Regen oder Traufe

Geschrieben am 12. Februar 2008 von people in motion in Gesellschaft.
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Treffen sich ein Arbeitsloser und ein junger Akademiker im Bus: Fragt der Akademiker den Arbeitslosen: „Na, wie geht’s dir?“ Der Arbeitslose antwortet: „Schlecht, sitze den ganzen Tag zu Hause, weil ich keinen Job hab.“ Darauf entgegnet sein Gegenüber: „Mir geht’s auch nicht besser. Weil ich einen Job hab, hab ich kein zu Hause.“ Ihr findet das nicht witzig? Das sollte es auch gar nicht sein. Diese Situation stellt etwas überspitzt die Problematik dar, mit der ich mich hier befassen möchte.

Während noch vor zwei Generationen der mehrfache Wechsel seines Wohnortes alleine aus beruflicher Notwendigkeit eher eine Ausnahme war, stellt der heutige Arbeitsmarkt sehr hohe Anforderungen an die Flexibilität junger Menschen. Das Bewusstsein, dass diese Lebensführung zur Verwirklichung der Karriereziele in starkem Widerspruch zu grundlegenden Veranlagungen des Menschen steht, ist entweder noch nicht ausreichend verbreitet oder wird schlichtweg ignoriert. Anstatt dessen propagieren die Medien den modernen Lifestyle unabhängiger, der Geschwindigkeit der Zeit angepasster Menschen.

Schon Aristoteles hat festgestellt, dass der Mensch nach Glück strebt und ein gesellschaftliches Wesen ist. Etwas weiter gedacht ergibt sich daraus, dass der Mensch prinzipiell auch der Gesellschaft zur Erreichung seines individuellen Glücks bedarf. Die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft sind komplex. Auf der einen Seite besteht das Ganze nur aus seinen einzelnen Teilen, auf der anderen Seite können die einzelnen Teile sich aber auch nicht ganz unabhängig vom Ganzen entwickeln. Die Aufgabe der Politik als Lenker gesellschaftlicher Prozesse muss es also sein, die Grundvoraussetzungen für den Einzelnen zur Erfüllung seines individuellen Glücks zu schaffen. Dass dies nie für alle und auch nie gänzlich erreicht wird – zumindest nicht in absehbarer Zeit –, widerspricht ja nicht der Grundthese, sondern verweist lediglich auf den notwendigen Versuch dies so weit wie derzeit möglich zu realisieren. Zur Beantwortung der Frage, was denn besagte Grundvoraussetzungen konkret sind, lassen sich keine sicheren Beweise anführen. Lediglich die Analyse der Geschichte und Psychologie im Abgleich mit der heutigen Gesellschaft kann der Politik eine Richtung weisen.

Dass eben ein fester Wohnsitz eine wichtige Grundlage zur Erreichung individuellen Glücks ist, auf genanntem Wege zu untermauern fällt nicht schwer. Der Beginn der zivilisatorischen Entwicklung ist das Sesshaftwerden der Menschen. Sobald die Möglichkeit bestand Nahrung auch von einem festen Standort aus zu garantieren, beendeten die Menschen ihr Nomadendasein. Das erscheint auf Anhieb ein wenig weit hergeholt, doch genauso ist es abwegig diese bewährte Lebensführung leichtfertig zu opfern. Gewichtige Argumente lassen sich auch im Bereich der Psychologie finden. Hier bin ich noch mehr als anderswo unkundig, allerdings braucht man kein Experte zu sein um die starke Abhängigkeit psychischer Gesundheit von zwischenmenschlichen Beziehungen zu erkennen. Junge Akademiker müssen heute nicht nur für ihr Studium den Wohnort wechseln, sondern immer häufiger auch danach noch mehrfach einem Arbeitsplatz hinterher reisen. Diese unstete Lebensführung mit immer neuem sozialem Umfeld beeinflusst sicherlich nicht durchweg negativ. Wenn dies allerdings auf Kosten der Familiengründung oder länger währender Freundschaften geschieht, untergräbt es offensichtlich das eigentliche Ziel des Menschen nach einem glücklichen Leben.

Die Politik muss also ihre Aufgabe wahrnehmen und den jungen Menschen ermöglichen trotz festen Wohnorts einen Arbeitsplatz zu kriegen und zu wahren. Man braucht mir nicht zu sagen, dass diese Forderung in Anbetracht der Tatsache, dass viele Menschen in Deutschland überhaupt keine Arbeit haben, etwas absurd anmutet. Allerdings könnte sich die Politik in dem Falle mit den Unternehmern zusammentun, denn auch für sie besteht ein sogar rein ökonomisches Interesse an der Lösung der Problematik. Denn Geschichte und Psychologie zeigen auch, dass Zufriedenheit mit seiner Situation Produktivität und Kreativität steigert.

Bevor sich allerdings diese Einsichten durchsetzen gilt weiterhin für viele: zu Hause, aber keine Arbeit oder Arbeit, aber kein zu Hause.

 

5 Kommentare

  • Die Beobachtung, daß es vielen jungen Menschen fast selbstverständlich abverlangt wird, daß sie des Arbeitsplatzes (und sei er auch nur auf ein paar Monate befristet) wegen umziehen und viele hundert Kilometer von ihrem letzten Wohnort ein “neues Leben” aufbauen sollen, ist richtig und hat sicherlich oftmals negative Aspekte.

    Wobei man auch zugestehen muß, daß manche im Alter von 20-35 Jahren nicht viel daran finden, wenn sie alle paar Jahre in ner anderen Stadt ihre Zelte aufschlagen. Allerdings sind bspw. Beziehungen unter diesen Bedingungen nur schwer bzw. eingeschränkt zu führen und viele andere Nachteile gibt es auch. Für mich – ich gestehe – wäre es nichts.

