Inger Christensens Lyrik. Hilfe zur Entdeckung des Schönen im Gedicht.

Geschrieben am 24. Januar 2009 von Abc in Blog.
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Dieser Text geht um Lyrik. Kein besonders populäres Thema in der Blogwelt, ich weiß. Es gilt sogar: Es ist kein besonders populäres Thema überhaupt. Schade eigentlich, denn bei Lyrik ist es so: Wenn man erst einen Zugang gefunden hat, ist sie unheimlich spannend und herausfordernd, ohne jemals langweilig zu sein. Die Schwierigkeit liegt immer darin diesen verdammten Zugang zu finden. Dabei sind sich Literaturwissenschaftler, Hermeneutiker und Dichter überhaupt nicht einig, worin dieser Zugang besteht. Novalis (und die Dichterin, um die es im Folgenden gehen wird) spricht von einem „Geheimniszustand“. Ich werde in diesem Text versuchen ein paar Gedichte „zu vermitteln“. Diese Vermittlung ist bestimmter Art: Ich will, dass ihr vielleicht merkt, warum das Gedicht, das ich besprechen werde, schön ist. Ich will also nicht zunächst, dass ihr es „versteht“, sondern das ihr es ästhetisch genießen könnt.

Mein Text hat aber auch eine traurige Ursache: Am 2. Januar starb die dänische Dichterin Inger Christensen. Liest man die Nekrologe der deutschen Zeitungen merkt man, welche Achtung Christensen im deutschsprachigen Raum erhielt. 1994 wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und 1995 mit dem Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie ausgezeichnet; 2006 erhielt sie den Siegfried Unseld-Preis. Sie war zudem Mitglied der Europäischen Akademie für Poesie und seit 2001 der Akademie der Künste in Berlin.

Inger Christensen ist nicht leicht zu lesen und ich möchte deshalb ein paar Überlegungen zu ihrer Lyrik aufstellen, die beim Lesen vielleicht eine Hilfe sein können. Dabei geht es mir, wie gesagt, nicht in erster Linie darum Anleitungen zu geben, wie die Texte verstanden werden können. Es geht mir eher darum Hinweise zu geben, wie man diese Texte ästhetisch erfahren kann – dazu gehört natürlich auch Verstehen. Eine ästhetische Erfahrung ist aber exemplarisch: Man kann sie nur selbst machen. Dieser Text ist deshalb nur ein Vorschlag, wie man an die Texte herangehen kann, so dass man ihren ästhetischen Wert entdeckt. Entdecken muss man ihn jedoch selbst.

Meine Überlegungen betreffen Christensens Dichtung im Allgemeinen, aber beziehen sich auf den Gedichtband „Alphabet“ aus dem ich auch zitieren werde (damit ihr die Gedichte lesen könnt).

Inger Christensen schreibt meistens ihre Gedichte nach einem System bzw. in einem oder als eins. Für diejenige, die ihre Gedichte gar nicht kennen, skizziere ich jetzt kurz die Systematik von „Alphabet“ und dem „Schmetterlingstal: Ein Requiem“.

Alphabet ist durch zwei Systematiken bestimmt: Erstens ist die Zeilenzahl jedes Gedichts durch die Fibonacci-Reihe bestimmt, eine nach dem italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci benannte Zahlenreihe, bei der sich jedes Glied der Reihe aus der Summe der beiden vorangehenden Zahlen errechnet (also: 1, 2, 3, 5, 8, 13…). Das erste Gedicht hat demnach eine Zeile, das zweite zwei, das dritte drei, das vierte fünf etc. Die Summe steigt exponentiell, so dass das neunte Gedicht schon 55 Zeilen hat. Zweitens ist jedes Gedicht durch einen Buchstaben bestimmt, alphabetisch geordnet, so dass das erste Gedicht den Buchstaben a, das zweite den Buchstaben b etc. als eine Art Leitbuchstabe hat. Dies ist natürlich nur sehr begrenzt in der deutschen Übersetzung erhalten. Hier die ersten paar Gedichte aus Alphabet:

die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es

die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren
und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff

die zikaden gibt es; wegwarte, chrom
und zitronenbäume gibt es; die zikaden gibt es;
die zikaden, zeder, zypresse, cerebellum

die tauben gibt es; die träumer, die puppen
die töter gibt es; die tauben, die tauben;
dunst, dioxin und die tage; die tage
gibt es; die tage den tod; und die gedichte
gibt es; die gedichte, die tage, den tod

