Das Glaubensbekenntnis als Versuch

Du dachtest ein Atheist könne nicht über Gott reden und nichts zur Theologie beitragen? Ich bin einer und tue es jetzt trotzdem. Bitte schön: Eine kleine Reflexion zum Credo im religiösen Vollzug.

Die Ausfassung vom Glaubensbekenntnis als Versprechen ist problematisch

Das Glaubensbekenntnis zu sprechen ist, wie Sprechen überhaupt, eine Handlung. Die Frage danach, was für eine Handlung es ist bzw. was wir tun, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, hat sicherlich viele Antworten. Diese vielen Antworten deuten darauf hin, dass die Frage danach was wir tun, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, auch eine Frage danach ist, was wir tun wollen, wenn wir es sprechen.
Ich möchte in diesem Essay probieren, das Glaubensbekenntnis als einen Versuch zu verstehen, es als einen »Essai« zu interpretieren. Diese Interpretation ist ebenfalls ein Versuch bzw. ein Vorschlag und beansprucht deshalb nicht in irgendeinem Sinne wahr, richtig oder streng wissenschaftlich zu sein, sondern beansprucht lediglich, sinnvoll und interessant zu sein.


Es ist leicht, das Glaubensbekenntnis als ein Versprechen oder einen »Beweis« zu verstehen. Man zeige, dass man gläubig sei, in dem man das Glaubensbekenntnis spreche. Pannenberg macht uns auf den Zusammenhang zwischen der Taufe und dem Glaubensbekenntnis aufmerksam: man muss den mündlichen »Beweis«, das Glaubensbekenntnis, für den Glauben bringen, damit man richtig getauft werden kann. Aber da es sich eben um einen mündlichen »Beweis« handelt, funktioniert es eher als ein Versprechen. Diese Versprechensfigur wird durch das früher praktizierte Frage-Antwort-Ritual noch deutlicher: Glaubst du an Gott? Ja, ich glaube an Gott. Man bekenne nicht nur seinen Glauben, sondern man verspreche, dass man glaube.
Das Glaubensbekenntnis zu sprechen enthält also dieser Auffassung nach eine Art Verpflichtung. Nicht nur in dem Sinne, dass man verpflichtet ist, an Gott zu glauben, wenn man es gesprochen hat, sondern auch in dem Sinne, dass man es nicht sprechen sollte, wenn man »es nicht meint«, d.h. wenn man nicht wirklich glaubt.
Ich möchte von dieser Auffassung aus mehreren Gründen wegkommen. Erstens meine ich, dass sie dem menschlichen Vertrauen in Gott eine zu zentrale Stellung im Glauben verleiht. Zweitens sehe ich in ihr eine problematische Vorstellung von einem »Zugang zu Gott« und drittens scheint mir der Gedanke von der »Christenheit« bzw. der Verbindung aller Christen, wie man ihn beispielsweise bei Pannenberg findet, fraglich (Pannenberg, Wolfhart: Das Glaubensbekenntnis ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart. (Siebenstern-Taschenbuch 165), Hamburg 1972. (Zit. Pannenberg 1972) S. 22). Folgendes Kapitel behandelt diese drei Punkte und soll die Alternative erklären.

Das Vertrauen des Menschen in Gott oder das Vertrauen Gottes in den Menschen?

