Die Reinkarnation des Gedankens im Kunstwerk

Geschrieben am 30. Mai 2008 von Wowik in Kultur.
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Bevor der potenzielle Leser, durch die Textmassen abgeschreckt, einen wert- und geistlosen Kommentar “oxenzeams” liest anstatt sich an dem folgenden Text intellektuell zu erbauen und über die Erhabenheit des Stils zu frohlocken, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass der Leser sich mit solch einer vorzeitigen Flucht um den womöglich intensivsten Lesegenuss seines Lebens brächte.

“Diese Worte können gewiss keiner irdischen Feder entsprungen sein!”, rief einer von den Wenigen, die das Werk bisher zu Gesicht bekamen und er sprach weiter: “Wahrlich, der Urheber dieser Gedanken muss von himmlischem Geiste, von reinster Seele, von göttlicher Natur sein.”* Man könnte wohl sagen diese Worte wären übertrieben, doch ich sage, sie geben nur einen Schatten der visionären Idee wieder, die hier dargelegt ist.

Es handelt sich um eine Arbeit welche in einer Zeit entstanden ist als die Tage noch kurz und die Nächte lang waren. Im Nebel eines Wintermorgens, an welchem engelsgleiche Stimmen mich aus dem dogmatischen Schlummer der vorkritischen Ära weckten, wurde sie, unter Krämpfen und Qualen einer Geburt, zu Papier gebracht. O meine Freunde, das Vollkommene wird immer im Untergang seines Schöpfers geboren!

Die Arbeit ist ferner für ein Seminar in Kunstgeschichte verfasst worden, wobei bemerkt werden muss, dass mir die zuständige Instanz ein weltliches Urteil über “das Werk” bisher schuldig geblieben ist. Wohlan, auf himmlischen Reisen mag mich weder irdischer Fluch noch Segen scheren!
Jedem interessierten Leser, der sich eifrig durch diese neun Seiten arbeitet, verspreche ich, dass er die Beiträge von people in motion, soeren onez, le simplicissimus, abc und kandelaber nur noch als menschlich und abgeschmackt betrachten können wird.

* Dergleichen ereignete sich an einer Bushaltestelle in Berlin.

Inhalt:

1 Einleitung

2 Von der Widerfahrung zur Welterfahrung
2a Weltbewusstsein und die metaphysische Lücke

2b Überblendung und Ausblendung der metaphysischen Fragen

3 Die Eigentlichkeit der Kunst

3a Die Reinkarnation des Gedankens im Kunst-Werk als Erfahrungserweiterung

3b Das Kunstwerk als Heimat

3c Das Kunstwerk und die Betrachtung

4 Schlusswort

5 Bibliographie


Die Reinkarnation des Gedankens im Kunstwerk

1) Einleitung

Mit der sich anschließenden Arbeit werde ich versuchen, das Kunstwerk in einen Weltzusammenhang zu bringen. Drei Grundfragen, sowohl im Weltzusammenhang als auch in Bezug auf das Kunstwerk selbst, müssen geklärt werden und ich werde zeigen, wie sich diese im Kunstwerk beantworten, wie das Kunstwerk Frage und Antwort zugleich ist. Die Arbeit teilt sich in zwei Abschnitte: Der erste Abschnitt beinhaltet eine ausführliche handlungs- und erkenntnistheoretische Propädeutik und Erläuterung des zu lösenden Problems. Im zweiten Abschnitt wird eine Lösungsmöglichkeit aufgezeigt und erörtert, inwiefern das Kunstwerk ein Kernstück dieser Lösung darstellt.

Dem Kunstwerk soll Raum geschaffen werden, es muss auf das Eigentliche des Kunstwerkes eingegangen werden, wie sich dieses Eigentliche, die Künstlichkeit vermittelt und vor allem wodurch jene Künstlichkeit vermittelt wird. Die Frage, die ich mit dieser Arbeit beantworten möchte, ist nicht so sehr eine Frage der tatsächlichen Beschaffenheit der Kunst oder des Kunstwerkes, sondern eine Frage der Einordnung in der Welt. Was stellt das Kunstwerk dar, woher kommt es, was ist es und wo verbleibt es, was wird aus ihm?

Dies sollen in etwa die Leitfragen sein, die es zu beantworten gilt. Daher wird auch nur ein äußerst beschränkter Praxisbezug hergestellt. Ziel ist nicht die Füllung des Kunstbegriffes, Ziel ist die Umgrenzung. Mithin ist es nicht nötig konkrete Merkmale oder Kriterien aufzustellen, um zu zeigen, dass ein Werk diese Kriterien erfüllt und ein Anderes nicht.

Um einen besseren Überblick zu ermöglichen, scheint eine kurze Zusammenfassung angebracht zu sein. Zunächst wird untersucht, wie Erfahrung möglich ist und wovon Erfahrung möglich ist. Es wird aufgezeigt, dass Erfahrung ohne das Denken unmöglich ist, dass Erfahrung erst durch dass Denken ein aktive Tätigkeit des Ichs ist und sie sich in dieser Aktivität von der nichtaktiven Widerfahrung unterscheidet. Es wird außerdem geklärt, welche Seinweisen sich durch die Erfahrung erschließen lassen.

Des weiteren muss nun gezeigt werden, inwiefern der Gedanke zur Weltabstraktion nötig ist und das Denken mithin den ersten Schritt zur Beantwortung der metaphysischen Fragen darstellt, aber auch der Grund für eine Lückenentstehung ist. Die Lücke entsteht in der Diskrepanz des Erfahren-Könnens und des Denken-Könnens. Ferner wird gezeigt wie diese Problematik zur Kunst führt. Zur Beantwortung der metaphysischen Fragen, welche sich aus der Lücke ergeben, bedarf es eines Werks und des künstlichen Gedankens, die Kunst muss mit dem Werk verschmelzen, die Synthese aus Idee und Materie, d.h. die Reinkarnation des Gedankens führt zum Kunst-Werk. Das Kunstwerk ist Welt, der Schöpfer der Welt ist Gott, der Schöpfer des Kunstwerks ist der Künstler, der Künstler ist während der Unmittelbarkeit des Schaffensprozesses Gott, da sich keine Fragen oder Lücken innerhalb des Kunstwerkes ergeben und es somit ganz ist, die Erfahrbarkeit ist der Denkbarkeit angeglichen worden. Der Künstler kann im Schaffensprozess eine Ganz- und Einheit mit dem Kunstwerk herstellen. Während des Schaffens ist der Künstler im Kunstwerk, er ist in der Welt, mehr noch, er ist selbst Kunstwerk, er ist Welt. Sobald dieser Schaffensprozess beendet ist, ist auch die Einheit und das Sein der Ganzheit beendet, das Kunstwerk und der Künstler, der Schöpfer, sind entzweit, er ist nicht mehr Welt, sondern sieht nur noch auf die Welt.

Ich werde abschließend auf das Verhältnis des Künstlers zum Kunstwerk nach der Entbindung, nach der Entzweiung eingehen und versuchen zu zeigen, dass dieses Verhältnis sich nicht in besonderer Weise von dem des reinen Betrachters unterscheidet. Jede Interpretation eines Kunstwerkes kann nicht mehr leisten als das Bewusstsein in der Welt. Es ist auf das Kunstwerk bezogen ein Andenken und Fragen nach der lückenhaften Künstlichkeit, in der natürlichen Welt hingegen ein Fragen nach der Metaphysik. Die Künstlichkeit ist eine Allegorie der metaphysischen Fragen.

2) Von der Widerfahrung zur Welterfahrung

Welt haben heißt Welt erfahren. Erfahrung ist die Abstraktionsebene des bloßen Widerfahrens. Erfahren heißt abstrahieren, also denken. Man tritt durch das Denken in ein aktives Verhältnis zum Geschehen, wohingegen es keines Denkens bedarf, wenn dem Ich nur ein Geschehen widerfährt. Erfahrung ist die Fähigkeit des Ichs ein Geschehen aufzunehmen. Wenn jedoch dem Ich ein Geschehen widerfährt, nimmt das Ich dieses Geschehen nicht auf, sondern das Geschehen selbst gibt sich dem Ich auf. Die Wahrnehmung, als Teil des Ichs, vollzieht sowohl die Aufnahme des Geschehens, im Falle der Erfahrung, wie auch die Annahme des sich aufgebenden Geschehens im Falle der Widerfahrung. „Dem Handeln ist nicht nur das Verhalten gegenüber zu stellen, sondern auch das Widerfahren. Ein Widerfahren ist ein Geschehnis das einem zustößt, widerfährt“1

In dieser unmittelbaren Widerfahrensebene, in der noch nicht durch das Denken abstrahiert wurde, steht das Geschehen als aktives Moment der Widerfahrung dem passiven Ich gegenüber. Die Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Widerfahrensaspekt ist wichtig, denn das Ich hat, sofern es eben noch nicht abstrahiert wurde, keine Möglichkeit sich dem Geschehen zu entziehen, es zu verneinen oder zu bezweifeln etc., wobei auch eine Gewissheit des Geschehens unmöglich ist. Das Ich kann das sich aktiv aufgebende Geschehen lediglich geschehenlassen und nichts außerdem. Dieses unmittelbare und dem Denken entbehrende Stadium ist das der Widerfahrung in der alles Seiende eine Tatsache ist. „Erfahrungen werden aktiv gemacht,…“2

Das passive Ich des nicht denkenden Subjekts ist das Selbstsein, das aktive Geschehen ist das Sosein.

