Ernst der Geschichte – Melancholie der Gegenwart
Der Artikel stellt einen Kommentar zu Wowiks Überlegungen über Europa dar.
Stellen wir ruhig die grundsätzliche Frage: wozu Europa? Und geben wir einfach, ohne weiteres, die grundsätzliche Antwort: zum ewigen Frieden.
Das Pathos der Untergangsprophezeiungen habe ich immer unverständlich gefunden. Kultur und Geschichte werden vom Propheten umarmt und er dreht seinen Kopf weinend zum Publikum „habt ihr denn nichts gelernt! Habt ihr die Geschichten eurer Großeltern vergessen?“ Ich staune über seine melodramatische Form aber stimme ihm natürlich zu, keine Generation hat jemals von seinen Großeltern genug gelernt. Eben deshalb sollten wir immer aufpassen, wenn wir über die Geschichte reden. Deshalb sollten wir überhaupt aufpassen, wenn wir reden. Aus Respekt vor Kultur und Geschichte bin ich ein vorsichtiger Mensch. Der Prophet dagegen geht wie ein Soldat auf seiner Bühne hysterisch herum und ruft seine Prophezeiungen wie Befehle aus, als ob er versuchen würde, die Welt davon zu überzeugen, sie sei so schlecht, dass wenn sie nicht untergeht, dann sollte sie es. Die Geschichte ist nichts melodramatisches, sondern etwas im eigentlichen Sinne des Wortes tief ernstes (wer glaubt, damit sei gesagt, dass man mit Geschichte humoristisch nicht umgehen darf, hat missverstanden was Ernst und Humor ist. Dieses Missverständnis hat leider zu mancher uninteressanter Kritik an die politische Korrektheit geführt, die ich hier jedoch nicht diskutieren möchte). Aus diesem Grunde fordere ich zur Besonnenheit und gründlichem Umgang mit der Geschichte auf, d.h. überlegte und vernünftige Differenzierungen genau benutzen. Also: unterscheiden wir lieber zwischen Nationalsozialisten und Demokraten. Und schauen wir genau hin: wie ist die Geschichte Europas und wie ist ihre Gegenwart. Denken wir auch so über die Europäische Union nach.
Die EU hat viele Funktionen und Wirkungen. Ich glaube es wäre naiv zu denken, sie seien nicht kritikwürdig. Eine solche Kritik muss die Komplexität und große Vielfalt dieser Funktionen und Wirkungen in Betracht ziehen, wobei eine Kritik der Komplexität an sich schnell auf das Problem stößt, dass jede politische Institution komplex ist und es, wie schon people in motion in dem Ausgangsbeitrag dieser Diskussion bemerkt, ohne Bildung einfach nicht möglich ist solche Institutionen zu verstehen. Bei dem Kommentar von Wowik geht es aber nicht um eine Kritik dieser konkreten Funktionen und Wirkungen sondern um das Programm im Allgemeinen. Der Frieden, der zwischen den europäischen Ländern herrscht ist historisch gesehen völlig außergewöhnlich und nicht zu erwarten; seit Jahrtausenden ist Europa im Krieg, heute ist ein europäischer Krieg unvorstellbar. Die Rolle der EU in diesem neuen Zustand Europas sollte man nicht unterschätzen. Zu behaupten, dass die EU Ursache dieses Friedens sei, wäre unangemessen, sowie es auch falsch wäre die EU lediglich als Symptom eines friedlichen Europas zu verstehen. So einfach ist die Geschichte eben nicht. Aber unabhängig davon wie die EU in eine Ursache-Wirkung-Geschichtsschreibung einzuordnen ist, können wir feststellen, dass sie eine entscheidende Rolle für die Manifestation des gegenwärtigen Friedens und die Weiterentwicklung und Erhaltung desselben hat. In dieser Hinsicht stimme ich wieder dem pathetischen Propheten zu: wir müssen immer erneut die grundsätzliche Frage stellen – wozu Europa? – damit wir die Geschichte und ihre Kriege nicht vergessen und in Folge dessen an den Frieden denken, für dessen Erhaltung die EU wichtig ist. Dies ist der Punkt, den die Untergangspropheten zu übersehen scheinen.
Die Ironie dieser Propheten sollten wir aber nicht unterschätzen. In der Ästhetik ihres Pathos und ihrer Sozialität gehen sie selber unter, die Geschichte zitierend. Sie sagen uns nichts und alles: „die Vergänglichkeit ist unausweichlich.“ Aber dieser spottenden Aussage einer Warnung, die schon immer mit dem Untergang ironisch verknüpft ist (wer warnt, wenn der Untergang schon da ist?), fehlt die Melancholie des ruhigen memento mori, die Erinnerung an den Tod, die das eigentlich Dramatische des Lebens ausspricht. Diese Dramatik ist keine pathetische sondern eine ernste, die im Unterschied zur Untergangsästhetik nicht die Vergänglichkeit als das Ereignis der Gegenwart betrachtet (die Gegenwart ist immer so arrogant), sondern als eine schon immer vorhandene. Deshalb ist sie dramatisch und nicht melodramatisch: sie braucht nicht die prätentiöse Gegenwartsinszenierung des weinenden Propheten, sondern begnügt sich mit dem melancholischen Blick. Dieser Blick trauert im Gegensatz zum Untergangspropheten, weil er immer noch frei ist und diese Freiheit ausüben muss. Es ist seine Liebe zum Menschen, die seine Melancholie hervorruft; er will den Frieden trotzt des Todes.
