Relevanz als Inszenierung
Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf oxenzeams Kommentar zur Relevanz der Endlosrekursion und zugleich eine Reflexion auf meinen eigenen Artikel Wer ist frei?
Vielleicht fand ich meine Ironie zu uninteressant oder zu hässlich um sie ordentlich zum Ausdruck zu bringen, da aber ihr Thema nun aufgegriffen worden und meinen Artikel dabei sogar angesprochen wird, möchte ich jetzt, obwohl die Peinlichkeit der Explikation ironischer Rede mir ästhetisch zuwider ist, eine Enthüllung der Ironie vollziehen; sie war zum Scheitern verurteilt und kann deshalb hier, ohne mein Beileid, sozusagen zur Strafe entblößt werden – niemand wird ihre Latenz vermissen oder der Verlust ihrer wackeligen Eleganz bedauern.
Relevanz ist eine Floskel. Mit dieser Aussage soll nicht, oh nein, gesagt werden, dass Floskeln a priori zu verurteilen sind, aber sie weist auf ein der Relevanz innewohnendes Problem hin: Floskeln sind grundsätzlich nicht relevant. Diese Irrelevanz der Relevanz zeigt sich überall in unserer (relevanten) Gegenwart, besonders deutlich bei dem Inbegriff der Relevanz, die Politik. Im gewöhnlichen regulären Parlamentarismus sind Opposition und Mehrheit kommensurabel, sie haben einen gemeinsamen Maßstab und bilden damit eine reguläre Beziehung, eine normierte Beziehung. Es gibt hier keine wirklich radikale Wahl: Die Entscheidung ist eine Frage der Nuance, des feinen Unterschieds.
Meinungsunterschiede werden deutlich und am Ende entscheidet eine kleine Gruppe, die mal das eine, mal das andere wählt, wie es dieses Mal läuft. Damit möchte ich gar nicht sagen, dass man sich für die gegenwärtige Politik nicht interessieren oder sich mit ihr nicht auseinandersetzen sollte, nur soll deutlich werden: Politik ist keine Ausnahme, keine Neuigkeit; sie ist viel eher eine Floskel, gewiss, keine schlechte, aber auch keine relevante. Das Besprechen von ihr wiederholt sich ins Unendliche, sowie sie selbst. Die Politik arbeitet über sehr lange Zeit mit denselben Problemen, sie schwankt zwischen kleinen Nuancen und kleinen Unterschieden. Politik ist in diesem Sinne zum großen Teil Konjunktur: Dies Jahr schwarz, nächstes rot, dieses Bundesland schwarz, nächstes rot. Jede Konjunktur ist sehr wichtig, aber sie ist nicht relevant, sie ändert sich nur um wieder sich dem Ausgangspunkt zuzuwenden. Vielleicht wird sich über lange Zeit etwas Grundsätzliches geändert haben, aber dann nicht wegen der Konjunktur sonder wegen der Entwicklung. Vieles hat sich in Deutschland seit dem Mauerfall geändert, aber in gewisser Hinsicht auch nichts. Die Änderungen, die stattgefunden haben, schienen kleine und vorhersehbare gewesen zu sein. Nicht die gegenwärtige Politik ist relevant, sondern alles das, was zu ihr geführt hat und was sich in ihr verbirgt. Anders gesagt: Richtig relevant ist die nächste Wahl nicht, sie wird in vielerlei Hinsicht genauso wenig verändern wie die letzte; relevant ist, wie es dazu kam, dass Wahlen heute so sind wie sie sind und wie man diese Art von Politik rechtfertigen und kritisieren kann. D.h. relevant ist nicht, ob schwarz oder rot dran ist, sondern das System, in dem sich schwarz und rot hin und her bewegen.
