Dscartes – Cogito, ergo sum, das Denken als Beweis der Ich-Existenz
Descartes legt alles was den geringsten Zweifel zulässt, als falsch beiseite, um so zu einer Gewissheit vorzudringen: „Ich setzte also voraus, dass alles, was ich sehe, falsch ist,…“ (Med. II, 2). Descartes kommt zu dem Schluss, dass selbst wenn er sich vorstellte es gäbe keinen Himmel, keine Erde, keine denkenden Wesen, er selbst, das Ich, das sich dies vorstellt, vorhanden sein muss. Selbst wenn ein allmächtiger und verschlagener Betrüger Descartes stets täuscht, bleibt derjenige übrig der getäuscht wird, nämlich Descartes. Die Täuschung setzt voraus, dass es einen Täuschenden gibt und einen Getäuschten. „Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertig bringen, dass ich nichts bin, solange ich denke, dass ich etwas sei.“ (Med. II, 3)
In diesem Satz wird nun erstmalig ein Zusammenhang zwischen Denken und Existenz erwähnt, solange man denkt etwas zu sein, ist man etwas.
Diese Erkenntnis wird in Form des markanten und berühmten Satzes „Ich denke also bin ich“ von Descartes im „Bericht über die Methode“ ausformuliert, nicht in den Meditationen. Die Erkenntnis selbst, also das Denken als Beweis für die eigene Existenz, ist jedoch dort die gleiche wie hier in den Meditationen, nur anders formuliert.
Der von Descartes beantworteten Frage der eigenen Existenz schließt sich nun eine weitere Frage an, die der Beschaffenheit eben jener Existenz. Da Descartes denkt, ist es eine Notwendigkeit, dass er ist. Jedoch muss des Weiteren geklärt werden, was er ist, wie er als existierendes Wesen, als seiender Mensch beschaffen ist.
Descartes legt sein Hauptaugenmerk auf das Denken, auf das, was sich dem Denken darbietet, auf das Gedachte. Das, was sich dem Denken darbietet, das Gedachte, sind, nach Descartes, alle Dinge die sich zum Körper zusammensetzen, die den Körper als Körper ausmachen, wie beispielsweise Arme, Gesicht, Hände usw. (mit Körper ist hierbei der menschliche Körper gemeint). Fähigkeiten und Eigenschaften wie Gehen, Ernähren, Empfinden und Denken werden der Seele zugeordnet. Eine präzise Definition der Seele, ein Aufzeigen deren Merkmale erfolgt nicht, vielmehr stellt Descartes sich darunter etwas Feines, einen Wind, ein Feuer oder ähnliches, das den Körper erfüllt, vor. (vgl. Med. II, 4)
Dem Körper werden dagegen bestimmte Merkmale und Eigenschaften zugewiesen: „Unter Körper verstehe ich alles, was durch irgendeine Figur begrenzt, was örtlich umschrieben werden kann und einen Raum so erfüllt, dass es aus ihm jeden anderen Körper ausschließt….“ (Med. II, 5). Ferner sind Eigenschaften des Körpers das, was durch die Sinne wahrnehmbar ist und das bewegt werden kann.
Descartes stellt fest, dass die Eigenschaften der Seele vom Körper abhängig sind und ohne diesen nicht existieren können, d.h. ohne Mund ist die Ernährung nicht möglich, ohne Sinne kann nichts empfunden werden und ohne Glieder ist das Gehen und Greifen usw. unmöglich. Eine Ausnahme bildet allein das Denken: „das Denken ist`s, es allein kann von mir nicht getrennt werden.“(Med. II, 6)
Dies ist also die Antwort Descartes auf die Frage, wie das existierende Ich beschaffen ist: Es ist ein denkendes Ich, der Mensch ist ein denkendes Wesen. Unter Denken versteht Descartes die Fähigkeit zu zweifeln, einzusehen, zu bejahen, zu verneinen, zu wollen usw.