Die Idee eines friedlichen Europas ist kein Einfall eines postmodernen Demokrats, sondern ist ein alter Gedanke, der in europäischen Kulturen schon lange zu finden ist. Mit Kulturen meine ich, im Unterschied zu Wowik, eben nicht Nationalkulturen, sondern sowohl geographische als auch kosmopolitische Kulturen. Traditionen die sich eben nicht als unerträglich mit anderen Kulturen verstehen wollten. Der Gedanke einer Kultur, die sich nicht mit anderen Kulturen verträgt, ist ein nationalsozialistischer Gedanke und dem wollen wir nicht Recht geben. Das Nachdenken über die Idee eines friedlichen Europas hat sich aber aus gutem Grunde durchaus geändert und eben deshalb ist der postmoderne Mensch sooft Demokrat – nicht weil er die Geschichte seiner Großeltern vergessen, sondern weil er sie noch klar in Erinnerung hat. Dass man hinsichtlich dieser Idee nicht auskommt ohne die Autorität, ihre Legitimation und Organisation zu diskutieren, ist wahr. Aber das ist doch eben die Diskussion, zu der people in motion aufruft. Diskutieren wir wie diese Institution eingerichtet werden kann, damit sie nicht gefährlich wird. Richten wir sie so ein, dass sie entscheidungsfähig genug ist um den Frieden zu bewahren und entscheidungsunfähig genug ist um einen Krieg zu verursachen. Schaffen wir eine Autorität, die keinen Krieg wollen kann. Schaffen wir eine Autorität, die den Krieg verhindern muss. Was für eine Autorität ist das? Wahrscheinlich eine demokratische und transparente Organisation, die die friedliche Abschaffung eben dieser Eigenschaften nicht duldet, denn eine solche würde selbst die Gefahr eines Krieges beinhalten, d.h. könnte nicht selber ein friedensförderndes Projekt sein. Wir brauchen eine Institution, die weder von einer Minderheit („Aristokratie“) noch von der Mehrheit („Demokratie“) in den Krieg geführt werden kann. Die Mehrheit kann die Würde des Menschen nicht abschaffen und deshalb darf sie die Demokratie auch nicht abschaffen können.


people in motion (Webseite)
Ich fand den Artikel wirklich sehr spannend und freue mich, dass so Wowiks grundsätzliche Mahnungen und Zweifel nicht einfach im Raum stehen geblieben sind. Ich bin selber nicht näher darauf eingegangen, weil ich nicht wollte, dass die Diskussion von den konkreten “Funktonen und Wirkungen” zu sehr ins Allgemeine abdriftet.
Du schreibst in deinem letzten Absatz:
“Der Gedanke einer Kultur, die sich nicht mit anderen Kulturen verträgt, ist ein nationalsozialistischer Gedanke und dem wollen wir nicht Recht geben.”
Hierzu möchte ich ergänzen, dass eine Kultur, die sich dem Einfluss anderer Kulturen verschließt, sich nicht entwickeln wird, ja eine tote Kultur ist. Kulturen leben doch vom Austausch, der ständigen Interaktion unterschiedlichster Menschen. Dieser Gedanke bestätigt sich im Kleinen wie im Großen. Ein Einzelner braucht keine Kultur. Er kann alles seinem eigenen temporären Gutdünken unterwerfen. Erst, wenn er mit anderen zusammentrifft, entsteht aus der Notwendigkeit des miteinander Zurechtkommens ganz automatisch der Anfang einer Kultur.
Im Großen und Ganzen, also der Menschheitsgeschichte, lässt sich beobachten, dass immer wenn zwei oder mehr unterschiedliche kulturelle Strömungen durch geographischen Zusammenprall besonders intensiv in Austausch geraten sind, sich das entwickeln konnte, was man später als eine Hochkultur bezeichnet hat. So wäre die antike griechische Kultur ohne Mykener, Ägypter, Mesopotamier und Perser nicht denkbar. Bezeichnend ist auch, dass seit jeher Hafenstädte, in denen aufgrund der weitreichenden Handelsbeziehungen unterschiedlichste Einflüsse aufeinander treffen, kulturelle Zentren sind.
Kultur davor zu bewahren in Vergessenheit zu geraten, halte ich aus der Sicht des Geschichtsschreibers für vernünftig. Kulturen vor fremden Einflüssen zu bewahren ist hingegen Schwachsinn, denn es verkennt. wie sich eine jede Kultur entwickelt. Gedanken, die auch im Rahmen der europäischen Integration von Bedeutung sind.
Es ist auf jeden Fall ein sehr guter Text von dir. Ich denke, dass sich alle hier Mitlesenden darüber freuen würden, wenn dies nicht dein letzter Artikel bliebe.
Wowik (Webseite)
Ein neuer Autor, das ist erfreulich, und meine Wenigkeit, oder zumindest die Wenigkeit meiner Beiträge, scheint der Anlass des Artikels zu sein, das ist noch erfreulicher. Insgesamt ein guter Text wie ich finde. Anfangs knurrend und Zähne fletschend, sodass ich fast befürchten musste zerfleischt zu werden, letztlich doch nur ein zahmes Kätzchen das die dritten Zähne verloren hat. Dennoch war der Text ansprechend, besonders stilistisch. Wobei, wie gesagt, der erste Teil sehr scharf und klar formuliert war, geradezu analytisch könnte man sagen. Als es jedoch an das Eingemachte ging und der Aufklärung ein Erstschlag hätte folgen müssen, wurde der Rückzug angetreten und vom Pulvermangel an schlagkräftigen Argumenten wurde mit einem Wort- und Metaphernfeuerwerk abgelenkt. Nicht dass ich Wortkunst und Metaphorik nicht zu schätzen wüsste, aber an einigen Stellen fehlte einfach das was mich hätte zu Fall bringen können, es fehlte die Kaltblütigkeit zum Gnadenstoß nach der gelungenen und durchaus niederschmetternden Einleitung. Der erste Satz hätte mir eigentlich schon einiges über den folgenden Text verraten können: „…die grundsätzliche Antwort: zum ewigen Frieden.“ Ich könnte jetzt von Anmaßung sprechen…
Alles in allem ein passabler Text, ich hoffe, da schließe ich mich ganz people in motion an, dass es nicht dein Letzter ist.
