Descartes – Gewissheit, die Überwindung von Zweifel und Wissen

 

Die Untrennbarkeit von Zweifel und Wissen

descartes-woche.jpgDescartes Rechnung alles zu bezweifeln um so zu einem festen Untergrund, zu einer Gewissheit wie er es nennt, zu gelangen, kann nicht aufgehen. Warum? Weil er von falschen Voraussetzungen ausgeht. Ist es überhaupt ratsam in Wissenschaften nach Gewissheiten zu suchen? Verrät nicht schon der Name Wissenschaft, was einen darin erwartet?

Wissen. Grundlage einer Wissenschaft kann demnach auch nur Wissen sein. Aus Gewissheit entsteht kein Wissen und aus Wissen keine Gewissheit. Man könnte fast sagen, beide verhielten sich entgegengesetzt. Während Gewissheit unbezweifelbar ist und sie keinen Platz mehr für Möglichkeiten lässt, hält Wissen die Tür stets einen Spalt für den Zweifel offen. Wissen bedeutet zu glauben, dass etwas so oder so ist, aber zugleich kann nicht ausgeschlossen werden, dass es auch anders möglich wäre. Während Wissen das Benzin ist, welches den Zweifel brennen und lodern lässt, ist Gewissheit der erloschene, der erstickte, überwundene Zweifel.

Das, worin sich Wissen verwirklicht, ist Wissenschaft; das, womit es sich verwirklicht ist der Zweifel. Das, worin Gewissheit sich verwirklicht ist Religion; das, womit sie sich verwirklicht ist Glauben.

Glauben und Zweifel sind somit gegensätzlich. Zweifel wirkt destruktiv, zweifeln heißt nein sagen, negieren, verneinen, solange bis etwas gefunden wird, etwas das Wissen heißt und in sich die Möglichkeit zur Fortsetzung des Zweifels birgt. Solange es Wissen gibt, muss es den Zweifel daran geben. Nun könnte man einwerfen, dass der Zweifel bei Descartes kein Selbstzweck ist, er zweifelt nicht aus Zerstörungswut, sondern um gesichertes Wissen, d.h. unbezweifelbares Wissen für die Wissenschaften zu finden und würde demnach aufhören zu zweifeln sobald er dieses gefunden hätte.

Dies jedoch ist mein Kritikpunkt. Wissen, das unbezweifelbar wäre, ist unmöglich. Etwas Unbezweifelbares ist gewiss und nicht gewusst.

Niemals könnte Descartes dem Strudel von Wissen und dem Zweifel an diesem Wissen entrinnen. Er könnte nicht einfach aufhören zu zweifeln, solange er etwas weiß, muss er notwendig daran zweifeln. Erst wenn er an das, was er weiß, glaubt, kann ihm die Überwindung des Zweifels und somit auch des Wissens, gelingen (siehe Kapitel IIIc).
Der Glaube wirkt konstruktiv, glauben heißt ja sagen, heißt schöpfen und schaffen. Glaube ist erbaulich, in seinen Möglichkeiten unendlich und diese Unendlichkeit stets mit Gewissheit ausfüllend.

Ich möchte eine Möglichkeit zur Erreichung von Gewissheit zeigen die mir viel versprechender scheint als der Versuch Descartes’.

Die außerreligiöse Gewissheit, das Ich

Im letzten Kapitel des ersten Teils habe ich die Behauptung Descartes` nachvollzogen, dass die Existenz Voraussetzung für das Denken ist und bin selbst zu dem Schluss gekommen, dass diese Behauptung richtig ist. Was jedoch eine andere Behauptung betrifft, nämlich, dass es keine Existenz ohne Denken gäbe, dass man aufhörte zu existieren, sobald man aufhörte zu denken, habe ich versucht zu widerlegen. Zwar ist das Denken untrennbar von der Existenz, nicht jedoch die Existenz untrennbar vom Denken.