Erfahrung ist nur durch Denken, also Abstraktion möglich. Um ein Geschehen selbst erfahren zu können, muss man sein Ich in Beziehung zu diesem Geschehen setzen. Es ist also nötig vom Ich, vom bloßen Selbstsein zu abstrahieren, um seiner selbst gewiss zu werden, um in der Beziehung mit dem Geschehen den aktiven Teil zu

1) Janich, Peter: Kleine Philosophie der Naturwissenschaften. München. Beck: 1997. S. 31.

2) Janich, Peter: Logisch-pragmatische Propädeutik. Weilerswist. Velbrück Wissenschaft: 2001. S. 42.

übernehmen. Ein aktiver Erfahrungsbezug zu einem Geschehen ist allerdings nur möglich, wenn man sich dem Geschehen, welches dem Ich gegenübersteht, als Geschehen bewusst ist, d.h. wenn man sich gewiss ist, dass einem etwas geschieht, dass sich ein Geschehen aufgibt. Umgekehrt ist es, wie bereits erwähnt, ebenso notwendig sich dem Ich als Ich, welchem etwas geschieht, gewiss zu sein.

Die innere Erfahrung, d.h. die Selbsterfahrung, ist die Vorraussetzung für die äußere Erfahrung und beide sind wiederum die Voraussetzung für die Welterfahrung. Nicht allein dass einem überhaupt ein Geschehen widerfährt, kann Erfahrung bedeuten, sondern zu wissen, dass einem dieses oder jenes Geschehen widerfährt, ist Erfahrung.

Das bloße Ich ist Selbstsein, doch was ist Selbstbewusstsein im Sinne einer gemachten Selbsterfahrung? Allem Anschein nach das „Ich bin“. Doch welche Rolle spielt nun das Denken bei der Selbsterfahrung. Die Antwort liegt im Denken selbst: Allein aus dem Denken-Können entsteht Selbstgewissheit bzw. Selbstbewusstsein und somit die Möglichkeit sich selbst als seiend zu erfahren.

Mit Descartes gesprochen: „Ich denke, also bin ich.“ Diese Formulierung ist jedoch der Schwachpunkt der Behauptung, welche Rene Descartes aufstellte als er sich mit dem Verhältnis von Sein und Denken beschäftigte. Man kann diesen Satz nämlich leicht so verstehen, dass das Denken eine Vorraussetzung des Seins, der Existenz wäre, d.h. wenn ich nicht denke, dann bin ich nicht. Offensichtlich hat Descartes mit seinem berühmten Ausspruch „Ich denke also bin ich“ aber etwas anderes gemeint, nämlich dass, sobald ich denke, im Sinne einer Verstandestätigkeit, worunter man auch Zweifeln usw. subsumieren könnte, notwendig existieren muss da schließlich irgendetwas diese Denktätigkeit ausführen muss. Dies wurde von Augustinus von Hippo etwa tausend Jahre zuvor wesentlich unmissverständlicher formuliert: „Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also bin ich, wenn ich mich täusche. Da ich demnach bin, wenn ich mich täusche, kann es keine Täuschung sein, dass ich bin.“3

Hierbei entsteht jedoch ein Problem, welches ich bereits versucht habe, im Rahmen einer anderen Hausarbeit zu lösen. Ich will jedoch, da dies für die hinreichende Erörterung der Frage wie Selbstgewissheit ermöglicht wird notwendig ist, noch

3) Augustinus, Aurelius: Vom Gottesstaat XI, 26. Herausgegeben von Karl Hoenn. Zürich. Artemis Verlag: 1955.

einmal kurz darauf eingehen.
Problematisch ist Descartes Verständnis vom Denken als bloße Handlung, als Tat, wobei verkannt wird, dass es sich beim Denken viel mehr um ein Prinzip, um eine Fähigkeit, eine bestimmte Handlung oder Tat, nämlich die Abstraktion, auszuführen, handelt.

Es klingt zunächst furchtbar logisch und einleuchtend, dass, wenn ich denke, ich auch notwendig sein muss, da ich ansonsten nicht denken könnte. Das Ich als Grundlage des Denkens. So leicht ist es jedoch nicht, denn man muss zunächst Gewissheit über das Denken selbst erlangen, d.h. ob man wirklich gedacht hat, um Gewissheit über das Selbstsein zu erlangen.

Das Problem liegt nun offensichtlich darin, dass das Denken sich selbst beweisen müsste. Wenn Descartes das Denken als gegeben und gewiss voraussetzt, denn anders kann er nicht zu seiner Schlussfolgerung gelangen, vollzieht er bereits eine zweite Abstraktion, die er in keinem Wort erwähnt. Die erste Abstraktion ist das Denken selbst, nämlich die Abstraktion von der Existenz. Durch diese Abstraktion würde man zu der Feststellung kommen können „ich bin“. Die Feststellung „ich denke“ kann jedoch erst gemacht werden, wenn man erneut denkt, d.h. abstrahiert, nämlich vom ersten Denken, vom Denken über die Existenz oder auch dem Überdenken. Durch diese zweite Abstraktion kann man sich also attestieren „Ich denke“. Man ist sich dadurch bewusst, dass man existiert, welches durch den ersten Abstraktionsprozess erkannt wurde und dass man überdenkt, um genauer zu sein, dass man über die Existenz denkt, über das Sein, welches durch den zweiten Abstraktionsprozess erkannt wurde. Den eigentlich aktiven, denkenden Gedanken hat man jedoch bisher nicht reflektieren können, die Erkenntnis, dass das Überdenken überdacht wurde, würde eines weiteren Denkprozesses bedürfen. Man könnte natürlich versuchen, jeden weiteren Denkprozess zu abstrahieren, aber dennoch müsste man zu der Einsicht kommen, dass für jeden Abstraktionsprozess ein Denkvorgang nötig ist, der nicht zugleich sein Objekt und sich selbst abstrahieren kann. Gewissheit kann zwar durch Abstraktion vom Gedachten erlangt werden, allerdings niemals vom Denken.

Um das Problem zu lösen und die Frage nach der Erreichbarkeit von Selbstgewissheit zu beantworten, ist es zunächst angebracht auf einen wichtigen Unterschied zwischen Sein und Denken hinzuweisen. Sein kann stets Mit-Sich-Sein ohne ein Objekt außerhalb seiner Existenz zu benötigen, während das Denken ein Objekt außer sich benötigt, um sein zu können. Das Denken braucht Gedanken. Hier liegt auch die Antwort auf die zuvor gestellte Frage: Das Sein ist der erste und letzte Gedanke, selbst wenn das Denken allen anderen Objekten entbehren müsste, könnte das Denken das Sein denken, das Sein wird Gedanke. Ob man in diesem Moment denkt, ist zwar nicht zu beweisen, aber dass das Sein unbezweifelbar ist, ergibt sich aus dem Für-Sich-Stehen des Seins, aus dem Für-Sich-Sein. Die unbedingte Fähigkeit das Sein zu denken ist das Sein im Denken. Es gibt kein Denken ohne Gedanken, weil es kein Denken ohne Sein gibt und das Denken an das Sein ein Gedanke ist. Das Sein überdenkt sich selbst, das heißt, das Denken denkt das Sein. Das Sein ist also zugleich Objekt des Denkens und sein Fundament. „Ich bin“ ist mehr als nur die Feststellung eines An-Sich-Seins. „Ich bin“ ist das ultimative Bekenntnis allen Selbstbewusstseins. Dem Ich widerfährt nicht einfach etwas auf bestimmte Art Seiendes, vielmehr erfährt das Ich sich selbst, in dem es durch das Denken von sich abstrahiert und somit in der Lage ist, sich als seiend, als existierend zu erkennen. Das Ich wird sich durch das Denken seiner selbst gewiss, wird selbstbewusst und erfährt sich als seiend.

Ich bin ist die Selbstgewissheit, das Selbstbewusstsein. Ich bin im Denken (Sein im Denken, denken an das Sein) ist der Ausdruck der Selbsterfahrung, der Erfahrung des Selbstseins.