Nun denn, meine eigentliche Antwort:
Prophezeiungen? Prophezeiungen wie: „nichts wächst ewig“ oder „alles was Anfängt wird zu Ende gehen“? Nein, auf solche Binsenweisheiten verzichte ich, erstens wäre damit nur gesagt was ohnehin schon jeder weiß und zweitens geht es mir nicht darum Kalendersprüche durch den virtuellen Raum zu werfen.
„Ich staune über seine melodramatische Form aber stimme ihm natürlich zu, keine Generation hat jemals von seinen Großeltern genug gelernt“ Melodramatik? Pathos? Du hast den Zynismus des von dir zitierten Satzes nicht verstanden. Ich bin vielmehr Possenreißer als Dramaturg, wobei wir hier wieder beim Thema Ernst und Humor wären.
Um nicht in eine von dir unerwünschte Diskussion über politische Korrektheit abzugleiten möchte ich sagen, dass ich mich nicht über die Geschichte selbst lustig mache, die Frage nach humoristischem unter ernsthaften Umgang steht egal wie ihre Antwort auch lauten mag also ganz und gar außer Frage. Wirklich lustig finde ich hingegen den Umgang mit Geschichte und die scheinbaren „Lehren“ die man aus ihr zu ziehen glaubt, die Notwendigkeiten die sich anscheinend aus ihr ergeben. Untergang? Da hast du etwas falsch verstanden. Nicht die Welt ist so schlecht, sondern mein Humor ist es, da er scheinbar niemanden zum lachen bringt – außer mich selbst. Wem fehlt nun der Sinn für Humor?
Steht nicht der gute Demokrat mit erhobenem Zeigefinger hinter dem Ungelehrigen, hinter dem Unbelehrbaren und zieht vergangene Schauergeschichten hervor wenn es darum geht die Demokratie nach ihrer Legitimation zu hinterfragen? Wird dann nicht gerne nach Auschwitz verwiesen und kommentiert: Wenn wir nicht der Demokratie huldigen und sie artig pflegen passiert so etwas. Das hat etwas religiös Autoritäres: Wenn du der Gegenwart nicht gehorchst dann wirst du in Zukunft von der Vergangenheit bestraft.
„…unterscheiden wir lieber zwischen Nationalsozialisten und Demokraten.“, ich suche viel lieber nach Gemeinsamkeiten als nach Unterschieden, darin liegt wohl unser – Unterschied.
Es liegt möglicherweise an einem Mangel von „Bildung“ meinerseits, aber den zweiten Abschnitt müsstest du erläutern, denn mir ist nicht klar was dieser zur Frage nach der Rechtfertigung eines vereinten Europas beiträgt.
Frieden kann kein Selbstzweck sein. Krieg ist der Kampf zweier oder mehrere Autoritäten um – Autorität. Deine Vision von demokratischem Frieden ist lediglich der Endsieg der Demokratie über das Individuum, Frieden weil es niemanden mehr gibt gegen den es sich kämpfen ließe. Dein Friedensgedanke ist auf Europa beschränkt, gehaltlos, zu Ende gedacht müsste man diesen demokratischen Frieden auf die globale Ebene erweitern denn ein vereintes Europa garantiert schließlich nur Frieden im vereinten Europa und nicht außerhalb von diesem, geschweige denn einen „ewigen Frieden“. Dein absoluter Frieden funktioniert also nur wenn sich die Autorität gänzlich auf eine Seite verschoben hat, nämlich auf die demokratische. Wenn du den Zweck willst musst du die Mittel wollen. Demokratischer Frieden ist doch nichts anderes als irgendein Frieden. Der Nationalsozialismus ist nicht weniger friedfertig, denn wenn er seine Feinde umgebracht hat – herrscht Frieden. Man kann also jeden Krieg als höchst pazifistischen Akt ansehen, der dauerhafte Frieden ist nichts weiter als ein gewonnener Krieg.
Anders wird es der Demokratie ebenfalls nicht möglich sein die Welt zu befrieden, die Demokratie muss ihre Feinde auslöschen um zu siegen, entweder körperlich oder geistig, denn was ist der schriftliche Diskurs oder die Diskussion mehr als ein Krieg? Ich sehe mich daher zwar durchaus als Soldat, aber nicht auf einer Bühne, sondern auf einem Schlachtfeld und mein Sieg ist – unser Frieden. Wenn du die Demokratie mit dem Ziel des Friedens legitimierst hast du ihr Beliebigkeit attestiert, Frieden schaffen kann auch eine Aristokratie, die Mittel unterscheiden sich möglicherweise geringfügig. Jede Autorität will Krieg weil sie Sieg will, weil sie Autorität haben will, will ich Frieden durch Autorität erzwingen muss ich mir zuvor eine derartige Autorität verschaffen. Ob ich Jemanden töte in dem ich ihn entleibe oder ob ich ihn töte indem ich ihm seine Eigenheit, seine ihm eigene Autorität nehme ist doch nicht entscheidend, entscheidend ist, dass, wenn ich Frieden, wenn ich Konfliktlosigkeit will, ich dafür sorgen muss, dass kein Wille außer dem meinigem existiert, denn wo EIN Wille ist, ist auch EIN Weg… Krieg ist das einzige Mittel zum Frieden.
Untergang ist da? Wann ist er gekommen? Untergang ist kein Zeitpunkt, Untergang ist ein Zeitraum, nie da und immer hier. Ich warne nicht vor dem Untergang, ich zähle, ich hoffe auf ihn und dass er besser spät kommt als gar nicht, die Demokratie verschluckt, und eine Idee ausspuckt die noch glaubwürdig ist. Ich warne nicht, ich sage wahr. Eine Warnung kann doch nur Warnung sein, wenn sie vor etwas warnt das vermeidbar ist. Ich sage nicht ihr müsst dies tun, damit jenes geschieht oder nicht geschieht, sondern ich sage ihr könnt tun was ihr wollt, Untergang geschieht euch sowieso.