Diese Frage, was die Existenz nötig hat, wie die Existenz meiner selbst, meines Ichs, mir zur Gewissheit werden kann, will ich nun versuchen zu beantworten. Dass ich sie nicht durch Denken beweisen kann, weil ich das Denken nicht beweisen kann ohne die Existenz bereits bewiesen zu haben, beziehungsweise das Denken nicht durch sich selbst beweisbar ist, wurde im vorigen Kapitel erörtert.

Wodurch lässt sich aber sonst meine Existenz beweisen? Durch Selbstbewusstsein? Selbstbewusstsein wäre wohl wieder etwas, wozu man das Denken benötigte. Selbstbewusstsein als eine Abstraktion von sich selbst, ein ins Bewusstsein rufen des Selbst, ein Klar werden über sich, eben ein Denken, ein Denken über, letztlich ein Überdenken.
Es muss einfacher sein. Ich denke, ich zweifle, ist immer Ich + irgendetwas, es ist immer Selbstbewusstsein. Um zu sagen „ich denke“ muss ich bereits gedacht haben, wenn ich nun also das Denken abziehe, was bleibt? Das Ich.

Folgert man nun daraus: Ich bin ich, begeht man einen Fehler, denn Ich bin ich ist schon eine Abstraktion von mir. Das Ich außer mir ist hinzugedacht und kann, weil das Denken nicht gewiss ist, nicht gewiss sein. Ich, Ich allein ist die richtige Antwort auf die Frage der eigenen Existenz und der Gewissheit dieser. Ich habe das Denken, das Bewusstwerden vom Selbstbewusstsein abgezogen, übrig bleibt – Selbstsein.

Es ist völlig unmöglich, die eigene Existenz anzuzweifeln oder gar zu leugnen. Das Ich steht vor dem Zweifel, außerhalb des Zweifels, mehr noch, es steht außerhalb jeden Denkens. Das Ich ist eine Plattform des Denkens (bzw. Zweifeln als Form des Denkens), ein Spielfeld des Verstandes.

Ich kann nicht aufhören ich zu sein.

Angenommen man könnte an sich selbst zweifeln, in Frage stellen, dass ich ich bin, dass ich bin, sich vorstellen dass ich nichts bin, (Es ist offensichtlich, sogar wenn „Ich nichts bin“, bin ich doch etwas, bin zumindest ich. Das Ich ist nicht wegzubekommen.) benötigte man dazu ein zweites Ich. Das in Frage stellen, Anzweifeln usw. sind Formen des Denkens. Im vorigen Kapitel stellte ich die These auf: Ich bin im Denken. Hierbei ist nun die Unterscheidung zwischen Denken und Überdenken von höchster Bedeutung. Denn um im Denken zu sein, darf das Sein sich nicht denken, sondern es muss sich überdenken. Das Sein überdenkt, das Denken denkt und kann selbst nicht gedacht sondern nur überdacht werden und wenn es überdacht wird, erkenne ich es selbst als Überdenken, denn das aktive, denkende Denken hat es sich zum Gedanken gemacht. Ich kann mich nicht denken, kann nur über mich denken, über mein Ich denken, ich bin mein Gedanke, das Denken meines Denkens und Überdenken meines Seins, meiner Existenz. Über etwas zu denken heißt aber diesem Gedachten als Objekt des Gedankens gewiss zu sein. Wenn ich dieses Objekt denke, dann ist es mir eine Gewissheit, dass dies das Objekt meines Denkens, mein Gedanke und somit völlig unbezweifelbar ist. Da nun aber dieses Ich als Objekt des Denkens dasselbe wäre wie das Ich, welches ich mit diesem Gedanken versuche anzuzweifeln, ergibt sich ein Problem, dass sich nur lösen ließe durch ein zweites Ich, welches das erste Ich denkt. Nur so ließe sich an einem Ich zweifeln. Damit keine Missverständnisse auftreten: Nicht das Objekt des Denkens als Objekt an sich ist gewiss, nicht das was ich überdenke ist gewiss in dem Sinne, dass es so und so beschaffen ist, sondern lediglich, dass das Denken das Objekt denkt. Nur das es von mir überdacht wird, das mein Gedanke ist, ist gewiss. Daraus ergibt sich schließlich der Widerspruch. Ich kann mein Ich nicht anzweifeln und zugleich desselben Ichs als mein Gedanke gewiss sein, wenn ich es denke. Das Michdenken des Denkens, ist mein Denken über mich.

