Die einen, die vor der Scheibe stehen, als Bittsteller, und die anderen, hiner der Scheibe. Dann ist die Frage: “Verleiht” die Person hinter der Scheibe dem Amt die Würde, oder wird die Würde der Person verliehen und kann dieser sie tragen – ist er überhaupt fähig dazu?
Analog die Frage zu den braunen Uniformen? Waren die Personen qualifiziert für die Uniformen, oder gab die Uniform Macht, ohne Fragen zur Person.
Und von der braunen Uniform zum hochkaratigen Dienstwagen eines Managers, ist die Verhaltensfrage zum gesellschaftlichen Codex auch nicht mehr weit.
Rico H. (Webseite)
Ich denke auch das der Gehorsam daran Schuld ist. Schaut euch unsere Kinder oder erinnert euch wie es in eurer Kindheit war, da müssen und mussten Kinder einfach auf das hören was ihnen gesagt wurde und so konnte Holocaust erst geschehen. Ich bin froh meine Kinder sind anderst sie vertreten ihre Meinung und bekommen jede Menge an Selbstbewusstsein mit und das fehlte früher!
Michael Kostic (Webseite)
“Ich habe doch nur Befehle befolgt”
Sagten früher die KZ-Wächter und akzeptieren wir noch immer wenn Jemand sagt:
“Ich habe doch nur Anordnungen ausgeführt!”
Da wo früher sofort Menschen sichtbar verreckten, werden sie nun bespitzelt, überwacht, gequält frei nach dem Motto: “Arbeit macht frei” drangsaliert. Wobei…
…auch dazu gehören immer Zwei. Täter und Opfer sind nach wie vor eng beieinander, fast Eins in einer Welt die scheinbar keine Ideale mehr kennt.
O-Ton eines Mitarbeiters der Agentur (im privaten Umfeld): “Ach hör doch auf. Die Bürger sind doch selber Schuld. Wenigstens ein Drittel der feinen Unternehmen rotiert alle Nase lang die Mitarbeiter, wenn die staatliche Förderung abläuft. Und wer beschwert sich darüber? Manchmal möchte man sogar denken viele Firmeninhaber können nur noch mit staatlichen Zuschüssen wirtschaften. Dann siehst Du sie, mit ihren dicken Hütten, Autos und all dem Rest.”
und noch schlimmer:
“Die blanke akzeptierte Gier, auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung.”
Als ich frage warum er nichts unternehme fragt er: “Und was bitte? Das ist doch politisch gewollt. Jeder sieht es, alle machen mit.”
“Ich habe doch nur Anweisungen befolgt…”
Menachem (Webseite)
Ja, Michael, Täter und Opfer gehören eng beieinander. Wenn Gehorsam mit einem “Nein” unterbrochen werden soll, dann sollte mit dem gleichen Mut auch das Opfer “Nein” sagen können.
Wenn ich mich mobben, bespitzeln, erniedrigen lasse und gehorche, weil ich Angst habe, den Arbeitsplatz, Partner, Geld oder was auch immer zu verlieren, dann untersütze ich das Gehorsamsystem.
Michael Kostic (Webseite)
Und an letztem Satz fängt meine Frage an: “Warum haben die Menschen nur so derart viel Angst?” bzw. “Wovor haben sie in einem System wie dem unseren Angst?”
Armut? Soziale Ausgrenzung?
Nun Arm ist wahrlich relativ, denn arm sind auch Menschen die nur Teil eines soziales Schönwetterumfeldes sind.
Vor ein paar Jahren fuhren wir nach München zur Hochzeit des Neffen meiner Frau. Die Familie ist groß, dass Fahrzeug war es auch. Auf dem Rückweg versagte in Höhe Dresden eben dieses Fahrzeug um 02:00 Uhr den Dienst. Um 03:00 war der angerufene Freund aus Berlin mit seinem PKW zur Hand. Er brachte Decken mit (für die Kinder) und fuhr sehr umsichtig. Zu diesem Zeitpunkt war er 2 Jahre erwerbslos. Ich bin froh das er sich sein Auto nicht hat abnehmen oder verbieten lassen. Für solche Menschen steht immer ein Teller auf unserem Tisch, für solche Menschen ist immer noch ein Platz zum Schlafen oder Leben frei in unseren Räumen.
Geben und nehmen ;-)
Michael (Webseite)
Warum, wieso und weshalb das alles mit – Holocaust – so geschehen ist können wir nicht tatsächlich nachvollziehen. Man kann nur mitreden wenn man damals gelebt hat und diese schwere Zeit miterleben musste, alles andere sind Spekulationen und reine Vermutungen.
Michael Kostic (Webseite)
Schau dir diesen Eintrag oben an! Das passt mal wie die Faust auf’s Auge. Dem Herrn Michael Janisch, welcher auch die acquiro Werbeflächen e.K. in Herzogenaurach ist, wird es nicht einmal unangenehm sein innerhalb einer solch empfindliche Thematik negativ aufzufallen.
Seine Firma, sein Name im direkten Kontext mit dem Holocaust, seinen Opfern dem Leid, dem Elend.
Und der Suchmaschinenoptimierer der diesen Mist programmiert hat sagt später natürlich: “Ich habe doch nur einen Auftrag ausgeführt!”