Die Tränen in meinen Augen sind keine Tränen der Trauer um eine untergehende Gegenwart sondern Tränen der Freude um eine aufgegangene Vergangenheit und eine aufgehende Zukunft. Soll der Melancholiker sich umblicken und weinen, ich blicke an, auf dass das Angeblickte seine Nichtigkeit, seine Lächerlichkeit entblößt, ich kann aufblicken, während der Melancholiker noch zurückblickt, denn ich blicke ein.
„…er will den Frieden trotzt des Todes“ Ich will Frieden nur im Tod, so wir leben lasst uns Kriegführen. Und ist der Einzelne befriedet durch die Idee, durch das System, durch die Mehrheit, dann ist er gestorben. „Ewiger Frieden“ ist nur im Tod von Dauer. Wie? Du musst wenn du den Zweck willst auch die Mittel wollen. Wie könntest du den Krieg nicht wollen? Dort stirbt es sich doch am leichtesten. Der schnellste Weg zum ewigen Frieden ist der Krieg.
„…und dem wollen wir nicht Recht geben.“ Nein, natürlich nicht, ich kann nur sagen: Argumentatives Schwergewicht. Geadelt sei wer jetzt noch lachen kann.
Die Diskussion zu der people in motion aufgerufen hat ist keine der Legitimation, sondern eine der Gestaltung, gestalten kann ich nur was Gestalt hat, die Frage nach der Legitimation ist nicht das „wie gestalten“ sondern das „wohin stellen“, warum soll ich diese Gestalt über mich stellen? Du scheinst Demokratie als eine Art Metasystem zu betrachten, erhaben über alles, weil sie in sich ja alles zulässt – außer das was ihr widerspricht.
„Die Mehrheit kann die Würde des Menschen nicht abschaffen und deshalb darf sie die Demokratie auch nicht abschaffen können.“ Frage des Tages: Wer führt die Würde ein?
Abc (Webseite)
Das zahme Kätzchen ist m.E. interessanter als das wilde Tier. Nicht weil es macht was man will – so verhält sich eine Katze nie – sondern weil es das Klischee der Authentizität zu vermeiden weiß. Das wilde Tier ist genauso zahm wie das Kätzchen, tritt aber als „authentische Empirie“ auf. Das ist was ich pathetische Selbstinszenierung nenne: daher die Bühne und nicht der Schlachtfeld. Das Kätzchen weiß um seine Zahmheit und kann sich deshalb dazu verhalten. Dieses Selbstverhältnis ermöglicht den Ernst sowohl als auch den Humor. Die Zähne des Löwen sind vielleicht nicht ausgefallen, dafür beißt er sich selbst in der Zunge. Diese Ironie wird sich im Folgenden zeigen.
Wenn man grundsätzlich nach dem Sinn der Europäischen Union fragt, als einer demokratischen (meines Erachtens in keinerlei Hinsicht demokratisch genug) supranationalen Institution, dann ist der Frieden eine gute und gerechtfertigte Antwort. Gut weil dieser Zweck wünschenswert ist, gerechtfertigt weil die EU diesen Zweck tatsächlich verfolgt. Was heißt aber Frieden?
Will man den Zweck, dann will man auch die Mittel, da hast du völlig Recht. Aber hier lässt du dich wieder von den Gemeinsamkeiten, die du zu erkennen meinst, irreführen. Eben weil Wollen immer Zweck als auch Mittel zu wollen heißt, ist es falsch zu sagen das „alle Frieden“ dieselben seien. Pax romanum, „ein nationalsozialistischer Frieden“ und der gegenwärtige europäische Frieden sind einfach nicht derselbe (leider ist es fraglich, ob man von einem gegenwärtigen europäischen Frieden eigentlich sprechen kann). Unseren Beschreibungen, oder besser, Darstellungen von Zustände (als bspw. „Friedenszustände“) liegen auch Entscheidungen zu Grunde, die normativ diskutiert werden müssen. Dein Argument basiert auf der Entscheidung für einen Friedensbegriff, unter dem alle diese sog. Friedenszustände (römisch, faschistisch, demokratisch etc.) subsumiert werden können. Ich möchte sinnkritisch vorgehen und deine Gleichsetzung dieser Zustände samt deinem Friedensbegriff in Frage stellen.
Die Ironie der Bezeichnung „der ewige Frieden“ liegt in dem Hinweis auf den Friedhof. Sie stellt die Gleichsetzung dar, die du unternimmst; im Gegensatz zu dir, bleibt sie aber nicht bei ihr stehen. Sie fragt: Sollen wir, nur weil man sagen kann, dass der ewige Frieden auf dem Friedhof herrscht, den Frieden mit dem Tod gleichsetzen? Gibt es keinen erkennbaren Unterschied? Ich möchte, in Analogie zu meinem Ausgangsbeitrag, zur Besonnenheit und gründlichem Umgang mit Begriffen auffordern. Wenn ein nationalsozialistischer Frieden ein Zustand ist, in dem alle so genannten Feinde zuerst ausgerottet worden sind und immer wieder ausgerottet werden müssen (im Faschismus gibt es immer einen Feind, den man jagen kann), dann finde ich einen solchen Frieden nicht wünschenswert, ich würde „sogar so weit gehen“ zu sagen, dass ich einen solchen Zustand nicht friedlich nennen möchte. Ich will also einen begrifflichen Unterschied aufmachen. Meines Erachtens ist es die reine Sophisterei zu sagen, dass „jeder Frieden“ derselbe ist, nämlich der gewonnene Krieg, und dass „jeder Krieg“ derselbe ist, der pazifistischer Akt. Die Logik dieser Aussagen gleicht dem Satz des Erasmi Montani in Holbergs Komödie gleichen Namens: „Mutti kann nicht fliegen, ein Stein kann nicht fliegen. Ergo ist Mutti ein Stein.“ Darin liegt die Gefahr Unterschiede nicht sehen zu wollen.
Schaut man sich ganz konkret unterschiedliche sog. Friedenszustände an (seien es römische, faschistische oder demokratische), wird man feststellen, dass diese (glücklicherweise) völlig verschieden sind: es sind einfach ganz unterschiedliche Praxen.