    Ich fürchte aber, daß die Politik der falsche Adressat ist – ich fürchte sogar, daß es überhaupt keine Adresse gibt, wo man diese Tatsache reklamieren könnte.

    Vor einigen Jahren hatte ja auch Richard Sennett in seinem Buch “Der flexible Mensch” genau diese “Zumutungen” des Kapitalismus beschrieben…

  • @ Marc

    Wieso du meinst, dass die Politik der falsche Adressat ist, müsstest du nochmal genauer erläutern. Es ist sicherlich richtig, dass sich diese Entwicklung nich von einem auf den anderen Tag umkehren lässt, aber, ich denke, beeinflussen kann man sie schon. Ein Ansatzpunkt wären arbeitsrechtliche Regelungen oder Subventionen zur Unterstützung lokal ansässiger Bewerber oder dezentralisierter Unternehmensgestaltung.

    Ganz ohne die Unternehmen wird es wohl nicht gehen. Von deren Seite gilt es ein Konzept zu entwickeln, dass, auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten, die Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber sinnvoll vereint. Ich kann mir vorstellen, dass da für beide ein positives Ergebnis erzielt werden kann.

  • Ich verstehe nicht so ganz, warum Deine Argumentation so stark auf die jungen Menschen fokussiert. Ketzerisch gesagt, mag es der jüngeren Generation leichter fallen, die Zelte abzubrechen und in eine andere Stadt zu ziehen.

    Ich sage das als “älterer” Mensch, der gerade mit der Anforderung konfrontiert ist, seinen Wohnsitz von Hamburg nach Berlin verlegen zu müssen, weil das Unternehmen es nun gerade “cool” findet. Hier brechen ganze soziale Netze zusammen, Kollegen mit Familien, die sich vielleicht gerade etabliert hatten, Häuser gebaut haben etc. und die eben gerade mal nicht locker flockig umziehen können.

    Unternehmen setzen mit derartigen Aktionen mehr oder weniger unverblümt darauf, dass eben die “Alten” nicht mitgehen können oder wollen. Dann können sie auf diese Art und Weise die freiwerdenden Arbeitsplätze entweder wegrationalisieren oder mit jungen, billigeren und in der Regel auch willfährigen Mitarbeitern besetzen. Beispiele dieser Art sind doch an der Tagesordnung.

    Ich denke, es ist eine Illusion zu glauben, dass die Politik hier etwas ausrichten könnte. Die ganze, globalisierte Wirtschaftswelt scheint ja ein einziges grosses Spielkasino geworden zu sein. Nur dass die Unternehmen dann, wenn sie sich verspekuliert haben, sich den Einsatz sehr gern vom Staat ersetzen lassen.

    lg, kho

  • @ kho

    Du hast natürlich recht, wenn du sagst, dass berufsbedingte Wohnortwechsel für ältere Menschen mindestens genauso einschneidende Wirkung haben können und von daher war es falsch von mir, mich so sehr auf die Jüngeren zu konzentrieren.

    Einen Unterschied sehe ich trotzdem: Junge Menschen betrachten diese bedenklichen Begebenheiten bereits als eine Notwendigkeit, die nicht mehr hinterfragt wird. Wer durch die mediale Berichterstattung der letzten zehn, fünfzehn Jahre geprägt wurde, ist für das “höchste Gut” Arbeitsplatz zu so einigem bereit. Ich wende mich hier eher an junge Leute, da ihnen nicht selten der Blick für die Absurdität der Ausrichtung des Lebens nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten abhanden gekommen ist.

    Du schreibst:

    “Die ganze, globalisierte Wirtschaftswelt scheint ja ein einziges großes Spielkasino geworden zu sein. Nur dass die Unternehmen dann, wenn sie sich verspekuliert haben, sich den Einsatz sehr gern vom Staat ersetzen lassen.”

    Ich finde, da gehst du etwas zu weit. Abgesehen vielleicht von Börse und Kapitalmarkt sind doch die meisten Wirtschaftszweige nicht mit einem Spielkasino vergleichbar, da dort mit eher geringem, kalkulierbarem Risiko gearbeitet wird. Darüber hinaus lassen sich 99,9 % aller privaten Unternehmen ihre Verluste nicht vom Staat ersetzen und in den wenigen Ausnahmefällen, ging die Initiative nicht von der Wirtschaft, sondern von der Politik aus, um Arbeitsplätze zu retten etc.

    Die von dir beschriebene unternehmerische Praxis ist, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, nicht gerade die feine englische Art. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Unternehmen mit solchen Strategien langfristig ans eigene Bein pinkeln.

    lg

  • Dem Argument der Wahrnehmung junger Menschen kann ich folgen. Und es ist wahr, wenn man mal 10 Jahre zurückschaut und sich vergegenwärtig, wie sich die Arbeitswelt verändert hat…. ich denke aber auch, dass es ein Problem ist, dass immer mehr gerade jüngere Menschen in Unternehmen auf Führungspositiionen gesetzt werden und dann eben ihre Entscheidungen genau auf dieser Wahrnehmung treffen.

    Und klar habe ich ein wenig überzeichnet, wenn ich von der Wirtschaft als Spielkasino spreche.:-) Ich denke aber schon, dass die “Heuschrecken-”Mentalität nicht ganz abwegig ist. Unternehmen können sich ja offensichtlich gar nicht gegen die Renditeanforderungen der Investoren wehren bzw. wollen es auch gar nicht. Klar spreche ich hier von den grösseren Kapitalgesellschaften.

    Das wird sich langfristig gegen die Unternehmen, diese Überzeugung teile ich auch…

    lg, kho

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