Im Dänischen haben beispielsweise die Wörter Farne und Wasserstoff den Anfangsbuchstaben b, so wie Zikade, Zitrone, Zeder und Zypress den Anfangsbuchstaben c und Taube, Traum, Puppe, Gedicht, Tag und Tod den Anfangsbuchstaben d haben. Das Gedicht hört bei n auf (die Menge aller natürlichen Zahlen wird in der Mathematik mit n bezeichnet). Es wäre übrigens beinahe unmöglich der Fibonacci-Reihe bis zum Ende des dänischen Alphabets zu verfolgen – damit hätte allein das letzte Gedicht (Nr. 28 nach dem dänischen Alphabet) 514.229 Zeilen und die Zeilenzahl des gesamten Gedichts wäre absolut unüberschaubar.

Das „Schmetterlingstal“ unterliegt einer genauso beeindruckenden Systematik – es ist ein Sonettenkranz. Der klassische Sonettenkranz besteht aus 15 Einzelsonetten, wobei das zweite Sonett mit der Schlusszeile des Ersten beginnt, das Dritte mit der Schlusszeile des Zweiten und so fort bis zum Vierzehnten. Das Fünfzehnte, auch Meister-Sonett genannt, fasst dann noch einmal alle 14 Schluss- bzw. Anfangszeilen in gleichbleibender Reihenfolge zusammen. Alle Sonette, das Meister-Sonett inklusiv, reimen und folgen einem bestimmten Versfuß.

Nun haben wir einen Einblick in einige Systematiken der Dichtung Inger Christensens erlangt und können zur Ästhetik übergehen. Für die ästhetische Erfahrung der Gedichte ist das Spiel zwischen den Mustern und Regeln der Dichtung und dem Bruch mit diesen Mustern und Regeln wichtig. Der Bruch ist kein Abbruch sondern eher die Entstehung neuer Mustern und Regeln. Die Muster und Regeln liegen in der Dichtung meines Erachtens im Feld zwischen der Form und dem Inhalt, womit ich in diesem Zusammenhang die besondere Bewegung der Dichtung zwischen Musik und These meine. Ein gutes Gedicht muss immer musikalisch sein, darf aber nie zum Lied werden. Ebenfalls muss es These sein ohne jemals wissenschaftlicher Text zu werden.

Um dieses Spiel bei Christensen zu erfahren sind drei ästhetische Reflexionsformen wichtig, die ich hier mit den Begriffen „das Ganze“, „der Tod“ und schließlich „das Gedicht“ benennen möchte. Mit Reflexionsform meine ich so etwas

wie eine bestimmte Weise das Gedicht zu lesen, eine Art Fokus des Lesens, mit dem eine bestimmte Sorte von Mustern und Regeln erfahren werden können, so dass die Ästhetik des Gedichts hervortritt.

Die erste Reflexionsform kann mit dem Begriff des Ganzen beschrieben werden. Die Gedichte von Inger Christensen sind meines Erachtens deshalb „Systeme“, weil sie das Ganze erfassen sollen. So ist Alphabet eine Erfassung der Welt und gleichzeitig des Seins der Welt. Das Sein wird dadurch hervorgehoben, dass das, was in Alphabet geschieht, immer in einem Verhältnis zum Nichts steht. Dieses Verhältnis kann als ästhetische Reflexion funktionieren. Aber zuerst: Was meine ich denn mit Sein und Nichts und wie komm es im Gedicht vor?