Der Frieden, der in Europa herrscht, ist ein ganz anderer als der nationalsozialistische Frieden, und möge es dabei bleiben!
Wie kommt der bissige Löwe aber zu dieser begrifflichen Verwirrung?
Ich bin wahrscheinlich deshalb zahnlos geworden, weil ich den Unterschied zwischen Krieg und Diskurs erkenne und den Diskurs bevorzuge. Du begehst den oben genannten fatalen Fehler, weil du diesen Unterschied nicht erkennst. Es ist etwas grundsätzlich anderes ein Problem diskursiv zu lösen als kriegerisch. Die Aufforderung „können wir nicht das Problem friedlich lösen“ ist nicht dumm und meint eben dies: lass uns darüber reden statt uns zu bekämpfen. Eine solche Lösung nennt man auch gerne (nicht immer unproblematisch) zivilisiert: alle können aufeinander losschlagen, schwieriger ist es eine friedliche Lösung zu finden. Deshalb hast du auch nicht Recht, wenn du meinst, dass Frieden Konfliktlosigkeit ist. Frieden ist ein anderer Umgang mit Konflikten. Deshalb ist es m.E. schon begrifflich falsch zu sagen, dass das einzige Mittel zum Frieden der Krieg ist. Im Gegenteil, Frieden ist wenn man aufhört dieser Meinung zu sein und stattdessen anfängt über die Konflikte und Probleme (die es immer geben wird) zu reden. Ein friedliches Miteinanderleben setzt nicht den Krieg voraus, wie du fehlerhaft glaubst, sondern den friedlichen Diskurs. Der Frieden fängt nicht mit dem Krieg an, sondern mit dem Reden. Im diesem Sinne zur Frage des Tages: die Würde des Menschen führen wir selber ein.
Die Demokratie zeichnet sich dadurch aus, dass sie versucht diesen Diskurs zu ermöglichen statt Krieg zu führen. Man muss an ihr kritisieren, dass diese Ermöglichung ihr oft nicht gelingt. Diese Kritik kennen wir bspw. von Carl Schmitt. Ich denke aber, dass man einen Fehler begeht, wenn man in der Kritik der Praxis der herrschenden Demokratie die Abschaffung der Demokratie im Allgemeinen begründen zu können meint. Vielmehr sollte eine solche Kritik zur Forderung von mehr Demokratie führen.
Was ist aber, wenn jemand sagt, er wolle keine Demokratie? Wenn er sagt, er wolle, dass er selber oder dieser oder jener herrschen solle?
Du hast nicht Recht, wenn du sagst, dass die Demokratie solche Aussage nicht duldet. Aber du hast Recht, wenn du sagst, dass sie Taten nicht duldet, die zur Abschaffung der Demokratie führen sollen. Wiederum hast du aber nicht Recht, wenn du sagst, dass die Demokratie genauso wie jede andere Autorität den Feind töten muss und ihr Frieden am Ende deshalb, wie in jedem anderen System, der gewonnene Krieg ist. Meine Erklärung beruft sich wieder auf Unterschiede, die du nicht siehst.
Wenn du und ich miteinander diskutieren, bringen wir Argumente, machen Überlegungen etc. Wenn du mir irgendwann sagst „ich will nicht mehr diskutieren“ und mir auf meine zahnlose Fresse haust, dann diskutieren wir nicht mehr, sondern kämpfen. Was ist passiert? Du hast den Frieden gebrochen und die Diskussion damit beendet. Wenn ich jetzt zurückschlage, dann ist es eine Verteidigung von 1) mir selber 2) dem Frieden. Wenn du versuchst die Demokratie abzuschaffen, dann ist es in gewisser Weise schon ein Friedensbruch, weil du damit sagst, dass du nicht länger über Konflikte und Probleme reden willst, sondern sie mit Gewalt „lösen“ willst, d.h. du sagt, dass du keine friedlichen Lösungen willst, sondern „kriegerische.“ In diesem Sinne hast du Recht, wenn du meinst, dass ich die Demokratie als ein besonderes System betrachte (auch wenn ich nicht verstehe, was du mit „Metasystem“ meinst). Allerdings betrachte ich Faschismus oder Diktatur auch als „besondere“ Systeme. Nur nicht besonders friedlich.
Bei diesen Überlegungen ist die oben genannte Kritik an der Praxis der konkreten Demokratie jedoch dringend notwendig. Im Hinblick auf die EU ist eben die Frage nach der konkreten Gestaltung zu stellen. Stellt man diese Frage, wird man wahrscheinlich feststellen können, dass etliche Veränderungen notwendig sind.
Ich mag den Unterschied zwischen uns: du suchst die Gemeinsamkeit, ich den Unterschied. Du charakterisierst die Gemeinsamkeit als Einsamkeit und den Unterschied als schön. Da sind wir uns wenigstens zum Teil einig. Mir schient die Demokratie eine Autorität zu sein, die Unterschiede erlaubt.
Ich nenne deine Aussagen deshalb ironisch, weil deine Rede als Warnung scheint, jedoch als Warnung sinnlos ist, genau so wie du selbst bemerkst. Der Untergang kommt, so oder so. Aber darin besteht eben die Ironie des Untergangspropheten: warum diskutierst du, wenn die Diskussion gleichgültig ist? Warum redest du, wenn du doch eigentlich Krieg führen wolltest? Was ist der Sinn deiner Texte, wenn alles sowieso vorbei ist? Mir scheint, du widersprichst dich in deiner eigenen Praxis. Das ist die Ironie des wilden Tieres: eigentlich ist es zahm.
