Betrachtung der Betrachter
Das für neunfachen Mord verurteilte frühere RAF Mitglied Christian Klar wird im Januar 2009 nach 26 Jahren aus der Haft auf Bewährung entlassen. So hat vergangene Woche das Oberlandesgericht Stuttgart entschieden. Seitdem wurde rege über die Gefühle der Angehörigen der Opfer, die juristische Korrektheit des Urteils und die Person Christian Klar diskutiert. Insbesondere ein Detail der bekannten Tatsachen sorgte dabei für erregte Gemüter. Christian Klar bereut seine Taten bis heute nicht. Hat so ein gefühlskalter Massenmörder überhaupt eine zweite Chance verdient, ist der Betrachter geneigt sich zu empören. Doch „die Erscheinung ist vom Betrachter nicht losgelöst, vielmehr in die Individualität desselben verschlungen und verwickelt“, wie Goethe richtig schrieb. Aber wie ist unsere Individualität mit der Haftentlassung Christian Klars verschlungen und verwickelt? Wäre dem moralischen Gleichgewicht des rechtschaffenen und gesetzestreuen Durchschnittsbürgers tatsächlich damit geholfen, hätte er Reue gezeigt? Oder erfüllen solche Fälle vielleicht eine notwendige Funktion in unserer Gesellschaft? Eine, meiner Meinung nach, hilfreiche Erörterung liefert der einflussreiche Soziologe Emile Durkheim (1858 – 1917).
Durkheim unterscheidet zwischen mechanischen Gesellschaften, die einen hohen Grad an Gleichheit im Verhalten der Menschen aufweisen, und organischen Gesellschaften, für die große Unterschiede in der Lebensweise charakteristisch sind. Jede tatsächliche Gesellschaft ist eine Mischform, da auf der einen Seite die Bürger von Natur aus unterschiedlich sind und auf der anderen Seite der Bestand einer Gemeinschaft ein Minimum an Einheitlichkeit bedarf. In dem Maße, in dem eine Gesellschaft mechanischen Charakter hat, bezieht sie ihren sozialen Zusammenhalt, aus dem Druck auf Uniformität gegen andersartige Meinungen und Handlungen. Die große Masse der Gesellschaft bezieht ihre Motivation, den Regeln der Gesellschaft mit ihren unvermeidlichen persönlichen Opfern zu folgen, aus dem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den moralisch oder weitergehend strafrechtlich verurteilten Abweichlern. Laut Durkheim ist Verbrechen also nicht nur unvermeidlich, sondern erfüllt gar eine wichtige gesellschaftliche Funktion, da sich die Mitglieder erst in der Opposition zum Außenseiter für ihre Bemühung zur Einheitlichkeit belohnt fühlen.
„Let us make no mistake. To classify crime among the phenomena of normal sociology is not merely to say that it is an inevitable, although regrettable phenomenon, due to the incorrigible wickedness of men; it is to affirm, that it is a factor in public health, an integral part of all societes.” (Emile Durkheim, “Rules”, p. 67)
Durkheims theoretische Kriminologie ist zwar längst nicht frei von Fehlschlüssen, doch scheint er mit dieser Psychologisierung des Betrachters von Kriminalität und dessen Funktion in der Gesellschaft zumindest eine von mehreren Seiten der Problematik korrekt benannt zu haben. Ein reuiger Christian Klar, der sich mit Tränen in den Augen bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt und inständig um eine zweite Chance bittet, bekommt seine Würze erst dadurch, dass es gespielt sein könnte. Das große Bedürfnis moralischer Selbstbeweihräucherung im Angesicht des Kriminellen legt nahe, dass unsere Gesellschaft zu einem großen Teil auf dem Druck zur Einheitlichkeit basiert. Demnach kann man das Spektakel um die Haftentlassung von Christian Klar als Entschädigung für den Unmut sehen, der aus den persönlichen Einschränkungen resultiert. Dazu bedarf es jedoch ein wenig Scheinheiligkeit und Selbsttäuschung.

Danke für diesen unaufgeregten Artikel! Ich war nämlich schon soweit, fest entschlossen, keinen Artikel über die causa Klar mehr lesen zu wollen. Zu viel unbestimmte Moralität schien mir daran festgemacht zu werden.
Der Gedanke von Durkheim, den du hier anreißt, treibt mich schon seit einiger Zeit um. Das Verhältnis von Heterogenität und Homogenität gerade im moralischen Zusammenhang scheint mir immer in extreme auszuufern. Entweder will man eine homogene Gesellschaft mit klaren Regeln und die “anderen” soleln sich diesen vollkommen unterwerfen oder ein Bild von vollkommener Heterogenität wird entworfen, wo nur das gleiche des Menschen in Akzeptanz und Menschenliebe aufgelöst wird, um das multi-individuelle Paradies auf Erden zu erreichen.
Wie sehr beide Ansätze unter ihrem Perfektionsgedanken leiden, macht Durkheim deskriptiv deutlich.
[...] Endlosrekursion: Kriminalität als wichtige gesellschaftliche Funktion? [...]
Vielen Dank für den interessanten Bericht. Ich muss zugeben, ich konnte auch schon nicht mehr viel über Klar und seine Entlassung lesen, da mir zu viel in den letzten Berichten darauf gegangen wurde, wie kann man nur.
Die Theorie von Durkheim kannte ich zwar bisher noch nicht in diesem Maße, finde aber, sie macht deutlich Sinn. Wenn sie vielleicht noch nicht ganz perfekt ist, aber ein guter Ansatz ist sie in jedem Fall.
Es wurden ja sehr viele Beiträge darüber geschrieben. Es wurde sehr viel in der Zeitung und auch im Fernsehen darüber berichtet. Aber ich finde, dass man sich hier einfach die wichtigen Informationen herausfiltern muss. Nur so kann man ein klares Bild von der ganzen Situation bekommen. Das ist nicht immer ganz einfach und bedarf auch manchmal schon etwas Erfahrung. Aber ich finde, dass es durchaus machbar ist.
Dieser Beitrag ist wirklich nicht schlecht und gefällt mir sehr gut. Auch wenn ich nicht alle Infos daraus verwerten kann.