Das erste Gedicht in Alphabet lautet wie schon zitiert „die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es“. Dieses kurze Gedicht ist keine Beschreibung der Aprikosenbäume, sondern nur eine Aussage, dass es diese gibt. Es wird nicht erklärt, was Aprikosenbäume sind, sondern ihr „Sein“ wird ausgesprochen. Die Aussage wird zudem wiederholt. Was ist die Wirkung dieser Wiederholung? Obwohl die Aussage lautet „es gibt sie“, ist es als ob die Wiederholung implizit besagt: Es könnte sie auch nicht geben. Die Wiederholung drück eine Angst vor der Möglichkeit des Nichts aus: Warum gibt es sie denn und nicht viel eher nicht? (Man sieht hier die Verbindung zwischen Christensen und Martin Heidegger). Es gibt im Gedicht also einen doppelten Fokus auf 1) das Seiende, die Aprikosenbäume und 2) das Sein dieses Seienden, das durch Wiederholung in einer Gegenüberstellung zum Nichts ausgedrückt wird. Diese doppelte Thematik tritt langsam als ein hoch kompliziertes Verhältnis hervor, das in ganz verschiedenen Formen, Rhythmen und Inhalten funktioniert. Die ästhetische Reflexion kann dieses Verhältnis mit Nutzen im Auge behalten, weil die Wandelungen der Thematisierung des Seienden und des Seins und ihres Verhältnisses zu einem rhythmisch expandierenden organischen Geschöpf wird, das seine Elemente in ganz verschiedenen Weisen zueinander in Beziehungen treten lässt.

Die Fibonacci-Reihe wirkt als eine Art unaufhaltsame Schöpfung oder Entstehung der Welt. Die exponentielle Steigerung des Gedichts wird zu einem Erlebnis der unendlichen Vielfalt der Welt. Die Zahlreihe gibt es real auch in der Natur, wo sie z.B. Strukturen bestimmter Pflanzen organisiert. Diese strukturelle Organisation haben also das Gedicht und die Natur in gewisser Weise gemeinsam. Ästhetisch wirkt dies durch das Verhältnis der einzelnen Gedichte zueinander. Man erlebt das zweite Gedicht im Verhältnis zum ersten. Die Einfachheit und die steigende Komplikation hat eine starke rhythmische d.h. musikalische und inhaltliche Wirkung. Die Verhältnisse zwischen den Phänomenen, die im Gedicht vorkommen, und zwischen den Gedichten selbst, können immer neu erfasst werden. Die Übergänge zwischen Wiederholung und Neuem (warum taucht wann Neues auf und warum wird wann Altes wiederholt?) und die Übergänge von den Begriffen bspw. der Botanik zur Chemie wie im zweiten Gedicht „die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren / und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff“ oder im dritten Gedicht von Zoologie zum – jetzt wird es schwierig, ich bringe einfach das Beispiel: „die tauben gibt es; die träumer, die puppen / die töter gibt es; die tauben, die tauben;“ – diese verschiedenen Übergänge können immer im neuen Licht gelesen werden. Man muss sich von ihnen überraschen lassen und die Sprache selbst arbeiten lassen: Was versteckt sich alles im Wort Taube und was hat es mit dem Traum zu tun? Sicher ist: Beide Phänomene gehören einer Welt. Diese Welt wiederum finden wir nicht nur „draußen“ sondern auch in dem Gedicht selbst.

Die „gibt es“-Form, die in den drei ersten Gedichten durchgehend ist, wird später z.T. gebrochen, was natürlich neue Übergänge von Sinn und Rhythmus bedeutet. Auch die Systematik mit den Anfangsbuchstaben wird z.T. gebrochen. Diese Brüche sind schon im sechsten Gedich (f) zu sehen:

den fischreiher gibt es, mit seinem graublau gewölbten
rücken gibt es ihn, mit seinem federschopf schwarz
und seinen schwanzfedern hell gibt es ihn; in kolonien
gibt es ihn; in der sogenannten Alten Welt;
gibt es auch die fische; und den fischadler, das schneehuhn
den falken; das mariengras und die farben der schafe;
die spaltprodukte gibt es und den feigenbaum gibt es;
die fehler gibt es, die groben, die systematischen,
die zufälligen; die fernlenkung gibt es und die vögel;
und die obstbäume gibt es und das obst im obstgarten wo
es die aprikosenbäume gibt, die aprikosenbäume gibt,
in ländern wo die wärme genau die färbe im fleisch
erzeugen wird die aprikosenfrüchte haben