Wowik (Webseite)
Dass du dich selbst für interessanter hältst überrascht mich nicht, allerdings, und da verkennst du mein Pathos und meine Inszenierung, geht es mir nicht darum interessanter oder wilder als das Kätzchen zu sein, denn es geht nicht darum, dass ich meine Person inszeniere. Meine tierische Metapher spielte nicht so sehr auf Katze oder Tiger an, sondern lediglich auf deren vermögen, auf deren – Biss. Nicht wer wild oder zahm ist, ist interessant, sondern wessen Biss kräftiger ist, d.h. wessen Text bissiger ist. Ich kann daher deine Kritik nicht nachvollziehen, mein Text ist durchaus keine Selbstinszenierung, mein Text ist eine Textinszenierung. Jetzt wäre meine Frage: Wirfst du mir die Inszenierung im Allgemeinen vor oder die „pathetische“ Inszenierung im Besonderen. Im ersteren Fall würde ich antworten, dass Text immer Inszenierung ist, die Form lässt sich nicht vom Inhalt trennen, nüchterne Sprache, wie sie gerne verwendet wird um Texten eine gewisse Seriosität, eine gewisse „Wissenschaftlichkeit“ zu geben sind auch nur Stilmittel, nicht weniger Stilmittel als eine verkünstelte, pathetische Sprache. Es ist also ein Aberglaube wenn du meinst, dass das gezähmte Kätzchen weniger animalisch wäre als der wilde Tiger, im Gegenteil, das Tierische ist doch – Gemeinsamkeit. Es zeugt nicht von besonderer Klarsicht wenn du zwar meinst deine Zahmheit als solche erkannt zu haben, aber nicht erkannt hast, dass diese nicht weniger Inszenierung, nicht weniger Schauspiel ist, als mein verwildertes Pathos, das deiner Ansicht die Zahmheit einer Hauskatze besitzt. Wie kommst du eigentlich auf die Idee, dass ich mir meines Stils nicht bewusst wäre?
Nun die zweite Möglichkeit, nämlich, dass du nicht meine Inszenierung als Inszenierung selbst kritisiert, sondern lediglich die Art und Weise der Inszenierung. Sofern dies der Fall ist, würde ich Fragen was den nicht pathetischen über den pathetischen Text erhebt, was veranlasst dich zu der Annahme, dass das Eine weniger Stilmittel sei als das Andere? Unsere Gemeinsamkeit ist das Tier, das Fabelwesen oder das – Untier, und nicht nur das, sondern wir stehen auch beide auf einer Bühne, auf der jeder seine Rolle spielt und – beißt.
Der Unterschied liegt lediglich im Bühnenbild welches sich mit jeder neuen Szene verändert.
„Wenn man grundsätzlich nach dem Sinn der Europäischen Union fragt, als einer demokratischen (meines Erachtens in keinerlei Hinsicht demokratisch genug) supranationalen Institution, dann ist der Frieden eine gute und gerechtfertigte Antwort. Gut weil dieser Zweck wünschenswert ist, gerechtfertigt weil die EU diesen Zweck tatsächlich verfolgt. Was heißt aber Frieden?“
Langsam komme ich mir veräppelt vor: „…eine gute und gerechtfertigte Antwort.“ Der Frage die sich jedem stellen würde, nämlich was diese Antwort gut macht und rechtfertigt, kommst du sogleich mit einer „grandiosen“ Definition zuvor: „Gut weil dieser Zweck wünschenswert ist…“ Was hast du damit gesagt, oder was willst du damit sagen? Wünschenswert für wen, und im Hinblick auf was? Und welcher Zweck? Der Zweck Frieden? Wie wird dieser bezweckt und wovon? „…gerechtfertigt weil die EU diesen Zweck tatsächlich verfolgt“, das ist eine Starke These die du leider zu wenig stützt, und das mit der „Tatsächlichkeit“ ist auch so eine Sache.
„Ich möchte sinnkritisch vorgehen…“ Oho, na dann fang mal an.
Meine Frage wäre zunächst: Ist eine Prophezeiung eine Warnung oder eine Weissagung? Gegen den Vorwurf vor dem Untergang als eine Notwendigkeit alles Seiendem „gewarnt“ zu haben wehre ich mich, es war lediglich Weissagung, Vorsehung, eine recht billige übrigens.
„warum diskutierst du, wenn die Diskussion gleichgültig ist?“ Obwohl die Feststellung, dass alles Endlich ist, scheinbar billig und platt ist, zeigt mir diese Frage dass sie doch nicht gänzlich verstanden wurde. Ich diskutiere und schreibe weil ich die Dauer des Seienden auf meine eigene Dauer beziehe und auch nur auf diese Beziehen kann, es ist mir unmöglich einen Maßstab von Ewigkeit für die Bewertung von Wichtig- und Nichtigkeit heranzuziehen weil ich keinerlei Vorstellung von Ewigkeit habe. Der Untergang kommt so oder so, das ist richtig. Aber daraus zu schließen, dass alles was irgendwann untergeht nicht wert wäre zu sein ist nur haltbar, wenn der Anspruch welchen man an die Dauer einer Sache stellt Ewigkeit ist.
Nicht die Diskussion ist gleichgültig, sondern ihre Dauerhaftigkeit ist gleichgültig, denn ob heute oder morgen, sie geht so oder so unter. Die Dauer der Diskussion ist nur im Hinblick auf meine eigene Dauer von belang.
Ich will nicht den Frieden mit dem Tod gleichsetzen, sondern den „ewigen Frieden“, Ewigkeit ist tödlich, Vergänglichkeit ist ein Merkmal der Lebendigkeit. Wenn du auf die Frage nach der Legitimation der EU, oder besser der Demokratie mit dem „ewigen Frieden“ antwortest, dann Halleluja.