Diese Argumentation ist ein performativer Beweis für die Floskelhaftigkeit der Relevanz. Sie folgt einer sehr ordinären Figur der Verschiebung der Lokalisierung der Relevanz von der unmittelbaren Tätigkeit zu der Struktur, in der diese sich organisiert. Beides jedoch ist irrelevant: die einzelne Tätigkeit und die allgemeiner Struktur. Das was relevant ist die Art und Weise wie wir uns zu diesen verhalten. Die Formen, in denen diese Reflexion sich vollzieht, sind die entscheidende Instanz, denn sie gestalten unsere Selbstverhältnisse und die Gemeinschaftsverhältnisse, die letztendlich unsere Subjektivierung bestimmen. Relevant ist also nicht so sehr das, was in der Öffentlichkeit gesagt wird, auch nicht die Öffentlichkeit als Struktur, sondern die Weise wie wir uns zu Öffentlichkeit verhalten: Was sind unsere Vorstellungen und Redeweisen über diese und wie etablieren sie sich? Was ist der Diskurs?
Schon wieder strahlt die Floskelhaftigkeit der Relevanz in ihrer ganzen Fülle: Wir bewegen uns weiter, verfolgen die Relevanz von der einen Stelle zur anderen und die floskelhaften Argumenten langweilen uns zwar, aber, ach, sie sind gut. Dass Relevanz eine Inszenierung ist, scheint mir durch meine zwei argumentativen Performances wenigstens eine gewisse Plausibilität gekriegt zu haben. Etwas ist nicht relevant, sondern wir inszenieren es als relevant bzw. es ist relevant, weil wir es als solches inszenieren. Das ist kein großartig erstaunliches Ergebnis und auf jeden Fall nicht mein Verdienst. Das macht die Relevanz auch nicht weniger wichtig, aber es zeigt eines: Die Relevanz und ihre Inszenierung (in einem Blog z.B.) sind irrelevant und zwar weil sie eine Frage der Aufmerksamkeit sind und nicht eine der Sache selbst. Ein Blog ist „relevant“, wenn er viel Aufmerksamkeit kriegt. Seine Relevanz liegt darin, dass Leute daran Interesse haben. Zur Sache selbst ist damit nichts gesagt, d.h. für die Sache als solche ist die Relevanz irrelevant, denn sie benennt nur die Aufmerksamkeit auf die Sache. Z. B. könnte jener deutsche klassische Philosoph, der mir in meinem Frage-Antwort-Spiel zustimmen würde, Folgendes sagen: Die Ethik ist nicht „relevant“, sie ist eine Forderung und sie ist das Wichtigste überhaupt. Eben Relevanz verfehlt das Wesen der Ethik: Ihre Form ist grundsätzlich nicht diejenige der Relevanz, sondern die der Forderung.
Ich habe meine „Sache“ halbherzig in den Kontext eines Quiz’ gestellt. Quiz ist immer „relevant.“ Das Gewinnspiel ist die Mutter der Aufmerksamkeit, als Politik und als Quiz. Oder besser: Quiz schafft Relevanz – wenn es etwas zu gewinnen gibt, dann ist es relevant die Antwort zu kennen. Diese Inszenierung war eine Ironisierung über das Problem, wie und wann etwas relevant ist. Vor allem hinsichtlich der Frage der Politik oder der öffentlichen Debatte, denn wie kann z.B. eine Diskussion der Ethik in dieser auftreten? Als Quiz? Der Quiz entpolitisiert, er lässt seine Sache harmlos erscheinen, als eine bloße Seminaristenarbeit vielleicht. Ist er eventuell der Rettungswagen dessen, was in der Politik nicht diskutiert wird, z.B. weil es nicht relevant ist? Oder ist er vielmehr der Tod desselben, weil seine Relevanz die Relevanz der Sache sterben lässt?
Auf der Endlosrekursion wurde relativ oft und in vielen Kontexten diskutiert was relevant ist und wie die Endlosrekursion an Relevanz gewinnen kann, d.h. wie sie ein größeres Publikum erreichen kann. Die Bezugnahme zur Gegenwart wurde in dem Zusammenhang immer wieder als notwendig hervorgehoben; mir scheint jedoch nicht die Rezension von Büchern oder Kommentare zu Debatten in den „Medien“ grundsätzlich eine Bezugnahme zur Gegenwart zu sein. Wieder stellt sich die Frage: Wie orientieren wir uns? Wie bestimmen wir unsere Gegenwart? (Wer ist frei?) Die Gegenwart ist tatsächlich eine Endlosrekursion. „Wir machen alles selbst!“ steht in dem Nachlass jenes Philosophen. Wir müssen uns fragen, wie einen Bezug zur Gegenwart geformt sein kann und ob „Relevanz“ überhaupt als Maßstab funktionieren kann. Sind nicht die meisten Rezensionen, Artikel und Kommentare durchaus irrelevant und sogar noch langweilig?
