Hi Quality!?

Geschrieben am 23. November 2008 von M. Pyre in Medien.
10 Kommentare    /

Über Geschmack lässt sich streiten. Und was ist mit Qualität? Nach dem nun Marcel Reich-Ranicki die Qualitätsfrage im Fernsehen stellte und damit einen „Eklat“ auslöste wird über die Qualität im Fernsehen gestritten, denn die fehlt nach Reich-Ranicki so ganz. Neben den nächtlichen Abzock-mit-mach-plus-ausziehen-und-Nippel-zeigen-Sendungen ist auch das Programm am Mittag, Nachmittag sowie am frühen und späten Abend nicht gerade auf Sartre Leser zugeschnitten. Meistens beobachtet man Menschen mit niedrigem Einkommen und niedriger Bildung wie sie sich im Fernsehen selbst der Lächerlichkeit preisgeben und dem Spott anderer aussetzen. Denn wenn man ehrlich ist wird keiner sagen, dass den Personen, die bei „Super Nanny“ oder „Raus aus den Schulden“ mitmachen wirklich geholfen wird. Jedenfalls ist das nicht die Intention, wenn der ganzen Nation gezeigt wird wie eine allein erziehende Mutter von ihrem 5-jährigen Sohn verprügelt wird. Nein, es soll den Menschen, die sich diesen Sozialzoo anschauen gezeigt werden: Es gibt noch größere Assis als euch. Und das beruhigt. Klar könnte man seine eigene Situation hinterfragen und aus seiner entstehenden Unzufriedenheit versuchen diese Situation zu ändern, aufzusteigen oder wenigstens das Recht aufzusteigen in Anspruch nehmen. Kritisieren, dass man am gesellschaftlichen Rand lebt und keinen Job hat. Aber wieso? So lange mein Sohn mich nicht schlägt und das mehrere Millionen Menschen am Bildschirm verfolgen bin ich doch in einer ganz guten Lage.

Moralisch ist man diesen Opfern des privaten Fernsehens sowieso überlegen. Man braucht sich nur mal die Hartz-IV Abzocker anzuschauen. Auch die werden im Fernsehen gnadenlos entlarvt. So kann sich ein Angestellter, der in der Stunde 3,50€ verdient ruhigen Gewissens anschauen, wer daran Schuld ist, dass der Staat kein Geld hat. Er könnte sich natürlich auch darüber aufregen, dass Deutschland eines der wenigen Länder in Europa ist, das keinen Mindestlohn hat und fragen warum das so ist, aber es gibt halt keine Sendungen in denen die gnadenlosen Abzockpolitiker oder die Abzockmanager entlarvt werden. Man schaut nicht in die Wohnungen der Politiker oder Manager und zeigt den Menschen in welch großzügigen Verhältnissen die Menschen leben, die ihnen sagen, wie sie eine Wurst teilen können, um so zwei Tage etwas zu Essen zu haben. Stattdessen wird ihnen aus dem Leben der Superreichen berichtet; Hollywoodstars, russische Ölmagnaten, Musiker. So hat man was zum träumen. Dass einige Politiker in Aufsichtsräten sitzen und ebenfalls ein Einkommen haben, das sich mit dem der ‚Stars’ messen kann, ist seltener Teil der Berichterstattung.

Das Programm muss aber auch überschaubar sein. Also reichen Sendungen über Asoziale, abzockende Hartz-IV Empfänger, Superstars und nächtlicher Erotik bei der man auch noch Geld gewinnen kann, wenn man ein Wort mit ‚S’ errät. Die Frage die man nun an Reich-Ranicki stellen sollte ist doch: Wie viel Qualität verträgt der Zuschauer? und Ist das Fernsehen überhaupt ein Medium, das für Qualität stehen sollte? Wer sich nicht für Bücher interessiert wird sich auch keine Sendungen über Bücher ansehen. Wer sich nicht für das Leben der Indios in Lateinamerika interessiert wird sich darüber auch keine Sendungen ansehen. Wenn die Qualität im Fernsehen bemängelt wird, so ist das Problem viel weitreichender und mit mehr Literatursendungen nicht zu lösen.

Das ein riesiges Problem in Deutschland nun mit dem Fernsehen verknüpft wird ist bezeichnend. Viele Menschen haben keinen Zugang zu Bildung und Kultur. Diese sind einfach nicht finanzierbar, heißt es dann. Wenn ein Wirtschaftsprofessor den Hartz-IV Satz weiter kürzen will und vorrechnet wie man mit 132€ locker über die Runden kommt, dann kann man doch nicht noch die Kultur bezahlen, oder?