„Ein nationalsozialistischer Frieden“, ich würde behaupten es gibt eigentlich keinen nationalsozialistischen oder demokratischen Frieden, du sprichst allerdings eine sprachliche Ungenauigkeit meinerseits an, denn ich meinte eigentlich nicht „alle Frieden sind gleich“, sondern „alle Frieden sind dasselbe“. Ein Unterschied gibt es lediglich im Krieg, also dem Akt der Friedensstiftung, wobei die eigentlichen Unterschiede nicht in der Methode liegen und auch nicht im Ziel, welches ja der Frieden ist, sondern in der Selektion der zu Befriedenden. Der Nationalsozialismus wird durch Krieg oder Kampf versuchen die nicht Nationalsozialisten zu befrieden, die Demokratie wird versuchen die nicht Demokraten durch Krieg oder Kampf zu befrieden. „Im Faschismus gibt es immer einen Feind, den man jagen kann“, den gibt es nicht nur im Faschismus, aber was heißt das schon, jeder Feind kann ausradiert, kann befriedet werden. Ich habe auch nicht gesagt, dass das Ausrotten von „Feinden“, bzw. deren ausgerottet sein, kein wesentliches Merkmal eines nationalsozialistischen Friedens ist, den es ja wie bereits festgestellt so nicht gibt, sondern für jeden Frieden, d.h. DEN Frieden notwendig ist.
„Meines Erachtens ist es die reine Sophisterei zu sagen, dass „jeder Frieden“ derselbe ist, nämlich der gewonnene Krieg, und dass „jeder Krieg“ derselbe ist, der pazifistischer Akt.“
Jeder Krieg ist, direkt oder indirekt, ein pazifistischer Akt, das heißt allerdings nicht das jeder Krieg gleich ist. Unterschiede bestehen wie gesagt in der Auswahl der Befriedungsbedürftigen. Das konkrete „Anschauen“ von Friedenszuständen trifft meine Definition des Friedens nicht, weil es um einen totalen Frieden geht. Der Umstand, dass in Europa Frieden herrscht schließt nicht aus das sich Europa im Krieg befindet. Wenn man die EU, und die Zielsetzungen dieser, bzw. die der Demokratie zu Ende denkt, muss man darauf kommen, dass ein totaler Frieden nur im Sinne eines Weltfriedens möglich ist, d.h. nichts anderes als alle Menschen, Nationen, Völker unter einer Autorität zu vereinigen. Ob diese Autorität demokratisch, oder faschistisch oder sonst wie geartet ist, ist unwesentlich.
Nun, es gibt selbstverständlich einen Unterschied zwischen Diskurs und Krieg, und natürlich auch Gemeinsamkeiten. Eine Gemeinsamkeit ist der Konflikt, der Konflikt zwischen zwei Autoritäten ist sowohl Ursache für den Diskurs als auch für den Krieg. Das Ziel beider ist ebenfalls identisch, es geht um Durchsetzung und Behauptung der eigenen Autorität, des eigenen Willens und der Vernichtung der Autorität des Nicht-Eigenen, des Gegners. Der Konflikt besteht darin, dass ich die Autorität des Gegners bezwingen muss um die eigene durchzusetzen, die Lösung dieses Konflikts besteht im Krieg – oder im Diskurs. Du sagtest du bevorzugst den Diskurs. Ich kenne dich zwar nicht, aber insofern du kein Kickboxer oder Hammerwerfer bist scheint dies nicht verwunderlich. Dass du den Diskurs der Kneipenschlägerei vorziehst liegt vermutlich an der Tatsache, dass zwar die Mittel die zur siegreichen Führung eines Diskurses notwendig sind in deinem Vermögen liegen, die Mittel zur siegreichen Führung einer Kneipenschlägerei nicht. Alle Wertung begründet sich allein dadurch, dass du das Eine besser kannst als das Andere. Nun stellt sich die Frage was der Diskurs ist und worin er sich vom Krieg unterscheidet. Man könnte sagen der Diskurs ist, ebenso wie die Kneipenschlägerei, ein Krieg mit beschränkten Mitteln, oder um Verwirrungen vorzubeugen: Konfliktlösung mit beschränkten Mitteln. Den Mitteln sind mehr oder weniger strenge Grenzen gesetzt, zieht bei einer Kneipenschlägerei jemand eine Waffe und schießt um sich, so handelt es sich eben um keine Kneipenschlägerei mehr, sondern um eine Kneipenschießerei. Ähnlich beim Diskurs. Um einen Diskurs führen zu können, muss man sich zunächst auf Mittel einigen, Einige werden zur Konfliktlösung zugelassen, Andere werden ausgeschlossen.
Über ein Problem zu „reden“, was immer das auch heißen mag, ist nicht dumm, wenn das Reden im Vermögen des potenziellen Redners liegt. Warum sollte sich jedoch beispielsweise ein wortkarger Profi-Boxer auf eine beschränkte Konfliktlösung einlassen, deren erlaubte Mittel nicht in seinem Vermögen liegen. Warum sollte er sich darauf einlassen Probleme zu formulieren, zu argumentieren und zu begründen usw. wenn es in seinem Vermögen läge mit körperlicher Gewalt gleiche oder bessere Ergebnisse zu erzielen. Ebenso ist es nur vernünftig wenn jemand der gut argumentieren und begründen kann, allerdings wenig Körperkraftbesitzt, den Faustkampf, die Kneipenschlägerei o.ä. als primitiv oder unzivilisiert verschmäht. Er wird natürlich versuchen sich mithilfe der für ihn optimal beschränkten Konfliktlösung Autorität zu verschaffen bzw. sie behaupten. Jeder wird versuchen diejenigen Mittel auszugrenzen welche für eine erfolgreiche Durchsetzung nicht im Vermögen angelegt sind. Der Krieg ist Konfliktlösung mit unbeschränkten Mitteln, Krieg als Fortsetzung des Diskurses mit anderen Mitteln. Krieg ist die Konfliktlösung in der alle Mittel erlaubt sind und an der jeder Teilhaben kann, jeder Teilnehmer hat durch die fehlende Beschränkung der Mittel die Möglichkeit, bei angemessener Verwendung der Mittel, maximalen Schaden beim Gegner, bei gleichzeitig minimalem Eigenschaden zu verursachen.
