Internet-Gesellschaft?

Angeregt durch Überlegungen zum Online-Leben und dem häufigen Gebrauch des Begriffs „Gesellschaft“ drängte sich mir die Frage auf, was mit diesen Begriff in Bezug auf Austausch über das Internet noch aussagbar ist? Gesellschaft wird im allgemeinen (nicht soziologisch, das ist eine ganz eigene „Gesellschaft“ :) ) als eine fest umrissene Gruppe – mit gewissen Auflöseerscheinungen an den Rändern – verstanden, die unter eine bestimmte Kategorie fallen, z.B. deutsch, schweizerisch, texanisch, spanisch sprechend, akademisch, intellektuell oder berlinerisch. Jede Gesellschaft hat soziale Gemeinsamkeiten, die über die soziale Gemeinsamkeit ein Mensch zu sein, hinausgehen. Die Menschheit an sich als eine Gesellschaft zu definieren, ermöglicht kaum eine sinnvolle Untersuchung.

Im Begriff „Gesellschaft“ schwingt oft der Begriff „Kultur“ mit, der soviel aussagen kann, dass er als wissenschaftliche Kategorie seine Bedeutung verloren hat. Anschaulich wird es z.B. in der akademischen Gesellschaft, teils scientific community genannt, bis ca. 1800 als Gelehrtenrepublik oder res publica li(t)teraria bekannt. Eindeutig gehören Universitätsprofessoren, wissenschaftliche Assistenten und Promovierte zu der akademischen Gesellschaft. Bereits wenn wir diesen Begriff hören und uns die Menschen vorstellen, haben wir eine gewisse Kultur vor Augen. Wir sehen eben nicht Menschen in Jogginghose, Ripp-Unterhemd mit Ketchup- und Bierspritzern, die mittags Talkshows gucken und dabei denken „Ja, so sieht es bei mir auch aus.“. Meist sehen wir mehr Menschen in Anzügen, Kostümen oder eher zurückhaltender, ordentlicher, fleckenfreier Kleidung vor uns, die in einem Buch lesen, mit anderen derartig gekleideten Menschen im Gespräch sind, einen hohen Kaffee-Konsum haben und abends eher beim Italiener und einem guten Glas Wein sitzen als in der Pommes-Bude bei Bier.

Was ich mit diesem klischeehaften Beispiel sagen will, ist, dass Gesellschaft und ihre Kultur – zumindest im Allgemeinverständnis – zusammengehören und einander bedingen. Die Gesellschaft, in die man sich begibt oder in die man hineingeworfen wird, prägt den Menschen.

Wie sieht es jedoch mit der Internet-Gesellschaft aus? Nach welchem sozialen Kategorien ist sie bestimmt? – Nur der Internet-Zugang und das regelmäßige Nutzen von EMail und der Wettervorhersage, scheinen mit nicht ausreichend. Andererseits muss man auch nicht unbedingt zum Web 2.0 zugehörig sein, d.h. Artikel für Wikis schreiben, Bloggen, Kommentieren oder twittern, um zu der Internet-Gesellschaft zu gehören. Neben den staatlichen und den nationalkulturellen Grenzen, werden auch sprachliche Grenzen – dank weitgehender Englischkenntnisse der meisten Internet-Nutzer – überwunden. Sieht man sich einige Filme auf YouTube oder Fotoportale an, die ganz ohne Sprache auskommen, so wird die sprachliche Grenze nicht nur überwunden, sondern komplett abgeschafft. Text und das gesprochene Wort könnten in bestimmten Teilen des Internets ganz an Bedeutung verlieren, während sprach-lose Kommunikation ganz neue Dimensionen bekommt.

Ebenso unklar wie die Kategorien, die eine Internet-Gesellschaft definieren sollten, bleibt mir die Kultur, die dahinter stehen könnte. Vom burger-mampfenden Geek aus dem Mittleren Westen der USA über den veganisch lebenden Öko-Bewegten aus einer deutschen Großstadt bis zum wein-trinkenden Professor aus Oxford kann jeder dazugehören. Unterschiedliche Muttersprachen, unterschiedliche Kulturen und Wertvorstellungen, unterschiedliche Schichten und auch unterschiedliche Interessen, die im Internet verwirklicht werden. Kann man diese alle – und der Fantasie sind hierbei kaum Grenzen gesetzt, wer alles „dazugehört“ – unter einen Gesellschaftsbegriff fassen?