Die Frage wie Philosophie inszeniert werden kann, sollte durch die Inszenierung meiner Zusammenfassung einer Seminaristenarbeit gestellt werden. War es banal? War es uninteressant oder egal? Vielleicht, aber relevant war es auf keinen Fall. Es sollte auch gar nicht relevant sein, sondern im Gegenteil die Relevanz parodieren. Fernsehphilosophen sind m.E. fürchterlich; nicht weil sie im Fernsehen auftreten, sondern weil sie Relevanz in einer so merkwürdigen Art und Weise inszenieren. Sie glauben, sie könnten zu allem etwas sagen. Philosophische Situationen sind aber ganz anderer Art: Sie drücken Inkommensurabilität aus, zwischen Macht und Wahrheit, Ausnahme und Konservativität, Liebe und Tod.
Mein Beitrag war wie gesagt halbherzig und meine Ironie nicht sonderlich interessant, ihre Frage jedoch war relevant: Sollen wir Relevanz inszenieren (mit einem Quiz etwa oder durch Bezugnahme auf die Debatte durch Rezensionen u.ä.) oder können wir Gegenwart anders schaffen? Sie sagte: Es ist in dem Bruch mit der Gegenwart, dass Relevanz entsteht.

Dieser und dein vorhergehender Artikel bestätigen doch einwandfrei deine hier vorgebrachte These, dass Relevanz nicht mit einer ontologischen Wichtigkeit verwechselt werden sollte. Wer würde bestreiten können, ohne sich selbst mindestens in einen performativen Widerspruch zu setzen, dass die Frage nach der Autonomie der Person eine wichtige ist. Aber darum geht es vordergründig nicht, wenn du hier, wir hier Artikel veröffentlichen. Relevanz wird durch Kommentare und Leser konstituiert, stellt man seine Gedanken und sein Geschreibsel einer Öffentlichkeit zu Verfügung. Dann geht es um die Form und den Inhalt, den man auseinander halten muss, auch wenn das hermeneutisch durchaus zweifelhaft zu handhaben ist. Aber es ist wichtig, um als Autor an sich arbeiten zu können, ob man inhaltlich kritisiert wird oder ob dem Leser die Form des Veröffentlichens nicht gefällt. Nur so kann man reagieren, sich verhalten.
Wer Seminararbeiten generell Relevanz abspricht, macht den Fehler, eigenes Interesse zu verallgemeinern. Gefällt es einem nicht, gefällt es anderen vielleicht. Auch bei der Form ist es schwierig zu verallgemeinern. Manche mögen, was und wie wir es hier tun, manche nicht. Daraus lässt sich Relevanz nicht ableiten, weil die Intention nicht bekannt ist.
Aber genau diese bekannt zu machen war schon Thema einiger Artikel hier auf der Endlosrekursion, denn natürlich kann darüber eine Debatte geführt werden. Ich persönlich halte diese Debatte für wichtig. Einige Kommentatoren nicht. Masse schafft vielleicht Relevanz, aber Wichtigkeit ist doch mehr (oder weniger) als ein Mehrheitsvotum.
“Was sollen wir tun?” lässt sich nicht auch ganz funktional fragen und seine Leser in diese Frage mit einzubeziehen, stelle ich hier einfach als die Errungenschaft der personalisierten Medien dar. Wir können uns darüber unterhalten, was relevant ist und müssen es nicht mehr vorgegeben durch Seminarpläne, Nachrichten und Presseerzeugnisse einfach nur annehmen. Wem diese Konzeption nicht gefällt, sei weiterhin auf traditionelle Medien verwiesen, es ist niemand gezwungen am Mitmach-Web teilzunehmen. Aber Web 2.0 heißt für mich nicht, dass mir die Masse diktiert, was und wie ich es zu tun habe. Ich mache mit und schaffe, verändere, gebe etwas, was verändert wird, weiter geschaffen wird.