Wenn ich mich denke, bin ich was ich denke zu sein. Wenn ich nicht denke, sondern nur bin (die Möglichkeit des Denkens ist immer mit eingeschlossen), dann bin ich was ich bin, dann bin ich – ich.

Somit wäre bewiesen, dass Ich mir meiner Existenz, meines Ichs gewiss sein kann, weil es außerhalb der Möglichkeit eines Zweifels, zu dessen Durchführung man ein zweites Ich bräuchte, liegt. Ich bin, wenn ich über mich denke, weil mein Denken mich nicht nicht denken kann.

Glauben, die Überwindung des Wissens

„Jesus aber reckte alsbald die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: O, du Kleingläubiger, warum zweifelst du?“ (Mtth. 14,31)1
Das Ich hat sich also als Ausgangspunkt erwiesen, als erste Gewissheit, wenn man so will, jedoch eine etwas andere Art von Gewissheit als die nach der hier eigentlich gesucht wurde. Das Ich ist eine Gewissheit, im Sinne einer völligen Unbezweifelbarkeit. Allerdings keine die gewachsen ist, kein überwundener Zweifel, sondern Gewissheit a priori. Das Ich ist Gesetz, es ist existent, weil eine Nichtexistenz des Ichs nicht vorstellbar wäre, ja sogar undenkbar wäre.
Doch nun gilt es zu klären, wie Gewissheit a posteriori möglich ist. Wie kann ich mir einer Sache gewiss werden, die nicht meine Existenz ist, die zuvor noch ungewiss und bezweifelbar war?

Durch Wissen ist es ganz und gar unmöglich zu einer Gewissheit zu finden; Wissen kann nur sich selbst reproduzieren, Wissen schafft wieder nur Wissen, jedoch keine Gewissheit. Wenn etwas gewusst wird, bedeutet das, dass etwas auf eine bestimmte Art beschaffen ist, allerdings lässt das Wissen Platz, es bestimmt zwar wie etwas ist, aber es kann nicht ausschließen, dass es auch anders sein könnte. Ich kann zwar wissen wie etwas ist, aber ich kann nicht wissen wie etwas sein könnte.

Gewissheit ist aber eben dies: Zu wissen was ist und zu wissen was dieses Seiende noch sein könnte, denn unbezweifelbar ist nur etwas, dass nicht nur so ist wie es ist, sondern auch nicht anders sein kann als es ist. Wissen sagt mir also, dass dieses Ding so ist wie es ist und Gewissheit sagt mir, dass dieses Ding nicht anders sein kann als es ist.

Wie nun kann aber ausgeschlossen werden, dass etwas nur so sein kann wie es ist? Allein durch den Glauben, dass es so ist und nicht anders sein kann. Glauben ist hier nicht mit Vermuten oder mit Unwissen zu verwechseln, sondern als Überzeugung der Überzeugung, als ein Glaube religiöser Art.

