Descartes Woche – Schlusswort
Zusammenfassend kann nun hier am Ende der Arbeit gesagt werden, dass der methodische Zweifel Descartes’ nicht zu dem Ziel führen konnte, zu dem er eigentlich führen sollte. Descartes hat versucht durch das konsequente Bezweifeln aller Dinge, die nicht völlig gewiss sind, auf eine Gewissheit zu stoßen.
Allerdings ist zu sagen, das ist im Grunde die Quintessenz, die aus den vorherigen Kapiteln zu entnehmen sein sollte, dass Descartes das Denken, die Rationalität, stark überbewertet. Dadurch werden falsche Verbindungen geknüpft: Die Gewissheit, die Descartes sucht, die ihm sein methodischer Zweifel zeigen soll, kann tatsächlich niemals mehr sein als ein erstes Wissen, ein Wissen, das aus sich selbst gewusst werden kann und nicht durch ein anderes, vorhergehendes Wissen belegt wird.
Wie bereits gesagt, schließt Wissen immer die Möglichkeit an diesem Wissen zu zweifeln mit ein. Es besteht eine Beziehung zwischen Zweifeln und Wissen, aber keine Beziehung zwischen Gewissheit und Wissen oder gar zwischen Gewissheit und Zweifel. Vielmehr besteht eine Beziehung zwischen Gewissheit und Glauben. Der Glauben spielt bei Descartes im Grunde keine Rolle um zur Gewissheit zu gelangen. Zwar wird in den „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ auch Gott erwähnt, aber mehr in einem unreligiösen Sinn, mehr als Gedankenspiel. Diese Verkennung des Glaubens als Brücke, als Tür und Tor zur Gewissheit, resultiert aus dieser Überbewertung der Rationalität.
Im elften und zwölften Kapitel der zweiten Meditation wird diese Überbewertung deutlich. Am Beispiel des Wachses, welches im festen Zustand bestimmte, durch die Sinne wahrnehmbare Eigenschaften hat, bei Erwärmung, im flüssigen Zustand jedoch ganz andere durch die Sinne wahrnehmbare Eigenschaften hat (Geruch, Geschmack usw.).
Descartes behauptet, dass das Wachs, obwohl es sich verwandelt hat, vom festen Zustand in den flüssigen und somit auch alle von den Sinnen wahrnehmbaren Eigenschaften sich verändert haben, trotzdem noch Wachs ist.
Deshalb kann sich die Erkenntnis, dass dieses Wachs immer noch Wachs ist, nicht durch die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften mitteilen. Das Wachs muss also mehr sein als dessen Geruch, dessen Form, dessen Geschmack usw.
Descartes versucht, das Wachs soweit wie möglich auf sein eigentliches Wesen zu reduzieren und letztlich bleibt vom Wachs nur noch übrig, dass es etwas Ausgedehntes, etwas Biegsames und etwas Veränderliches ist, „…, entfernen wir alles, was nicht dem Wachse zugehört, und sehen wir zu was übrig bleibt! Nun – nichts anderes als etwas Ausgedehntes, Biegsames und Veränderliches.“ (Med. II, 12)
Die Biegsamkeit ist eine Form der Veränderung und kann daher außer Acht gelassen werden. Was die Ausdehnung und Veränderlichkeit betrifft, meint Descartes, dass diese aufgrund ihrer fast unendlichen Vielfalt nicht bildlich vorstellbar wäre, sondern nur denkend begriffen werden könne.
„Was aber ist dieses Wachs, das sich nur denkend begreifen lässt? Nun, dasselbe, das ich sehe, das ich betaste, das ich mir bildlich vorstelle, kurz, dasselbe was ich von Anfang an gemeint habe; aber – wohlgemerkt – seine Erkenntnis ist nicht Sehen, nicht Berühren, nicht Einbilden und ist es auch nie gewesen, wenngleich es früher so schien, sondern sie ist eine Einsicht einzig und allein des Verstandes.“ (Med. II, 12)
Das Ergebnis Descartes’, bei dem Wachsproblem, ist beispielhaft für seine Überschätzung des Denkens. Dass Wachs Wachs ist und auch Wachs bleibt, egal wie sich nun die Gestalt, die Form, der Geruch usw. verändern, kann keine Einsicht allein des Verstandes sein. Die Schwierigkeit, dass die Veränderungen und Ausdehnungen aufgrund ihrer Mannigfaltigkeit nicht bildlich vorgestellt werden können, ist eigentlich keine Schwierigkeit, „Und was ist das Ausgedehnte? Ist etwa auch seine Ausdehnung mir unbekannt? Denn im schmelzenden Wachs wird sie größer,…“ (Med. II, 12)
Ich erfasse etwas mit meinen Sinnen, einen bestimmten Geruch, einen bestimmten Geschmack usw. und ich nenne es Wachs. Dadurch, dass ich es erhitze wird es flüssig, alle Wahrnehmungen, die ich einst vom Wachs hatte, ändern sich. Ich frage also die Sinne: Ist diese Flüssigkeit Wachs? Und sie antworten: Nein
Der Verstand widerspricht und sagt: Diese Flüssigkeit ist Wachs, so wie es zuvor Wachs war, nichts verschwindet einfach, nichts löst sich zu Luft (besser gesagt zu Nichts) auf.