Pannenberg arbeitet mit einer bestimmten, nicht uninteressanten Anthropologie, die besagt, dass der Mensch so auf Vertrauen angewiesen sei, dass er ein Unbestimmtes brauche, in das er ein »tieferes unbedingtes Vertrauen« bzw. »Urvertrauen« (Pannenberg 1972, S. 12-13) haben könne. Dieses Unbestimmte könne als Bestimmtes Gott sein.
Dass der Mensch grundsätzlich ohne Vertrauen in Personen oder Verhältnisse nicht leben kann, ist allein aus dem Grund plausibel, dass der Mensch die Zukunft nicht voraussehen kann und deshalb darauf angewiesen ist zu glauben, dass seine Handlungen und Bemühungen Folgen haben. Aber noch wichtiger ist, dass der Mensch mit anderen Menschen nicht leben kann, ohne Vertrauen in sie zu haben. Schon eine Anrede, egal ob liebevoll oder vorwurfsvoll, enthält das Vertrauen in den Anderen, das der Andere zuhört und reagiert. Mir scheint jedoch, dass das lebensnotwendige Vertrauen des Menschen nicht »ins Unbestimmte« (Pannenberg 1972, S. 11) übergehen muss; das Vertrauen zwischen mir und dem Nächsten ist alles, was ich brauche. Ich glaube sogar, dass dies eine zentrale christliche Handlung und Botschaft ist: Ich habe, trotz der wirklichen Ungewissheit, unbedingtes Vertrauen in den Nächsten. Das Schöne ist eben, dass der Mensch in diesem Vertrauen etwas Außerordentliches tut: er hat in den Nächsten Vertrauen, egal was geschieht. Gott zu vertrauen ist keine Leistung, wenn man von seiner Existenz überzeugt ist. Außer dem Vertrauen in den Nächsten gibt es, wie ich meine, kein tieferes (richtigeres?) Urvertrauen. Man mag das Vertrauen in den Nächsten göttlich nennen, aber »ins Unbestimmte« geht es nicht. Es ist gegenwärtig und konkret wie sonst nichts. Der Mensch braucht in diesem Sinne nicht Gott. Der Mensch kann problemlos ohne an Gott zu glauben leben. Dass Gott Mensch wurde, zeugt nicht vom Vertrauen des Menschen in Gott, sondern vom Vertrauen Gottes in den Menschen.
Man möchte fragen, worin man Gott vertrauen soll. Dass das Ganze doch einen Sinn hat? Dass die Geschichte trotz allem ein gutes Ziel hat? Diese Auffassung scheint, spätestens seit dem Holocaust, ernstlich in Frage gestellt zu sein. Der Glaube als Vertrauen in die Rettung oder Erlösung durch Gott bleibt von der Existenzfrage nach Gott, Pannenbergs »Fürwahrhalten«, abhängig und enthält demnach eine Vorstellung von einem Zugang oder Kontakt zu Gott, den einige haben (die Gläubigen oder die Christen) und andere nicht. Dieser Zugang wird durch das Entweder-Oder »glaubst du oder nicht? Ja oder Nein?« etabliert. Dieses Entweder-Oder ist sowohl wegen des besonderen Zugangs zu Gott und die damit folgende Unterscheidung der Menschen als auch wegen der Unmöglichkeit einer Antwort ungerecht. Wenn Glaube prinzipiell von Zweifel nicht befreit werden kann, wie soll man dann sagen können, ob man wirklich glaubt? Ich möchte das Sprechen des Glaubensbekenntnisses nicht als einen besonderen Kontakt oder Zugang zu Gott (durch Glaube im Vollzug), sondern als unabhängig von der Existenzfrage nach Gott (als Voraussetzung vom Kontakt und Zugang) verstehen.