In diesem Gedicht passiert so viel, das ich hier unmöglich alles besprechen kann (noch könnte). Die Verhältnisse, um die es hier geht, sind sowohl die Verhältnisse zwischen den Phänomenen im Gedicht und die Verhältnisse der Gedichte untereinander, so dass die Gedichte als Gedichte im Ganzen vorkommen und das Verhältnis zwischen Gedicht und Ganzem damit reflektiert wird. So wird z.B. das erste Gedicht im eben zitierten sechsten Gedicht (Zeile elf) plötzlich wiederholt (im Dänischen wortwörtlich, im Deutschen wegen der Wortstellung leicht verändert: Das „es“ hat einen anderen Platz). Bemerk wie überraschend die Übergänge auf einen wirken und wie natürlich sie gleichzeitig vorkommen.

Wie wir im vierten Gedicht erfahren, gibt es auch den Tod:

die tauben gibt es; die träumer, die puppen
die töter gibt es; die tauben, die tauben;
dunst, dioxin und die tage; die tage
gibt es; die tage den tod; und die gedichte
gibt es; die gedichte, die tage, den tod

Schon hier merken wir, wie der Tod und das Gedicht irgendwie zusammenhängen. Aber bleiben zunächst beim Tod:
Die Reflexionsform, die man mit dem Begriff des Todes beschreiben könnte, betrifft das Verhältnis zwischen Mensch und Ganzem. Der Tod ist gleichzeitig das, was den einzelnen Menschen als Singularität auszeichnet (niemand kann für mich sterben) und das, was den Menschen mit dem Ganzen verbindet: In meiner Singularität bin ich in gewisser Weise von der Welt abgetrennt. In wiefern beschreibt dies eine ästhetische Reflexionsform?

Die Gedichte sind nicht nur eine Erfassung des Ganzen als Welt und Sein, sondern reflektieren ständig auf die Stellung des Menschen zur und in der Welt. Das drückt sich ästhetisch in den Illusionen der Gedichte aus: Was ist Sein und was ist Denken? „die tauben gibt es; die träumer, die puppen“ Es ist als ob eine gewisse Destabilisierung (traum) besteht: Das Gedicht erfasst die Welt, aber es ist ja ein Gedicht, es ist Dichtung. Die These des Gedichts ist trotzdem, dass das Denken die Welt als solche begreift, es gibt keine ontologische Kluft zwischen Denken und Sein. So heißt es z.B. im dreizehnten Gedicht „ das zusammensein der sonne / und des auges in der farbe [gibt es]“. Sonne und Auge sind zusammen. Oder wie es in dem zwölften Gedicht heißt:

das leben, die luft die wir einatmen gibt es
eine leichtigkeit in allem, eine gleichheit in allem,
eine gleichung, eine offen bewegliche aussage
in allem, und während baum um baum hinaufbraust in
den frühen sommer, eine leidenschaft, leidenschaft
in allem, als gäbe es für das spiel der luft mit
dem fallenden manna eine einfache modellzeichnung,

Die Welt ist nicht unerkennbar sondern in allem ist „eine Aussage“: Es kann ausgesagt werden, was es gibt. Aber das Seiende ist nicht fest und abgeschlossen, das Ganze ist immer ein Werden mit vielen verschiedenen Momenten, das exponentiell mehr wird und sich verwandelt (sowie das Gedicht). Die Aussage ist eine „offen bewegliche aussage“. So heißt es auch in Konjunktiv: “als gäbe es für das spiel mit dem fallenden manna eine einfache modellzeichnung“.

Solche Überlegungen zeigen, glaube ich, die Bezüge zwischen Christensen und Hegel.
„Die Knospe verschwindet im Hervorbrechen der Blühte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blühte für ein falsches Daseyn der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüßige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so nothwendig als das andere ist, und diese gleiche Nothwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“ So Hegel.

