Wer ist frei?

Geschrieben am 17. Mai 2008 von Abc in Leben.

Ich weiß nicht recht, wie ich die Einleitung zu diesem kompakten Beitrag (ich verspreche es, er ist nicht lang) „spannend“ machen soll ohne auf Floskeln zu rekurrieren; damit soll nicht, oh nein, gesagt werden, dass Floskeln a priori zu verurteilen sind, aber sie wecken bei klugen Lesern selten Interesse. Ich habe mich deshalb entschlossen stattdessen die Eitelkeit der klugen Leser anzusprechen und ein Quiz aus dem Ganzen zu machen: Frage (1) Wer von den klassischen deutschen Philosophen würde mir bei folgendem Frage-Antwort-Spiel zustimmen? Frage (2) Haben wir Recht?
Zum Gewinnen gibt es symbolisches Kapital.

Fragen: Gibt es eine ethische Forderung? Gibt es Freiheit?
Antwort: Wenn wir uns selbst als handelnd begreifen, gehen wir davon aus, dass wir die Wirkungen unseres Wollens und unser Wollen selbst bestimmen können. Dass wir diese Fähigkeit zur Selbstbestimmung haben, ist zunächst eine Annahme, die wir machen. Diese Annahme ist aber nicht nur eine, die wir in einer theoretischen Reflexion sprachlich formulieren könnten, sondern es ist vielmehr eine Idee, unter der wir tatsächlich handeln: In unserem Sprechen und Tun verhalten wir uns so, als würden wir für unsere Rede und Handlung zuschreibungsfähig sein. Wir nehmen also, explizit oder implizit, in unserem Handeln die Fähigkeit zur Selbstbestimmung bzw. Autonomie in Anspruch. Diese Inanspruchnahme enthält eine Forderung, denn es ist nicht sichergestellt, dass wir tatsächlich autonom handeln, d.h. wenn wir in Anspruch nehmen frei zu handeln, wird gefordert, dass wir dies auch tatsächlich tun sollen: Tun wir es nicht, geraten wir in einen Widerspruch mit uns selbst. Diese Forderung ist uns unmittelbar bewusst, denn sie ist in gewisser Weise unsere eigene Forderung. Dies heißt jedoch nicht, dass wir diese Forderung wählen, denn wir nehmen immer schon Autonomie in Anspruch und diese Inanspruchnahme ist keine, die man nach Belieben machen und lassen kann: Wenn wir versuchen würden sie zu lassen, dann würden wir mit dieser Unterlassung selbst Begriffe in Anspruch nehmen, wie Zuschreibungsfähigkeit und Autorenschaft der Handlung (d.h. der Unterlassung). Somit ist der Versuch die Autonomie „abzuwählen“ eine aktive und willentliche Negation, die nur durch die Inanspruchnahme der Autonomie selbst sinnvoll sein kann: Ein solches Abwählen ist deshalb nicht möglich.
Praktisch gesehen ist die Forderung frei zu handeln dem Handelnden unmittelbar bewusst. Sie steht ihm, sobald er sich als handelnd begreift, zur Verfügung; denn sich als handelnd zu begreifen heißt eben, sich unter dieser Forderung, die ich als die ethische Forderung bezeichnen möchte, gestellt zu wissen. In der Konfrontation mit der ethischen Forderung etabliert sich für den Handelnden einen Selbstbezug, nämlich die Reflexion über das eigene Handeln hinsichtlich der Frage, ob man der ethischen Forderung entsprechend handelt. Die Konfrontation mit der ethischen Forderung ist somit zugleich die Ermöglichung, dieser entsprechend zu handeln, denn durch den Selbstbezug, in dem das eigene Handeln reflektiert werden kann, wird die Möglichkeit das eigene Handeln zu bestimmen erschaffen: Wenn der Handelnde überlegen kann, wie er handeln soll, dann kann er dieses Handeln auch bestimmen. Durch diese Figur wird die Selbstbestimmung möglich. Damit ist klar geworden, dass Selbstbestimmung, d.h. Freiheit, eine Konstruktion ist: Indem wir Autonomie in Anspruch nehmen, werden wir mit der Forderung autonom zu handeln konfrontiert. Durch diese Konfrontation mit einer unbedingten ethischen Forderung eröffnet sich die Möglichkeit, vermöge des darin etablierten Selbstbezugs, dieser Forderung entsprechend zu handeln. Dieses Handeln, das der ethischen Forderung entspricht, ist ein autonomes, d.h. freies Handeln. Kurz gesagt: Die Idee der Freiheit genügt um Freiheit zu verwirklichen. Damit ist Freiheit nichts Gegebenes: Es gibt die Freiheit nur, wenn wir unter der Idee der Freiheit handeln; es gibt die Verantwortung nur, wenn wir sie übernehmen.

Wenn man also den Gedanken einer ethischen Forderung fassen kann, dann ist dies eine Explikation des eigenen Freiheitsvermögens. In diesem Sinne ist die ethische Forderung der Beweis des Freiheitsvermögens wenn auch nicht die Begründung desselben. Die Begründung ist die Fähigkeit zum Selbstbezug, der in dieser Forderung ausgedrückt ist und der die Inanspruchnahme der Freiheit erklärt.

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