Konklusion zu Foucaults Argument
Dieser Beitrag ist der letzte Teil eines Artikels in drei Teilen.
Mit dieser Rekonstruktion ist es möglich den Begriff der Macht argumentativ einzuordnen. Man sieht, dass er ganz am Anfang der Methodenbegründung steht. Damit wird es verständlich, warum er eine so wichtige Rolle spielt: Untersucht man was im Hinblick auf das Subjekt vorausgesetzt werden darf, dann bleiben nur die Macht und die Historie übrig. Die Wissenschaften untersuchen keine unmittelbare Empirie, die im ontologischen Sinne in ihrer Bestimmung einfach vorhanden ist. Wählt man eine Wissenschaft, sei es die Biologie, die Physik oder die Soziologie, bestimmt man als Mensch eine Empirie. Diese Bestimmung der Empirie erfolgt aus den Zwecken, die der Mensch mit seiner Wissenschaft verfolgt. Diese Zwecke sind wiederum vom Willen des Menschen bestimmt. Die Bewegung vom Wissen hin zum Willen in der Foucaultschen Untersuchung des Subjekts erfolgt aus dieser Einsicht in die Zweckgebundenheit der Wissenschaften. Die Historie ist die Empirie, wie sie von der Foucaultschen Untersuchung bestimmt wird.
Nun stellt sich aber eine höchst wichtige Frage: Scheint diese Argumentation nicht anzudeuten, dass die Foucaultsche Untersuchung den Anspruch hat, selbst zweckfrei zu sein? Die Begründung war doch, dass weil die Wissenschaften vom Willen abhängen und in diesem Sinne nicht frei sind, wir den Willen, und das heißt die Macht, untersuchen müssen. Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil sie letztendlich auf die Frage nach dem Wahrheitsanspruch der Foucaultschen Untersuchung hinausläuft. In welchem Sinne ist Foucaults Antwort auf die Frage nach dem Subjekt wahr? Was sind seine Wahrheitskriterien?
Entscheidend scheint auf jeden Fall die Unabhängigkeit der Untersuchung von der Macht zu sein. Obwohl Foucault immer wieder darauf hinweist, dass Bewegungen, die sich gegen einen etablierten Machmechanismus richten, selbst eine Macht darstellen, scheint er seine eigene Rede dadurch zweckfrei machen zu wollen, dass diese die Machtmechanismen selbst bespricht. Wenn das der Fall ist, ist die Gefahr groß, dass die Untersuchung auf eine Metaphysik hinausläuft: Foucault beschreibt das Subjekt wie es in Wirklichkeit ist, unabhängig vom ihm als „Wissenschaftler“. Vielleicht ist das die Kritik von Derrida. Eine Lösung wäre möglicherweise in der Deleuzeschen Interpretation von Foucault zu finden. Sicher ist aber, dass es ganz entscheidend ist diese Fragen zu klären um Foucaults begriffliche Praxis in seinen Bedingungen und Argumenten darzulegen und eine Beurteilung seiner Arbeit zu ermöglichen.
Aus der Perspektive der Rekonstruktion des Machbegriffes scheint ein weiterer Punkt verständlich geworden zu sein, nämlich wie der handlungstheoretische Aspekt der Macht zu begreifen ist. Macht ist nicht „überall“ wegen der handlungstheoretischen Bestimmung, sondern die handlungstheoretische Bestimmung folgt aus der Analyse des Begriffes des Willens und des Verhältnisses zwischen Wissen und Willen. Weil der Wille im Verhältnis zum Wissen primär ist und der Wille mit dem Begriff der Macht verständlich gemacht werden kann, muss das menschliche Handeln in machtpraktischen Termini beschrieben werden.
Des Weiteren sind die Stellung und Bedeutung der Freiheit bei Foucault durch die Rekonstruktion in einigen Aspekten begreifbar geworden. Der Begriff der Macht wurde über den Begriff des Kräfteverhältnisses eingeführt. Der Machtmechanismus wurde eingeführt als die Wirkweise und Wirkungen eines Kräfteverhältnisses und ist deswegen als einem Kräfteverhältnis, d.h. einer bestimmten sozialen Struktur, implizit zu verstehen. Wenn man nun fragt, wie man ein Machtverhältnis und dessen Mechanismus verändern kann, sieht man, dass es auf die Form des Kräfteverhältnisses, d.h. die Organisation des sozialen Netzwerkes ankommt. Diese Organisation ist aber nichts Weiteres als unsere eigenen Verhältnisse zueinander und uns selbst. Wenn man also mit machtpraktischen Termini auf die Frage nach dem Subjekt antwortet, sagt man: wir sind, was wir sind, wegen der Verhältnisse, die wir zueinander und uns selbst haben. Der Machtmechanismus und seine Wirkungen sind in diesem Sinne unsere eigene Konstruktion. Dies hat zur Folge, dass sich der Machtmechanismus und seine Wirkungen verändern würden, wenn wir unsere Selbstverhältnisse und Gemeinschaftsverhältnisse (die Verhältnisse zueinander) verändern würden. Unsere Freiheit besteht in der Möglichkeit dies zu tun ((Vgl. folgende drei Zitate aus einem Interview aus 1982: „In my books I have really tried to analyze changes, not in order to find the material causes but to show all the factors that interacted and the reactions of people. I believe in the freedom of people.“ (Herv. LPM) Und: „My role – and that is too emphatic a word – is to show people that they are much freer than they feel, that people accept as truth, as evidence, some themes which have been built up at a certain moment during history, and that this so-called evidence can be criticized and destroyed. To change something in the minds of people – that’s the role of an intellectual.“ (Herv. LPM) Und: „What I am afraid of about humanism is that it presents a certain form of our ethics as a universal model for any kind of freedom. I think that there are more secrets, more possible freedoms, and more inventions in our future than we can imagine in humanism [...]“ (Herv. LPM) Foucault, Michel: Truth, Power, Self: An Interview with Michel Foucault – October 25th, 1982, in: Martin, Luther H. (Hg.): Technologies of the Self: A Seminar with Michel Foucault. London 1988. Seite 9-15.)).
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