Die Sonne ist blau! Warum? Man kann davon überzeugt sein und doch bleibt ein nagender Zweifel. Eine Stimme sagt die Sonne ist blau, doch die Sinne, der Verstand, die Vernunft widerstreben und weigern sich, das scheinbar Unmögliche zu glauben. Überzeugung allein hilft nicht mehr, ich muss diese Überzeugung noch von sich selbst überzeugen, ich muss die Augen lehren: Ihr seht die blaue Sonne. Ich muss dem Verstand, der Erfahrung einbläuen: Niemals saht ihr eine Andere, die Sonne war immer schon blau. Zu guter Letzt darf man nun vor der Vernunft triumphieren und sagen: Die Augen sehen eine blaue Sonne, die Erfahrung kannte nie eine andere als eben die Blaue, nun willst du sie nicht als blau begreifen? Letztlich ist auch die Vernunft davon überzeugt, nun glaube ich, nun glaubt alles, die Sonne ist blau. Was ist nun Gewissheit? Das Blau der Sonne.

Etwas fehlt, ich habe die Augen davon überzeugt, sie sähen eine blaue Sonne, der Erfahrung weisgemacht, es wäre nie eine andere Farbe an der Sonne wahrgenommen worden. Die Vernunft kann sich nicht helfen und schließt daraus: Die Sonne ist blau und war immer blau. Doch mit alledem ist nicht gesagt, dass es nicht anders sein könnte, sie war blau, sie ist blau, doch wird sie immer blau sein?

Ist ihr Blau vielleicht doch keine Gewissheit?

Die Antwort lautet: Solange ich an das Blau der Sonne glaube, solange auch wird die Sonne immer nur blau sein können, das Blau der Sonne ist somit Gewissheit.

Was aber, wenn ich aufhörte an ihr Blau zu glauben, wenn ich eines Tages glaube sie sei grün? Hat sich dann diese Gewissheit als bezweifelbar erwiesen, als keine echte Gewissheit? Wenn ich anfange zu glauben sie sei grün, dann werde ich notwendigerweise meine Erfahrung davon überzeugen müssen, dass sie immer schon grün war, dass meine Augen sie nie anders wahrnahmen als grün. Das Blaue hat es nie gegeben, den Glauben daran hat es auch nie gegeben und somit auch keine Gewissheit über das Blaue. Man könnte einwenden, diese Methode sei nur ein Selbstbetrug, eine Lüge wider sich selbst, genau das aber ist sie nicht, denn um etwas als Lüge zu enttarnen, müsste man einen Beweis für eine Wahrheit erbringen von der dann jene Lüge abweicht. Wer aber, außer man selbst, könnte beweisen, dass man einst daran glaubte, die Sonne sei blau oder dass man sie als nicht blau wahrgenommen hätte? Niemand. Und selbst könnte man diesen Beweis nicht erbringen, denn wenn man glaubt, dass etwas so und nicht anders war, dann war es eben so und nicht anders. Wenn ich glaube, die Sonne als grün wahrzunehmen, dann nehme ich sie tatsächlich als grün wahr. Wer wollte das widerlegen.

  1. Die Bibel. Übersetzung von Martin Luther. Stuttgart. Privileg. Württemb. Bibelanstalt: 1952. []
Wowik Kategorie: Philosophie Samstag, der 26. Januar 2008
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  1. Natascha F. (Webseite)

    Wenn man glaubt, dass etwas so ist und nicht anders sein kann, wird man auch nie einsehen, dass es anders ist, wenn es anders wäre. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob dies so ist oder nicht; man kann lediglich versuchen, zu glauben was richtig ist und dies durchzusetzen. Dabei sollte man versuchen, die Menschen unterscheiden zu können; das nun nicht mehr möglich ist.
    Die Menschheit hat genau das getan – geglaubt, geglaubt was richtig und was falsch ist; und das ist außer Kontrolle geraten. Alles ist Leugnung.
    Was wäre wohl, wenn niemand an irgendetwas glauben würde und die Dinge so sehen würde, wie sie in Wirklichkeit sind?

    Wenn man zweifelt, ist das zwar gut, weil das bedeutet, dass man nicht leichtgläubig und relativ selbstbewusst ist, aber solange es den Zweifel gibt, gibt es auch Wissen.

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