Dass Gott Mensch wurde, zeugt, wie gesagt, nicht vom Vertrauen des Menschen in Gott, sondern vom Vertrauen Gottes in den Menschen. Das Vertrauen Gottes in den Menschen ist die Gabe der Freiheit. Warum? Der Tod Jesu bedeutet nicht, dass Jesus die Sünden aller Menschen auf sich nahm, dass Gott den Preis für unsere Sünden bezahlte: an wen sollte er bezahlen? Die Teilnahme Jesu an der menschlichen Geschichte hat eine noch radikalere Bedeutung. Es geht dabei nicht um eine Intervention oder einen Eingriff. Der Tod Jesu ist eher der Tod Gottes als »allmächtiger Weltherrscher«. Gott gibt den Menschen ihre Freiheit, es steht ihnen zu, was geschehen soll. Diese Freiheit macht die Vergebung der Sünden als solche überhaupt möglich (wem und was sollte man vergeben, wenn es keine Freiheit gäbe?) und sie macht ein Vertrauen in den Nächsten, in den Menschen, möglich.
Wenn man sich vorstellt, dass Gott der Grund dieser Freiheit ist, dann liebt man vielleicht Gott. Dieser Gedanke ermöglicht es zu sagen, dass man Gott liebe, ohne dazu Stellung zu nehmen, ob er existiert. Diese Liebe zu Gott gibt einem die Lust, an Gott zu glauben und vielleicht versucht man es demnach. Die Frage, ob man an Gott glaubt, verliert dadurch ihre Wichtigkeit, weil die einfache Antwort, dass man es versucht, weil man ihn liebt, das Entweder-Oder »glaubst du oder nicht?« sinnlos macht. Der Glaube als Zustand muss gleichzeitig ein Zustand des Zweifels sein, sonst wird der Glaube Einbildung. Dieser Zustand von Glaube und Zweifel kann also als der Versuch gedacht werden, aus Liebe an Gott zu glauben. Dieser Zustand findet in so fern keine Ruhe, als der Versuch immer ein Versuch bleibt, weil der Zweifel nie verschwinden kann.
Der Glaube muss meines Erachtens einen anderen Fokus finden als das Vertrauen in Gott und das Vertrauen in Gott muss anders verstanden werden. Vielleicht als ein Vertrauen in den Nächsten und sich selbst, im Sinne vom Glauben daran, dass wir gut sein können: Egal wie der Nächste handelt, glaube ich daran, dass er gut sein kann, dass er sich ändern kann, d.h. dass er frei ist. Deshalb verzeihe ich ihm, statt ihn zu verurteilen und habe mit ihm Mitleid, statt ihn zu hassen. Das Vertrauen in den Nächsten und die Liebe zu ihm sind somit durch den Glauben an seine Freiheit möglich.
Das Glaubensbekenntnis zu sprechen, verstehe ich deshalb nicht als ein Versprechen, sondern als eine Liebeserklärung, mit der wir versuchen an Gott zu glauben. In diesem Versuch reihen wir uns nicht in die »Gemeinschaft der ganzen Christenheit« (Pannenberg 1972, S. 22) ein, um uns dadurch von »den Anderen« abzugrenzen (»Selbstidentifikation«), denn das Entweder-Oder des Glaubens ist verschwunden und die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen dadurch ungültig. Der Gläubige ist sozusagen ein Atheist, der Gott liebt; und spricht er das Glaubensbekenntnis, dann ist es keine Bekräftigung seines Glaubens sondern ein ewiger Versuch ihn zurück zu gewinnen, obwohl er ihn nie hatte. Der Glaube ist also weder in einem Fürwahrhalten und Vertrauen (Pannenberg 1972, S. 14) noch in einer Entscheidung (Pannenberg 1972, S. 18) begründet, sondern in einem Versuch, aus Liebe zu Gott und damit zum Nächsten an Gott zu glauben, obwohl man Atheist ist.