Damit wären die Möglichkeiten innerer Erfahrung, der Selbsterfahrung angezeigt. Das Ich ist nun kein Negativabdruck der Geschehnisse, sondern es ist aktiv, es braucht nicht mehr geschehen lassen, sondern kann geschehend machen. Es ist kein ohnmächtiges Selbstsein, sondern ein bewusstes Selbstsein, ein Selbstbewusstsein, welches die Grundlage für eine Reflexion der Geschehnisse bildet.

Das Ich und das Geschehen, welches dem Ich widerfährt, treten durch das Denken, also der Fähigkeit Konkretes in Abstraktes zu wandeln, deshalb in ein Erfahrungsverhältnis, weil das Wissen um das Geschehen eines Geschehens die Möglichkeit bietet dieses als ungeschehen zu denken. Die Fähigkeit zu denken bedeutet gleichzeitig das Gegenteil von allem Seienden denken zu können. Da man weiß, dass einem ein Geschehen widerfahren ist, sprich, man hat Erfahrung von diesem Geschehen, ist man in der Lage dieses Geschehen willentlich zu beeinflussen oder sich diesem zu entziehen. Eine Entscheidung ist erst möglich, wenn Alternativen zum Bestehenden denkbar sind. Das Denken können des Anders-Seins eröffnet die Möglichkeit etwas Anderes erfahren zu können, als das, was einem bewusst widerfahren ist. Das bewusstlose in der Welt sein wird durch das Denken zu einer bewussten Teilhabe an der Welt und ihrem Geschehen. Der Mensch ist nicht mehr Teil eines geschlossenen Ganzen, er ist durch sein Denkvermögen mit der Welt entzweit. Die Welt widerfährt dem Ich nicht mehr ohne dass es in dieser Widerfahrung eine Alternative gäbe, sondern es besteht die Möglichkeit, vom Sosein der Geschehnisse, auf ein Sosein-Können, auf einen Konjunktiv des Seins zu schließen. Durch die Abstraktion des sich einstmals dem passivem Selbstsein des Ichs aufgebenden Geschehens vom Standpunkt des aktiven, sich selbst bewussten Ichs, entsteht ein passives Geschehen welches so ist, aber auch anders sein kann. In der eigentlichen Erfahrung des Geschehenden besteht die Möglichkeit, durch das Denken das nicht Geschehene zu erfahren oder: In jeder Geschehenserfahrung wird zugleich das Ungeschehene erfahren. Alles als tatsächlich seiend erfahrene ist nur eine verwirklichte Möglichkeit des Sein-Könnens.

Der Inhalt der äußeren Erfahrung ist also das Geschehen nicht als etwas zu erkennen, das so ist und nicht anders sein kann, sondern es vielmehr als etwas zu begreifen, das beliebig anders beschaffen sein könnte. Die Welt ist kontingent.

Der Inhalt der Selbsterfahrung ist das Selbstbewusstwerden durch das Denken. Das Ich wird sich seiner selbst bewusst und erfährt sich dadurch als seiend.

Das umgekehrte Verhältnis, welches mithilfe der zweimaligen Abstraktion, nämlich einmal vom Ich zum Ich-Sein und einmal vom Geschehen zum Geschehen-Können, zustande gebracht wurde, kann erst durch nochmalige Abstraktion als Verhältnis erkannt werden. Die Erkenntnis dieses Verhältnisses zwischen dem aktiven Ich, welches das passive Geschehen aufnimmt, ist die Welterfahrung.

2 a) Weltbewusstsein und die metaphysische Lücke

Im Kapitel zuvor konnte gezeigt werden, was Welterfahrung ist, woraus sich diese zusammensetzt und was ihre Grundlagen sind. Der Raum aller möglichen Erfahrung scheint mit dem Begriff der Welterfahrung vollständig abgesteckt zu sein.

Doch es ergibt sich ein Problem, das prinzipiell schon im vorherigen Kapitel angeschnitten wurde, doch erst jetzt zum Tragen kommt: Das Problem des Sein-Könnens. Die Welt ist eine Summe aus Geschehendem, eine Ansammlung von mannigfaltigen Geschehnissen. Im Stadium der Widerfahrung, in dem das Geschehen einfach so ist wie es ist, entsteht freilich noch kein Problem. Im Erfahrungsstadium, in dem das Geschehen nicht bloß ist, sondern auch sein kann, keimt die Problematik vor der wir gerade stehen bereits in kleinem Maßstab auf. Eine Lücke, die bereits dort auftritt, wird nun offensichtlich. Das, was tatsächlich erfahren wird ist, doch auch das Gegenteil oder ein andersartiges Sein dieser tatsächlichen Geschehnisse ist denkbar. Die Bedeutung des Begriffes der Welterfahrung scheint sich zu verschieben. Von der Erfahrung der Welt zur Erfahrung in der Welt. Es ist also unmöglich die Welt als Ganzes zu erfahren. Man kann lediglich diejenigen Weltgeschehnisse erfahren, die sich tatsächlich als Geschehnis aus der Möglichkeit, aus dem Sein-Können, verwirklichen. Die Annahme, dass die Welt die Summe ihrer Geschehnisse sei, war also falsch. Die Welt, so scheint es nun, ist die Summe aus den tatsächlichen und den möglichen Geschehnissen, aus den so-seienden und den so-sein-könnenden Geschehnissen, aus dem So-Geschehen und dem Anders-Geschehen. Wenn tatsächliche Geschehnisse erfahren werden, wird in dieser Erfahrung zugleich alles möglich Geschehende erfahren. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Welt nicht als Ganzes erfahren wird, obwohl doch eben gesagt wurde, dass die Welt die Summe aller seienden und möglichen Geschehnisse ist und die seienden Geschehnisse tatsächlich erfahren werden und die möglichen Geschehnisse indirekt, durch die Erfahrung der seienden Geschehnisse erfahren werden, denn scheinbar ist die Lücke, die sich zuvor noch ergab mit dieser indirekten Erfahrung geschlossen worden. Und wahrlich, die Lücke des Sein-Könnens wurde geschlossen, da, wie bereits gesagt, das Sein-Können im Sein der Geschehnisse mit erfahren wird. Die wirklich problematische Lücke öffnet sich erst durch dasjenige, welches aller Erfahrung und dem Erfahren-Können zu Grunde liegt, gemeint ist das Denken.

Zunächst muss erörtert werden, wo die Grenzen der Erfahrung und die Fähigkeiten des Denkens liegen oder besser gesagt, an welchem Punkt die Erfahrung, welche ja abstrahierte Widerfahrung ist, d.h. der auch das Denken zugrunde liegt, vom reinen Denken abgelöst wird.

Nun könnte man durchaus meinen, dass die Erfahrung alles abdeckt, denn was könnte es noch anderes geben als das, was ist und das, was sein kann?

Die Antwort ist einfach, nämlich das was nicht ist und das was nicht sein kann. Natürlich kann es nicht das geben was nicht sein kann. Mit „geben“ soll hier lediglich gemeint sein, dass das, was nicht ist und nicht sein kann als Gedanke möglich ist. Um es zu veranschaulichen: Ein Dreieck mit einer Winkelsumme von mehr oder weniger als 180° ist im euklidischen Raum weder erfahrbar noch vorstellbar, wohl aber denkbar. Ein Dreieck mit einer Winkelsumme von zum Beispiel 120° ist im euklidischen Raum nicht und kann in diesem auch nicht sein, dennoch „gibt“ es ein solches Dreieck in Form eines Gedankens.

Um es etwas klarer zu machen: Die Möglichkeit des Geschehens ist die Vorstellung. Solange etwas vorstellbar ist, ist es auch möglich dies zu erfahren und umgekehrt. Wenn etwas nicht erfahren werden kann, dann ist es auch nicht vorstellbar. Das Nicht-Sein ist nicht vorstellbar, demnach auch nicht erfahrbar. Alles was nicht ist und nicht sein kann, liegt außerhalb der Möglichkeit irgendeiner Erfahrung, da Erfahrung erst, wie gezeigt wurde, durch die Abstraktion von etwas Seiendem, nämlich von einem Geschehen, zustande kommt. Etwas nicht Seiendes kann nicht abstrahiert werden, die Unabstrahierbarkeit des Nicht-Seienden ist somit die Begründung für die Unvorstellbarkeit desselben, denn Vorstellung als Möglichkeit des Geschehens, als Sosein-Können, bedarf ja erst der Abstraktion vom Sosein, von der Tatsächlichkeit des Geschehens.

Das Nicht-Sein ist zwar nicht erfahrbar, aber denkbar, denkbar als Lücke. Diese Lücke ist das Denken des nicht Geschehens und des nicht Geschehen-Könnens. Das Wissen um die Grenzen der Welterfahrung und das Denken der Lücke ist das Weltbewusstsein. Weltbewusstsein ist der Versuch eines Gedankens vom Ganzen, oder besser: Weltbewusstsein ist das Andenken an das Ganze, das Ganze kann nie ganz, also vollständig gedacht werden.