Im Krieg wird der Boxer ebenso wie der Wissenschaftler einen Platz finden um an der Lösung des Konfliktes mitzuwirken, bzw. Frieden zu schaffen und seine eigene Autorität auszuweiten. Wenn du sagst es sei „schwieriger“ eine friedliche Lösung (friedlich in deinem Sinne, also ein „anderer Umgang mit Konflikten“) zu finden halte ich das insofern für falsch, als dass es nur für diejenigen schwieriger ist in deren Vermögen die Mittel für diesen „anderen Umgang“ nicht angelegt sind. Natürlich ist es für einen durchschnittlichen Boxer schwieriger einen Konflikt diskursiv zu lösen als mit roher Gewalt, ob gleiches für dich zutrifft wage ich zu bezweifeln, ich denke eher dass eine Kneipenschlägerei dich an die Grenzen deines Vermögens bringen würde. „Lass uns darüber reden statt uns zu bekämpfen“ Das halte ich deinerseits für eine begriffliche Ungenauigkeit, richtiger wäre: Lass uns darüber reden anstatt uns zu bekriegen.
Reden, im Sinne einer Diskussion, ist immer Kampf, d.h. Konfliktlösung mit beschränkten Mitteln. Der Frieden fängt nicht mit dem Reden an, sondern der Kampf fängt mit dem Reden an und hört mit dem Sieg auf. Der Unterschied zwischen Diskurs und Krieg liegt also nur in der Beschränkung der Mittel, nun wäre meine Frage an dich, welche Mittel aus welchen Gründen beschränkt werden sollen, denn momentan finde ich es nur bedingt zweckmäßig einen Konflikt diskursiv und nicht mit den Fäusten oder gar kriegerisch zu lösen. Des Weiteren würde ich dich fragen wollen ob du glaubst die Frage nach der Würde des Menschen ausreichend beantwortet zu haben? Wer sind „wir selber“? Wortwörtlich kann das ja wohl kaum gemeint sein, denn ich habe die Würde nicht eingeführt und mich hat auch noch nie jemand gefragt ob ich sie akzeptiere, daher wird das Wir wohl eher zum Du.
„Ich denke aber, dass man einen Fehler begeht, wenn man in der Kritik der Praxis der herrschenden Demokratie die Abschaffung der Demokratie im Allgemeinen begründen zu können meint.“
Ich sehe, jetzt scheint dir das Pulver auszugehen, nicht nur dass ich diese Mahnung schon etliche Male gehört hätte, nein, ich meine auch man macht es sich damit ziemlich leicht. Du heiligst die Realität mit dem Ideal. So könnte man doch bei jedem nicht ganz perfekten System argumentieren, man könnte im Hinblick auf die DDR, mehr Sozialismus fordern usw. Außerdem war die Ausgangsdebatte Demokratie in der EU und dabei geht es nicht um „Demokratie im Allgemeinen“, sondern um Demokratie im Konkreten. Und mal nebenbei: Was für eine verzweifelt arrogante Forderung, ich versuche dir zu zeigen warum ich Demokratie für überwindenswert halte und du antwortest mir ich müsse mehr Demokratie fordern, dann werde alles gut. Wie komme ich dazu von etwas Nachschlag zu verlangen das verdorben ist?
Deine Bemerkung zur so genannten Freiheit die die Demokratie einem Jeden schenkt, nämlich die „Freiheit“ auch etwas gegen die „Demokratie“ sagen zu können ist keine wesentliche Eigenschaft der Demokratie. Wenn ich zur Tat anstifte ist mein Wort welches gegen die Demokratie gerichtet ist und anstiftet auch eine Tat, wenn nicht, wenn also einfach etwas gesagt wird ohne dass davon jemand beeinflusst wird oder jemand zu einer Tat animiert wird, ist das Wort wertlos. Das Wort welches nichts bewegt ist verschweigenswert, und das Wort ist, damit es gesagt bleiben darf, dazu verurteilt nichts bewegen zu dürfen. Dieses nichts bewegende Wort, diese ungehörten Reden sind eben nur Gedanken. Du kannst der Demokratie wohl kaum zu gute halten dass sie Gedankenfreiheit erlaubt, dass macht jedes andere System gezwungenermaßen ebenfalls. Die Demokratie muss ihre Feinde nicht töten, sondern befrieden, sie zu Demokraten machen, die Mittel der Demokratie sie zu solchen zu machen sind, wie in jedem anderen System, Strafe und als Folge dieser der Tod. Wenn du sagst sie könnte ihre Feinde auch durch „gute Argumente“ besiegen, setzt dies erstens voraus, dass die Feinde der Demokratie sich auf Argumentationen, d.h. eine Art der Konfliktlösung mit beschränkten Mitteln, einlassen und zweitens, dass die Vertreter der Demokratie gute Argumente aufbringen können. Was ist nun mit jenen verstockten Antidemokraten die sich nicht von „guten“ Argumenten überzeugen lassen und emsig gegen die Demokratie ankämpfen, anarbeiten oder sich mit dem Aufbau einer alternative beschäftigen? Die werden von der Demokratie und ihren Schergen so behandelt wie die Feinde beliebiger anderer Systeme, bestraft, getötet oder mundtot gemacht.
Dein letzter Abschnitt hat mich wieder überrascht, denn du heiligst den Krieg nun doch wieder, nämlich mit der Wiederherstellung des Friedens. Du hast dich selbst völlig ad absurdum geführt. Du behauptest der Kampf gegen die Demokratie sei ein „Friedensbruch“. Die Demokratie konnte sich in Deutschland nur durch einen Friedensbruch etablieren, ich vermute du würdest sagen, dass dies ein krieg zur Wiederherstellung des Friedens war? Jetzt kommen wir doch noch auf einen Nenner, ich habe ja nie mehr gesagt als dass der Krieg das Mittel zum Frieden ist, zum Ewigen erst recht. Natürlich erlaubt die Demokratie Unterschiede innerhalb der Demokratie, aber sie schließt alles aus was undemokratisch ist, was außerhalb der Demokratie liegt. Wie jedes andere System auch.