Die Illusionen des Gedichts sind diejenige, die uns dazu verleiten, zu glauben, die Welt erkannt zu haben. Aber sie sind auch diejenige, die uns dazu verleiten, zu glauben, die Welt nicht erkennen zu können. Die Träume, die Puppen und die Tauben sind gleich wirklich. Dieses Spiel zwischen Illusion und Einsicht funktioniert ästhetisch als eine Bewegung zwischen geistigen Begriffen und natürlichen Begriffen so, dass die Bezüge und Verhältnisse zwischen diesen sich verschieben, sich trennen und wieder neu herstellen. Dadurch entsteht eine hoch komplizierte Erfassung des Verhältnisses zwischen Geist und Natur. Immer wieder wird die Natur im Geiste und den Geist in der Natur erkannt. Und immer wieder scheitert diese Erkenntnis; das Scheitern aber ist wiederum eine Einsicht. Das Spiel zwischen den Versuchen, Darstellungen und Einsichten hinsichtlich der Beziehungen zwischen Mensch und Welt ist dann ästhetisch schön, wenn es zu einem freien und harmonischen Spiel wird. Die Muster und Regeln dieses Spiels müssen sinnvolle Reflexionsentwicklungen provozieren, sie müssen aber auch frei sein, so dass sie in diesen Reflexionsentwicklungen sich ändern.

Der Gipfel dieser Reflexion ist der Begriff des Todes, der letztendlich die Stellung des Menschen als endliches und verstehendes Wesen bestimmt. In diesem Sinne verstehen wir gegenüber dem Tod erst oder in der Angst vor ihm, was wir sind. Der Begriff des Todes ist der Ort an dem wir sehen, dass die Verbindung zwischen Sprache und Welt nicht darin besteht, dass die letztere in der ersteren abgebildet werden kann, sondern dass es Sprache und Welt beides gibt und die Wirklichkeit der beiden gemeinsame Strukturen haben. Diese gemeinsamen Wirklichkeitsstrukturen lassen Phänomen und Wort sich treffen und dieser Treffpunkt ist hier das Gedicht.

Dies bringt uns zur letzten Reflexionsform, die ich mit dem Begriff des Gedichts beschreiben möchte. Zugegeben, ich habe sehr prätentiöse Bezeichnungen für die Reflexionsformen gewählt. Diese letzte ist vielleicht sogar die ernsthafteste, denn sie dreht sich in einem bestimmten Sinne um die Wirklichkeit der Dichtung. Das jeweilige Gedicht ist natürlich selbst ein Teil des Ganzen, das haben wir schon im sechsten Gedicht beobachten können, als das erste Gedicht plötzlich wieder auftauchte. Auch das dreizehnte Gedicht macht uns darauf aufmerksam, es beginnt nämlich so: „die alphabete gibt es“. Zur Erinnerung: Das ganze Gedicht heißt Alphabet. Das Gedicht ist selbst wirklich; es ist Teil der Wirklichkeit. In dieser Wirklichkeit ist es eine Erfassung der Welt, die als Gedicht wirklich ist (im Gedicht kommt die Welt zum Bewusstsein von sich selbst – wieder hört man Hegel im Hintergrund herumlaufen). Uns geht es aber um eine ästhetische Reflexionsform. Die ästhetischen Reflexionsformen gehen immer um Beziehungen und Verhältnisse, die auf immer neuartige Weise zusammengesetzt werden können, so dass die Erfahrung des Gedichts nicht beendet werden kann. Es darf aber keine zufällige Reihe von beliebigen Elementen sein, sondern jede Konstellation der Verhältnisse muss sozusagen einen Sinn haben, der im Laufe der ästhetischen Erfahrung dadurch gebrochen wird, dass neue Sinnverhältnisse entstehen, die wiederum im Verhältnis zum vorgängig erfahrenen Sinnzusammenhang stehen. Deshalb wird man mit einem guten Gedicht nicht fertig: Die Erinnerungen, Gefühle oder Einsichten, die es erweckt, verändern sich, werden neu und anders erlebt. Das ästhetisch Schöne sind nicht die einzelnen Erinnerungen, Gefühle oder Einsichten, sondern die Reflexion in der Relation zum Gedicht, in der sich diese vermischen und verändern, so dass immer neue Formen ersichtlich werden. Das Spiel zwischen seinen eigenen Worten und den Worten des Gedichts muss ein freies und harmonisches sein. Harmonisch heißt, dass es Übereinstimmungen geben muss und frei heißt, dass es Neuentdeckungen und Wandelungen geben muss, die im Spiel zwischen eigenen Worten und den Worten des Gedichts entstehen. Das Interessante an dieser letzten Reflexionsform ist, dass sie in gewisser Weise das Verhältnis zwischen Welt und Gedicht spiegelt: Das Gedicht erfasst die Welt, kann dies aber nur als Teil von ihr, nie weil es „draußen“ steht – es gibt kein „draußen“. Das Gedicht ist auf diese Weise eine Möglichkeit die Welt zu erfassen, es ist eine Membran zwischen Bewusstsein und Welt. Diese Membran ist aber keine Erfassung der Welt im Sinne eines endgültigen Wissens, sondern ist vielmehr selbst ein neues Stück Wirklichkeit. Eine solche Wechselwirkende Beziehung zwischen Gedicht und Welt ist eine Figur die zwischen Leser und Gedicht wieder gefunden werden kann: Bei einem schönen Gedicht, entstehen metaphorisch gesprochen immer neue Gedichte, die als eine Membran zwischen Leser und Gedicht funktioniert. Das Schöne an einem guten Gedicht ist, dass es immer mehrere Gedichte sind und dass man gemeinsam mit dem Gedicht diese selbst schreiben muss.