Der Erfahrungsbereich ist fest umrissen und wird vom denkenden Ich belichtet. Das was sich außerhalb der Erfahrbarkeit befindet, liegt im Schatten. Es kann durch das Denken als Lücke, als Freiraum vom Seienden erahnt werden, aber es kann nicht mit dem Ich, wie ein so-seiendes Geschehen, in Bezug treten. Die Erfahrungswelt ist umgrenzt von potenziellem Nichts, es kann vermutet werden, dass sie eine Folge der Lücke ist oder die Ursache dieser. Es kann weiter vermutet werden, dass diese Lücke lediglich eine andere Erfahrungswelt ist oder dass sie tatsächlich nichts ist. Um etwas konkreter zu werden: Die Erfahrungswelt ist das Diesseits, die physische Erfahrungswelt, die Lücke ist das Jenseits, das metaphysische Etwas bzw. Nichts. Da das Ich, welches sich selbst bewusst jedoch nur ein unvollständiges Weltbewusstsein besitzt, stellen sich dem Ich metaphysische Fragen, Fragen nach dem Zusammenhang von Sein und Nichts und dem Wesen des Nichts. Die Fragen, die sich dem Ich stellen, sind mannigfaltig, lassen sich im Großen und Ganzen aber auf drei Fragen reduzieren, bzw. in drei Fragen zusammenfassen. Diese Fragen welchen das Ich sich durch die Lückenerkenntnis gezwungenermaßen stellen muss, um sich mit dem Weltganzen, d.h. dem Gedanken an das Ganze und somit dem Gedanken an das Nichts in Beziehung zu setzen, selbst wenn es keine Ich-aktive Beziehung sein kann, sind die Fragen nach dem Gewordensein, nach dem Sein und dem Werden des Ichs innerhalb des Weltganzen. Diese Fragen sind nicht bezüglich ihrer Fragestellung metaphysisch, denn das Ich stellt diese Fragen ja zweifelsohne im Erfahrungsbereich, also innerhalb der physischen Geschehenswelt, sondern im Hinblick auf ihre Beantwortbarkeit. Es sind die uralten Fragen, die sich der Mensch seitdem er denken kann, seitdem er ein Weltbewusstsein hat, stellt. Es sind die Fragen mit denen sich jeder Mensch für sich und die Religion für alle auf die eine oder andere Art beschäftigt und versucht sie zu beantworten, um letztlich zu bemerken, dass, egal ob der Versuch einer Antwort in einer komplexen Religionslehre oder einer persönlichen Binsenweisheit, einer metaphysischen Theorie oder einem chinesischen Kalenderspruch besteht, doch stets in der schieren Unendlichkeit des Nichts verhallt und ohne Aussicht auf eine Auflösung des Rätsels, ohne die Möglichkeit einer bestätigten Richtigkeit der Antwort, der Mensch mit sich und seinen Fragen allein bleibt. Die metaphysischen Fragen, die sich das Ich stellt und vergeblich versucht zu beantworten sind: Woher komme ich? (Frage nach der Gewordenheit) Warum bin ich hier? (Frage nach dem Sein, bzw. nach dem Sinn des Seins) Wohin gehe ich? (Frage nach dem Werden)

Zwei erfolglose Wege, nämlich der religiöse und der wissenschaftliche, mit diesen Fragen umzugehen, werde ich im nächsten Kapitel erläutern.

2 b) Überblendung und Ausblendung der metaphysischen Fragen

Der Preis, den der Mensch für seine Fähigkeit denken zu können bezahlt, ist die metaphysische Lücke, die sich ihm als metaphysische Fragen darstellen. Der Preis für seine Teilhabe an der Welt und für seine aktive Teilnahme an dieser ist die Entzweiung mit ihr. Die Frage nach dem Woher? Wohin? Warum? ist die Frage nach dem Ersten, nach dem Letzten und nach dem Sinn. Das Ganze ist denkbar, kann aber nicht durch Erfahrungen oder Vorstellungen ausgefüllt werden, da das Nicht-Sein bzw. das Nicht-Sein-Können nicht abstrahierbar ist. Das Nichts zu abstrahieren bedeutet nichts zu abstrahieren. Das Denken des Ganzen weckt die Sehnsucht nach der Erfahrung des Ganzen.

Bevor ich versuche aufzuzeigen wie sich die metaphysische Lücke ausfüllen und die metaphysischen Fragen beantworten lassen, möchte ich kurz auf zwei Methoden eingehen, die, solange sie existieren, sich, direkt oder indirekt, die Beantwortung der metaphysischen Fragen zum Ziel gesetzt haben. Ich werde nicht konkret auf einzelne Wissenschaften eingehen, sondern lediglich zwischen zwei verschiedenen Methoden unterscheiden.

Die erste Methode ist die religiöse Methode. Das Ganze wird als Gott gedacht oder: Gott ist ganz. Wobei Gott praktisch eine Variable ist, die Lücke wird nicht gefüllt. Wird Gott nicht als Variable, als Platzhalter verwendet, so ist das Göttliche nicht mehr als das Denken des Ganzen, also nichts anderes als Weltbewusstsein. Fungiert Gott hingegen als Variable, so lässt er sich beliebig als eine Scheinantwort auf jede Frage nach dem Gewordensein, nach dem Sein und nach dem Werden, geben. Gott als Erstes, als Letztes und als Sinn. Freilich hat man damit nicht mehr ausgedrückt als dass es eine Lücke gibt, denn der reine Gottesbegriff, streng genommen ist er kein Begriff sondern lediglich ein Wort, welches von sich aus keinen Begriff beschreibt, sondern entweder als Platzhalter für Unbegreifliches gebraucht werden kann oder als eine Konservendose für einen oder mehrere Begriffe, also als ein Behältnis für etwas Begriffenes. Hiermit ist die ganze Problematik dargelegt. Gott ist so hoffnungslos leer, dass er, die sich dem Menschen beharrlich stellenden metaphysischen Fragen niemals zum schweigen bringen könnte, d.h. sie beantworten könnte. Mit der ersten Nutzungsmöglichkeit des Wortes Gott, nämlich als Platzhalter für das Unfassbare, ist uns also nicht weitergeholfen, an die Stelle der gedachten Lücke ist nun der geglaubte Gott getreten, ohne dass damit etwas anderes als die Unerfahrbarkeit des Nicht-Seienden und Nicht-Sein-Könnenden ausgesagt würde.

In der zweiten Nutzungsmöglichkeit, als Behältnis für bereits Begriffenes, als Verweis auf weitere Begrifflichkeiten, entsteht das Problem der Überblendung. Gott wird mit Seiendem und mit Sein-Könnendem gefüllt, also mit Erfahrungen und Vorstellungen.

Zum einen kann dem Göttlichen eine bestimmte Gestalt, ein Aussehen o.ä., wie häufig in polytheistischen Religionen, zugesprochen werden, wobei der Zusammenhang zum Erfahrungsbereich nicht zu leugnen ist. Zum anderen wird das Göttliche oftmals mit bestimmten Eigenschaften definiert bzw. angefüllt, als da wären Allmächtigkeit, Allgütigkeit, Allwissenheit usw.

Hier ist der Zusammenhang mit der Erfahrung nicht ganz so offensichtlich, denn wo lässt sich schon Allmacht oder Allwissenheit erfahren. Dennoch besteht kein großer Unterschied darin, ob dem Göttlichen nun Eigenschaften oder Bilder zugewiesen werden. Oftmals sind die Bilderzuweisungen auch keine eigentlichen Abbilder echter, in der Erfahrungswelt wahrgenommener Bilder, sondern lediglich aus diesen hergeleitet, aus diesen konstruiert, sprich, aus diesen vorgestellt. Ebenso verhält es sich mit den Eigenschaften: Selbstverständlich hat noch niemand erlebt, dass ein riesenhafter, Hammer schwingender Thor mit seinem Wagen durch die Lüfte braust, und auch Allwissenheit hat aller Wahrscheinlichkeit noch niemand tatsächlich erfahren können. Doch zum Erfahrungsbereich zählt nicht lediglich die tatsächliche Erfahrung sondern auch das, was der Möglichkeit nach erfahren werden kann, also was vorstellbar ist. Es ist nämlich durchaus vorstellbar, wenn auch recht unwahrscheinlich, dass eines Tages Thor seinen Hammer schwingt oder Zeus anfängt mit Blitzen zu werfen. Egal ob nun das Göttliche mit Eigenschaften, Kräften, Fähigkeiten, oder physischen Merkmalen gefüllt wird, lässt sich dies stets auf die Erfahrungswelt zurückführen. Das Nicht-Seiende und Nicht-Sein-Könnende wird also durch das Seiende und Sein-Könnende überdeckt, vertuscht könnte man sagen. Erfahrungen werden aus dem Erfahrungsbereich in das Nichts verpflanzt. Es wird versucht mit Seiendem Nicht-Seiendes zu überblenden. Jede Vorstellung von Paradiesen, Himmelswelten usw. im Jenseits, d.h. in der Lücke, sind über das Nichts geblendete Erfahrungen und Vorstellungen. Damit wird die Lücke nicht ausgefüllt sondern lediglich verdeckt, das Nichts bleibt möglich.