Also ist diese Flüssigkeit Wachs.
Und wenn es nun gasförmig wird? Dann werden mir wieder die Sinne sagen, dass es kein Wachs sei und der Verstand wird widersprechen und behaupten es sei immer noch Wachs. Trotzdem kann nicht der Verstand alleine zu dieser Erkenntnis kommen, er braucht die Sinne, er braucht die Wahrnehmung der Sinne. Dabei ist es unwichtig, wie sich das Wachs verändert hat, ob es sich durch Hitze ausdehnt oder nicht, sondern wichtig ist, dass es sich ausdehnt, dass es sich verändert. Der Beitrag der Sinne zur Erkenntnis des Wachses ist nicht die Beschaffenheit der Veränderung, sondern die Veränderung selbst. Descartes’ Formulierung, dass sich das Wachs nur durch den Verstand „begreifen“ ließe, macht den Fehler geradezu offensichtlich. Begreifen ist Sache des Verstandes, aber um zu begreifen muss ich greifen, ergreifen und das ist Sache der Sinne.
Der Verstand sagt nur: Die Wahrnehmung der Sinne von der Materie hat sich verändert, weil sich die Beschaffenheit der Materie verändert hat, jedoch kann dadurch nicht die Erkenntnis der Materie allein dem Verstand zugeschrieben werden, denn damit dieser einen solchen Satz überhaupt formulieren kann, braucht er die Sinne, die eine Veränderung wahrnehmen.

Ich habe diese Hausarbeit jetzt beim genaueren Lesen sehr genossen zu lesen, was vor allem an deiner Sprache liegt, die mir ganz persönlich gewinnbringender ist, als die Sprache, die du hier oft benutzt, auch wenn die sicher erheiternder ist. Aber deine Präzision, nicht zu verwechseln mit durch Habitus erzwungene Objektivität, im Ausdruck lässt mich deine Gedanken besser nachvollziehen, als das erraten von Metaphern. Verzeih das einem kleinen Geist.
Ich will aber noch auf den Inhalt eingehen. Gerade die Zurückweisung der Mathematik hat mir gut gefallen und auch der Feststellung folge ich, dass Descartes Wissensbegriff und Zweifel, nicht zu Gewissheit führen bzw. dafür nicht hinreichend sind. Nicht mehr folgen konnte ich dir aber dann in den Glauben als Quelle der Gewissheit. Dazu will ich dir einige Fragen stellen, vielleicht erhellt sich mir dann dieser Gedanke:
Zunächst ist mir nicht klar geworden, warum du das, was der Glauben so wie du ihn beschreibst ermöglichen kann, Gewissheit nennst. Sicher kann man das so nennen, aber ich frage mich, ob es sinnvoll ist, so über Glauben zu reden. Was wird damit anderes erreicht, als zu sagen, dass das, was ich glaube, ich eben glaube. Was gewinnen wir mit der Bezeichnung “Gewissheit” außer einer für niemanden nachvollziehbaren Bezeichnung für etwas, dass jeder eben so für sich macht. Wollen wir nicht viel mehr zusammen, im Dialog, im Austausch, vor allem in der Möglichkeit mit Vielen vieles Wissen zu können, etwas herstellen, was zwar nicht der Descartschen Wissensdefinition unterworfen ist und aus dem Ich-Gedanken entspringt und somit eine sichere Basis hat, sondern vielmehr entsteht, so wie auch das Selbstbewusstsein entsteht, im Austausch und nicht nur durch das im Ich Angelegten. Mir fehlt bis hier hin der Austausch als Mittel des Erkenntnisgewinns, auch wenn sicherlich diese Erkenntnis nicht unumstößlich sein werden. Vielleicht vertue ich mich, aber die Einführung der Gewissheit mit dem Glauben schließt doch eine gemeinschaftliche Verwendung von Gewissheit aus und dann frage ich mich, ob das ein zu erreichendes Ziel ist. Es wäre interessant, wenn du da noch einmal drauf eingehen würdest.
Dein Angriff auf Descartes’ Priorisierung der Rationalität trifft ihn m.E. nicht. Das Beispiel Wachs zeigt dies ganz gut, wenn du es einmal mit anderen Beispielen vergleichst: Eis – Wasser – Dampf z.B.
Wenn Eis schmilzt, ist es kein Eis mehr sondern Wasser. Wenn Wachs schmilzt, ist es immer noch Wachs. Und sage nicht, Wasser sei geschmolzenes Eis – so verwenden wir diese Begriffe nicht. Der Unterschied zwischen dem Wachs und dem Eis-Wasser-Ding liegt nur in unseren Begriffen, nur in unserem Verstand – aber nicht in unsereren Sinnen.
So einfach kommt man Descartes nicht bei.
Na, so einfach kommst du mir auch nicht bei, Jörg Friederich. Ich werde mich sobald wie möglich zu beiden Kommentaren äußern, habe jedoch diese Woche diese und wahrscheinlich auch nächste Woche kaum Zeit dafür. Ich hoffe das sich dann eine Diskussion ergeben wird.
find die hausarbeit echt ziemlich gut, also sowas hätte ich nie schreiben können bzw. hätte nie davon überzeugt werden können dass ich den methodischen zweifel in frage gestellt habe xD aber das mit dem wasser-wachs bespiel stimmt schon:/