Zum Schluss das dreizehnte Gedicht aus Alphabet:

die alphabete gibt es

den regen der alphabete

den regen der rieselt

die gnade das licht

zwischenräume und formen
der sterne der steine

den lauf der flüsse
und die bewegungen des gemüts

die spuren der tiere
ihre straßen und wege

den bau der nester
den trost von menschen

tageslicht in der luft
das zeichen des mäusebussards

das zusammensein der sonne
und des auges in der farbe

die wilde kamille
an den schwellen der häuser

den schneehaufen den wind
die hausecke den sperling

ich schreibe wie der wind
der mit der ruhigen schrift
der wölken schreibt

oder schnell über den himmel
in verschwindenden strichen
wie mit schwalben

ich schreibe wie der wind
der stilisiert monoton
ins wasser schreibt

oder rolle mit dem schweren
alphabet der wellen
ihre schaumfäden

schreibe in die luft
wie die pflanzen schreiben
mit stielen und blättern

oder rund wie mit blumen
in kreisen und büscheln
mit punkten und fäden

ich schreibe wie der strand
einen saum schreibt
aus schaltieren und tang

oder fein wie mit perlmutt
die füße des seesterns
und der schleim der muschel

ich schreibe wie das frühe
frühjahr das das gemeinsame
alphabet der anemonen
der buche des veilchens und
des sauerklees schreibt

ich schreibe wie der kindliche
sommer wie donner
über den kuppeln des waldrands
wie weißgold wenn der blitz
und das weizenfeld reifen

ich schreibe wie ein vom tode gezeichneter
herbst schreibt
wie rastlose hoffnungen
wie lichtstürme quer
durch nebelhafte erinnerung

ich schreibe wie der winter
schreibe wie der schnee
und das eis und die kälte
und das dunkel und der tod
schreiben

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das schweigen des skeletts
und der nägel der zähne
des haars und des schädels

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das flüstern der hände
der füße der lippen
der haut und des geschlechts

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
die geräusche der lungen
der muskeln des gesichts
des gehirns und der nerven

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das rufen des bluts
und der zellen der gesichte
des weinens und der zunge

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  • [...] und so hat ABC einen Artikel geschrieben, der sicher einigen lesern auch hier Freude bereiten wird: Inger Christensens Lyrik. Hilfe zur Entdeckung des Schönen im Gedicht. Ich habe ihn selbst noch nicht gelesen, aber mir wurde versichert, dass es sich lohnen würde. [...]

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