Ich frage mich, ob die Leute wirklich einsehen, was das eigentliche Problem ist, das sich nur zufällig(?) in der Qualitätsdebatte über das Fernsehen äußert. Es geht um Lebensqualität; und von der können die meisten leider zurzeit nur träumen.

10 Kommentare

  • Interessanter Text und ich stimme Dir gundsätzlich zu.
    Allerdings ist IMHO die Frage:

    “Wie viel Qualität verträgt der Zuschauer? ”

    falsch formuliert. Ich denke, sie lautet in Wirklichkeit:

    “Wie hoch ist die maximal mögliche Qualität, bei der noch eine gute Quote erzielbar ist”

    Wirklich erschreckend daran finde ich, dass sich ARD und ZDF trotz Finanzierung über Gebühren an dieser Spirale nach unten beteiligen.

    Bis dann,

    Ralph

  • Bedenkt man, das MRR “Ich nehme diesen Preis nicht an” dazu geführt hat, dass sich daraus Beiträge wie dieser entwickeln, die sehr nachdenklich stimmen, so war die Show jede Sekunde wert.

  • @Ralph:
    Ergo, wieviel Qualität verträgt der Zuschauer bis er abschaltet und damit die Quote sinkt?
    Aber ich stimme dir zu. Da ja wahrscheinlich die Quote im Mittelpunkt steht und nicht das Empfinden des Zuschauers, könnte man es durchaus so formulieren. Aber das lässt sich ja nicht so leicht trennen.

  • [...] 26, 2008 von gemeinsamleben Bei Endlosrekursion und Fragezeichner geht es u.a. um Bildung. Und da ich heute selbst in diese Mühlen hineingeraten [...]

  • Man könnte das Fernsehen fast als demokratisch bezeichnen: die Zuschauer bekommen das, was sie wollen und verdienen – was sie eben am meisten schauen. Das was nicht geguckt, sprich nicht honoriert wird – keine Einschaltquote hat, fliegt raus aus dem Programm. Das funktioniert so gut, dass eben das gezeigt wird, was ein Großteil der Fernsehgucker anscheinend sehen will: Trash-TV.

    In diesem Sinne gibt es für halbwegs vernunftbegabte Menschen mehr und mehr nur eine Option bezüglich Fernsehen: ausschalten!

  • Ich kann mich nur meinem Vorredner anschließen, das Fernsehen ist wohl eines der verzichtbarsten Medien. Zur Informationsbeschaffung ist das Internet viel geeigneter, da man die Auswahl, welche Informationen man sich zuführt, selbst treffen kann ohne dabei einen großen Zeitverlust hinnehmen zu müssen. Was Filme betrifft gibt es im Internet ja ebenfalls hinreichende Möglichkleiten sich gewünschtes Material zu beschaffen…
    Und was die Schäfers, Knalltüten und anderen Opfer betrifft, brauche ich weder ‘Dokutainment’ noch eine ‘Dukosoap’, der Ekel- und Fremdschämfaktor in einer Einführungsveranstaltung für Germanistik oder einer Vorlesung in Ethnologie, selbst in manch einem Philosophieseminar, ist völlig ausreichend, um sich die folgende Woche gut fühlen zu können – es gibt tatsächlich größere Assis als mich, gut zu wissen.

  • Und sollte das Fernsehprogram wider Erwarten mal nicht den Minimalansprüchen genügen – kein Problem. Der Buchhandel zieht nach. Marco hat sein lang ersehntes und von allen mit Spannung erwartetes Türkeibuch in den Markt geworfen. Mittenrein.
    Wie war das? Irgendwo schrieb jemand: Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

  • @ epikur: “Die Zuschauer bekommen das, was sie wollen und verdienen”. Ich finde, dass das genau das elitäre Denken ist, was Reich-Ranicki an den Tag legt. Wir ergötzen uns an unseren Literatursendungen, regen uns über den Überfluss an Müll im Fernsehen auf und kritisieren, dass die meisten Menschen genau so einen Müll sehen wollen. Aber warum gucken die sich den so etwas an? Weil sie nie wirklichen Zugang zu Bildung hatten und deshalb nichts mit Literatursendungen anfangen können. Vielleicht sollten wir mal aufhören, uns immer über die soziale ‘Unterschicht’ und deren Fernsehverhalten zu beschweren und uns fragen, wie kommt es, dass so ein Programm überhaupt ankommt bei den Zuschauern.