Wie mir scheint, stellt Descartes das Denken vor die Existenz. Die Annahme, dass die Existenz eine Folge des Denkens und nicht das Denken eine Folge der Existenz ist, geht in der zweiten Meditation aus den folgenden Sätzen hervor: „Ich bin, ich existiere, das ist gewiss. Wie lange aber? Nun, solange ich denke.“ (Med. II, 6)
Demnach hört man also auf zu existieren, sobald man aufhört zu denken. Es muss berücksichtigt werden, dass Descartes in einem Satz zuvor erwähnt, dass das Denken nicht von ihm, von seiner Existenz, trennbar sei. Durch diese Untrennbarkeit voneinander, ist es nicht so, dass das Eine eine Folge des Anderen wäre oder umgekehrt, sondern beides, Denken und Existenz bedingen sich gegenseitig, man kann nicht existieren ohne zu denken (zumindest was die menschliche Existenz betrifft) und nicht denken ohne zu existieren.
Hier offenbart sich ein Problem: Das Denken derartig an die Existenz und umgekehrt zu binden, führt dazu, dass ich um meiner Existenz gewiss zu sein, um also mir selbst gewiss zu sein, meinem Denken gewiss sein muss, vorausgesetzt meine Existenz vermittelt sich nur über mein Denken, wie es ja aus dem berühmten Satz „Ich denke also bin ich“ zu entnehmen ist. Nun ist Denken aber immer ein Denken von etwas oder ein Denken über etwas, ein Überdenken. Wenn ich, zum Beispiel ein technisches Problem überdenke, ich Vor- und Nachteile von Lösungsmöglichkeiten abwäge usw., dann denkt das Denken immer das Problem und nicht sich selbst. Das Denken denkt, ich überdenke durch das Denken. Jetzt könnte man sagen, dass das Problem gewiss ist, weil es überdacht, weil es gedacht wurde. Dies ist aber nur zulässig, wenn ich mir meines Denkens gewiss bin. Ebenso die Existenz: Ich denke also bin ich, ich bin also denke ich, ohne zu denken kann ich nicht existieren, denn ich würde, so Descartes, aufhören zu existieren, sobald ich aufhörte zu denken. Ich muss mir also meines Denkens gewiss sein, um mir meiner Existenz gewiss zu sein. Wenn ich mir meiner Existenz gewiss bin folgt daraus notwendig, dass ich existiere, dass ich bin. Wie aber kann ich mir meines Denkens gewiss sein? Das Denken blickt stets auf das, was es denkt, während ich über etwas denke, während ich überdenke, denkt das Denken nicht sich selbst zugleich. Wie also weiß ich wenn ich denke, dass ich denke? Ich müsste um irgendeine Erkenntnis, um einen Beweis für die Existenz meines Denkens zu erlangen, das Denken denken.
Doch wenn ich nun über das denke, was ich über ein bestimmtes Problem gedacht habe, bedeutet das nicht, dass ich über das Denken gedacht habe, sondern ich habe über das Überdenken gedacht. Es kann wiederum weiter gedacht werden, man wird so zu einem Denken des Überdenkens des Überdenkens gelangen, aber nicht zum Denken selbst. Das Problem des Denkens ist, dass es sich nicht selbst denken kann. Ich kann mir dem Gedachten gewiss sein, aber nicht dem Denken. Das Denken ist unmittelbar und unreflektiert, es reflektiert über sein Objekt und nicht über sich, der Gedanke ist das durch das Denken reflektierte Objekt. Um das Denken zu reflektieren, muss ich es denken, damit entlarve ich es zugleich als ein bloßes Überdenken seines Objektes, ein von dem darin gedachten Objekt untrennbaren Überdenken. Sooft ich auch versuche, das Denken zu erfassen, indem ich es überdenke, erkenne ich es nun als ein reflektiertes Denken, als ein Überdenken, das auf seinen Gedanken verweist. Jeder Versuch, mir dem Denken als denken durch das Denken gewiss zu werden, führt mich in einen infiniten Regress.
Ich denke über etwas, ich versuche das Denken im Denken zu denken, ich versuche das Gedachte zu denken. Schon in dem Moment, in dem ich es geschafft habe zu reflektieren, in dem Moment, in dem das Gedachte zum Überdachten, zum Übergedachten wird, liegt das Denken, das an das Denken Gedenkende, das an das Überdenken Denkende hinter mir, ohne einen weiteren Denk- und Reflektionszyklus bleibt es unerreichbar.