Der Finger am Abzug. Selbst Denken kann man nur von Menschen erwarten denen man dieses beibringt ;-)
soeren onez (Webseite)
Michael Kosic, ich verstehe nicht wirklich, worauf du anspielst?
Menachem (Webseite)
Michael, was du von deiner Fahrt München und deinem Freund schreibst, das ist auch für mich ein springender Punkt im Gehorsam und dem Gehorchenden.
Der Mut zu einem “Nein” liegt im Vertrauen zu sich selbst, auch nach einen “Nein”, sich im Leben neu orientieren und leben zu können. Zu diesem Vertrauen gehört nach meiner Vorstellung auch ein Vertrauen in ein funktionierendes soziales System, das Menschen in Mitmenschen vertrauen lässt, in Notsituationen aufgefangen zu werden.
Und nicht wenige werden denken, wenn sie den voranstehenden Satz lesen, welch fremdliche Vorstellungen ich von einem funktionierenden Sozialsystem habe. Natürlich kann auch jeder allein auf sich gestellt das Leben meistern – nur, so viele Wälder haben wir nicht, für 6 Milliarden Eremiten. Wir leben im sozialen Verbund, zumeist ohne Vertrauen in die Gemeinschaft.
Sollen wir also alles beim alten lassen und es wird weiter gezittert und gehorcht?
Michael Kostic (Webseite)
@soeren onez:
Also wenn der Text oben von “Michael” wirklich von diesem stammen sollte, dann ähhh, weiss ich auch nicht was ich als Nachfahre dazu noch sagen soll. Ich muss den Wahnsinn nicht in Farbe und Bunt durchlebt haben, um die Gehorsamsgesinnung welche dies ermöglichte als ganzes abzulehnen. Da darf, da müssen eben tatsächlich alle mitreden…
Den besagten Text kann eigentlich nur ein Programm zusammengestellt haben (diese Programme werden auch immer ausgefeilter…).
Bitte. Lass es ein Programm gewesen sein…
Michael Kostic (Webseite)
@Menachem:
“Sollen wir also alles beim alten lassen und es wird weiter gezittert und gehorcht?”
Ich weiss wirklich nicht wie oft habe ich mir schon diese Frage gestellt habe.
Letztens auf der BEA Sitzung (siehe Fragezeichner: Das Böse im Auftrag des Guten)?
Als ich das erste Mal den Gesetzentwurf zur DE-Mail gelesen habe?
Als Joseph Ackermann den Bürgern verbal in’s Gesicht spuckte als er sagte: “Wir haben uns nichts vorzuwerfen, Gutachten belegen das!” und Mannesmann den Bach runter ging?
Als dem besagten Banker erneut der Dr. HC verliehen werden sollte? Als er damit protzte die Deutsche Bank sei gut positioniert, obwohl längst alles gelaufen war?
Wie schon an anderer Stelle: Wir müssen damit beginnen es vorzuleben. Bewusst und bedacht, kooperativ sozialen wie wirtschaftlichen Erfolg beweisen. Kurz gesagt muss man den Menschen vorleben das man auch durch Mitdenken und Teilnahme erfolgreich sein kann (und dafür nicht permanent abgestraft wird).
Gelingt dies im großen Maßstab werden wir vielleicht auf dem Sterbebett noch stolz eine Generation betrachten, die nicht mehr blank gehorcht…
ms (Webseite)
Ich würde Gehorsam nicht so einseitig negativ betrachten; ursprünglich dürfte das Wort so etwas wie „Gehör geben“ bedeutet haben. Wie schätzt Du die Bedeutung von „Gehorsam“ im religiösen Kontext ein?
Menachem (Webseite)
@ms, viele Begriffe sind für manche Menschen nur negativ besetzt, weil sie wahrscheinlich kein positives Erlebnis damit verbinden können. Im religiösen Kontext frage ich mich, ist vielleicht gerade dort begonnen worden, “Vertrauen” durch “Gehorsam” zu ersetzen?
Ich könnte mir vorstellen, das Vertrauen in einer immer egoistischeren Welt (damit meine ich erstmal nur Art- und Existenzerhalt) unserem Sprachschatz entschwindet. Diesen Gedanken bitte ich langfristig tendenziell zu verstehen.
Vertrauen wird auch immer wieder zu Enttäuschungen führen. Gehorsam aber, kann in letzter Konsequenz zur Vernichtung dieses gesamten Planeten führen.
Rico
Also für mich ist das Wort Gehorsam ziemlich negativ besetzt… Gehorsam = alles tun, ohne eigenes Denken!
Wowik (Webseite)
Viele Menschen sollten durchaus aufhören, zu tun was sie denken oder zu sagen was sie “denken” usw.; unter Umständen bekommt es ihnen besser, wenn sie einfach tun was ihnen gesagt wird, was sie darüber hinaus “denken” darf gerne auch dort bleiben wo es hingehört und niemanden stört, nämlich in ihrem Kopf. Irgendein ein Schelm hat einst das Gerücht in die Welt gesetzt, dass man alles was man so “denkt” seiner Umwelt auch mitteilen müsse.
“Gehorsam = alles tun, ohne eigenes Denken!”
Ja, das gefällt mir auch nicht; ich denke gerne selbst ohne dabei tätig werden zu müssen – Praxis wird völlig überbewertet, deshalb: Alles denken, ohne eigenes Tun.