Die zweite Methode ist die wissenschaftliche Methode, wissenschaftlich im weitesten Sinne. Man könnte beinahe sagen, es handelt sich hierbei um das exakte Gegenteil der religiösen Methode. Statt den metaphysischen Bereich mit Erfahrungen und Vorstellungen zu überblenden, wird alles Metaphysische ganz und gar ausgeblendet. Das Weltbewusstsein wird auf den Erfahrungsbereich beschnitten, selbst Vorstellungen spielen nur noch insofern eine Rolle als dass eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht diese zu erfahren. Ein Gottäquivalent besteht für die Wissenschaft nicht. Während innerhalb der religiösen Methode zumindest noch die Erkenntnis der Lücke möglich war, bzw. das Vermögen bestand, das Ganze, in der Gottfunktion als Platzhalter, zu denken, ist durch die schonungslose Vernichtung des Weltbewusstseins, welches mit der Reduktion des Abstraktionsvermögens auf den Erfahrungsbereich einhergeht, jede Ganzheit, bzw. jedes Erkennen der Lücke als Lücke, ausgeschlossen. Die Wissenschaft kennt einen Gott nur im Sinne eines Götzen, eines anbetungswürdigen Etwas, eines Zentrums, welches von den Augen der Wissenschaftlichkeit unentwegt angestarrt wird. Dieses Zentrum ist die Wahrheit. Die Ausblendung, welche die Wissenschaft betreibt, ist nicht so sehr das Ergebnis der wissenschaftlichen Anstrengung, sowie das Ergebnis der religiösen Anstrengung die Überblendung des Nichts mit Seiendem ist, sondern bildet vielmehr deren Grundlage.

Die Ausblendung ist die erste Tätigkeit der Wissenschaft, nämlich die Beschränkung auf das Erfahrbare oder zumindest auf das potenziell Erfahrbare. Wahrheit schließt Ganzheit notwendig aus, denn Wahrheit ist das Wissen um das So-Seiende, verneint also die Erkenntnismöglichkeit des Nicht-Seienden, der Lücke. Das Ergebnis der Wissenschaft im Sinne einer Beschränkung auf die Erkenntnis des Seienden besteht schließlich in der Verdrängung. Forschung mit dem Ziel des Erkenntnisgewinns vermehrt das Wissen um das Seiende drastisch, so dass jegliche Besinnung des Menschen auf das Nichts, auf die Lücke im Keim erstickt wird. Der Wille zur Unsterblichkeit ist der Wunsch das Nichts mit ewigem Sein zu vernichten, das Mittel ist die Wissenschaft.

Das Denken will beschäftigt werden und Wissenschaft kann allein Beschäftigung des Denkens bieten, keine Erfüllung der Lücke.

3) Die Eigentlichkeit der Kunst

Die Ausgangsituation ist die offene Lücke, welche weder durch Religion noch durch Wissenschaft, wie im vorherigen Kapitel gezeigt, ausgefüllt werden kann, sondern nur überblendet oder ausgeblendet wird. Die Lücke besteht in der Differenz zwischen Weltbewusstsein und Welterfahrung, also in dem Unterschied der zwischen Denken und Erfahren liegt. Alles was denkbar ist, wird durch das Seiende, das Sein-Könnende, das Nicht-Seiende und das Nicht-Sein-Könnende abgedeckt, wohingegen die Erfahrung, bzw. Vorstellung nur das Seiende und Sein-Könnende abdeckt. Das Nichts ist nicht erfahrbar, weil es nicht durch das Denken abstrahiert werden kann, wohl aber als etwas nicht Abstrahierbares erkannt werden kann und somit als Lücke umrissen oder bestimmt wird. Mit dem Nichts ist die Lücke gemeint, natürlich kann nichts auch nicht erkannt werden, aber dass etwas nicht existiert, ist erkennbar. Das Nichts welches als ein solches erkannt wird, ist daher eher als ein Umriss zu verstehen, als ein umgrenzter Ort an dem nichts ist und nichts sein kann, nicht so sehr als eine Eigenschaft oder eine Verfassung eines Dinges o.ä.

Das Denken des Ganzen ist Kunst. Künstlichkeit ist das Gegenteil von Natürlichkeit, mithin ist Kunst das Gegenteil von Natur. Natürlich ist alles, was sich dem Ich aufgibt, d.h. das Widerfahrensverhältnis des so-seienden Geschehens und des selbstseienden Subjekts ist natürlich. Das unmittelbare, passive, In-Der-Welt-Sein als ein In-Die-Welt-Gestellt-Sein ist natürlich. Um nicht aufzählen zu müssen, was noch alles unter den Begriff der Natürlichkeit fällt, ist folgende Feststellung angebracht: Alles was nicht künstlich ist, ist natürlich. Jede Künstlichkeit ergibt sich erst aus einer Diskrepanz zwischen Denkvermögen und Erfahrungsvermögen. Jeder Gedanke ist also Kunst, jedoch nur insofern, als dass er ein reiner Gedanke ist, d.h. ein Gedanke, welchem keinerlei Erfahrung zu Grunde liegt. Vorstellungen, Möglichkeiten des Seienden sind zwar auch Gedanken, da zur Abstraktion vom So-Seienden zum So-Sein-Könnenden das Denken nötig ist, doch im bisherigen wie auch im folgenden Text soll von Gedanken nur gesprochen werden, sofern sie rein sind, alles andere wird Erfahrung bzw. Vorstellung genannt. Rein ist der Gedanke nur, wenn in ihm das Nichts gedacht wird, d.h. wenn derjenige Bereich gedacht wird, welcher sich der Erfahrung und der Erfahrungsmöglichkeit gänzlich entzieht. Der Gedanke ist künstlich, weil sein Gedachtes nicht natürlich ist. Sich aufgebende Geschehnisse sind natürlich, doch das Nichts ist kein Geschehen, welches sich aus einer äußeren Welt, aus einer nicht-ich-seienden Welt aufgibt, wie es das so-seiende Geschehen tut, wenn es sich aufgibt, sondern das Nichts ist eine Folge des Denkens, ein Merkmal der, im Vergleich zum Erfahrungsvermögen, höheren Reichweite des Denkvermögens.

Das Denken des Nichts ist demnach Denken um des Denkens willen. Das Denken denkt an das, was erst durch das Denken entstehen konnte, nämlich an das Nichts, an die Lücke. Das muss nicht bedeuten, dass der Gedanke nichts anderes sein darf als das Denken des Nichts, bzw. nichts anderes als das Denken um des Denken willens, vielmehr bedeutet es, dass das Eigentliche des reinen Denkens das Denken um seiner selbst willen ist. Der Gedanke ist also Kunst, die Künstlichkeit der Kunst des Gedankens ist der Selbstzweck des Gedankens.

Der Inhalt des Gedankens, bzw. das Objekt der Abstraktion ist nicht mehr ein aktives Geschehen, das mithilfe der Abstraktion erfahrbar werden kann, der Gedankeninhalt ist nun etwas, das aus dem Denken selbst heraus entsteht. Das Nichts muss nicht allein gedacht werden um künstlich zu sein, es muss lediglich mitgedacht werden, wobei ohnehin Zweifel angebracht sind, ob es möglich ist, das Nichts allein zu denken. Der Gedanke an das Ganze bedeutet im Denken an etwas Seiendes oder Sein-Könnendes, also im Erfahren oder Vorstellen, zugleich das Nicht-Seiende und das Nicht-Sein-Könnende mit zu denken, denn eben dieser Teil des Ganzen ist der Bereich der Künstlichkeit, der Selbstzweck des Gedankens. Es dürfte nun also einleuchten, dass eine Erfahrung oder Vorstellung keine Kunst ist, da das Eigentliche der Kunst, die Künstlichkeit, im Selbstzweck des Gedankens liegt, welcher jenseits aller Erfahrbarkeit und Vorstellbarkeit liegt, nämlich im Bereich des Nichts, der Lücke.