Feste Zuweisungen, was denn jetzt wichtig ist, bröckeln dahin und werden ersetzt durch Dynamik. Relevanz schaffen wir durch Partizipation und genau dort sehe ich die Endlosrekursion. Eine Plattform, die auch Inhalte aufnimmt, die im Massenhype nicht vorkommen. Vernetzung ist wichtig und sicher unser größtes Defizit, aber uns Relevanz abzusprechen, verfehlt sicherlich sowohl Form, als auch Inhalt.
na, dann lass ich heut mal frühjahrslaunig amüsiert meine messerchen der dekonstruktion stecken und diese rhetorischen heißluftballons unaufgeschlitzt ins wolkige entschweben…
Ja genau, zurück zum Würfelbegriff in Sophies Welt.
Wie wäre es wenn du abc`s Texten mal etwas Inhaltliches entgegenstellst und nicht nur abfällige Kommentare ablässt die du dir, wenn ich mir die Beiträge deiner Homepage ansehe, wahrlich nicht leisten kannst. Wenn du so klug bist lass uns an den Quellen deiner Weisheit teilhaben und “belehre” uns oder ist das Messer der Dekonstruktion vielleicht doch nur ein Plastiklöffel mit dem sich “philosphischer” Brei besser schlürfen lässt? Wurstphilosophie! Mit den dritten Zähnen des Intellekts muss man bestimmt zu allem Übel noch die Pelle von der Wurst ziehen, wie mühselig. Ein Leser ohne Biss, ohne Zähne, ohne den Willen etwas durchzukauen, ein philosphischer Wiederkäuer der glaubt Fertigware würde frischer weil “Autoritäten” der Wissenschaftsgeschichte auf der Konservendose kleben.
Wie auch immer, bisher wurdest du von abc inhaltlich wie auch rhetorsich “geOWNED”.
Eine Dekonstruktion meines Textes ist zweifelsohne gefordert und notwendig, zumal er selbst sich als dekonstruktiver Text präsentiert, was m.E. an Formulierungen wie „Irrelevanz der Relevanz“ und „Gegenwart durch den Bruch mit Gegenwart“ deutlich wird (und von einem Kenner der Dekonstruktion bestimmt auch als solche erkannt worden sind. Deshalb sehe ich oxnzeams Kommentar auch eher als eine Ironie). Eine dekonstruktive Schrift jedoch beansprucht nicht die Tradition als solche zu verwerfen oder destruieren, sondern im Gegenteil diese ernst zu nehmen, indem sie mit dem eigenen Anspruch der Tradition an sie herangeht und sie dekonstruktiv liest, d.h. sie destabilisiert. Deshalb sind, obzwar die Dekonstruktion selbst nicht dekonstruierbar ist, die Texte derselben es sehr wohl, wenn es auch eine große Herausforderung darstellt einen schon dekonstruktiven Text zu dekonstruieren (auch in diesem Sinne scheint oxnzeam zu ironisieren, indem er eine Dekonstruktion ankündigt, ohne jedoch diese zu vollziehen; ist dies vielleicht ein Hinweis auf Derridas Formulierung, dass die Dekonstruktion oder die Gerechtigkeit (nach Derrida dasselbe) immer „im Kommen“ ist?).
fein gesprochen, abc, und wenn noch fleisch am knochen gammelt, kann es schon sehr vergnüglich sein, “einen schon dekonstruktiven Text zu dekonstruieren”, da auch der noch meist in konnotationen zuckt, die bis auf ihre semantischen entitäten abgenagt werden können. papa derrida muss beim schlachten gar nicht dabei sein, weil wir ja aus der dann erreichten ontologischen irrelevanz dieser singularitäten via wittgenstein, chomsky und der restlichen linguistenfraternität quasi rückwärts konstruktivistisch zu einer erkenntnistheoretischen und gegenwartsbezogenen neugenese von text-sinn kommen wollen ;-)
des machma mal, wenns draußn regnt und wennma nix anders zum knabbern haben…