  • Warum letztendlich soviele Menschen den “Schrott” im Fernsehen sehen (wollen) kann ich auch nicht beantworten. Ich halte es aber für gewagt, hier eine einfache Kausalität herzustellen. Zu sagen, sie wären arm u hätten keinen Zugang zur Bildung und schauen sich deswegen DSDS und Konsorten an ist mir zu einfach. Vielmehr spielen Wervorstellungen, Lebenseinstellung und nicht zuletzt die aktive Gestaltung der eigenen Freizeit eine Rolle, ob geglotzt wird oder eher nicht. Elitär ist nämlich gerade, der vermeintlichen “Unterschicht” bestimmte Verhaltensweisen zuzuweisen und davor würde ich mich hüten. Das grenzt nämlich an sozialdarwinistische Vorstellungen.

    Nebenbei bemerkt bin ich auch kein Fan von Opern oder Theatern der bürgerlichen Schicht, denn dieser ständige penetrante Geruch einer vermeintlich überlegenen “Herrschafts-Kultur” mit ihren biederen und spießigen Habitus widern mich genauso an, wie Kochsendungen oder DSDS im Fernsehen ;-)

  • @ epikur: Danke, dass du auf meinen Kommentar geantwortet hast, jedoch sind es v.a. 3 Punkte, die meiner Meinung nach noch diskussionswürdig sind.

    1) Es ist eine Tatsache, dass Deutschland, das Land der großen Industrienationen ist, in dem der soziale Status am engsten mit der Chance auf Bildung verknüpft ist. Dass daraus resultiert sich DSDS und dergleichen anzuschauen, ist keine kausale Notwendigkeit, da gebe ich dir Recht. Mein Punkt jedoch war eher der, dass die Nachfrage nach Literatursendungen sich in Grenzen hält, wenn man Literatur nicht wirklich vermittelt bekommen hat und einem somit die Grundlage fehlt sich für Literatursendungen zu interessieren.

    2) Du sagst, es spielen Wertvorstellungen, Lebenseinstellungen und nicht zuletzt die aktive Gestaltung der eigenen Freizeit eine Rolle, ob geglotzt wird oder nicht. Nun wirst du mir doch sicher zustimmen, dass genau diese ebenfalls durch den sozialen Status geprägt(nicht determinert) sind. Ich verstehe dich so, dass es bei jedem selbst liegt was er für Wertvorstellungen usw. hat. Das würde ich bezweifeln.

    3) Ich habe den Begriff ‘Unterschicht’ extra mit Anführungszeichen bedacht, da ich den Begriff selbst für gewagt halte. Ich wollte lediglich darauf aufmerksam machen, wie eben eine bestimmte Gruppe klassifiziert wird. Den wenn, das Fernsehverhalten kritisiert wird, so werden meistens mit dem Trash TV eben die Bildungsfernen in Verbindung gebracht und nicht der gutbürgerliche Akademiker. Ich würde mich desweiteren davor hüten, das Wort Sozialdarwinismus so inflationär zu gebrauchen. Mit Sozialdarwinismus ist nämlich eine Theorie gemeint, die die Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften anwendet und deren Entwicklung als Folge natürlicher Selektion ansehen. Ich denke, dass was du mir vorwerfen wolltest ist Phrenologie. Doch auch hier möchte ich dir widersprechen(Zumal du selbst Oper und Theater mit bürgerlicher Schicht in Verbindung bringst und somit das gleiche tust, was du mir vorwirfst). Wie ich oben bereits erwähnt habe, habe ich den Begriff ‘Unterschicht’ bewusst in Klammern gesetzt, da ich ihn selbst nicht so verwenden würde. Ich habe gesagt wir sollten uns mal fragen warum so ein Programm überhaupt ankommt bei den ZUSCHAUERN. Insofern ist dieser Vorwurf unbegründet.

    Insgesamt möchte ich dir Recht geben, in Bezug auf deine Kritik, dass es keine einfache Kausalität zwischen keine oder wenig Bildung haben = DSDS gucken, da sehr wohl noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Dennoch denke ich, dass nichts bringt, sich dauernd über das schlechte Fernsehniveau und die Zuschauer zu beschweren und zu vergessen zu fragen wie kommt es, dass die Leute so etwas so gerne gucken. Wenn es gelingen würde die Bildungschancen in Deutschland zu verbessern, würde der Zuschauer auch mehr Qualität fordern, da ihn das seichte Programm, das aktuell die Menschen noch befriedigt, es dann nicht mehr tun würde.

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