Es ist nun, zumindest grob, geklärt worden was Kunst ist und dass das Eigentliche der Kunst die Künstlichkeit ist. Damit sind zwar grundlegende Begriffe für die Schließung der Lücke geklärt, allerdings ist das Problem der Lücke, des Nichts und der metaphysischen Fragen, die daraus entstehen, welches es zu lösen galt, offen geblieben. Die Frage, die letztlich zu beantworten ist, lautet: Wie ist der Erfahrungsbereich derartig erweiterbar, dass eine Deckungsgleichheit mit dem Denkbereich bestehen kann, d.h. wie ist Kunst erfahrbar? Es wurde zuvor festgestellt, dass alles, was erfahrbar sein kann, ein Geschehen sein muss, und jedes Geschehen ist theoretisch erfahrbar. Des Weiteren wurde die Behauptung aufgestellt, dass das Nichts kein Geschehen ist, da das Nichts sich nicht erfahren lässt. Das Nichts ist reiner Gedanke, gleiches gilt somit auch für die Künstlichkeit der Kunst, den Selbstzweck des Gedankens. Kunst ist reiner Gedanke, denkbar, aber nicht erfahrbar.

3 a) Die Reinkarnation des Gedankens im Kunst-Werk als Erfahrungserweiterung

Es soll in diesem Kapitel, ausgehend vom zuvor erörterten Kunstbegriff, gezeigt werden wie das Nichts durch das Kunstwerk überwindbar ist, d.h. wie der Erfahrungsbereich erweitert werden kann um eine Deckungsgleichheit zwischen Erfahrung und reinem Denken herzustellen.

Die Reinkarnation des Gedankens im Kunstwerk ist der Versuch, den reinen Gedanken, die Künstlichkeit des Gedankens, erfahrbar zu machen.

Das Kunstwerk, in welchem die Lücke geschlossen ist, da der Gedanke an das Ganze vollständig erfahren werden kann, ist ein synthetisches Gebilde, welches sich zum einen aus dem Gedanken des Ganzen, darin eingeschlossen also auch der Gedanke an das Nichts, zusammensetzt, zum anderen aus einem Medium, aus einem Vermittler. Dieser Vermittler ist das Werk. Erst die Synthese der Kunst mit dem Werk macht die Erfahrung der Künstlichkeit möglich. Das Werk ist der Ort der Fleischwerdung des Gedankens, der leiblose Gedanke wird beleibt. Man könnte auch von einer Verschmelzung von Idee und Materie sprechen oder andere Beispiele für eine ähnliche Dualität nennen, so zum Beispiel Leib und Seele, Geist und Körper usw. Für welches man sich letztlich entscheidet ist belanglos. Wichtig ist allein die Dualität von etwas Leibhaftigem und etwas nicht Leibhaftigem welches sich durch das Leibhaftige dem Menschen vermittelt, bzw. durch welches es von ihm erfahren werden kann. Aus Gründen der Verständlichkeit und der Einfachheit halber, werde ich die Begriffe Kunst und Werk beibehalten.

Das Werk kann von beliebiger Gestalt sein, sowohl Bild, als auch Skulptur, Film, Foto, Gedicht etc. Alles durch das etwas gesagt werden kann, kann Werk sein. Die Erweiterung des Erfahrungsbegriffs findet jedoch nicht durch die Betrachtung des Kunst-Werks, des synthetischen Gebildes statt. Auch ist die erweiterte Erfahrung welche zum Denkbaren aufschließen könnte, nicht im Kunstwerk seiend. Um zu untersuchen, wodurch eine Erfahrungserweiterung zustande kommt muss das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Künstler beleuchtet werden.

Der Künstler ist ein Schaffender, er erschafft aus dem künstlichen Gedanken an das Ganze, an die Welt und das Nichts, welchen er mit dem Werk, der Materie, dem Vermittler verbindet, das Kunst-Werk. Das Kunstwerk an sich ist kein Geschehen sondern ein Geschehenes, daher ist das Hauptaugenmerk auch auf den Künstler, auf den Schaffenden zu richten und nicht so sehr auf den Betrachter, auf den nicht tatsächlich Schaffenden. Das Kunstwerk geschieht solange es geschaffen wird, die Entstehung des Kunstwerks, das Ereignis der Verbindung zwischen Kunst und Werk ist ein Geschehnis. Sobald das Kunstwerk erschaffen wurde, geschaffen ist, ist es Geschehenes, welches nicht mehr selbst geschieht, sondern nur noch auf das einstige Geschehnis verweist. Um mögliche Unklarheiten zu beseitigen: Das Kunstwerk, welches geschaffen wurde, geschieht natürlich auch wenn es fertig gestellt worden ist, in dem Sinne als dass etwas, ein Teil der Ganzheit des Kunstwerkes, für den Betrachter im Nachhinein noch erfahrbar ist. Die Bezeichnung des vollendeten, geschaffenen Kunstwerkes als Geschehenes, soll lediglich verdeutlichen, dass das Kunstwerk als Erfahrung des Ganzen ein Geschehenes ist, d.h. das Ganze ist nach der Synthese von Kunst und Werk für niemanden mehr erfahrbar, auch vom Künstler selbst nicht.

Das Göttliche ist immer ganz. Der Künstler ist im Schaffensprozess seines Kunstwerkes Gott. „Eines zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.“4 Eine göttliche Schöpfung ist eine Schöpfung aus dem Nichts, eine creatio ex nihilo. Eine derartige Schöpfung wird vom Künstler vollzogen, eine Schöpfung aus dem Nichts um das Nichts zu überwinden. Der Künstler erfährt das Ganze, das Kunstwerk ist ganz, denn die Künstlichkeit des Kunstwerkes ist das Denken an das Nichts, also das Denken um des Denkens willen. Das Denken als Selbstzweck ist zugleich das, was man oftmals als „Selbstzweck“ der Kunst bezeichnet. Die Lücke wird nicht überblendet, indem etwas Seiendes anstelle des Nichts gesagt wird, sondern das Nichts wird mitgesagt, was nicht heißt, dass nichts gesagt wird. Es liegt ein Unterschied darin, ob nichts gesagt wird oder ob das Nichts gesagt wird. Etwas über das Nichts zu sagen heißt eine Aussage zu treffen, nämlich keine, über das Nichts wird gesagt, dass es nichts ist bzw. dass in den Grenzen des Nichts nichts Seiendes existiert, d.h. es wird etwas gesagt. Das Kunstwerk tut eben dies: Es gibt zu verstehen, dass über das Nichts nichts zu sagen ist. Wichtig ist allein, dass es etwas über etwas sagt, denn etwas sagen heißt eine mögliche Erfahrung zu bieten.

Was gesagt wird, kann gehört werden.

4) Hölderlin, Friedrich: Hyperion. Köln. Anaconda: 2005. S. 11.

Das Kunstwerk dient also dazu, den Gedanken des Ganzen zu materialisieren. Das Ganze wird vom Künstler überblickt, erfasst und vollständig begriffen. Solange er im Schaffen ist, ist das Kunstwerk vollständig. Es besteht eine Einheit zwischen Künstler, Kunstwerk und Welt, alles ist eins, da die Entzweiung mit der Welt, durch die Angleichung des Erfahrungsbereiches im Schaffensprozess den Schaffenden mit der Welt, einschließlich dem Geschaffen-Werdenden, aufgehoben ist. Man könnte durchaus von einer Geburt des Kunstwerkes sprechen, jedoch eben nicht eine natürliche Geburt eines Kindes, sondern eine künstliche Geburt die nach der Entbindung von niemandem mehr in ihrer Ganzheit erfahrbar ist, da sie etwas von ihrem Schöpfer unabhängig Seiendes ist. Hier besteht im Übrigen eine Analogie zur natürlichen Geburt und zum natürlichen Sein.

Auch der natürlich seiende Mensch kann nicht als solcher erfasst, erfahren werden. Das Du ist lediglich eine Summe von Geschehnissen. Es existiert keine Möglichkeit eines Du-Bewusstseins, mithin ist das Du eine Welt außer dem Ich, die vom Ich zwar hypothetisch angenommen werden kann, aber von der nur das tatsächlich erfahren wird, was sich dem Ich als Geschehen darbietet. Das Du ist also nicht Teil der Ich-Welt, sondern eine Welt außerhalb des Ichs, die vom Ich nicht als eine Du-Welt erkannt werden kann, sondern sich in Teilen innerhalb des Ichs als erfahrbares Geschehen mitteilt. Das Ich ist Welt und das Du ist Welt, was trennt also beide? Doch wohl – Welten.