So faszinierend ich das Ideal vom Internet als Gesellschaftsträger, als Plattform zum Wissensaustausch und als wahrhaft freie Gesellschaft finde, denke ich nicht, dass das Internet als alleiniger Träger einer Gesellschaft ausreicht.

Vielleicht sollte man nicht von einer Internet-Gesellschaft sprechen, sondern von vielen; ähnlich den unterschiedlichen Blogosphären. Oder man sollte das Internet nicht mehr als Träger von irgendetwas sehen, sondern nur noch als Medium der Kommunikation für geistige Gesellschaften. Schließlich würde man auch nicht alle Briefschreiber in eine Gesellschaft zuordnen, Schreiber von Liebesbriefen aber vielleicht schon. Diese sind aber nicht durch das Medium Brief bestimmt, sondern eher durch den gemeinsamen Inhalt.

Internet also nicht als gesellschaftsbildende Kategorie; nicht als hinreichende soziale Gemeinsamkeit, sondern nur als Kommunikationsmedium, welches Gesellschaften ermöglicht, die sich vor dem Internet schwieriger, wenn überhaupt, gebildet hätten.

Was sagt Ihr dazu? Seht Ihr mehr Gemeinsamkeiten der Internet-Nutzer als ich oder rechnet Ihr Euch jetzt zu Gesellschaften, die Ihr vorher nicht wahrgenommen hättet?

Zwerg Kategorie: Gesellschaft Dienstag, der 10. Juni 2008
Schon 5 Kommentare »
  1. Menachem (Webseite)

    Kommunikations-revolution hatten wir schon einige. Das erste Telefongespräch, das erste dann über den Atlantik, Fernschreiber, Telefax, BTX, ISDN. Bis zu diesem Moment war Komfort der neue Luxus. Aber wieviel seltener nehme ich heute einen Telefonhörer in die Hand, telefonierte, auch schon mal gerne eine ganze Nacht?
    Eine Nacht lang telefonieren, oder einsam vor dem Bildschirm einen Beitrag schreiben. Selbst mit vielen Kommentaren hat es eine andere Qualität. Verkümmern evtl. unsere kommuniktaiven Fähigkeiten, setzt sich der Online-trend so weiter fort?

  2. soeren onez (Webseite)

    Zunächst erst einmal auch dir ein herzliches Willkommen im Team der Endlosrekursion. Es freut mich natürlich, dass du dir einen meiner Artikel zum Anlass genommen hast, hier zu starten. Dennoch stimme ich deiner Kritik nur bedingt zu:

    Ich denke nicht, dass es schon soweit ist, dass wir unsere Gesellschaftsbegriffe überdenken, erweitern oder gar aufgeben müssen. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht zukünftig eine solche Debatte ausschließe. Nur denke ich nicht, dass das Internet Gesellschafts- und Sprachräume schon obsolet geführt hat. Wie viele englischsprachige Internetseiten wird wohl der Durchschnittsnutzer regelmäßig besuchen? Wie viele nicht muttersprachliche Feeds wird der Durchschnittsnutzer wohl abonniert haben? Und vor allem, ist dieses Durschnittsverhalten auf die Entwicklung des Internets zurückzuführen? Englische Presse kann man an jedem gut sortierten Kiosk bekommen und es sind sicher nur bestimmte Kreise, die dies nutzen. Ebenso denke ich, dass nur bestimmte Internetnutzer auch andersprachige Blogosphären regelmäßig lesen, verfolgen oder sogar an ihnen teilnehmen. Diese sogenannte digitale Boheme ist aber weder repräsentativ, noch hat sie durch dieses Verhalten entscheidenden Einfluss auf unsere geselslchaft, wenn wir ihr Äquivalent im “realen” Leben finden können: den Journalisten. Als Journalist sollte man auch in der Lage sein englischsprachige Erzeugnisse zu verstehen und auf sie eingehen zu können. Hat dies aber zu einem massenhaften auflösen deutscher Sprach- und Geselslchaftsräume geführt? ich denke nicht und diese Struktur ist viel älter als das Internet.