Abc Kategorie: Kultur Dienstag, der 13. Mai 2008
Schon 2 Kommentare »
  1. soeren onez (Webseite)

    Dass der Gedanke interessanter ist, als ich nach erstem Lesen zugeben wollte, will ich gerne zu Beginn schreiben und das nachdrücklich. Ich hoffe, dass dies nicht untergeht in der folgenden Kritik. Ich denke sogar, dass du den Ansatz stärker ansetzen könntest als du in deiner Einleitung verlautbarst. Eine von dir und auch von mir vermutete Notwendigkeit ist es, aus dem Vertrauen dem anderen gegenüber (wie soll man sich selbst sonst Ernst nehmen?), auf die Beziehung zu sich selbst als handelndes Subjekt schließen zu können. Doch warum beziehst du das gerade auf “Gott”, wenn du doch selbst schreibst, dass wir Gott dafür eigentlich gar nicht brauchen. Dieses Vertrauen zu rechtfertigen zeigst du doch auf recht eindrucksvolle Art und Weise, geht auch ohne über dass hinaus zu gehen, was wir noch rechtfertigen können.

    Mir scheint es, dass Gott als Notnagel des Wissens nicht mehr gebraucht wird, was ihn zwar noch nicht in die Mottenkiste verbannt, aber doch weniger umfassend macht. Warum ihn also wieder daraus herauszaubern, nur weil es vielleicht keinen Widerspruch hervorruft und einer gewissen Eleganz auch nicht entbirgt. Aber wenn ich das mal runterbrechen darf und dich nicht missverstanden habe, dann hast du gezeigt, dass Vertrauen zu rechtfertigen ist und fügst dann noch mit Hilfe einer Disjunktion Gott mit an, was den Satz nicht weniger wahr macht, aber eben auch keinen weiteren Erkenntnisgewinn bereithält. Oder?

  2. Abc (Webseite)

    Ich muss zugestehen, dass ich deinen Kommentar nicht ganz verstehe – akustisch, wollte ich fast hinzufügen, aber das trifft die Form nicht ganz, vielleicht die gedankliche Akustik.
    Ich versuche jetzt trotzdem etwas zu sagen; ob es bei dir ankommt, am anderen Ende der Kathedrale, wird sich dann zeigen; möglicherweise geht es gar nicht darum zu kommunizieren, sondern eher um das Echo möglicher Zeichen, das sich wiederholt und verschiebt. Um Erkenntnisgewinn geht es bei meinem Text jedenfalls nicht. Deshalb die Bemerkungen am Anfang, die vielleicht wie eine Rücksicherung schienen, die aber dazu dienen sollten, den Vorschlagscharakter des Essays hervorzuheben. Man könnte sagen, dass der ganze Ansatz eben der Versuch war, die Rede über Gott von der Frage eines Erkenntnisgewinns zu trennen. Dass Gott nicht notwendig ist und der Glaube genauso wenig, ist ein wichtiger Aspekt der Argumentation: Nicht aus Erkenntnis soll man an Gott glauben, sondern aus Liebe. Auch das Vertrauen soll nicht den Glauben begründen, sondern die Begeisterung über die Freiheit, die dieses ermöglicht. Übrigens ermöglicht die Freiheit ebenso das Misstrauen; die Bedingung der Möglichkeit des Vertrauens ist das Misstrauen, so paradox das auch klingen mag. Es gibt nichts zu vertrauen, wenn wir versichert sind. Nur unter der Bedingung, dass es sein könnte, dass der Andere uns verrät, ist es möglich in ihn Vertrauen zu haben. Dieser Komplex dreht sich um die Freiheit.
    Die Idee ist diese: Vielleicht ist Gott die Geschichte von der Gabe der Freiheit. Die Liebe zu Gott käme dann daher, dass man die Freiheit liebt, was wiederum heißt, den Nächsten zu lieben. Man kommt ohne Gott problemlos aus, aber versteht man Gott wie eben beschrieben, dann hat man vielleicht einen Grund Gott zu lieben. Diese Liebe ist der Anlass zum Glauben. Der Glaube jedoch bleibt ein Versuch und der Gläubige bleibt in diesem deshalb ein Atheist; ein Atheist, der versucht zu glauben Sowie dass die Freiheit nicht darin besteht, frei zu sein, sondern darin, zu versuchen, frei zu sein.
    Die Geschichte von der Gabe der Freiheit muss man nicht erzählen. Auch ohne sie kannst du versuchen frei zu sein und den Nächsten zu lieben. Wenn du aber diese Geschichte hörst, wenn du sie schön findest, weil es phantastisch ist, frei zu sein, dann kannst du versuchen an Gott zu glauben. Ist es jetzt verständlicher geworden? Vielleicht.

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