Auf gleiche Weise ist auch der der Künstler vom Kunstwerk getrennt, er hat kein Bewusstsein mehr im Kunstwerk nachdem er es geboren hat. Der Künstler ist teilweise im Kunstwerk weiter anwesend, in Form des Stils, einer Intention usw., doch das Kunstwerk sagt mehr als dies, es spricht von der Künstlichkeit, von der Metamorphose des Selbstzwecks des Gedankens zum zweckmäßigen Gedanken, von der Metamorphose des gedachten Ganzen zur Erfahrung des Ganzen. Jeder Selbstzweck entsteht aus einer Diskrepanz. Da vom Künstler während seines Schaffens alles was gedacht wurde, auch erfahren werden kann, stellt sich ihm der einstige Selbstzweck des Denkens als ein Zweck zur Erfahrung des Ganzen dar. Im Schaffensprozess verliert die Künstlichkeit ihren Selbstzweck. Die Künstlichkeit entblößt sich vor ihrem Schöpfer, vor dem Künstler. Das Kunstwerk ist, da es die Reinkarnation des Gedankens an das Ganze darstellt und das Ganze die Welt ist, als Weltmodell zu betrachten. Die Vollendung des Schaffensprozesses und Beendigung der Einheit zwischen Kunstwerk und Künstler ist als eine Wiederholung der natürlichen Entzweiung zwischen Mutter und Kind zu sehen, das in die Welt-Gestellt-Werden wird rekonstruiert, der Preis für die Erfahrung des Ganzen ist die Trennung vom Ganzen, einer Welterfahrung folgt eine Weltentzweiung.

3 b) Das Kunstwerk als Heimat

Bevor das Verhältnis von Kunstwerk und Betrachter erläutert wird, muss auf das Verhältnis von Künstler und Kunstwerk eingegangen werden. Auch soll die Bedeutung dieses Verhältnisses für den Künstler hervorgehoben werden.

Jeder Weg ist ein Gang nach Hause, jeder Aufbruch in das Nichts verweist auf einen Einbruch in die Heimat. Das Ziel ist immer – Ankunft. Die metaphysischen Fragen, welche sich dem Menschen durch die Lücke stellen, waren die Fragen nach dem Sein, nach dem Sinn, und nach dem Gewordensein. Der Heimatbegriff beantwortet diese Fragen.

„Wo gehen wir denn hin?“5, fragt Novalis in seinem Werk Heinrich von Ofterdingen und gibt die Antwort: „Immer nach Hause.“6

Man kann natürlich den Heimatbegriff einer Profanation unterziehen, so dass von ihm nichts übrig bleibt als der Wohnort, der Geburtsort, eine Stadt, eine Region, ein Land und die Erlebnisse von solchen.

Um den Heimatbegriff fruchtbar zu machen, muss er ausgeschöpft werden Heimat ist mehr als bloßer Wohnort oder Geburtsort, mehr als ein Gefühl der Behaglichkeit, mehr als ein Bekanntsein von Mentalitäten, Personen usw. Wenn sich der Begriff der Heimat auf eines von diesen Dingen reduzieren ließe, wäre er nichtig, d.h. er enthielte inhaltlich nichts was nur dem Heimatbegriff eigentlich wäre.

Heimat ist die Erinnerung und Sehnsucht nach Einheit, nach Ganzheit. Heimat ist das Kommen aus dem, und das Gehen in das Nichts. Nichts werden heißt sich auflösen, sich auflösen heißt ganz werden, eins werden mit dem, worin man sich auflöst. Eins sein, nichts sein, bedeutet angekommen zu sein, zu Hause zu sein.

Die Antwort auf die Frage nach dem „Wohin gehen wir denn?“ ist also die Antwort auf das Werden, wir werden eins – oder nichts. Fragt man woher wir kommen, also nach der Gewordenheit, so ließe sich auf ähnliche Weise antworten, wir kommen nämlich aus dem Nichts bzw. aus dem Eins, aus der Heimat.

Die Frage nach dem Sinn, nach dem Warum scheint nun leicht beantwortet werden

5) Novalis: Heinrich von Ofterdingen. In: Werke und Briefe. München. Winkler Verlag: 1968. S. 283

6) Ebda.

zu können. Die Heimat wird erst Heimat wenn sie fern ist. Eins und nichts sind gleich, sind dasselbe. „O ihr, die ihr das Höchste und Beste sucht, in der Tiefe des Wissens, im Getümmel des Handelns, im Dunkel der Vergangenheit, im Labyrinthe der Zukunft, in den Gräbern oder über den Sternen. Wisst ihr seinen Namen? Den Namen des, das eins ist, und alles? Sein Name ist Schönheit.“7

Das Eine lässt sich nicht feststellen, lässt sich nicht als Eines begreifen oder erfahren, sofern man nicht davon getrennt ist. Das Nichts bleibt als Nichts unerkennbar, sofern es nichts Seiendes, nichts Zweites außer diesem gibt. Die Erkenntnismöglichkeit einer Einheit bedarf also einer Zweiheit, einer Getrenntheit. Jede Auflösung in etwas erfordert notwendigerweise eine vorangegangene Loslösung von etwas. Nichts und Eins sind dasselbe, weil beides etwas Zweites braucht um voneinander unterschieden werden zu können. Nichts kann als Nichts-Außer-Diesem verstanden werden, es gibt nichts anderes als dieses, also nichts. Sein kann erst als seiend bestimmt werden, sofern es etwas anderes Seiendes gibt von welchem es unterschieden werden kann. Sein heißt Anders-Sein.

Weil der Mensch etwas Seiendes, etwas Selbstseiendes ist und dadurch auch immer etwas Anders-Seiendes, kann er, sofern er Mensch ist, d.h. sofern er lebt, nicht eins sein und mithin liegt die Heimat stets außerhalb der Möglichkeit einer Erlebbarkeit im Sinne eines sich im Leben vorstellenden Geschehens. Leben heißt immer fremd sein, dennoch ist das Leben notwendig, um nach Hause zu gelangen, da die Fremde, das Losgelöst-Sein die Voraussetzung für den Wiedereintritt in die Heimat ist. Das Leben, das Sein, als ein Aufgelöst-Werden, das Nichts als ein Aufgelöst-Gewordensein. Das Sterben ist das Einlösen des Loses der Auflösung, es ist das Aufgelöst-Sein.

Das Kunstwerk ist die Heimat des Künstlers, das Nichts, das Ganze wird erfahren, der Künstler stirbt während des Schaffensprozesses im Kunstwerk, löst sich im Kunstwerk auf und wird eins mit diesem, er kehrt heim. Das Kunstwerk ist Weltminiatur, es ist Auflösungserscheinung. Das göttliche Schaffensverhältnis zerfällt nach der Werdung des Kunstwerkes in seine Bestandteile.

Die Geburt des Kunstwerkes ist die Trennung mit diesem, es ist der Aufbruch in das Leben mit der Lücke und zugleich die Auferstehung als seiender Mensch.

Da dieses Kapitel mit einem Zitat von Novalis eingeleitet wurde, soll es mit einem

7) Hölderlin, Friedrich: Hyperion. Köln. Anaconda: 2005. S. 59.

solchen auch abgeschlossen werden.

„Die Philosophie ist eigentlich Heimweh – Trieb überall zu Hause zu sein.“8

Ich würde vorschlagen, statt der Philosophie das Kunstschaffen einzusetzen und die Philosophie lediglich als eine Methode des Kunstschaffens zu begreifen, deren Gemeinsamkeit mit anderen Methoden die Synthese des Kunst-Werkes ist. Um die Philosophie als Kunst zu verstehen, als Weg zum Kunstwerk, muss man sie, wie andere Künste vom Anspruch jeder Wissenschaftlichkeit befreien, vom Imperativ des Ausblenden-Sollens erlösen.

8) Novalis: Das allgemeine Brouillon. Materialien zur Enzyklopädistik 1788/89. Hamburg. Meiner: 1993. S. 194.

3 c) Das Kunstwerk und die Betrachtung

In den vorherigen beiden Kapiteln wurde hauptsächlich auf das Verhältnis zwischen dem Künstler und dem Kunstwerk im Schaffensprozess eingegangen und es hat sich herausgestellt, dieses Verhältnis ist ein Göttliches, ein Ganzes. In diesem letzten Kapitel der vorliegenden Arbeit soll das Verhältnis zwischen Betrachter und Kunstwerk erläutert werden.

Der Künstler ist nur im Schaffen Künstler, die Besonderheit der Beziehung zwischen Künstler und Kunstwerk welche, wie zuvor gesagt, in der Einheit, in der Ganzheit liegt, löst sich nach der Beendigung des Schaffensprozesses auf. Der Künstler steht dem seienden Objekt, dem Kunstwerk, welches er geboren hat, außerhalb des Schaffensprozesses so gegenüber, wie ein beliebig anderer Betrachter auch.

Wohlgemerkt trifft dies nur zu, sofern es sich um die Künstlichkeit handelt. Natürlich weiß der Künstler selbst am besten, was die Intention, der Zweck usw. des Kunstwerkes ist, oder besser gesagt er weiß, was seine Intention war, was seine Zielsetzung war. Zwecke, Intentionen und Dinge dieser Art können jedoch bezüglich des Betrachtungsverhältnisses außer Acht gelassen werden, nicht weil sie nicht mitbetrachtet werden sollen oder dürfen, sondern weil sie nicht die Kunst des Werkes als Kunst bestimmen.