    Sicher bietet das Internet viel schneller und einfacher die Möglichkeit der Auflösung gewisser gesellschaftlicher Strukturen, aber noch immer gibt es Kultur-, Sprach- und auch Mobilitätsbarrieren. Ich meine, was bringt es mir einen Partner in Timbuktu über Internet zu suchen, wenn ich diesen nie werde treffen können, schon weil mir das Geld fehlt. Dass das Internet (hoffentlich) dazu beitragen wird diese Barrieren aufzulösen, wird aber meiner Meinung nach nicht zur Auflösung von Gesellschaft führen, sondern eher zu deren Veränderung. Aber Gesellschaft ist nichts starres, sonder immer nur dynamisch zu denken, auch im Volksmund, auch wenn der es wohl gerne etwas starrer hätte.

    Deinen Gedanken würde ich also entgegenhalten, dass diese im Endeffekt wohl nicht ohne einen soziologische Begriff von Gesellschaft auskommen werden und dann genau zu schauen sein wird, wodurch sich Gesellschaften oder Kulturen auszeichnen und wie viel Veränderung sie dennoch weiterhin als Einheit vertragen. Das dies nicht rein theoretisch zu beurteilen oder festzulegen ist, habe ich durch die Frage nach dem Durchschnittsnutzer versucht aufzuzeigen. Denn Gesellschaft und Kultur wird gelebt, erhandelt und Veränderungen innerhalb werden doch nicht gleich Gesellschaften auflösen, auch wenn wir sicherlich Brüche feststellen können und diese dann unterschiedlich bezeichnen.

  3. Zwerg (Webseite)

    Meine Argumentation war gar nicht, dass der Gesellschaftsbegriff für die nach wie vor “alive and kicking” Sprach- und Nationalkulturen nicht mehr greift, sondern eher eine Kritik – und hier stimme ich mir Dir überein, soeren onez, an dem übermäßigen Gebrauch von der Vokabel “Internet-Gesellschaft”, die für mich keine Aussagekraft hat. Bei dem, was das Wort eventuell ausdrücken will, aber mMn nicht kann, fehlen mir (noch) die Begriffe.
    Möglicherweise muss man da wirklich noch mehr abwarten, sich die neu entstehenden Kommunikations-strukturen anschauen und den Grad der Auflösung (oder eben auch nicht) von bestehenden Gesellschaften. Wie also die Entwicklungen im Internet fassen? Soziologen vor! :)

  4. Enno Aljets (Webseite)

    Was nützt es denn über Gesellchaft zu diskutieren, ohne einen konkreten Begriff von Gesellschaft zu haben? Das wäre die erste Antwort des Soziologen. Nichts.
    Soziologisch gesehen, gibt es nur noch eine Gesellschaft, die Weltgesellschaft, in der alle Kommunikationen potentiell weltweit erreichbar ist. Diesen Zustand haben wir streng genommen schon mit der Einführung des Buchdrucks, spätestens aber mit einem globalen Transport- und Kommunikations-Netzwerkes. Um über Gesellschaft zu sprechen, bedarf es der Kultur (erst einmal) nicht.
    Man kann nun erst einmal fragen, was sich denn durch das Internet verändert hat. Einerseits vielleicht die Themen, vielleicht auch die Kanäle der Kommunikation. Auf die Gesellschaft gesehen, sind diese Veränderungen aber marginal. Das erst mal so aus dem Ärmel heraus. Vielleicht schreibe ich demnächst mal einen Beitrag dazu. Dann pinge ich hier.

  5. Stefan (Webseite)

    Ich hab zwar schon was von Wissens- oder Informationsgesellschaft gehört – aber noch nie was von Internet-Gesellschaft. Wie Enno sagt, es gibt nur eine Gesellschaft – unsere ganze Welt. Das was du oben beschreibst sind Nationen, Länder oder Bevölkerungen. Aber zu sagen, Gesellschaft kann nicht alles sein, weil man dann mit dem Begriff nichts anfangen könnte ist blöd. Oder willst du die globalisierte Wirtschaft oder Arbeit von Wissenschaftlern erst in Länder-gesellschaften zerkliedern um sie dann im zweiten Schritt wieder als “international” zusammenzubauen? Vielleicht konnte man das zu Humboldts Zeiten machen.

    Auch sonst… Das Internet als Träger von Gesellschaft..? Das sind doch Begriffsschöpfungen aus deiner Ideenwelt. Ich hab sowas jedenfalls noch nirgends gelesen.

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