Descartes – Der Zweifel im Allgemeinen
Um den methodischen Zweifel später besser nachvollziehen zu können, möchte ich zunächst erläutern, was der Zweifel überhaupt ist oder zumindest was er sein kann. Diese Frage beantwortet Descartes in seinen „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ nicht, er wendet den Zweifel lediglich an. Der Zweifel ist unbedingt von der Aporie abzugrenzen. Aporie ist ein bloß geistiger, auf theoretische Probleme bezogener Zustand1, eine auf das Denken beschränkte Ausweglosigkeit, wohingegen der Zweifel ein seelischer Zustand ist, der den ganzen Menschen in seinem Handeln, Denken und Sein beeinflusst. Der Zweifel ist umfassender als die Aporie und keinesfalls mit ihr zu verwechseln, der Zweifel ist das Gegenteil der Gewissheit, also Ungewissheit.
Er ist die Vorstellung, dass ein Ding anders beschaffen sein könnte als es wahrgenommen wird. Beispielsweise ist es zweifelhaft, dass die Blätter von Bäumen grün sind. Es wäre ebenso gut vorstellbar, dass sie blau oder rot sind.
Da nahezu alles, was wahrgenommen werden kann ebenso bezweifelt werden kann, ist fast nichts in der Welt unbezweifelbar.
Doch wie verhält es sich mit Arithmetik, Mathematik, Geometrie etc., wie könnte bezweifelt werden, dass die Winkelsumme eines Dreiecks 180° ergibt, oder was wäre an der Gleichung 2+3=5 zu bezweifeln? (Descartes versucht dies mit dem „bösen Dämon“)
Beide sind unbezweifelbar, nicht weil sie „wahr“ sind, sondern weil sie völlig außerhalb der Möglichkeit eines Zweifels bzw. nicht Zweifels liegen. 2+3=5 ist nicht wie das Blaue eines Gegenstandes eine Wahrnehmung, sondern schon eine Vorstellung im Sinne einer abstrahierten Wahrnehmung.
Ich habe zwar eine Wahrnehmung von einem Apfel, aber ich habe keine Wahrnehmung von zwei Äpfeln, vielmehr nehme ich einen Apfel und einen weiteren Apfel wahr. Dass beide zusammen zwei Äpfel sind, ist keine Wahrnehmung, sondern Vorstellung. Natürlich ist das Wort „blau“ auch eine sprachliche Abstraktion, aber das was es beschreibt, das worauf es verweist, das Blausein, ist keine Vorstellung sondern eine Wahrnehmung, was nicht verhindert, dass es eine Vorstellung des Blauen geben kann. Das Wort „blau“ ist Vorstellung, der Begriff, das worauf das Wort verweist, ist Wahrnehmung.
Bezweifelbar ist nur, inwiefern eine Wahrnehmung der Vorstellung gerecht wird. Man kann bezweifeln, dass zum Beispiel eine Zeichnung der Form eines Dreiecks gerecht wird, nicht aber, dass das Dreieck ein Dreieck ist: Ein Dreieck muss ein Dreieck sein. Zwar ist es möglich, ein Dreieck wahrnehmbar darzustellen (Zeichnung), d.h. die Vorstellung in eine Wahrnehmung zu wandeln, aber die Vorstellung ist hierbei nicht wie bei Zahlen eine Abstraktion der Wahrnehmung, die Vorstellung des Dreiecks ist eine Gewissheit, die wie die Mathematik ganz ohne Erfahrungen, ohne Wahrnehmungen auskommt.
Bezweifelbar ist, ob dieses oder jenes ein Dreieck ist und nicht, ob dieses Dreieck ein Dreieck ist, ebenso verhält es sich mit dem Blausein. Nicht ob das Blaue blau ist, ist bezweifelbar, sondern ob dieses Ding blau ist. Blau kann nicht blau sein, sondern etwas, ein Ding muss blau sein, damit man sagen kann dieses oder jenes ist blau.
- Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie. Herausgegeben von Joachim Ritter.
Basel. Wissenschaftl. Buchgesellschaft Darmstadt: 1971. Bd. XII, S. 1520. [↩]