Oftmals wenn vom Selbstzweck der Kunst gesprochen wird scheinbar geglaubt, dass dies bedeutete das Kunstwerk als Ganzes dürfe keine Intention haben, nichts anderes außer sich selbst bezwecken. Ein Beispiel für ein solches Missverständnis kann in einem Text über Schatzkunst nachgelesen werden.

„Während die Objektkunst seit der klassischen Moderne reale Objekte in einen neuen, den Blick auf den Gegenstand verändernden Zusammenhang stellt, täuschen die ‚objets d`arts’ der Schatzkunst allenfalls spielerisch eine Gebrauchsfähigkeit vor. Sie waren Sammlerobjekte, die für den geübten Blick und die tastende Hand des Betrachters geschaffen wurden, aber auch als Inspirationsquelle kultivierter Gespräche dienen konnten. Darin unterscheiden sie sich deutlich von anderen Luxusgegenständen der Renaissance und des Barock, die der angewandten Kunst zugehören. Wesentlich stärker noch als die zeitgleich entstandenen Werke der Malerei, Skulptur und Graphik ist die Schatzkunst im 16. bis 18. Jahrhundert für ein ‚interessenloses Wohlgefallen’ konzipiert, das der Philosoph Immanuel Kant als Kriterium des reinen Kunstgenusses definierte.“9

Es scheint als meinte der Autor, dass das Kunstwerk gänzlich zwecklos, interessenlos sein muss, um das Kriterium des interessenlosen Wohlgefallens für den reinen Kunstgenuss zu erfüllen. Mit dem interessenlosen Wohlgefallen als Kunstkriterium ist jedoch nicht mehr gesagt als dass, was an einen Kunstwerkwerk schön gefunden wird um seiner selbst Willen schön gefunden wird. Das daneben nichts im Kunstwerk existieren darf was Interessen geleitet ist oder einen Zweck verfolgt wird damit nicht gesagt. Somit ist die Schatzkunst, welche keine Intention und keinen Zweck hat, nicht künstlicher als ein Werk, welches sowohl eine Aussage oder Intention verfolgt als auch das Kriterium eines interessenlosen Momentes beinhaltet.

Im Rahmen einer Untersuchung des Verhältnisses von Kunstwerk und Betrachter ist es also unwichtig, was der Betrachter von den Teilen des Kunstwerkes versteht, die nicht Teil der Eigentlichkeit, nicht Teil der Künstlichkeit sind. Allein die Künstlichkeit, also der Gedanke um seiner selbst Willen und die Art und Weise, wie sich diese dem Betrachter vorstellt, ist von belang.

Die Synthese der Kunst mit dem Werk ist immer ein Kompromiss zwischen Vermittlung, also Form, und Inhalt. Das, was sich durch die Form vermittelt ist immer nur ein Teil der Künstlichkeit, daher ist das, was an Künstlichkeit aus dem Kunstwerk vom Betrachter verstanden werden kann, ebenfalls lediglich ein Teil des Ganzen. Das Kunstwerk enthält eine Lücke der Künstlichkeit, denn es kann mehr von Kunstwerk gedacht werden als von ihm erfahren werden kann, da es etwas gibt, dass zwar im Kunstwerk angelegt ist, aber nicht erfahren wird, weil es nicht vermittelt wird. Dem Betrachter stellt sich das Kunstwerk als eine Dekonstruktion des Kunstgedankens, des Denkens um seiner selbst Willen dar. Man könnte sagen es geht Künstlichkeit verloren, doch dies wäre insofern nicht korrekt als dass dieser Verlust nur den außenstehenden Betrachter betrifft, da die Synthese der Kunst mit dem Werk, ihrem Schöpfer erst die Erfahrung einer Ganzheit, einer Lückenlosigkeit ermöglicht. Die betrachtete Künstlichkeit ist immer eine lückenhafte Künstlichkeit. Interpretation ist der Versuch diese Lücke zu füllen. Das Kunstwerk fordert den Betrachter zu einem Andenken an das Ganze und zu einer Überwindung der Lücke durch ein Kunstwerk auf.

9) Syndram, Dirk: Schatzkunst der Renaissance und des Barock. Das Grüne Gewölbe zu Dresden. Berlin. Deutscher Kunstverlag: 2004. S.4

Der bloße, nicht schaffende, Betrachter wird also auch vor dem Kunstwerk mit einer Lücke konfrontiert, da er mit dem Kunstwerk entzweit ist. Das Kunstwerk verweist auf einstige Heimat, auf vergangene Einheit. Die Welt ist lückenhaft, und da wie bereits erwähnt, das Kunstwerk eine Weltminiatur, ein Weltmodell ist, erscheint es plausibel, dass es ebenfalls eine Lücke aufweist. Nun könnte man durchaus einwenden, wozu das Kunstwerk gut sei, wenn es lückenhaft ist und der Betrachter weiterhin mit leeren Händen dasteht. Die Antwort auf diese Frage liegt in der Schöpfung. Die Welt ist die Summe von Geschehnissen auf die der Mensch gestellt ist, mit denen der Mensch entzweit ist. Die natürliche Welt ist diejenige, auf die er blickt und die er dennoch nie zu überblicken vermag. Das menschliche Selbstsein und das Sein der Welt lässt sich miteinander nicht versöhnen. Das Kunstwerk ist Welt, eine Welt der Künstlichkeit, das Kunstwerk eröffnet die Möglichkeit Welt zu schaffen, es schenkt dem Schaffenden Ganzheit und dem Betrachter nichts außer sich selbst.


4) Schlusswort


Ich hoffe durch diese Arbeit die Rolle des Kunstwerkes in der Welt, und die Möglichkeit die das Kunstwerk dem Künstler, aber in geringerem Maße auch dem Betrachter bietet, hinreichend dargestellt zu haben.

Natürlich konnten nicht alle auftretenden Fragen zur Genüge geklärt werden. So ist beispielsweise das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter problematisch. Man könnte dieses Verhältnis nämlich anhand von konkreten Werken praktisch untersuchen. Ist die gemachte Beschreibung im Hinblick auf abstrakte und ungegenständliche Kunst noch zutreffend. Was sagt das Abstrakte Kunstwerk noch aus sich selbst und was kann es nicht sagen. Worin Vermittelt sich die Künstlichkeit bei Werken aus denn sich nur noch rudimentäre Farben und Farbflächen entnehmen lassen, man denke hier an einige Bilder Mondrians oder Kandinskys. Es ließe sich hierbei der Vorwurf einer vergeistigten Kunst erheben, d.h. einer Kunst die es nicht mehr zu Kunstwerk bringt, ein Fehlen von Kunst und Werk, wodurch nicht nur der Betrachter vor ein Rätsel gestellt wird, sondern durch welches sich auch keine Einheit des Künstlers mit dem Kunstwerk vollzieht. Die Reinkarnation des Gedankens im Kunstwerk findet nicht statt.

Man könnte auch noch auf die Schwierigkeit eingehen die sich bei einer „Kommentarbedürftigkeit“ von Kunst, besonders der modernen und zeitgenössischen ergibt. Denn befreit man das Kunstwerk von dem Anspruch des Aus-Sich-Selbst, Sich- Selbst-Sagens, worin liegt dann die Eigentlichkeit des Kunstwerkes? Ist dann das Kunstwerk nicht vielmehr Beigabe einer Theorie oder eines Kommentars? Inwieweit beeinflusst die Autorität der Theorie welche dem Betrachter das Verstehen des Kunstwerkes diktiert das Verhältnis von Kunstwerk und Betrachter?

Dies alles sind Fragen die sich gestellt haben und die deshalb nicht unerwähnt bleiben sollen, die jedoch nicht mehr im Rahmen dieser Arbeit geklärt werden können da sie zur Beantwortung umfangreiche Vorüberlegungen benötigen.

 


5) Bibliographie und Erklärung

Literatur:

Augustinus, Aurelius: Vom Gottesstaat XI, 26. Herausgegeben von Karl Hoenn. Zürich. Artemis Verlag: 1955.

Hölderlin, Friedrich: Hyperion. Köln. Anaconda: 2005

Janich, Peter: Kleine Philosophie der Naturwissenschaften. München. Beck: 1997.

Janich, Peter: Logisch-pragmatische Propädeutik. Weilerswist. Velbrück Wissenschaft: 2001.

Novalis: Das allgemeine Brouillon. Materialien zur Enzyklopädistik 1788/89. Hamburg. Meiner: 1993.

Novalis: Heinrich von Ofterdingen. In: Werke und Briefe. München. Winkler Verlag: 1968.

Syndram, Dirk: Schatzkunst der Renaissance und des Barock. Das Grüne Gewölbe zu Dresden. Berlin. Deutscher Kunstverlag: 2004.

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