„Ich denke also bin ich“, wichtig ist auf die große Differenz die Sein und Denken voneinander unterscheidet aufmerksam zu machen. Beides, Sein und Denken, besitzt lediglich Gegenwart, keine Zukunft oder Vergangenheit. Denke ich an das Sein zurück, so ist es Gewesenes, denke ich mich vor zum Sein, so ist es Werdendes. Das Gleiche gilt für das Denken mit dem wichtigen Unterschied, dass es nicht wie das Sein alleine für sich stehen kann. Ich kann zwar sein, aber ich kann nicht denken, lediglich denken über, denken an, denken von usw. Das Denken bedarf eines Objektes, eines Gedankens, somit begründet sich meine Unterscheidung zwischen Denken und Überdenken, hingegen ist das Sein aus sich selbst heraus ohne ein Objekt oder ähnliches.
Das Denken ist das Erste, das Unsichtbare, Unmittelbare, das nicht erkannt werden kann, es denkt an das Übergedachte, das einstmals das Denken über, an, von, das Überdenken war. Das Überdenken verweist schließlich immer auf ein Drittes, auf das was einstmals gedacht wurde und nun überdacht wird. Das Überdenken ist das vom Denken beleuchtete Gedachte, das Leuchtende, das Denken steht selbst immer im Schatten und vermag sich selbst nicht zu beleuchten.
Es gibt ein weiteres Problem, das sich aus der Abhängigkeit des Denkens mit der Existenz und umgekehrt ergibt. Wenn ich nur wäre wenn ich dächte, müsste ich um zu sein, also ein Seiendes zu sein, zugleich immer ein Denkendes sein. Ich bin in jeder Minute in der ich bin, aber ich denke nicht in jeder Minute in der ich bin.
Wenn man annehmen würde, dass dem Denken die Objekte ausgehen würden, es zwar noch das Denken gäbe aber nichts was sich denken ließe, keinen Gedanken, würde daraus folgen, dass man nicht ist. Es dürfte wohl jedem eine offensichtliche Frage ins Auge stechen, nämlich: Gibt es überhaupt ein Denken wenn es nichts gibt was gedacht wird? Kann es Denken ohne Gedanken geben?
Nein, denn selbst wenn dem Denken ganz und gar die Objekte fehlten um Gedanken zu denken, könnte das Denken immer noch das Sein, das es ja selbst zu seiner Existenz benötigt und auf dem es beruht, denken. Man kann aus der Fähigkeit des Denkens das Sein zu denken, es in Gedanken zu wandeln, folgern: Ich bin im Denken.
Es gibt kein Denken ohne Gedanken, weil es kein Denken ohne Sein gibt und das Denken an das Sein ein Gedanke ist. Das Sein überdenkt sich selbst, das heißt, das Denken denkt das Sein, das Sein ist also zugleich Objekt des Denkens und sein Fundament, ich bin im Denken.
Die Behauptung Descartes, dass das Denken die Existenz eines Denkenden, also des Ichs, des Denkers bedarf, hat sich als korrekt erwiesen. Doch keinesfalls richtig ist die Annahme, dass man nur solange ist, solange man auch denkt. Ich kann zwar behaupten „Ich denke also bin ich“, jedoch kann ich nicht von diesem Satz darauf schließen, dass auch gilt: Ich bin also denke ich, wie Descartes es annimmt.
Wenn ich nun gerade nicht denke (zum Beispiel Meditations- und Entspannungsübungen oder bestimmte Schlafphasen), heißt das nicht, dass ich nicht bin. Das Existenzkriterium eines gesunden Menschen kann also nicht das Denken sein, sondern es kann auf die Fähigkeit zu denken reduziert werden. Es muss also nicht gerade in dem Moment gedacht, werden in dem man ist, um zu sein, sondern es reicht aus, der Möglichkeit nach in jedem beliebigen Moment denken zu können, um zu sein. Ich bin, solange es mir möglich ist zu denken, ohne dass ich jemals denken müsste um zu sein, hingegen muss ich sein um des Denkens fähig zu sein.
